Nicht die wilden Strukturen der Slums ausradieren. Eine neue Generation von Architekten will keine sozialen Retortensiedlungen mehr bauen. Sie nutzen die Intelligenz unkontrolliert gewachsener Armenviertel.

Von Samuel Schlaefli

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© Urban-Think Tank

Wenn in der Johannesburger Township Alexandra die Strassenhändler abends ihre improvisierten Verkaufsstände zusammenräumen und die hupenden Taxis und Minibusse ihre letzten Runden drehen, strömen die Menschen auf die Strassen. Sie versammeln sich zum «Braai», zum Grillieren von dicken Würsten und tellergrossen Schweinsstücken auf halbierten Erdölfässern, mit Zaungittern als Rost. Die Shebeens füllen sich, die kleinen Bierkneipen aus Holz und Wellblech. Massige Lautsprecher werden auf die Strasse gestellt. Roher, aggressiver House dröhnt mir auf den staubigen Durchgangswegen in den Ohren. Zwischen ihren Behausungen, den Shacks, trinken die Menschen, lachen und tanzen. Nelson Mandela, der einst in Alexandra lebte, schrieb: «Die Atmosphäre war lebendig, der Geist abenteuerlich und die Leute geübt darin, Probleme zu lösen. Trotz den höllischen Aspekten war die Township auf eine Art auch himmlisch.»

Blade Runner im globalen Süden

In Slums, Favelas oder Townships wie Alexandra, leben heute 1,1 Milliarden Menschen. Für sie plant das Architektur-Duo Brillembourg & Klumpner. Für Städte, in denen 95 Prozent der Häuser, Hütten und Verschläge von den Bewohnern selbst gebaut worden sind. Für Städte, die derzeit 90 Prozent des Bevölkerungswachstums absorbieren. Oder wie Alfredo Brillembourg sagt: «Für Städte, die sich wie Blade Runner in den Tropen anfühlen.» Ich treffe Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner in Zürich. In einer ausgedienten Industriehalle halten sie die Schlussbesprechung zum Semesterprojekt ihrer Studierenden ab. Klumpner ist Österreicher, trägt Jeans, ein marineblaues Jackett und eine prägnante Hornbrille. Brillembourg entstammt einer venezolanischen Familie und ist in New York aufgewachsen. Er ist gross, hat dichte schwarze Locken, eine furchteinflössende Donnerstimme und nimmt kein Blatt vor den Mund: «Fuck the context!», brüllt er bei einer Wortmeldung, die ihm nicht passt, in den Raum. Die beiden mögen es informell, kumpelhaft und impulsiv.
1993 hatte Brillembourg in Caracas das Büro Urban-Think Tank (U-TT) gegründet. Ein Jahr später lernte er als Student an der Columbia University in New York Klumpner kennen; später lehrten beide dort als Professoren. Klumpner folgte seinem Compagnon 1998 nach Caracas, wo ihnen politische Unruhen die Arbeit alsbald erschwerten. 2010 wurden sie als Professoren für Urban Design an die ETH Zürich berufen und zügelten ihr U-TT-Team gleich mit. Von hier aus forscht, denkt, plant, publiziert und baut das Architektenduo für die Städte des «globalen Südens»; für Städte, deren «höllische Aspekte» wir nur schwerlich nachvollziehen können.
Für Städte also wie Alexandra, wo 500 000 Menschen auf einer Fläche von 7,6 Quadratkilometern leben. Das ist, als würden die Bewohner der Stadt Zürich auf einem Zwölftel ihres aktuellen Gebiets zusammengepfercht. Hinzu kommen mindestens so viele Ratten, die nachts die Abfallhaufen nach Fressbarem durchstöbern. Familien mit sieben Kindern wohnen in Shacks von acht Quadratmetern, nur geschützt von etwas Wellblech und Plastikfolien. Kein fliessendes Wasser, nur eine Toilette für Dutzende Familien. Nachts ist es dunkel wie in einer Grotte. Die Frauen leben in ständiger Angst vor Vergewaltigungen. Es sind Städte, die ihre Menschen verschlingen: Am Fluss Jukskei, wo die Ärmsten der Armen leben, werden die Bewohner bei Hochwasser mitsamt ihren Hütten weggespült.


