Viele Umweltorganisationen meinen – noch immer – durch die Verbreitung von Infor­mationen und Ratschlägen die Umwelt schützen zu können. Doch Verhaltensänderungen sind für die Umwelt nur dann relevant, wenn sie massenhaft passieren.  Und massenhaft passiert allein, was gemeinsam beschlossen, verordnet oder in eine öffentliche Kampagne eingebettet wird. In fast allen anderen Fällen scheitert die Strategie freiwilliger Verhaltensänderungen an der Trägheit der Mehrheit. Individuelle Tipps sind im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv. Das sei an die Adresse der Umweltverbände gerichtet, nicht an dich, liebe Leserin.

Viele Umweltorganisationen meinen – noch immer – durch die Verbreitung von Infor­mationen und Ratschlägen die Umwelt schützen zu können. Doch Verhaltensänderungen sind für die Umwelt nur dann relevant, wenn sie massenhaft passieren.  Und massenhaft passiert allein, was gemeinsam beschlossen, verordnet oder in eine öffentliche Kampagne eingebettet wird. In fast allen anderen Fällen scheitert die Strategie freiwilliger Verhaltensänderungen an der Trägheit der Mehrheit. Individuelle Tipps sind im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv. Das sei an die Adresse der Umweltverbände gerichtet, nicht an dich, liebe Leserin.

Appelle ans Verhalten Einzelner sind «Pseudoangebote». Das gute Gefühl nach der Publikation einer Aufklärungsschrift bleibt trügerisch. Es entspringt der dafür aufgewendeten Energie – man hat «etwas» gemacht – und nicht der Wirkung. Diese Appelle bewirken nicht selten das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigen: Der Mensch möchte seine Disharmonie zwischen Denken und Handeln in Einklang bringen… und erhält mit Tipps das willkommene Angebot, durch das Einhalten des einen das Ignorieren des andern zu rechtfertigen. «Ich fahre zwar Auto, dafür fliege ich nicht!», «Bei mir brennen nur noch Stromsparlampen (also habe ich mir ein paar neue Elektrogeräte geleistet)». Zuweilen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, diese Art sei die häufigste Verwendung von Ökotipps. Man ändert sich, wo es leicht fällt – um sich zu entschuldigen, wo man tatenlos bleibt.
Ausserdem folgenschwer: Man feilt an der individuellen Ökobilanz, kümmert sich ums eigene Gärtchen … und entpolitisiert sich. Man hat ja seinen Beitrag geleistet.

Appellieren heisst, den Umweltschutz als Sache des Individuums und somit aus Umweltthemen eine Frage der Moral zu machen. Wäre Moral wirksam, lebten wir längst in der gewünschten «guten Welt». In Wirklichkeit pflegt die materialistische Konsumgesellschaft ihre Sinn- und Verantwortungslosigkeit, obwohl sie seit Jahrzehnten in Sonntagpredigten gebrandmarkt wird.

Unbestritten: Der Druck zum Handeln im Umweltschutz steigt. Und doch verhindern nach wie vor mächtige Lobbys und nationale Wirtschaftsinteressen wirksame gesetzliche Massnahmen. Viele Umweltengagierte begegnen dem Handlungsdruck mit Information. Ihre Methoden, diese zu verbreiten, sind mehr und mehr ausgeklügelt und online. Für den Tatendruck dieser Weltverbesserer mögen das Ventile sein; der Umwelt indes nützt es wenig. Denn es sind immer nur vereinzelte Pflichtbewusste, die über Wissen ihr Verhalten ändern – die also beispielsweise die Mühsal auf sich nehmen, die wenigen verantwortlich hergestellten Produkte in einem riesigen Angebot an konventionellen Waren aufzuspüren. Als Ausdruck des Strebens nach Fairness sind solche Anstrengungen einzelner unbestritten von Belang und edel. Solange sie aber nur vereinzelt vollzogen werden, bewirkt die eigene Verhaltensänderung kaum mehr als ein individuell gutes Gewissen.
Bei der Masse führt der Dreischritt der Aufklärung – Information führt zu Bewusstsein führt zu richtigem Handeln – nur dann zu verändertem Verhalten, wenn unmittelbar eine Gefahr abgewendet werden kann. Der Dreischritt taugt gewissermassen als «Gebrauchsanleitung für Sofortlösungen», wie damals in den Zeiten des Rinderwahnsinns: durch den Verzicht auf Rindfleisch konnte eine Erkrankung an BSE abgewendet werden. Einen handfestem Sofortgewinn durch Verhaltensänderung wegen Konsum-Tipps gibt es nie. Ausnahmen sind etwa Bio-Lebensmittel (bessere Gesundheit) oder Akku-Handhabung (Akku hält länger). Bei globalen Umweltproblemen, bei denen Verhaltensänderungen einiger weniger nicht ins Gewicht fallen, führt die Beschallung mit immer mehr Information und immer mehr Ratschlägen bei den meisten eher zu Verdrängung und Lethargie («Die Ökos übertreiben mal wieder») oder zu Ohnmacht.

