Es ist einer der schönsten Greenpeace-Erfolge: Der Great-Bear-Regenwald in Kanada steht heute zu grossen Teilen unter Schutz. Oliver Salge hat den einzigartigen Wald, für dessen Erhaltung er seit zwanzig Jahren kämpft, noch einmal besucht — und ist dem legendären weissen Bären begegnet.

Von Wolfgang Hassenstein

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© Oliver Salge / Greenpeace

 «Es war ein magischer Moment», sagt Oliver Salge. «Erst sah ich ihn schemenhaft zwischen den Stämmen, dann trat er hervor und lief zum Ufer hinunter.» Der Waldexperte von Greenpeace Deutschland ist ein begeisterter Naturfotograf. Dass er nun einen der seltenen «Geisterbären» ins Bild bannen konnte, krönt seinen langjährigen Einsatz für den Schutz des Great Bear Rainforest, des grössten Regenwaldes jenseits der Tropen.

Im einzigartigen Naturparadies leben nur wenige Menschen, meist Ureinwohner. Im Ort Klemtu haben sie die Spirit Bear Lodge gegründet: Mit Booten bringen sie Gäste in die urige Fjordlandschaft – ins Reich der Weisskopfseeadler, der Wale und der weissen Bären. «Die Indianer sagen, der Geisterbär sei auf die Erde zurückgekommen, um die Menschen an die Eiszeit zu erinnern», erzählt Oliver Salge. Nur einige hundert dieser Tiere durchstreifen den Wald, Salges Sichtung 2013 war erst die zweite in der Region. Die Bären leben versteckt und weitgehend sicher vor dem zerstörerischen Werk der Menschen. Doch das war nicht immer so.


Oliver Salge inmitten von tausenden Jahre alten Baumriesen: Früher von der Abholzung bedroht, sind nun geschützt. © Oliver Salge / Greenpeace

 

 «Donnerstag ist Kahlschlagtag»

Mit diesem Banner stehen Greenpeacer 1995 vor dem Verlagsgebäude von Gruner und Jahr in Hamburg. Mit dabei: Oliver Salge, als 24-Jähriger ehrenamtlich bei der örtlichen Greenpeace-Gruppe aktiv. Viele Zeitschriften erscheinen damals auf Papier aus Urwaldholz, darunter auch – immer donnerstags – der «Stern». Die Aktivisten bringen einen riesigen Baumstumpf aus Kanada mit und kommen sechs Wochen lang täglich wieder – bis die Zeitschriftenverleger schliesslich nachgeben und von ihren Lieferanten «urwaldfreies» Papier fordern. Es folgen ein Einschlagstopp und zähe Verhandlungen. Seit 2006 stehen 2,1 Millionen Hektar, die Fläche Hessens, unter strengem Schutz.
«Heute in diesem Urwald zu stehen und zu wissen, dass seine Erhaltung auch unser Verdienst ist, das ist ein fantastisches Gefühl», so Oliver Salge. Aus dem jungen Aktivisten ist längst ein fester Greenpeace-Mitarbeiter geworden. Er leitet heute den Wald- und Meeresbereich in Deutschland. «Jetzt werden die letzten Waldschutz-Verhandlungen mit der Papierindustrie abgeschlossen», sagt er. «Ich wollte mich noch einmal über die Entwicklung informieren und auch Fotos vom Wald machen.»
Dass er bei seinem Besuch den weissen Bären zu Gesicht bekommen würde, glaubte Salge vielleicht selbst nicht. Noch einmal liess er sich zu seinem Lieblingsort bringen, wartete stundenlang 
im Regen – bis er im Wald das weisse
Fell aufleuchten sah. «Bei mir war der Naturführer Jason», erzählt er, «der Sohn des verstorbenen Chiefs Qwatsinas.» Dessen Leute hatten den deutschen Greenpeacern zum Dank für ihren Einsatz den Totempfahl geschnitzt, der heute als Wahrzeichen in der Hamburger Zentrale steht. «Dass ich den Geisterbären ausgerechnet mit Jason beobachten durfte, macht diesen Tag doppelt unvergesslich.»


Der Great-Bear-Regenwald säumt Kanadas Pazifikküste.
Ein «Geisterbär» sucht auf einer Muschelbank am Fjord nach Essbarem.
© Oliver Salge / Greenpeace


Oliver Salge (42) leitet den Bereich Meere und Wälder bei Greenpeace Deutschland.