Auf einem Grundstück in Khayelitsha, der drittgrössten Township Südafrikas, wurde dieser Prototyp eines Low-cost-Hauses entwickelt. Das Ziel war, für die Bewohner
ein bescheidenes, aber würdiges und auf ihre Ansprüche ausgerichtetes Heim zu bauen, das sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht überzeugt. © Urban-Think Thank

Architektur als Kulturanthropologie

Brillembourg und Klumpner werden von ihren Zürcher Arbeitskollegen «die Cowboys» genannt. Nicht weil sie Stiefel tragen und rauchen, sondern weil auf dem Gebiet ihrer Forschung und ihrer Projekte die Regeln des Wilden Westens gelten und Knarren omnipräsent sind. In Caracas wurden sie von Gangs entführt, in Kapstadt mit Pistolen bedroht und in Mexico City aus der Botschaft geworfen. Während ihrer Feldforschungen in Südafrika und Südamerika treten sie mit laufender Kamera unangemeldet in Shacks, um die verwunderten Familien zu ihren Lebensbedingungen zu befragen. In ihrem Team arbeiten neben Architekten auch Ethnologen und Filmemacher. Die Cowboys wollen verstehen, worum es in den Siedlungen geht. «Unsere Arbeit fordert Opfer und ist zu einem eigenen Lebensstil geworden», sagt Klumpner. Beide haben je eine Scheidung hinter sich und sind dauernd auf Reisen. Das Engagement zahlt sich aus: 2012 machte das Duo an der Architekturbiennale in Venedig international von sich reden. Ihr Projekt «Torre David/Gran Horizonte» wurde mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet – eine urbanistische und fotografische Studie zum «Torre David», einem vertikalen Slum in einem nie fertig gestellten Wolkenkratzer mitten im Geschäftszentrum von Caracas.
«Wir müssen endlich von der Idee slum-freier Städte wegkommen. Was wir brauchen sind slumfreundliche Städte», ist Klumpner überzeugt. Denn aus städteplanerischer Sicht hätten Slums viele Qualitäten: «Sie sind dicht bebaut, haben kurze Verbindungswege, verbrauchen wenig Energie, produzieren fast keinen Abfall und fördern die soziale Interaktion.» Immer mehr Architekten merken, dass die heutigen Planungskonzepte für den vielerorts wild wuchernden Stadtdschungel nicht taugen. Planstädte wie Le Corbusiers Chandigarh in Nordindien oder Oscar Niemeyers Brasilia waren Überhöhungen westlicher, modernistischer Ideale; in Beton und Stahl gegossener Formalismus und Fortschrittsglaube. Mit den Realitäten im globalen Süden haben sie nichts mehr zu tun. Heute trifft man Architekten an Orten, für die sich früher lediglich NGOs interessierten. Der Basler Architekt Manuel Herz widmete den urbanen Qualitäten eines Flüchtlingscamps in der Westsahara letztes Jahr ein ganzes Buch. Der amerikanische Städteplaner Teddy Cruz hielt bei TEDGlobal einen Vortrag über seine Forschung in Slums an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Und erst vor wenigen Wochen erschien «Radical Cities», das Buch des «Guardian»-Designkritikers Justin McGuirk über informelle und soziale Architektur. Zufall, Herdentrieb oder Anzeichen eines sich anbahnenden Paradigmenwechsels?

Neue Konzepte für grassierende Wohnungsnot

Ich treffe Daniel Schwartz in der Zürcher Galerie Eva Presenhuber. Ein schmächtiger Typ Mitte zwanzig, mit Woody-Allen-Brille, der aus einer American-Apparel-Werbung gefallen sein könnte. Daniel studierte Kulturanthropologie in Philadelphia und ist heute für Film und Fotografie bei Urban-Think Tank zuständig. Er führt mich durch die Ausstellung zum neusten U-TT-Projekt. «Empower Shack» ist die Geschichte eines würdigen Lebens in einer südafrikanischen Township. Sie wird in der Ausstellung in Form von Texten, Bildern, Filmen, Infografiken, Slum-Trouvaillen, Modellen sowie Holz- und Stahlkonstruktionen erzählt.
Südafrika steht dabei stellvertretend für die Herkulesaufgabe, der sich die Städteplaner des 21. Jahrhunderts stellen müssen: Klassische Sozialbauprogramme stossen an ihre Grenzen. Das ist beim Reconstruction and Development Program (RDP), das der African National Congress (ANC) nach dem Ende der Apartheid lancierte, nicht anders. Der Abbruch von Shacks zugunsten von Beton-Neubausiedlungen wird der sozialen Dynamik nicht gerecht. Die Regierung rennt der wachsenden Armut und Wohnungsnot verzweifelt hinterher. Zwar wurden seit 1994 in 2700 Siedlungen mehr als zwei Millionen neue Sozialwohnungen gebaut. Es fehlen aber immer noch mehr als zweieinhalb Millionen.
Die Idee zu «Empower Shack» geht zurück auf einen Spaziergang durch Khayelitsha im März 2012. Die Township vor den Toren Kapstadts war 1985 vom Apartheidregime angelegt worden. Man schätzt, dass entlang der sandigen Bucht bis zu einer Million Menschen leben, fast ausschliesslich Schwarze. Schwartz und Brillembourg entdeckten im Meer von einstöckigen Wellblechhütten zu ihrer Verwunderung und Begeisterung einen zweistöckigen Shack. Sie interviewten den Bewohner, der ohne Ausbildung und Vorkenntnisse mit einigen Holzlatten und etwas Wellblech einen zweiten Stock auf sein Haus gesetzt hatte. Er hatte mehr Raum gewollt, doch in der Horizontalen war eine Erweiterung wegen der Nachbar-Shacks nicht möglich gewesen. Der Haken an der Sache: Seine sechsköpfige Familie fühlte sich darin unsicher. Der Mann wollte den Aufbau wieder abreissen.


