«Postindustrielle Natur» – unter diesem Begriff versteht man Gebiete, aus denen sich der Mensch freiwillig oder unter Zwang zurückgezogen hat. Der US-Sciencefiction-Autor und Cyberpunk Bruce Sterling nennt sie «unfreiwillige Parks». Unsere Beispiele zeigen, wie Pflanzen und Tiere solche Landstriche zurückerobern und wie dabei faszinierende Lebensräume entstehen.

Von Thomas Niederberger


Aussergewöhnlich viele Seeadler besiedeln die Sperrzone rund um Tschernobyl. In der seit über 28 Jahren unberührten Landschaft hat sich ein einzigartiges Biotop entwickelt. © Sergey P. Gaschak

 

Verstrahlte Landschaften

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1 1986 mussten mehr als 350 000 Menschen umgesiedelt werden. Man errichtete eine Sperrzone, fast so gross wie der Kanton Tessin. Dieses Gebiet haben Wildtiere in Beschlag genommen. Luchse, mehrere hundert Wölfe, Tausende Wildschweine, Hirsche und Elche sowie seltene Vogelarten wie der Seeadler fühlen sich hier trotz der radioaktiven Strahlung wohl. Viele Arten waren vorher in der Region ausgestorben und sind nun wieder eingewandert. Zudem wurden Wildpferde und Wisente angesiedelt, die zum Schutz vor Waldbränden das Gras abweiden. Der «unfreiwillige Naturpark» zieht inzwischen auch Abenteuertouristen an.


Apokalyptische Landschaften: Die Vegetation rund um Tschernobyl erobert sich ihren Platz zurück. © Ruben Solaz 2013

Zu einem Refugium für die Tier- und Pflanzenwelt ist auch die 3560 Quadratkilometer grosse Nevada National Security Site 2 geworden. Hier testeten die Amerikaner bis 1992 Atombomben. Das Gebiet wird weiterhin von den Behörden kontrolliert und kann nur auf geführten Touren besucht werden.

Den folgenreichsten Test führten die USA 1954 auf dem Bikini-Atoll im Pazifik durch: Die «Castle Bravo»-Wasserstoffbombe war tausendfach stärker als die Hiroshima-Bombe. Vorsorglich waren die Bewohner des Atolls zuvor auf andere Inseln umgesiedelt worden. Wegen der Strahlung konnten sie bis heute nicht in ihre Heimat zurückkehren. 2010 wurde das Bikini-Atoll 3 in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen. Unterdessen gilt es wegen seiner unberührten Unterwasserwelt als Geheimtipp für Taucher.


Bikini-Atoll: Eine einzigartige Unterwasserwelt hat sich auf dem zurückgelassenen Militärschrott entwickelt und lockt nicht nur Fische, sondern auch Taucher an. © Reinhard Dirscherl/SeaPics.com

Entmilitarisierte Gebiete

Die Demilitarisierte Zone (DMZ) 4 zwischen Nord- und Südkorea ist etwa vier Kilometer breit und zieht sich entlang des 38. Breitengrades über 250 Kilometer durch die gesamte Halbinsel. Seit dem Waffenstillstandsabkommen, das 1953 den Koreakrieg beendete, wird die Zone auf beiden Seiten militärisch bewacht. In diesem Niemandsland voller Minen und Blindgänger können seltene Zugvögel wie der Mandschurenkranich oder der Weissnackenkranich unge-stört überwintern. Hier leben auch Amurleoparden, Kragenbären und zahlreiche weitere gefährdete Arten. Der Plan, die Zone in ein Unesco-Reservat zu verwandeln, ist bisher am Widerstand von Nordkorea gescheitert. Solange die Spannungen zwischen den beiden Nachbarn anhalten, braucht die Natur in der DMZ aber keinen besonderen Schutz. Erst der Frieden mit Begleiterscheinungen wie Strassenbau und wirtschaftlicher Entwicklung würde für diese neue Wildnis zum Problem.


Weissnackenkraniche bei der Futtersuche in der demilitarisierten Zone auf südkoreanischem Boden. © Ryu Seung-il/Polaris/dukas

In Europa hat sich der ehemalige eiserne Vorhang aus dem kalten Krieg in ein grünes Band verwandelt. Es schlängelt sich über 12 500 Kilometer von der Barentsee über die baltische Küste, durch Deutschland und den Balkan bis ans Schwarze Meer. Wo früher auf Flüchtlinge geschossen wurde, haben seltene Tier- und Pflanzenarten einen Rückzugsort gefunden. Seit dem Mauerfall sind mit Hilfe der europäischen Greenbelt-Initiative in verschiedenen Abschnitten Schutzgebiete errichtet worden.

