Geo-Engineering ist kein neues Phänomen. Seit über hundert Jahren versuchen Meteorologen und Ingenieure, Wetter und Klima zu kontrollieren. Meist war die Wettermanipulation an militärische Interessen gekoppelt, belegt der Wissenschaftshistoriker James Fleming im Greenpeace-Interview.


© Eric Conway

 

Greenpeace: Herr Fleming, im einflussreichen Bericht der Royal Society* bezeichneten Wissenschaftler Geo-Engineering als Plan B für den Klimawandel. Was halten Sie davon?

James Fleming: Ich habe schon damals vor einem Ausschuss des US-Kongresses gesagt: Es gibt keinen Plan B. Das Einzige, was es derzeit gibt, ist ein Haufen Hoffnungen, technische Spielereien und Technologien, darunter Sulfatkanonen und Weltallspiegel. Ich und Klimawissenschaftler wie Alan Robock sind aber überzeugt: Solche Vorschläge sind nicht realisierbar.

Trotzdem wurden sie im Bericht thematisiert und in den Geo-Engineering-Katalog aufgenommen.

Der «Royal Society»-Report ist fehlerhaft; ich habe diesem Fakt in meinem Buch über die Geschichte der Klimamanipulation einen ganzen Abschnitt eingeräumt. Die Autoren waren viel zu optimistisch, was die Möglichkeiten einzelner Technologien zur Klimamanipulation anbelangt. Viele der Annahmen beruhen auf nicht viel mehr als ein paar Überschlagsrechnungen.

Woher nehmen Sie diese Gewissheit?

Ich sass mit Geoingenieuren in unzähligen Meetings. Da werden dann Vorschläge gemacht wie derjenige eines Forschers, mithilfe der Chaostheorie, eines riesigen Satelliten und von Supercomputern Hurrikane fernzusteuern. Das kommt der Science-Fiction von Arthur C. Clarke und der Vorstellung einer globalen Wetterbehörde schon sehr nahe.

Waren die falschen Wissenschaftler am Bericht der Royal Society beteiligt?

Es ist eigentlich egal, wer den Report verfasst hat. Es ist schlicht eine dumme Idee, den Planeten mithilfe von gewaltigen Technologieprojekten reparieren zu wollen. Solchen Überlegungen sowie den sozialen und politischen Aspekten des Geo-Engineering wurde im Bericht viel zu wenig Platz eingeräumt.

Sie fordern, dass Sozialwissenschaftler stärker an der Geo-Engineering-Debatte beteiligt werden. Weshalb?

Weil die Debatte bislang von Technokraten geführt wurde, die meist mit grossen nationalen Laboratorien oder mit der NASA verbandelt sind. Die Diskussion sollte aber viel breiter angelegt und für jedermann offen sein. Sie muss interdisziplinär, international und auch zwischen den Generationen geführt werden. 
Neben der direkten Klima- und Wettermanipulation fällt auch die CO2-Abscheidung an der Erdoberfläche unter den Begriff des Geo-Engineering. Was halten Sie davon? 
Wenn man CO2 aus der Luft abscheidet, muss man es lagern können – und zwar für immer. Da stossen wir auf ähnliche Probleme wie bei der Lagerung von atomaren Abfällen. Ausserdem lese ich praktisch täglich irgendwelche Geschichten über Möglichkeiten, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu rezyklieren, zum Beispiel als Treibstoff. Doch Kohlendioxid ist bereits ein stabiles Verbrennungsprodukt und vollständig oxidiert. Deshalb ist die weitere Nutzung sehr aufwendig.

Was ist mit Versuchen, das Planktonwachstum im Ozean zugunsten der CO2-Absorption zu stimulieren?

Dabei wurden Erkenntnisse verallgemeinert, die in ihrer Gültigkeit sehr limitiert waren. Der Ozeanograf John Martin nahm eine Flasche, füllte sie mit Meerwasser und gab eine Eisenlösung hinzu. Die Flasche wurde grün, die Algen waren glücklich. Danach folgten Experimente auf einem kleinen Flecken Ozean und auf den ersten positiven Ergebnissen basierte die These, man könne die atmosphärische CO2-Konzentration durch Planktonwachstum drastisch verringern. Mittlerweile weiss man, dass die Algen bei künstlicher Eisendüngung teils sogar mehr CO2 abgeben, als sie zuvor aufgenommen haben.

Aber heute verfügen Klimawissenschaftler doch über ausgeklügelte Modelle und Supercomputer für komplexe Simulationen. Lassen sich die Auswirkungen von Eingriffen ins Klima damit nicht zumindest ansatzweise simulieren?

Viele Klimaingenieure sind sehr naive Modellierer. Klimawissenschaftler, die sich seit Jahrzehnten mit Modellierungen beschäftigen, betonen, dass wir weder die Technologie für eine Klimakühlung besitzen noch ein umfassendes Verständnis dafür, welche unerwünschten Nebenwirkungen solche Eingriffe auslösen könnten. Die heute verfügbaren Modelle deuten aber bereits die Gefahr von regionalen Dürren und weitreichenden Veränderungen im globalen Wasserhaushalt an.

Der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen löste 2006 mit einem wissenschaftlichen Essay einen Sturm der Entrüstung aus. Darin schlug er vor, die Stratosphäre zur Klimakühlung mit Schwefelraketen zu beschiessen. Markiert Crutzens Publikation den Beginn der aktuellen Geo-Engineering-Debatte? 

Crutzen gehörte sicherlich zu den Ersten, die die Möglichkeiten der technischen Klimamanipulation als Mittel gegen die globale Erderwärmung vorschlugen. Doch für mich als Historiker waren solche Ideen nichts Neues. Ähnliche Vorschläge kursierten schon viel früher, das letzte Mal zum Beispiel 1992 in einem Bericht der National Academy of Sciences.