Verhaltensänderungen müssen also einen unmittelbaren oder in naher Zukunft spürbaren Effekt glaubhaft in Aussicht stellen, sonst werden sie von den allermeisten nicht vollzogen. Es ist wie die Nutzlosigkeit eines einzelnen Tropfens in einer leeren Giesskanne. Um das Gefühl zu bekommen, als Tropfen von Belang zu sein, braucht es die Gewissheit, gemeinsam mit vielen andern die Kanne füllen zu können.
Es geht nicht darum, jene zu verunglimpfen, die sich unabhängig von der Mehrheit umweltfreundlich verhalten. Aber als politische Strategie ist es untauglich, den Hebel bei freiwilligen, individuellen Verhaltensänderungen anzusetzen. Umweltschutzbestrebungen müssen die «Allmende-Klemme» und den «Rebound-Effekt» beachten (siehe Kasten). Appelle tragen diesen psychologischen Erkenntnissen nicht Rechnung, zielen auf Symptome statt auf Ursachen ab. Als würde dazu aufgerufen, den Boden aufzuwischen, während der Wasserhahn weiter offen bleibt und die Badewanne überläuft. Ziel sollte stets sein, den Wasserhahn zuzudrehen.
Fazit: Ist ein Ratschlag wirklich gut, muss er es wert sein, ihm mit einer langfristigen Kampagne zum Durchbruch zu verhelfen. Statt jedes Umweltproblem mit dutzenden Tipps zu begleiten, wäre es wirksamer, einen Ratschlag mit viel Aufwand soweit zu bringen, dass jede/r merkt, dass am Hahnen gedreht wird. So erfahren jene Menschen, die ihr Verhalten ändern wollen oder bereits geändert haben, dass sie nicht alleine sind.
Dem Umweltschutz mangelt es nicht an Informationen, sondern an relevanten Handlungsangeboten. Die grosse Herausforderung für Umweltorganisationen besteht darin, solche zu entwickeln. Soll Handlung ausgelöst werden, sind Angebote zu erarbeiten, mit welchen Handelnde etwas Handfestes erreichen.

 

Der Artikel erschien zuerst in „Greenpeace Handbuch: Ratschläge und Einblicke  für ein grüneres Leben», Applaus Velag, Zürich 2013

 

«Allmende-Klemme»
oder«Tragedy of the Commons» besagt, dass ein öffentliches Gut (z.B. Luft oder eben eine Allmende) umso stärker für eigene Zwecke gebraucht und dadurch belastet wird, je weniger das Nutzungs­verhalten unter den Nutzer/innen abgesprochen ist. Ganz nach dem Motto: «Ich bin mir nicht sicher, was die anderen tun. Deshalb nehme ich lieber zu viel als zu wenig». Ungünstiges Verhalten wird mit Ausreden wie «Sollen andere doch anfangen!», oder: «Auf meinen Beitrag kommt es eh nicht an!» gerechtfertigt – und beibehalten.Die kürzlich verstorbene Ökonomie-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat ermittelt, dass Abmachungen zum Schutz von Gemeingütern auf Gemeinde- oder genossenschaftlicher Ebene meist erfolgreicher sind als zentralstaatliche Kontrolle und Marktmechanismen. Vor Ort vorhandenes Wissen wird genutzt, weil der/die Einzelne darüber informiert ist, ob und wie die Abmachungen von den anderen eingehalten werden.

 

Rebound-Effekt
«Rebound» bedeutet im ökologischen Zusammenhang, einen Umweltgewinn durch Mehrgebrauch wieder zu verlieren. Nach der Einführung des Katalysators beim Auto in 1986 sagten sich damals viele: «Mein Auto ist jetzt sauber, also kann ich mehr fahren.» Durch das Mehrfahren wurde die positive Wirkung auf die Umwelt wieder aufgehoben, zumindest teilweise. Oder: Wer Energie spart, spart Geld. Je nachdem wie dieses eingesparte Geld ausgegeben wird, z.B. für Produkte mit viel grauer Energie, wird der Energiespareffekt wieder zunichte gemacht. Oder: Indem wir CO2-Ausstoss kompensieren können, verlängern wir ein nach wie vor umweltschädigendes Verhalten, oder gehen damit noch sorgloser um.

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