Ruhrgebiet und Lausitz

Der Niedergang der Schwerindustrie hat im Ruhrgebiet 5 rund 10 000 Hektaren Brachland hinterlassen. Ein Teil wird für neue Zwecke verwendet, doch viele ehemalige Fabriken und Kohleminen sind inzwischen von Pflanzen überwuchert und bieten Raum für gefährdete Arten. Die neue Wildnis erklimmt Schlackenberge und rostende Industrieanlagen mitten in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Europas. Das Forstamt hat einige Flecken unter dem Label «Industriewald Ruhrgebiet» für Schulen und andere Interessierte erschlossen.

Ähnliches spielt sich seit dem Fall der Mauer auch im Osten Deutschlands ab. Eine «Mondlandschaft» aus 32 stillgelegten Braunkohle-Tagebauminen auf fast 1000 Quadratkilometern Fläche wurde renaturiert. Dazu kommen weitflächige Industrieanlagen und Truppenübungsplätze, die nicht mehr benötigt werden. In die Lausitz 6, ein Zentrum der Schwerindustrie der ehemaligen DDR, sind Wölfe aus Polen eingewandert und dort heimisch geworden. Es ist kein Zufall, dass etliche der aktuell 15 Kernsiedlungsgebiete für Wölfe in Deutschland Namen wie Tagebau Seese, Welzower Tagebau oder Truppenübungsplatz Oberlausitztragen. 

Künstliches Land

Vor der Küste von Buenos Aires 7wurde ab 1978 nach holländischem Vorbild Bauschutt ins Meer gekippt, um Land zu gewinnen. Eigentlich hätte dieses Land überbaut werden sollen, doch die Pläne wurden aus Spargründen sistiert und die aufgeschüttete Fläche verwilderte. 1986 zum Naturschutzgebiet erklärt, ist die Costanera Sur heute ein Paradies für seltene Vogelarten und die wichtigste grüne Lunge der Millionenstadt.

Nicht weit von Amsterdam entfernt liegt Oostvaardersplassen 8, mit 60 Quadratkilometern Fläche eines der bedeutendsten geschützten Feuchtgebiete Europas. Bis in die sechziger Jahre lag der Landstrich unter dem Meeresspiegel. Erst der Bau eines grossen Deichs und die Trockenlegung des dahinter liegenden Bodens ermöglichten die schrittweise Ansiedlung von Wildtieren. Menschen ist der Zutritt strengstens verboten. In der Oostvaardersplassen leben heute 1200 wilde Konikpferde, Hirsche und eine Vielzahl von Zugvögeln.


Oostvaardersplassen gilt als eine der unberührtesten Naturlandschaften Europas.
© Martijn de jonge

Industriebrache Gunkanjima 9

Hashima ist eine von 505 unbewohnten Inseln der japanischen Präfektur Nagasaki. Fünf Kilometer trennen sie vom Festland. Der unwirtliche Felsen im ostchinesischen Meer blieb über Jahrtausende unberührt. Dann, um 1890, sicherte sich der Mitsubishi-Konzern die Rechte an der Insel, nachdem unter dem Meeresboden ein Kohlevorkommen entdeckt worden war.

Zum Schutz vor Stürmen wurde eine massive Betonmauer um das Eiland gezogen, das nur 6,3 Hektaren misst, was der Fläche von neun Fussballfeldern entspricht. Arbeiter begannen bis zu 1100 Meter tiefe Schächte zu graben. So wurde aus Hashima kurz nach der Jahrhundertwende Gunkanjima, die Kriegsschiff-Insel, wie sie fortan wegen ihres Steinwalls genannt wurde.

Zu Spitzenzeiten förderte Mitsubishi jährlich 410 000 Tonnen «Black Diamond», hochwertige Kohle. Die Kriege gegen China (1894) und Russland (1904) und später der Zweite Weltkrieg heizten die Nachfrage nach Kohle an. Mitsubishi baute die Mine fortlaufend aus, bis 1959 über 5000 Arbeiter mit ihren Familien auf der Insel lebten: Eine Stadt mit dreissig mehrstöckigen Beton-Zweckbauten überzog den gesamten bewohnbaren Teil. Gunkanjima hatte mit 1391 Menschen pro Hektare eine der höchsten Bevölkerungsdichten, die jemals gemessen wurden. Die Arbeitsbedingungen waren brutal: 1300 Arbeiter starben durch Unfälle in den Schächten, wegen Krankheiten, Überanstrengung oder Mangelernährung. Etliche ertranken beim Versuch, ans Festland zu schwimmen. Die Bewohner nannten die Stadt trotzdem Furusato (Heimatdorf). Es gab eine Primarschule, ein Gymnasium, Polizisten, eine Post, Spielplätze, ein Kino, Bars, Restaurants und ein Bordell.