Soziale Strukturen und die Frage der Sicherheit wurden bei der Umsetzung der neuen Blechhäuser berücksichtigt. © Urban-Think Thank

Slum-Ikea für flexiblen Wohnraum

Nun kamen die Architekten ins Spiel: Während einer Summer School in einer Fabrikhalle in Glarus entwickelten sie mit Studierenden und einem Bewohner aus der Township einen Nukleus für mehr Raum und Lebensqualität in Khayelitsha. Entstanden ist eine einfache, aber robuste Holzrahmenkonstruktion auf Stelzen (als Schutz vor den regelmässigen Regenfluten), die mit Wellblech verkleidet ist. Die verbauten Materialien sind lokal erhältlich und günstig – und die Konstruktion ist so einfach, dass sie von der Gemeinschaft vor Ort selbst aufgebaut werden kann. «Was wir wollen, ist eine Art Slum-Ikea», erklärt Schwartz. «Jedermann soll sich aus einer Palette an vorfabrizierten, günstigen Materialien, die in lokalen Shops verkauft werden, diejenigen Teile auswählen können, die seinen Bedürfnissen und seinem Budget entsprechen.» Das Ziel sind flexible Häuser, die mit ihren Bewohnern je nach Budget und Familiengrösse wachsen oder schrumpfen. Die Komponenten behalten ihren Wert und sind Anlagen, die bei Geldknappheit verkauft werden können. Schwartz sagt: «Wir sind weniger an einem ikonischen Entwurf interessiert als an einem praktikablen System.» Vier Tage waren nötig für den Aufbau des ersten Prototyps in Khayelitsha. Die Materialkosten beliefen sich auf 3500 Franken – zwar noch zu teuer für arbeitslose Slumbewohner, aber ein Vielfaches unter den Produktionskosten der Sozialwohnungen, welche die Regierung an der Peripherie baut.

Rios informelle Explosion

Bis aus dem ersten Doppelstock-Shack eine Blaupause für den Sozialwohnungsbau im globalen Süden wird, werden die Zürcher Cowboys wohl noch manches Duell mit Regierungsvertretern austragen. Denn egal ob in Afrika, Asien oder Südamerika: Regierungen repetieren Konzepte, deren Scheitern längst dokumentiert ist. Sie stellen standardisierte, unflexible und massenhaft produzierbare Häuser in Reih und Glied an die Stadtperipherie und schaffen monotone Bauwüsten aus klimaschädlichem Beton und teurem Stahl – ohne Anschluss an den Arbeitsmarkt und an öffentliche Dienste wie Spitäler, Schulen und sanitäre Anlagen.

«Wir wollen die Kreativität der Bewohner mit einer sinnvollen Stadtplanung zusammenbringen.»

