Das Bergwaldprojekt wurde 1987, mitten in der Waldsterbe-Debatte, als Spin-off von Greenpeace gegründet und lange finanziell getragen. Heute ist es unabhängig, renommiert, international und ein Brückenschlag zwischen Umweltschutz und Bergbevölkerung. Eine Erfolgsgeschichte.

Von Thomas Niederberger

Pflöcke einschlagen will gelernt sein. An einem Steilhang mit Blick auf das Luzernische Entlebuch steht eine Gruppe von Freiwilligen des Bergwaldprojektes und lässt sich von Thomas Löffel zeigen, wie der Schlaghammer zielführend einzusetzen ist. Zuvor haben sie mit der Rebschäre die Baum-Schösslinge unter dem Himbeergestrüpp freigelegt und mit farbigen Schleifen und Holzstöcken markiert. Jetzt schützen sie sie mit einem um zwei Pflöcke festgezurrten Maschengitter vor dem Verbiss durch Rehe und Gemsen.


”Chrampfe“ für den Bergwald

© Nicolas Fojtu

 

Auf der rund 400 Meter breiten Schneise im Wald erinnern noch einige dürre Stämme daran, dass vor dem Sturm «Lothar» auch hier Bäume standen. Der Borkenkäfer hatte dem gebeutelten Wald noch den Rest gegeben. Eine «Bestandesbegründung mit Wildschutzmassnahme» würden sie hier machen, erklärt Thomas, der ausgebildete Förster und Leiter des hiesigen Einsatzes des Bergwaldprojektes: Schauen, was natürlich nachwächst, um den Prozess mit sanften Eingriffen zu unterstützen, damit der Wald seine Schutzfunktion wieder erfüllen kann.

Berg, Wald, Essen, Schlafen

Vor der Hürnli-Hütte auf 1500m.ü.M. ist die Suppe aufgetischt. Gut 20 freiwillige Mitarbeiter/-innen und Gruppenleiter/-innen setzen sich an den langen Holztisch. Angerege Diskussionen, alle sind selbstverständlich per Du. Was bringt sie dazu, in ihrer wertvollen Freizeit im Wald zu «chrampfen»? «Es ist ein super Gefühl, am Abend todmüde ins Bett zu fallen», meint die 20-jährige ETH-Studentin Tiziana, die für ihre Semesterferien einen Ausgleich zum kopflastigen Studium gesucht hatte. Schon zum sechsten Mal dabei ist Stefan, ein 36-jähriger Bauingenieur aus Holland, der gerade seine Stelle gekündigt und sich gemeldet hat, weil er gerne in den Bergen ist, «und wegen der guten Stimmung unter den Leuten.» Voll gepackt hat’s den 53-jährigen Bankangestellten Albin, der in seinem Sabattical 23 Einsätze in Serie gemacht hat und unterdessen als Gruppenleiter dabei ist.


”Chrampfe“ für den Bergwald

© Nicolas Fojtu

 

Körperliche Herausforderung, Naturerlebnis, sozialer Austausch – und auch das Essen wird geschätzt. Einfach aber liebevoll, bis hin zum selbst gebackenen Brot. Die Köchin strahlt ob des Lobes, holt eine Schüssel hervor, lässt einen Fünfliber darin kreisen und beginnt zu jodeln, zur Begrüssung für den ankommenden Gast: Förster Franz Krummenacher, 58, mit Bart und Hosenträger, wird uns auf einen Rundgang in sein Revier mitnehmen.

Vom Waldsterben und Monster-Maschinen.

Das Bergwaldprojekt wurde 1987 gegründet, inmitten der heftigen Debatten um das «Waldsterben». In den Arbeitseinsätzen sollten die Leute für ökologische Zusammenhänge sensibilisiert werden und selbst erfahren, wie es um den Wald stehe. Ein Anliegen, dass auch 24 Jahre später noch aktuell ist, auch wenn «einige der warnenden Stimmen damals über Ziel hinaus geschossen sind», wie Franz findet. Der urchige Entlebucher weiss, wovon er redet, schliesslich ist er schon seit 32 Jahren als Förster unterwegs. Ein Fehlalarm sei es aber nicht gewesen: Dem Wald gehe es tatsächlich schlecht, nur sei er eben so resistent, dass man sich weniger um ihn sorgen müsse, als um die Menschen, die von seinem Schutz abhängig sind.