Zu welchen Zwecken war die Wetter- und Klimamanipulation schon vor dem von Menschen verursachten Klimawandel ein Thema?

Bereits im 19. Jahrhundert versuchten Amerikaner Regenfälle zu provozieren, indem sie Sprengkörper, Bomben und Wasserstoffballone in unterschiedlichen Höhen zum Explodieren brachten. Später versuchten Wissenschaftler Nebel aufzulösen, um Starts und Landungen von Flugzeugen zu erleichtern. Es folgten Projekte zur Steuerung von Hurrikanen und zum Abwenden von Dürren, aber auch Versuche, solche bei kriegerischen Gegnern absichtlich zu erzeugen. Meist wurde diese Forschung vom Militär finanziert.

Dann war die Wettermanipulation meist an militärische Interessen gebunden?

Ja, zu Beginn des Kalten Kriegs beauftragte das Pentagon ein Komitee damit, eine Wetterwaffe zu entwickeln, um die Atmosphäre zu Ungunsten des Feindes beeinflussen zu können. Das gipfelte später in der Forderung, ein gewaltiges Programm zur Wetterkontrolle zu lancieren, vergleichbar mit dem Manhattan-Projekt, das zur Entwicklung der ersten Atombombe führte. Im Vietnamkrieg schoss die US-Armee zudem zwischen 1967 und 1972 Tausende von Silberiodid-Salven in die Wolken. Damit wollte sie den Monsunregen verlängern und die gegnerischen Truppen aufhalten.

Wird Geo-Engineering auch heute noch vom Militär vorangetrieben?

Einige wichtige Geoingenieure wie Lowell Wood und sein einstiger Förderer Edward Teller sind eng mit dem amerikanischen Militär und dem Raumfahrtprogramm verbunden. Ideen wie die Verwendung von Raumschiffen für die Reflexion von Sonnenlicht ins Weltall oder der Einsatz von Kanonen auf Militärschiffen sind sicherlich auf diese Verbindung zurückzuführen. Deshalb werden einige dieser Vorhaben auch heute noch vom Militär oder von der NASA unterstützt. Ich glaube zwar nicht, dass die USA derzeit ein strategisches militärisches Interesse an Geo-Engineering verfolgen. Trotzdem ist es erstaunlich, wie zahlreich die Ideen sind, die Atmosphäre zu «beschiessen» und unter Einsatz aller uns zur Verfügung stehenden Technologien «Krieg gegen den Klimawandel» zu führen.

Wie steht es um die kommerziellen Interessen von heutigen Geoingenieuren?

Noch verdient niemand Geld damit. Aber Milliardäre wie Bill Gates spenden derzeit Millionen für Geo-Engineering-Experimente und melden bereits erste Patente für Technologien zur CO2-Reduktion in der Atmosphäre und für die Manipulation von Hurrikanen an. Ähnliches geschieht derzeit auch in England. 

Welches ist Ihre grösste Sorge für den Fall, dass sich einzelne Staaten oder die internationale Gemeinschaft zu einem umfassenden Einsatz von Geo-Engineering entschliessen sollten?

Das würde unsere Beziehung zur Natur komplett verändern und den Argwohn zwischen den Nationen verstärken. Die Skandinavier würden plötzlich die Engländer für ihr schlechtes Wetter verantworltlich machen und umgekehrt. Das Potenzial für zukünftige Konflikte ist enorm.

Das Interview wurde am 4.2.2012 von Samuel Schlaefli geführt und erschien zuerst im Greenpeace Magazin 2/2013.

James Fleming ist Professor für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft am Colby College in Maine und Autor zahlreicher Bücher, darunter «Fixing the Sky: The Checkered History of Weather and Climate Control» (Columbia University Press, 2010) über die Geschichte der Wetter- und Klimamanipulation.

*Der «Royal Society»-Bericht zu Geo-Engineering
Die britische Royal Society zählt zu den ältesten nationalen Akademien der Naturwissenschaften und fördert exzellente wissenschaftliche Leistungen im Dienst der Menschheit. 2009 publizierte sie den Bericht «Geoengineering the Climate», in dem sich 23 Physiker, Biologen, Ingenieure, Klimawissenschaftler und Politologen (einige der Wissenschaftler waren selbst an der Forschung im Geo-Engineering beteiligt) mit den Chancen und Risiken von unterschiedlichen Methoden auseinandersetzten. Geprüft wurden Technologien zur Kohlendioxidentnahme aus der Atmosphäre (u.a. Ozeandüngung, Aufforstung, CO2-Abscheidung aus der Luft) und solche zur Abschirmung der Erde vor Sonnenstrahlung (u.a. Beschuss der Stratosphäre mit Schwefeldioxid, Reflektoren im Weltall, Vergrösserung der Albedo in Wüsten und Städten). Die Wissenschaftler stellten fest, dass die meisten untersuchten Geo-Engineering-Methoden technisch machbar sind. Gleichzeitig wiesen sie auf grosse Unsicherheiten bezüglich der Auswirkungen auf die Umwelt, der Effektivität und der Kosten hin. Der Leiter der Studie, John Shepherd, kam zum Schluss: «Geo-Engineering und seine Konsequenzen sind vielleicht der Preis, den wir zu zahlen haben für unser bisheriges Versagen, gegen den Klimawandel vorzugehen.» Geo-Engineering könnte in Zukunft als Plan B gegen den Klimawandel unumgänglich werden, so Shepherd. Deshalb müssten die unterschiedlichen Methoden weiter erforscht und entwickelt sowie die Auswirkungen auf die Umwelt und politische Aspekte analysiert werden.