Man tut’s überall: im Zug, in der Küche, an der Bar, im Ehebett. Der Hang und Drang, Sudoku und Kreuzworträtsel zu lösen, ist gross. Warum bloss?

Man tut’s überall: im Zug, in der Küche, an der Bar, im Ehebett. Der Hang und Drang, Sudoku und Kreuzworträtsel zu lösen, ist gross. Warum bloss?

Menschen nehmen sich gerne solcher Probleme an, die etwas herausfordern, aber mit grosser Wahrscheinlichkeit lösbar sind und andernfalls keine negativen Konsequenzen nach sich ziehen. Und kann man die Probleme des Alltags bzw. der Welt grad nicht lösen, wird Sudoku erst recht zu einem beruhigenden Erfolgserlebnis. Abends gibt einem das gute Gefühl, den Tag mit einem gelösten statt einem ungelösten Problem zu beschliessen. Es schläft sich besser. Dieses «Sudoku-Phänomen» basiert darauf, dass sich die allermeisten Menschen lieber bewältigbaren Problemen widmen als unbewältigbaren (auch wenn diese wichtiger wären). Folglich lässt man diese beiseite bzw. überlässt sie anderen zur Lösung.

Unter Berücksichtigung des Sudoku-Phänomens könnte somit für den ersten Schritt zur Lösung eines beiseitegelassenen Problems gefragt werden: Wie kann es so reduziert werden, dass es zwar etwas herausfordernd, aber bewältigbar erscheint? Je nach Art der Schwierigkeit könnte dafür einer der drei hier im Folgenden skizzierten Wege zu beschreiten versucht werden, ein gegebenes Problem zu „sudokuisieren“:  

Erstens bei jenen Problemen, bei welchen man selber Teil des Problems ist: Eine kleine und deshalb machbare Teil-Änderung in Richtung der gewünschten Gross-Änderung real umsetzen. Ist etwas Lösung geschafft, wird man Teil der Lösung und bleibt motiviert, Schrittchen für Schrittchen weiter zu machen. Am Problem «Meine Wohnung ist nicht geputzt» beispielhaft illustriert könnte das heissen: Anstatt ständig am grossen Problem «die ganze Wohnung auf einmal putzen» zu scheitern, mit sich abmachen, die nächsten drei Monate jeden Tag nur fünf Minuten zu putzen. Nicht mehr, dafür aber wirklich. Danach ist das Problem keines mehr, weil man die Änderung ohne gefühlten Zeitverlust geschafft hat und einem wohler in der Wohnung ist. Man hat sich daran gewöhnt, «es» ist gar nicht so schlimm. Und man wird fortan auch mal etwas länger putzen (Beispiel aus dem Buch «SWITCH», siehe Hinweis unten).

Zweitens, anstatt ein Problem zuerst in aller Tiefe zu analysieren oder sich gar in ihm zu suhlen (so wie einem Hautjucken reizen kann zu kratzen, obschon man nicht sollte), das Problem sein lassen und mit Gleichgesinnten gemeinsam Lösungsmöglichkeiten und –schritte suchen. Und erkennt man, dass die Lösung bzw. ein Teil davon zu erreichen ist, wird man vom Sudoku-Gefühl erfüllt: «Ah, es ist zu schaffen!» und tut einen weiteren Schritt. (In der Psychotherapie entspräche dieser Pfad etwa dem, auf eine Psychoanalyse vorerst zu verzichten und mit einer Verhaltenstherapie zuerst problemlindernde Handlungsweisen einzuüben).

Drittens, könnte für jene Probleme, die zu gross sind, um sie zu lösen, wie das etwa Umweltprobleme sind, der Pfad lauten: Statt sie zu verdrängen mit einer Gruppe einen kleinen Schritt zur Lösung tun und beispielsweise ein Produkt realisieren, das im Kleinen das Grosse zeigt und damit die gesamte Lösung greifbar macht. Und weil deshalb das Produkt inspiriert und also Nachahmer/innen findet, bleibt die eigene Gruppe motiviert und dran. Dieser Weg besagt, dass eine grosse Lösung die Summe zig tausend kleiner Lösungen ist. Dabei müssen aber diese kleinen Teillösungen für sich so gross sein, dass sie nicht lächerlich wirken, sondern inspirieren und etwas herausfordern. Wie Sudoku. Das bedeutet beispielsweise, dass es nicht um (nur) die Solaranlage auf dem eigenen Dach geht, sondern um ein solares Quartier oder Dorf.

Nörgler und Pessimistinnen mögen einwerfen, dass jede Lösung wieder Ursache eines neuen Problems sei. Was bei technischen Lösungen kaum zu bestreiten ist, stimmt bei den letzten zwei skizzierten Wegen indes nicht. Es sind soziale Ansätze, die sich durch Win-Win-Situationen auszeichnen und deshalb Probleme nachhaltig mindern, weil der/die Einzelne nicht mehr isoliert handelt (bzw. nicht mehr nicht handelt). 

Literaturhinweis: «SWITCH – Veränderungen wagen, und dadurch gewinnen», Chip und Dan Heath, 2011, Fischer Verlage, siehe Besprechung hier.

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