Sensibilisierung für den Wald heisst auch, falsche Romantik zu korrigieren. Der Rundgang beginnt mit einer Vorführung des «Harvesters»: Ein modernes Gerät zur Holz-Ernte im Berggebiet, «wie aus einem Horrorfilm», wie einer der Freiwilligen bemerkt. Per Seilbahn werden die gefällten Stämme auf den Waldweg geschleppt und im Minutentakt von einem Greifarm gepackt, entastet und zersägt,  gelenkt per Fernbedienung und Joystick. Fast eine Million Franken koste die ganze Anlage, informiert der Maschinenführer stolz, und sie lohne sich, weil es damit für eine durchschnittliche Tagesleistung von 80 Kubikmetern Holz nur noch zwei statt wie früher vier bis fünf Arbeiter brauche. Franz macht klar, dass knallhart kalkuliert werden muss, um im Bergwald gewinnbringend zu Holzen, und Holzen ist nötig, damit es wieder Platz und Licht für junge Bäume gibt. Umso mehr schätzt er die feine Handarbeit der Freiwilligen, für die sonst kein Geld da wäre.

Fehler von früher, lernen für morgen.

Nächste Station, Förster Franz erzählt aus der Geschichte: Im 19. Jahrhundert seien die Wälder des Entlebuchs regelrecht geplündert worden, um die industrielle Produktion von Milchzucker, Glas und Eisen zu befeuern. Die Folge waren wie an vielen anderen Orten der Schweiz schwere Überschwemmungen. «Andernorts macht man heute die gleichen Fehler», wirft Thomas ein. Franz fährt fort: Anfangs des 20. Jahrhunderts, mit dem neuen Forstgesetz, übernahm der Kanton Luzern im grossen Stil Alpflächen und liess diese aufforsten. Was jetzt in weiten Teilen des Entlebuchs stehe, sei noch die erste Generation der damals gepflanzten Fichten. Homogen, langweilig anzuschauen und verletzlich bei extremen Wetterbedingungen.

«Es ist wie in der Gesellschaft: Ein gesunder Wald braucht eine gute Durchmischung der Generationen und Arten, damit er widerstandsfähig ist», bemerkt Thomas. Er mag solche Vergleiche. Den Angestellten der Credit Suisse erkläre er jeweils, es sei gleich wie bei einer Anlagestrategie: Diversifizieren senkt das Risiko. Der Bündner ist seit sechs Jahren als Projektleiter dabei, ausserdem ist er Hausmann und fertigt Skulpturen und Möbel aus Holz. Den Wald versteht er auch als Schule für langfristiges Denken und Handeln. Gerade Jugendlichen tue das gut, weshalb er die Schullager beim Bergwaldprojekt besonders wichtig findet, auch wenn die Geduld der Leiter dabei schwer geprüft werde. Neben den klassischen «Umweltschützern» besteht der Pool der Freiwilligen auch aus Schulklassen und, mit starkem Wachstum, Angestellten von Partnerfirmen wie der Credit Suisse. Letztere können einen Tag ihrer bezahlten Arbeitszeit pro Jahr für eine soziale Organisation einsetzen, der Trend nennt sich «corporate volunteering».

Wäre schön, das Engagement der Bank würde nicht nur zur Burn-Out-Prävention und als grünes Mäntelchen für das Marketing dienen, sondern tatsächlich zu einer Anlagestrategie beitragen, welche die Fehler von früher nicht andernorts wiederholt.

Verstehen die Einheimschen, was die Freiwilligen antreibt, die ihre Freizeit opfern, um ihren Wald zu pflegen, und das auch noch erholend finden? «Einige begreifen es langsam…», grummelt Frank während der Rückfahrt nach Eschholzmatt. Es ist Einiges passiert seit den Anfangszeiten des Bergwaldprojekts, als die Waldschützer gern als Spinner und Fundamentalisten betrachtet wurden. Die vielen Begegnungen haben auch eine Brücke zwischen Menschen verschiedener Regionen und Weltanschauungen geschlagen. Und dennoch: Es gibt noch zu viel zu tun im Wald, für viele Generationen.

 

Bergwaldprojekt und Greenpeace

Das Bergwaldprojekt steht Greenpeace Schweiz thematisch wie auch geschichtlich nahe. Es wurde unter anderem von Renato Ruf, einem Greenpeace-Aktivisten der ersten Stunde, gegründet. 1987 war das Waldsterben ein Kampagnenschwerpunkt bei Greenpeace. Unter dem Motto «Alle reden vom Wald – wir gehen hin» wurde entschieden – aktiv und vor Ort –in der Schweiz an diesem Thema zu arbeiten. Anfänglich wurde das Bergwaldprojekt unter der Ägide von Greenpeace durchgeführt. Die Organisation untersützte das Bergwaldrojekt anschliessend über viele Jahre finanziell mit einem vereinbarten Beitrag und stellte ein bis zwei Stiftungsräte aus dem Mitarbeiterstab von Greenpeace. Heute ist das Bergwaldprojekt unabhängig, etabliert, renommiert und arbeitet erfolgreich im Forstwesen und im Bereich Freiwilligenarbeit

Website Bergwaldprojekt

Neues Programm 2012