29 Jahre nach dem Super-GAU bleibt die Reaktorruine Tschernobyl gefährlich. Die geplante Sicherung mit einer Schutzhülle löst das Problem nicht dauerhaft, so eine Greenpeace-Studie.

29 Jahre nach dem Super-GAU bleibt die Reaktorruine Tschernobyl gefährlich. Die geplante Sicherung mit einer Schutzhülle löst das Problem nicht dauerhaft, so eine Greenpeace-Studie.


Auch fast 30 Jahre nach dem Atomunfall geht vom Unglücksreaktor eine grosse Gefahr aus: Strahlenmessung bei der AKW-Ruine in Tschernobyl (© Jan Grarup / Noor / Greenpeace)

Als Reaktor 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl am 26. April 1986 explodierte, verseuchte der radioaktive Fallout grosse Teile Europas. Die Folgen waren verheerend: Hunderte Menschen starben bei dem Unglück oder den späteren Aufräumarbeiten an zu hohen Strahlendosen; Tausende leiden noch heute unter den Folgen der damaligen nuklearen Verseuchung. Tschernobyl brachte die Welt zum Nachdenken über die hochgefährliche Atomkraft.

Doch auch 29 Jahre später bleiben der havarierte Reaktor und die hochradioaktiven Überreste aus Atombrennstäben und Baustoffen in seinem Inneren ein ungelöstes Problem. Korrosion und das Alter haben den Sarkophag brüchig gemacht, es droht Einsturzgefahr. In seinem Kern lagern  etwa eineinhalb Tonnen radioaktiven Staubs, der bei einem Einsturz des Gebäudes die Umgebung bis in 50 Kilometer Entfernung kontaminieren könnte. Zudem sammelt sich radioaktives Wasser in der Ruine, das bereits ins Grundwasser sickert.

«Die Atomruine in Tschernobyl ist hochgefährlich», sagt Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie. «Auch nach 29 Jahren kann unkontrolliert Radioaktivität austreten. Die Sicherung des brüchigen Sarkophags ist schwieriger denn je.»

Hülle für Reaktor-Ruine frühestens 2017 fertig
Derzeit wird eine 257 Meter breite, 162 Meter lange und 108 Meter hohe Hallenkonstruktion in zwei Teilen abseits des Unfall-Reaktors gefertigt. Diese soll dann in einer enormen Anstrengung über die Ruine geschoben werden. Zu Beginn des Projekts im Jahr 1997 gingen die planenden Ingenieure davon aus, die Schutzhülle innerhalb von acht oder neun Jahren fertigzustellen. Mittlerweile ist damit frühestens im November 2017 zu rechnen. Die Gefahr, dass der marode Sarkophag vorher einstürzen könnte, ist gross – das zeigt eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie.

Auch haben sich die Kosten für die neue Schutzhülle bereits mehr als verdreifacht. Die derzeitigen Schätzungen gehen von 2,15 Milliarden Euro für deren Bau aus. Die EU und 42 Länder haben in den vergangenen Jahren bereits rund 1,5 Milliarden Euro in den Tschernobyl Shelter Fund (CSF) eingezahlt, den die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) für die Finanzierung eingerichtet hat.

Konzept und Finanzierungsplan fehlen
Doch es klafft noch immer eine Lücke von 615 Millionen Euro. Auf einer neuen Geberkonferenz will die deutsche Regierung diese im Rahmen ihrer G7-Präsidentschaft schliessen. Auch die Schweiz ist an der Finanzierung des Sarkophags beteiligt – in einem Dossier des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) von Ende des letzten Jahres ist von einem geplanten zusätzlichen Betrag von höchstens sechs Millionen Franken die Rede. Sollte die Schutzhülle Ende 2017 einsatzbereit sein, muss nach derzeitiger Regelung allein die Ukraine ihren laufenden Betrieb und sämtliche anfallenden Kosten übernehmen. Ein zusätzliches Risiko in dem krisengeschüttelten Land.

Die milliardenteure Konstruktion ist insgesamt nur für 100 Jahre ausgerichtet. In dieser Zeit muss der zerstörte Reaktor samt hochradioaktiver Masse aus geschmolzenen Brennelementen und Baustoffen rückgebaut, geborgen und entsorgt werden. Dafür fehlen bislang sowohl ein Konzept als auch ein Finanzierungsplan. Experten gehen aber von weiteren Milliarden Euro Kosten aus. Ob der explodierte Reaktor unter den gegebenen technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jemals in ein ökologisch sicheres System überführt werden kann, bleibt zweifelhaft.

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