Cidade de Deus in Rio de Janeiro ist ein Beispiel für ein solches Baudesaster. Das Sozialwohnungsviertel wurde in den sechziger Jahren gebaut und verkam darauf zu einer Favela, in der Drogengangs und das organisierte Verbrechen Unterschlupf fanden. 2009 schien sich die Geschichte zu wiederholen: Die Regierung Lula erarbeitete ein neues Programm mit dem Ziel, innerhalb von fünf Jahren 3,4 Millionen Sozialwohnungen aus dem Boden zu stampfen. Die Pläne dafür glichen erschreckend jenen aus den sechziger Jahren.
«Aus Sicht eines Stadtplaners hat die Regierung Brasiliens im neuen Programm praktisch alles falsch gemacht», kritisiert Rainer Hehl, Leiter des Master of Advanced Studies in Urban Design an der ETH Zürich. Ich treffe ihn in seinem Büro in Neu-Oerlikon, wo die Stadtforscher der ETH Zürich seit 2010 zuhause sind. Der gebürtige Deutsche, der fliessend Portugiesisch spricht, kennt die Entwicklungen in Rio de Janeiro wie kein anderer: Seit sieben Jahren forscht er zu informeller Stadtentwicklung in Brasilien und hat mehrere Bücher zum Thema publiziert. «Obwohl Favela-Räumungen in Brasilien mittlerweile gesetzlich verboten sind, wurden im Zuge der Umbauarbeiten für die Olympischen Spiele viele Bewohner vertrieben.» Für Hehl ist das verheerend, denn mit der Zerstörung der Favelas gehen nicht nur informelle Infrastrukturen in die Brüche, sondern auch soziale Beziehungen, Solidarität und öffentlicher, geteilter Raum: «Favelas sind meist organisch über viele Jahre gewachsen. Sie entsprechen in ihrer urbanen Qualität oft europäischen Städten.»
Vielleicht braucht es für ein Umdenken auf Regierungsebene erst eine Explosion. So wie am 20. Juni 2013 in Rio de Janeiro, als Millionen Menschen auf die Strasse strömten und gegen Korruption, die schamlose Unterwerfung der Stadt unter private Interessen sowie für ein besseres Bildungs- und Gesundheitssystem demonstrierten. Zur gleichen Zeit eröffnete Hehl im Studio-X, einer kleinen Architekturgalerie im Zentrum Rios, eine Ausstellung, die er zusammen mit Masterstudierenden der ETH Zürich erarbeitet hatte. Die Gruppe hatte das aktuelle Regierungsprogramm «Minha Casa, Minha Vida» (Mein Haus, mein Leben) untersucht und forderte aufgrund historischer Erfahrungen und der in Rio betriebenen Feldforschung ein Überdenken der herkömmlichen Strategie und eine Stärkung von informellen Prozessen. Programmatisch trug die Ausstellung den Titel «Minha Casa – Nossa Cidade» (Mein Haus, unsere Stadt). Die Ausstellung schaffte es zusammen mit dem Aufstand in die nationalen Medien. Der zuständige Minister schaute sich das Projekt an, lud Hehl für eine Anhörung ein und beauftragte ihn mit einem Projekt: Er soll für eine der am schnellsten wachsenden Städte Brasiliens am Rande des Amazonas 500 Einheiten nach den Erkenntnissen aus seiner langjährigen Forschung entwerfen. Was wird er tun? Hehl sagt: «Wir wollen die Kreativität der Bewohner mit einer sinnvollen Stadtplanung zusammenbringen.»
«Und was ist mit den Städten des globalen Nordens?», will ich beim Abschied von ihm wissen. «Können sie von den Erkenntnissen im Süden profitieren?» – «Absolut», ist der Städteplaner überzeugt: «Unsere Städte werden aktuell vom Markt aufgefressen. Es fehlt Raum, in dem sich Menschen ihre Stadt aneignen können, Raum zum Leben, für das Informelle eben.» Beim Rückweg zum Bahnhof durchquere ich Neu-Oerlikon: entlang der Bürokuben von ABB, Bombardier, Mobiliar und PWC, auf sauberen, grosszügigen Trottoirs ohne Menschen, vorbei an Kinderspielplätzen ohne Kinder, an gestylten Holzbänken ohne Ruhende und durch ein kleines Kunstwäldchen ohne Baumhütten und Schnitzeljagden, in dem Eschen und Birken fein säuberlich in einem Raster von 4 × 4 Meter gepflanzt wurden. Ein unbewegtes, gebändigtes Viertel. Für Wildnis und Urbanität ist hier kein Platz. Ich denke zurück an meinen Abend in Alexandra: Etwas mehr Township würde Neu-Oerlikon gut tun.
Auf einem Grundstück in Khayelitsha, der drittgrössten Township Südafrikas, wurde dieser Prototyp eines Low-Cost-Hauses entwickelt. Das Ziel war, für die Bewohner ein bescheidenes, aber würdiges und auf ihre Ansprüche ausgerichtetes Heim zu bauen, das sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht überzeugt.
Soziale Strukturen und die Frage der Sicherheit wurden bei der Umsetzung der neuen Blechhäuser berücksichtigt.