News & Updates

Regelmässige News zu unseren Aktionen – damit Ihnen nichts entgeht!






Meeresschutzgebiete

Unerträglicher Lärm: Immer mehr und immer lautere Schiffe verkehren auf den Ozeanen der Welt. ©Greenpeace/Beltra

Im Meer herrscht ohrenbetäubender Lärm

Die «Welt der Stille» – das Meer – ist zum Lärminferno geworden. Militärische und seismische Sonare und der zunehmende Schiffsverkehr sind so laut geworden, dass Wale und andere Meeresbewohner daran sterben.

Es war eine akustische Unterwassersensation, die auch noch vierzehn Jahre später staunen lässt: Damals, 1993, stieg der Bioakustiker Christopher Clark in den Kommandobunker des amerikanischen Unterwasser-Überwachungssystems SOSUS (Sound Surveillance System) in der Karibik. Herzstück der Anlage ist ein Netz von Unterwassermikrofonen zur Lokalisierung feindlicher Unterseeboote, das die US Navy in den Jahren des Kalten Krieges im atlantischen Ozean installierte.

Mit diesem Überwachungssystem zeichnete Clark die extrem tiefen Laute eines Blauwals auf, der vor  der Küste Neufundlands tauchte – 3500 Kilometer entfernt! Mit anderen Worten: Das grösste Tier unseres Planeten kann seine Artgenossen auch in einem Gebiet erreichen, das mehrere hunderttausend Quadratkilometer gross ist. Eine Theorie meint gar, es gebe Walarten, die über ein globales ozeanisches Kommunikationsnetz verfügen. Sozusagen ein «Wal-Internet».

Sicher ist: Wale, Delfine und sehr viele andere Meeresbewohner sind auf akustische Kommunikation angewiesen, sei es zur Orientierung, zur Futtersuche, sei es, um den Geschlechtspartner zu finden oder zur sozialen Kommunikation.

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Meeressäuger noch «verstehen», wird immer geringer. Vor allem in Küstengewässern und entlang intensiv befahrener Schifffahrtswege herrscht ein ohrenbetäubender Unterwasserlärm. Was sich heute in der einst poetisch beschriebenen «Welt der Stille» abspielt, gleicht einem akustischen Horror. Militärische Sonare, Öl- und Gasexplorationen sowie der Handels- und Freizeitschiffsverkehr sind die hauptsächlichen Lärmerzeuger. Sonare dienen dazu, U-Boote und andere Objekte aufzuspüren – sie machen das Leben von Walen und andern Meeresbewohnern zur Hölle.


Dieser Artikel ist ursprünglich im Magazin «greenpeace» erschienen. Greenpeace Mitglieder erhalten das Magazin 4x jährlich zugeschickt. Werden Sie Mitglied!


«Ihre Lautstärke ist so gewaltig, dass wir Menschen sie nicht ertragen würden, vergleichbar mit dem Überschallknall eines Kampfjets direkt neben unseren Ohren.» So beschreibt der Lärmdetektiv Dieter Paulmann von «Noise Busters» die Lautstärke militärischer Sonare. «Noise Busters» ist eine lose Gruppe von Laien und Wissenschaftlern, die militärischen Unterwasserlärm dokumentieren.

Die amerikanische Marine hat mit geschätzten zweihundert Sonaren am meisten solcher Geräte im Einsatz. «Es sind eigentliche Schallkanonen», sagt der Darmstädter Dieter Paulmann. Die Kriegsschiffe dürften bei ihren Manövern Sonare mit höchstens 177 Dezibel abfeuern, ergänzt der Fachmann. Er glaube jedoch, dass aufgedreht wird, wenn niemand kontrolliert. Zum Vergleich: Ein Düsenjet bringt es auf 130 Dezibel – bei einem Abstand von 70 Metern.

In zwanzig Jahren werden schätzungsweise doppelt so viele Handelsschiffe unterwegs sein wie heute – rund 180 000. Tanker, Frachtschiffe, Kreuzfahrtschiffe, Freizeitboote, Scooters: Der Lärm, den motorisierte Meeresgefährte erzeugen, ist vielerorts flächendeckend und nahezu permanent. Die Schiffe werden immer schneller. «Und damit lauter», sagt Dieter Paulmann. «Schnell drehende Propeller verursachen einen ungeheuren Lärm, vergleichbar mit einem Düsenjäger, der die Schallmauer durchbricht.»

Zu den schlimmsten Lärmquellen, mit denen Meeresbewohner heute konfrontiert sind, gehören auch die so genannten Airguns: seismische Hochenergie-Luftkanonen. Sie schiessen alle paar Sekunden Signale mit einem Schalldruck von bis zu 260 Dezibel durchs Wasser in den Meeresboden. Die Airguns spüren im Erdinnern verborgene Öl- und Gaslager auf.

Zerstörte Hörorgane, innere Blutungen, Embolien, Lungenrisse, Gehörverlust, ein geschwächtes Immunsystem, zu wenig bis kein Nachwuchs mehr – dies sind nur einige der zahlreichen Gesundheitsschädigungen, die bei Walen nachgewiesen worden sind. Doch unter dem akustischen Unterwasserterror leiden nicht nur allein die Wale. Man kann davon ausgehen, dass er fast alle Meeresbewohner betrifft, denn die meisten orientieren sich akustisch.

Wie ist dem Lärmterror in den Ozeanen beizukommen? Dieter Paulmann plädiert für mehr Meeresschutzgebiete, wie sie auch etwa Greenpeace und die Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS) verlangen. Weiter fordert Paulmann, dass die Militärs vor ihren Sonareinsätzen die Manövergewässer nach Walen abhorchen und die Sonare nur einsetzen, wenn keine Meeressäuger hörbar sind. «Ausserdem müssten die Handelsschiffe leiser werden, indem man sie mit zwei Motoren und zwei Propellern ausrüstet. Flugzeuge, die einen bestimmten Lärmpegel überschreiten, sind heute nicht mehr zugelassen. Dasselbe müsste auch für Schiffe gelten.»

Der Zürcher Seerechtsprofessor Alexander von Ziegler hat im Auftrag der Schweizer Meeresschutzorganisation OceanCare die juristische Lage untersucht. Sein Fazit: Der Unterwasserlärm verstosse gegen nicht weniger als sieben völkerrechtliche Abkommen, allen voran das UNO-Seerechtsabkommen. Doch Völkerrecht sei kompliziert, sagt Alexander von Ziegler. «Klagen können nur Staaten gegen Staaten.»

Dass dies im Fall des Meereslärms geschieht, ist eher unwahrscheinlich. Von Ziegler setzt deshalb auf den politischen Willen. Bei der akustischen Meeresverschmutzung müsse wohl eine Schmerzgrenze erreicht werden, damit es ein Erwachen gebe: «Es könnte jedoch sein, dass es einfach zu lange dauert, bis man reagiert. Vielleicht haben wir dann bereits so sehr in die Ökologie der Meere eingegriffen, dass wir nichts mehr korrigieren können. Das wäre eine Tragödie.»

Peter Jaeggi ist Journalist und Mitarbeiter von SR DRS  mit Themenschwerpunkten Naturwissenschaften und Soziales.


InternationalGreenpeace International

Erfolg
JugendsolarprojektJugendsolarprojekt
Das Jugendsolarprojekt zeigt, dass man auch mit nachhaltigen Energiequellen weit kommt.
» Mehr