Statt die Energiepolitik von russischen Gasversorgern diktieren zu lassen, sollte sich die Europäische Union für saubere und moderne Energien entscheiden. So entstünden Jobs und eine Industrie, die Sicherheit bringen.

Statt die Energiepolitik von russischen Gasversorgern diktieren zu lassen, sollte sich die Europäische Union für saubere und moderne Energien entscheiden. So entstünden Jobs und eine Industrie, die Sicherheit bringen.


Kumi Naidoo

© Denis Sinyakov / Greenpeace

 

Die Debatte über russische Energielieferungen nach Europa ist bisher geprägt von Unsicherheit und Furcht – dabei bietet sie uns drei grosse Chancen. Statt seine Energiepolitik von russischen Gasversorgern bestimmen zu lassen, kann Europa jetzt seine Energieunabhängigkeit steigern, im Kampf gegen den Klimawandel wichtigen Boden gutmachen und zudem noch seine Wirtschaft stärken. Es gibt eine einfache Antwort auf die Drohung von Präsident Putin, die Gaslieferungen an die Ukraine am 1. Juni zu stoppen, wenn Kiew seine Gasrechnungen nicht im Voraus begleicht. Und diese Antwort lautet: Erneuerbare Energien und Energie-Effizienz. Hier können Europas Staats- und Regierungschefs Mut und Entschlossenheit beweisen.

Macht Russland seine Drohung wahr, wäre es das dritte Mal, dass Gazprom die Gasleitungen nach Europa zudreht. Als der Gaskonzern in den Jahren 2006 und 2009 die europäischen Lieferungen drosselte, musste die Slowakei den Notstand ausrufen, Bulgarien hatte schlicht keine Gasvorräte mehr und Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, Ungarn und Polen meldeten einen 30-prozentigen Druckabfall in den Gasleitungen.

In den vergangenen Wochen haben sich Europas Staatschefs mühsam auf kurzfristige Notfallmassnahmen geeinigt. Aber beim EU-Gipfel kommenden Monat werden sie darüber diskutieren, welche Energie- und Klimapolitik Europa nach dem Jahr 2020 verfolgen soll. Dann haben sie die Möglichkeit, sich für wirkliche Energieunabhängigkeit zu entscheiden. Wenn die EU bei diesem Gipfel ehrgeizige Effizienzziele und den energischen Ausbau der Erneuerbaren Energien beschliesst, kann sie sich für immer aus energiepolitischen Abhängigkeiten und von faulen Kompromissen befreien.

In dieser Diskussion kann es keine Antwort sein, Energieimporte aus Russland durch Atomenergie oder fossile Energien etwa aus dem Nahen Osten oder aus Nordafrika zu ersetzen. Auch die geplante South Stream Pipeline bietet keinen Ausweg. Sie soll anfänglich pro Jahr 10 bis 20 Milliarden Kubikmeter Gas liefern – das sind gerade einmal acht Prozent der russischen Gasimporte. 

Mittwoch, 28. Mai 2014

Greenpeace-Aktion an der tschechisch-slowakischen Grenze: Nur die Erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz führen zur Versorgungssicherheit in Europa – nicht die Gaslieferungen aus Russland.

 

Schmutzige oder saubere Energie

Wir sollten nicht darüber nachdenken, den Dealer zu wechseln, sondern darüber, wie wir die Abhängigkeit loswerden. Die Frage ist nicht, kaufen wir unsere Energie in Russland oder in Saudi Arabien ein. Die Frage ist: Wollen wir schmutzige oder saubere Energie? Wollen wir Klimachaos und Klimakriege? Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir eine Zukunft oder klammern wir uns an die Vergangenheit?

Die Zukunft ist nicht fern. Viele Massnahmen lassen sich schnell umsetzen. Programme zur Wärmedämmung von Gebäuden etwa können die Energieimporte innerhalb von Monaten deutlich senken. Neue Solardächer lassen sich in wenigen Wochen installieren. Alleine im Jahr 2012 baute Europa genug Erneuerbare-Energie-Anlagen, um zehn Prozent der russischen Gasimporte zu ersetzen und acht Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen. Und dabei entstand auch eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze.

Die Erneuerbaren Energien haben noch ein enormes Potenzial in Europa. Bis zum Jahr 2030 können sie nicht nur die Hälfte unseres Energiebedarfs decken – sie könnten bis dahin auch das Äquivalent allen Gases ersetzen, das die EU derzeit aus Russland importiert. Und sie eröffnen den Regierungen Europas die Möglichkeit, tatsächliche Führungsqualität zu beweisen, in dem sie die Krise als Chance für eine friedliche Energielösung nutzen. Ein Lösung mit der wir uns von Energieträgern verabschieden, die seit Jahrhunderten Kriege und Konflikte ausgelöst haben.

Entscheiden sich die EU-Chefs beim Gipfel im Juni für fossile Energien und Atomkraft, dann verlängern sie lediglich unsere Abhängigkeit von schmutzigen, gefährlichen und unberechenbaren Energien. Damit würden sie nicht nur Europas Energiesicherheit sondern auch die Sicherheit der Europäer gefährden. Entscheiden sich die Staatschefs für saubere und moderne Energien, entstehen neue Jobs und eine Industrie, die uns wirkliche Energiesicherheit bringen würde. Die Produktionskosten der Erneuerbaren sinken seit Jahren, die Technologie ist verfügbar – jetzt ist der Zeitpunkt für den Umstieg. Wir sollten diese Krise als Gelegenheit begreifen.

Während die Lobby der fossilen Energie- und Atomkonzerne alles in Bewegung setzt, um unsere Abhängigkeit von ihrem gefährlichen Stoff zu verlängern, appelliere ich an die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union: Nutzen Sie die Gelegenheit, um Europas tatsächliche Unabhängigkeit einzuleiten. Albert Einstein hatte Recht als er sagte: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind». Die fossilen Energien und die Atomkraft haben den Karren in den Dreck gefahren – sie werden ihn nicht wieder rausziehen. Das können nur die Erneuerbaren Energien.

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