Die Insel Gunkanjima. © Marchand/Meffre

Das wahre Drama der Insel begann Ende der 60er Jahre. Nicht ein Zyklon, ein Erdbeben oder die 1945 über Nagasaki abgeworfene Atombombe «Fat Man» beendete das Leben auf der Insel, sondern eine ökonomische Umwälzung: Erdöl löste Kohle als Energieträger ab – und Gunkanjima hatte für Mitsubishi keine Bedeutung mehr. Eine ganze Stadtgemeinschaft, durch Enge und Abgeschiedenheit zusammengeschweisst, wurde mit einem Schlag auseinandergerissen und in Fabriken über ganz Japan verteilt. Am 20. April 1974 stiegen die letzten Bewohner auf die Fähre Richtung Nagasaki.

Seither wird aus der Kriegsschiff-Insel langsam wieder Hashima. Das Meersalz zerfrisst Betonmauern und Metallträger, zurückgelassene Reiskocher, Modelleisenbahnen und Coiffeursessel. Stürme reissen an der Festungsmauer, Bambusbüsche überwuchern Dächer und zerfallende Treppen. Die Geisterstadt vermittelt eine Vorahnung dessen, wie unsere Welt einmal aussehen könnte, wenn die letzten Ölfelder leergepumpt, die letzten Gasadern gefrackt und die letzten Uranvorkommen gefördert und verstrahlt sind.


Wo einst reges Leben die Insel zum wirtschaftlichen Zentrum machte, wuchert jetzt eine üppige Vegetation durch die Häuserschluchten.
© Chiyukito

 

Die Arbeiter von Gunkanjima wurden mit der Botschaft «Mit Black Diamond zu einem glücklichen Leben» angelockt. Die Arbeiter der Region Fukushima wurden mit dem Slogan «Nuklearenergie, die Quelle für eine glänzende Zukunft» empfangen. Die Kraft des Urans machte aus dem Fischerdorf Futaba eine pulsierende Küstenstadt. Seit dem Super-GAU liegt sie – wie Gunkanjima – verlassen, still und dunkel da. Sie ist zu einer neuen Wildnis geworden, unzugänglich für die Menschen und für Jahrzehnte verloren.


© Marchand/Meffre

Detroit 10

In der weltweit führenden Industriestadt, lebten in den 50er Jahren noch fast zwei Millionen Menschen. Heute ist die Bevölkerung auf die Hälfte geschrumpft. Mehr als 90 000 Grundstücke sollen ungenutzt sein. Das ist eine Chance für die Natur, denn nun will ein österreichischer Landwirt mit Feldern und Parks eine Fläche in der Grösse Wiens begrünen. Wo heute urbanes Ödland ist, könnten in ein paar Jahren Obstbäume blühen und Gemüsefelder stehen.


Was von der Autostadt Detroit übrig geblieben ist: Industriebrachen und Ruinen.
© Detroiturbex.com

 

Klimaverwüstungen

Wie sich der globale Klimawandel auswirken wird, lässt sich erst erahnen. Unbestritten steigt das Risiko von Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Felsstürzen und Erdrutschen. Mit baulichen Massnahmen lassen sich solche Gefahren zwar einigermassen in den Griff bekommen, doch kostet dies sehr viel Geld. Gewisse Risikoregionen zu sperren, ist oft günstiger, als an ihrer Nutzung festzuhalten. So plant etwa die holländische Regierung, grössere Überschwemmungsgebiete ganz der Natur zu überlassen.

Der pazifische Inselstaat Kiribati 11 mit seinen 100 000 Einwohnern auf 21 Inseln könnte schon bald unbewohnbar werden. Einige Inseln wurden bereits geräumt. Der höchste Punkt von Kiribati liegt nur drei Meter über dem Meeresspiegel. Das Land hat zu wenig Geld, um die heftiger werdenden Sturmfluten mit neuen Dämmen aufzuhalten. Und der futuristische Plan, schwimmende Inseln zu bauen, käme nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugute. Präsident Anote Tong verhandelt derzeit mit Fidschi, Neuseeland und Australien über mögliche Umsiedlungen.

Ein unterschätztes Phänomen

Eine klare Definition, ab wann ein der Natur überlassenes Gebiet als «neue Wildnis» gilt, gibt es nicht. Auch finden sich kaum Daten über die Verbreitung und die ökologische Qualität solcher Landstriche. Umweltorganisationen kümmern sich mehr um den Schutz intakter Ökosysteme als um verlassene Industriebrachen mit Naturpark-Potenzial. Die Bedeutung des Phänomens «Neue Wildnis» dürfte in den nächsten Jahren im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels aber zunehmen.