Unser Klima – Deine Entscheidung

© E.T Studhalter

Seit 1678 beteten die Gläubigen des Walliser Dorfes Fiesch dafür, die umliegenden Gletscher mögen nicht weiter wachsen. Wie die dramatische Gletscherschmelze zeigt, müssen die jährlichen Prozessionen gewirkt haben. Zu sehr. Nun polen die Fiescher ihre spirituelle Kraft um und wollen ab 2011 für wachsende Gletscher beten. Dafür brauchte es die Erlaubnis von Rom. Sie wurde kürzlich erteilt. Der Vatikan zeigt sich neuerdings ohnehin klimafreundlich und lässt munter Solaranlagen bauen, um zum ersten klimaneutralen Staat der Welt zu werden!

Auch in Cancun geht es übersinnlich zu. Eine ganze Reihe Länder machen sich an der Klimakonferenz stark dafür, dass die CO2-Speicherungs-Technologie (Carbon Capture and Storage) als „Clean Development Mechanism (CDM)“ ihren Segen bekommt. Die Technologie soll, vereinfacht gesagt, bei Kohle- und Gaskraftwerken das CO2 in der Abluft absaugen und im Boden einlagern. Das ist zwar kein Hokuspokus, nur: Die Technologie ist etwa so reif wie ein Apfel im Frühling. Trotzdem will die Energie-Lobby sie als Persilschein dafür missbrauchen, schon jetzt Kohlekraftwerke „klimaneutral“ zu bauen. Das hingegen IST Hokuspokus. Greenpeace findet, solange die Technologie nicht funktioniert, soll sie nicht für fadenscheinige CO2-Kompensationen herhalten. Und sie darf Investitionen in erneuerbare Energien nicht verhindern.

Eine andere grössere Debatte wurde in Cancun von den vom Meeresspiegelanstieg bedrohten Inselstaaten lanciert: 2 Grad maximale globale Erwärmung sind zuviel. 1.5 Grad – das ist die neue Merkzahl! – sind als Obergrenze nötig. Die dazu notwendige CO2-Konzentration in der Atmosphäre dürfte in wenigen Jahren erreicht sein. Doch: Unsere Wirtschaft brummt auch ohne flache Inseln, scheinen sich die Industrieländer zu sagen und verwehren sich starken Zielen.
Angesichts der immer deutlicher werdenden ozeanischen Tragödie liegt Zynismus nahe: „Betet, liebe Inselstaaten!“ Die Fiescher können ja Bet-Seminare veranstalten. Aber wir haben keine drei Jahrhunderte Zeit! – Es braucht ehrgeizige Reduktionsmassnahmen,  jetzt.

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