Die fast drei Tage in Brüssel waren intensiv. Hektisch, aufregend, wenig Schlaf.
Notfallmässig war ich in einem nicht existierenden Nachtzug nach Brüssel gefahren, um zwei Fässer mit Atommüll vor das EU-Parlament zu rollen. Wo die Greenpeace-Kolleginnen den Müll gefunden haben?

Am Meeresgrund vor der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, am Strand von Sellafield, am Ufer des belgischen Flusses „Molse Nete“ und auf den Strassen der nigrischen Stadt Akokan. Der radioaktive Schlamm und Sand liegt dort einfach so herum. Unsere Strahlenexperten haben aber so hohe Werte gemessen, dass die Fracht eigentlich als schwach radioaktiver Müll zu behandeln wäre. Die Kollegen haben ihn einbetoniert und so verpackt, wie es mit radioaktivem Müll eigentlich geschehen müsste. Geschieht aber nicht.

Während der schwach radioaktive Müll in der freien Natur herumliegt oder in den Orten um die nigrische  Uranmine von Areva zu Kochgeschirr verarbeitet wird, lagert innerhalb der streng gesicherten Wiederaufarbeitungsanlagen von La Hague oder Sellafield radioaktiver Müll, der noch hunderttausend Jahre strahlen wird. Atomstaaten wie Frankreich oder Deutschland haben ein riesiges Interesse daran, dass auch dieser Müll nur zum Teil als Müll kategorisiert wird. Um das zu erreichen, feilt die EU-Kommission unter intensiver Mitwirkung der Atomlobby an einer Direktive, die die Mitgliedsstaaten dann in nationale Gesetze umwandeln müssen.

Wer jetzt meint, die Schweiz habe mit dem EU-Parlament, der EU-Kommission und mit englischem, nigrischem oder französischem Atommüll nichts zu tun, der irrt sich. Denn auch die Schweizer Kernkraftwerksbetreiber brachten jahrelang abgebrannte Brennelemente zur sogenannten Wiederaufarbeitung nach La Hague und Sellafield. Überhaupt sind die Schweizer Atomkraftwerke ohne den internationalen Handel mit Uran, Reaktor-Brennstäben und Atomtechnologie nicht funktionsfähig.

Und genau darum bin ich vor das EU-Parlament gefahren. Die Euro-Parlamentarier sind die einzigen, die noch verhindern können, dass sich die Atomlobby ihre Gesetze so schreiben kann, wie sie sie gerne hätte. Erreichen will sie mit der Atommüll-Direktive vor allem, dass die Menschen in Europa das Gefühl haben, die „Entsorgung“ des radioaktiven Mülls sei möglich und die Industrie habe das Problem im Griff. Wie gut sie es im Griff haben, zeigte sich letzten Sommer, als auch in Schweizer Medien zu lesen war, wie die kalabresische N’drangheta Atom- und anderen Giftmüll im Meer versenkt.

Auf ausrangierte Frachtschiffe gepackt, raus aufs offene Meer, Sprengstoff, weg mit kleinen Schiffen, Fernzündung, bumm. Der ausgediente Frachter explodiert und sinkt mit seiner giftigen Ladung auf den Grund des Meeres. Der EU-Parlamentarier Rosario Crocetta aus Sizilien hat den Greenpeace-Aktivistinnen öffentlich zur Aktion vor dem Parlament gratuliert. Der Mafia-Experte weiss ein Lied davon zu singen, wo und wie die organisierte italienische Kriminalität Giftmüll verschwinden lässt: „nel mare, nel deserto o negli stati poveri dell’Africa“.

Eine andere Art und Weise, sich des radioaktiven Mülls zu entledigen, besteht darin, ihn erst gar nicht als Müll zu deklarieren. So wird aus den westeuropäischen Anreicherungs- und Wiederaufarbeitungsanlagen abgereicherter oder minderwertiger Uranabfall nach Russland verschifft, wo er  in den Atomanlagen als potentieller Wertstoff unter freiem Himmel in Behältern herumliegt.

Grundsätzlich sind axpo, Alpiq und BKW extrem zurückhaltend, wenn es darum geht, die Herkunft ihres atomaren Brennstoffs zu offenbaren. Der Kauf, Verkauf und Handel mit radioaktivem Material geniesst auch in der Schweiz den Schutz des Geschäftsgeheimnisses.

Dass der Schlamm vom Meeresgrund vor La Hague oder der Sand aus Sellafield auch schweizerisch strahlt ist jedoch klar, schliesslich brachten die Schweizer AKW-Betreiber bist vor einigen Jahren ihre abgebrannten Brennstäbe dorthin zur Wiederaufbereitung. Bis 2016 ist der Export hochradioaktiver Abfälle zur Wiederaufarbeitung durch ein Moratorium unterbunden, doch ewig kann der Stoff in der Schweiz ja nicht bleiben.

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