Zoom

Dienstag, 22. April 2014

© Denis Sinyakov / Greenpeace

Dienstag, 22. April 2014

© Denis Sinyakov / Greenpeace

Seit Ende 2013 fördert der russische Öl- und Gaskonzern Gazprom auf der Plattform Prirazlomnaya Öl aus arktischen Gewässern. Das erste Öl soll nach Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin bald nach Europa geliefert werden. Das ist ein immenses Risiko für das Ökosystem Arktis: Im Falle eines Unfalls würden Tonnen von Öl ins Meer gelangen. Die kürzlich vom Unternehmen veröffentlichte Zusammenfassung des Notfallplans gibt weiteren Anlass zur Beunruhigung.

Der Notfallplan enthält zahlreiche Sicherheitslücken. Die Gazprom-Tochter Neft Shelf, die Betreiberin der Plattform,  weigert sich, den gesamten Bericht zu veröffentlichen. Wichtige Informationen fehlen, so dass die Sicherheitslücken noch grösser sein könnten als jetzt bekannt.

Die russische Gesetzgebung verlangt von Unternehmen, dass diese auf Ölunfälle reagieren können, bei denen bis zu 5000 Tonnen Öl freigesetzt werden. Trotzdem hat der Staatskonzern keinen detaillierten Notfallplan für einen solchen Unfall. Dabei wäre ein weitaus grösserer Ölunfall durchaus denkbar. Denn nach der Förderung auf der Prirazlomnaya wird das Öl auf ein Tankschiff verladen, bevor es weitertransportiert werden kann. Würde ein solcher Tanker verunglücken, könnten 70’000 Tonnen Öl ins Meer gelangen.

Ausrüstung komplett veraltet

Gazprom besitzt nach eigener Aussage 800 Meter Ölsperren vor Ort und lagert weitere 400 Meter an der Küste. Für die Eindämmung eines Ölunfalls, bei dem 10’000 Tonnen Öl auslaufen, wären aber mindestens 1700 Meter Ölsperren notwendig.

Auch das Notfallequipment, um das Öl an der Küste von Hand zu entfernen, reicht längst nicht aus. In dem Plan von Gazprom sind fünfzehn Schaufeln, fünfzehn Eimer, drei Äxte und ein Vorschlaghammer indexiert, mit denen dutzende Kilometer verschmutzter Küste zu reinigen wären. Für die Arbeit sind nur fünfzehn Mitarbeiter vorgesehen. Diese Zahl geht aus der Anzahl der zur Verfügung gestellten Arbeitsanzüge hervor.

Wetter wird schön geredet

Bei starkem Sturm und bei Dunkelheit wäre der Transport von zusätzlicher Ausrüstung allenfalls noch über Hubschrauber möglich. Eisbrecher könnten jedoch nicht wirksam arbeiten. Und auch die Effektivität von Ölsperren wird deutlich überschätzt. Laut Plan wären 1200 Meter Ölsperren nötig, um die Ausbreitung von 1500 Tonnen ausgelaufenem Öl zu verhindern. Eine Beseitigung dieser Menge Öl dauert über sechzehn Stunden. Frühere Ölunfälle zeigen deutlich, dass der Einsatz von Ölsperren wegen rauer See und zu starker Strömung meistens unmöglich war. Die kanadische Energiebehörde National Energy Board (NBE) geht sogar so weit, dass sie eine Säuberung unter den eisigen Bedingungen der Beaufortsee vor der Küste Alaskas zwischen November und Mai für unmöglich erklärt. Dort herrschen ähnliche Bedingungen wie in der Petschorasee, in der sich die Gazprom-Bohrinsel befindet.

Mechanische Säuberung wird überschätzt

Nach Schätzungen von Gazprom sind Ölsauger (so genannte Skimmer) zu beinahe 100 Prozent effizient. Doch in der Realität hat sich bereits gezeigt, dass mechanische Säuberungsmethoden auf offener See nahezu unwirksam sind und sich mit ihnen nur wenig Öl entfernen lässt. Beim Unfall der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko konnten gerade drei Prozent des ausgelaufenen Öls von der Meeresoberfläche entfernt werden. Dazu kommt, dass es bislang nur einen einzigen Säuberungseinsatz unter eisigen Bedingungen gegeben hat – anlässlich des 2011 im Oslofjord auf Grund gelaufenen Containerschiffs Godafoss. Dabei konnten weniger als 50 Prozent des Öls beseitigt werden.

Ist bereits Öl unter das Eis gelaufen, sieht der Gazprom-Notfallplan das Verbrennen des Öls vor. Das Problem dabei: Hat das Rohöl sich erst einmal mit Wasser vermischt, ist es nur sehr schwer zu entzünden. Ausserdem würde durch die Ölverbrennung viel Russ ausgestossen. Dieser würde sich auf der arktischen Eisdecke festsetzen. Bei Sonneneinstrahlung würde die dunkle Fläche mehr Sonnenstrahlen aufnehmen und entsprechend schneller schmelzen. Dadurch würde sich die durch den Klimawandel bedingte Eisschmelze noch beschleunigen.

Weder Arktisschutz noch Arbeitsschutz

Ein besonders wichtiger, aber weitgehend unbeachteter Punkt sind die harten Arbeitsbedingungen, denen die Mitarbeitenden während eines Ölunfalls ausgesetzt wären – die ohnehin schwierigen Aufräumarbeiten würden durch Eis und absolute Dunkelheit weiter erschwert werden.

Die Zusammenfassung des Berichts macht einmal mehr deutlich, dass Gazprom auf einen Ölunfall in der Arktis nicht vorbereitet ist. Auf Kosten der Sicherheit schätzt der Konzern Risiken falsch ein und nimmt die Möglichkeit einer Katastrophe im sensiblen Ökosystem der Arktis fahrlässig in Kauf.

>> Setzen Sie sich für den Schutz der Arktis ein!

Share
Tweet
Share
+1
WhatsApp