Es gibt kaum einen anderen Begriff, der sich unter Politikerinnen und Politaktivisten so grosser Beliebtheit erfreut wie der «Druck».

Es gibt kaum einen anderen Begriff, der sich unter Politikerinnen und Politaktivisten so grosser Beliebtheit erfreut wie der «Druck».

So will man beispielsweise den Druck auf eine Regierung oder eine Industrie erhöhen oder auch den Gegner unter Druck setzen. Solche «Druck-Parolen» werden zum einen eingesetzt, um das eigene Publikum zu bedienen, welches das Lied der Druckerhöhung gerne hört. Zum andern disziplinieren sie gleichzeitig: Als Mitarbeiterin oder Sympathisant verfolgt man dasselbe Ziel und kann ja gar nicht dagegen sein, den Druck zu erhöhen. Auffällig ist jedenfalls, wie oft in Umweltkreisen der Aufruf: «Wir müssen den Druck erhöhen» – z.B. auf AKW-Betreiber, Kohleabbauer, Chlorproduzenten, Abholzer und Pestizidhersteller – zu hören ist.

Doch was ist damit eigentlich genau gemeint? Allgemein gesagt etwa das Folgende: Zeichnet sich in einer Sache ein Zustand A ab, den man als schlecht erachtet und also nicht will, dann versucht man sozusagen den Gegenwind auf dem Weg zu A zu erhöhen, um zu erwirken, dass der Weg nach Zustand B, den man als den Richtigen erachtet, eingeschlagen wird.

Dem zugrunde liegt das aus der Mechanik stammende Bild des «Wegs des geringsten Widerstandes», den z.B. ein Fluid immer begeht. Das Naturgesetz besagt, dass wenn auf einem Weg der Widerstand (z.B. der Druck) zunimmt, sich das Fluid einen anderen Weg sucht. Das ist dann trivial, wenn es nur einen anderen gibt. Gibt es mehrere Wege, die begangen werden könnten, wird die Sache komplexer. Etwa so, wie wenn man auf eine gekochte Kartoffel drückt, die in zig verschiedene Richtungen dem Druck nachgeben kann. In einem mechanischen Verständnis von «Druck erhöhen» wird der Gegner als passives Fluid betrachtet, dem man bloss alle falschen Wege verbauen und den richtigen Weg offen lassen muss – so wie ein Schachspieler, der den gegnerischen König unter Versperrung vorhersehbarer Fluchtwege matt setzt. Welche Wege aber die unter Druck gesetzte «Polit-Kartoffel» tatsächlich nimmt, ist nicht nur schwierig vorhersehbar, sondern oft nicht so wie beabsichtigt. Hinzu kommt der häufigste Ausweg für Unter-Druck-Gesetzte, die sich einfach über ein Ventil vom Überdruck entlasten. So wird etwa mit einer Pressemitteilung oder einer kosmetischen Massnahme rasch zum Schein etwas nachgegeben und Druck abgelassen. Sodann gewartet, bis die Sache versandet ist.

Anders gesagt: Im Gegensatz zu technischen Einrichtungen löst jede Intervention auf menschliche Systeme Nebenwirkungen aus, die zum Teil unvorhersehbar sind und sogar dominanter werden können als die beabsichtigte Wirkung. Zum Beispiel die Nebenwirkung «Trotz», den kein Fluid aber jeder Mensch kennt. Wenn beispielsweise ein “Vegan-Moralist“ mir Druck aufsetzt, weil ich Fleisch esse, mag ich ihm zwar im Moment zum Druckausgleich Recht geben, ändere dennoch mein Verhalten nicht nachhaltig. Der Trotz kann gar so gross sein, dass ein Angriff das Gegenteil bewirkt, so wie bei einer paradoxen Intervention.

Neben Trotz ist Aufrüstung eine häufige, meist nicht beabsichtigte Reaktion. Ein Angriff kann die Verteidigung stärken, weil nicht jeder Gegner sein Unrecht einsieht und sich nach einem Angriff in gewünschter Weise verändert. Allenfalls ein bisschen oder in einem Teil. So kann man zwar z.B. Nestlé mit einer Kampagne dazu bringen, auf urwaldzerstörerisches Palmöl in einem seiner Schokoladeriegel zu verzichten. Als Nebenwirkung rüstet der Konzern auf und heuert zur künftigen Abwehr von solchen Angriffen ein Dutzend Google-Leute an. Als weitere Nebenwirkung wird er bester Online-Vermarkter im Nahrungsmittelbereich.

«Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!», hat bereits Friedrich Nietzsche erkannt. Das ist nicht immer wahr, aber birgt viel Wahres. Verallgemeinert lautet das Nietzsche-Bonmot: «Was nicht umgebracht wird, wird durch den Angriff gestärkt.» Wie ein Schädling, der mit einem Insektizid ausgemerzt werden soll. Zwar kann es anfänglich einen Schädling recht erfolgreich töten, doch einige wenige Exemplare überleben. Ihre Kinder werden robuster, und mit der Zeit hat das bekämpfte Insekt Resistenzen entwickelt.

Das heisst nicht, mit dem «Weg des geringsten Widerstandes» aufzuhören zu arbeiten. Es heisst aber, in sozialen Systemen die weniger gut voraussehbaren nicht linearen Wirkungen besonders zu beachten. So können system-bedingte Widerstände, wie z.B. dass eine angegriffene Firma nicht Konkurs gehen will, ungeheuer stark sein. Ausserdem können Rückkoppelungseffekte zahlreiche Nebenwirkungen verursachen.

Dass in unseren Kreisen beim Ausruf «Wir müssen mehr Druck aufsetzen» oftmals zu wenig systemisch nachgedacht wird, hat vor allem mit der Zeitnot zu tun, in die man sich selbst versetzt: Entweder, weil man ein Zeitfenster («window of opportunity») nicht verpassen will oder weil man sich mit einer Druckerhöhung auf jemanden selber zum Handeln zwingt.

Diese Gefahr besteht besonders dann, wenn beim Druckaufsetzen Empörung Hauptantrieb ist. Erkennbar an Ausrufen wie: «Wenn die das tun, dann müssen wir sofort …!». Bei solchen linearen «Wenn-Dann»-Empörungen ist ein unsystemischer Tunnelblick quasi garantiert. Das mag im Einzelfall manchmal sogar genau das Richtige sein, aber meist birgt er die Gefahr, unerwünschte Nebeneffekte auszulösen.

 

Hinweis: Der (englischsprachige) Artikel «Linking Systems Thinking with Yin/Yang Daoism» beleuchtet dieses Phänomen wissenschaftlich, siehe hier.

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