Am 28. Februar stimmen wir über eine zweite Gotthardröhre ab. Grün steigt in die Kampf-Hosen, um es diesen Ewiggestrigen zu zeigen, die immer noch nicht verstehen wollen, dass wer Tunnels sät, Verkehr erntet. Mich stimmt diese Abstimmung nicht kämpferisch, eher traurig: Nach dem Urknall der Anti-Auto-Bewegung im Zuge der Waldsterbedebatte Mitte der 1980er Jahre, den gewonnenen Abstimmungen von 1994 (Alpen-Initiative) und 2004 (Anti-Avanti) steht nun der zweite Gotthardstrassentunnel schon wieder vor der Tür. Ob Anti-Auto, Anti-Atom, Anti-Gentech oder so weiter, irgendwie mag man sich an der Bilanz «ohne uns wär’s noch schlimmer» nicht recht freuen.

«Alles, was den Menschen gross gemacht hat, ist aus dem Versuch entstanden, das Gute zu festigen und nicht aus dem Kampf, das Schlechte zu verhüten.» (Bertrand Russell, englischer Philosoph)

Warum eigentlich gelang nicht mehr Einsicht? Warum geht’s mit dem Wandel zu mehr Nachhaltigkeit nicht vorwärts? Was fehlt den Umwelt-Kampagnen (zum Begriff siehe *), dass sie oft als Strohfeuer enden? Weil es nicht (mehr) genügt, das Schlechte ins Scheinwerferlicht zu zerren und sich an Symptomen zu empören? Weil Schlagzeilenorientierung (mit Problemen und Skandalen ist Medienpräsenz wahrscheinlicher) vor Wirkungsorientierung (real change) kommt? Es scheint so, als ob die frühere Grund-Einsicht der Ökobewegung «Ursachen statt Symptome bekämpfen» vergessen ging. Oder gilt sie nicht mehr?

Vermutlich sind sich alle UmweltschützerInnen darin einig, dass die Ur-Ursache der Umweltprobleme die Konsumgesellschaft ist, die vom Neoliberalismus auf die Spitze getrieben worden ist: Dabei frisst die neoliberale Revolution zwar ihre Kinder nicht, aber diese fressen den Planeten.

Doch zur Erreichung des heutigen Zustands vergingen seit Beginn des Konsumzeitalters in den 1950er Jahren mehr als sechzig Jahre. Darum braucht es vielleicht für eine gesellschaftliche Desensibilisierung und effektiven Wandel etwas Zeit (und Geduld?). Das ist allerdings für empörungsgetriebene Symptombekämpfer kaum auszuhalten, denn für sie ist es bereits fünf-nach-zwölf (s. «der Prioritäter»). Weil es aber eh zu spät ist, könnte man ja eigentlich etwas Geduld haben und so die Chance nutzen, die wir vielleicht ohnehin nicht haben.

In jedem Fall bräuchte es neben den Negativschlagzeilen vor allem positive Bilder. Bilder von Lösungsmodellen, die Zukunft glauben machen: Die Hoffnung und Sehnsucht darauf ist die positive Kraft für Veränderung. Dabei geht es nicht primär um Bilder schöner Landschaften, wie sie die Autowerbung gerne als Kulisse braucht, sondern um reale Bilder aus Gemeinden und Regionen, die sich auf den Wandelpfad begeben haben. Zwar versucht beispielsweise Greenpeace die alten Bilder aus den 1980er und 1990er Jahre – anketten, abseilen, schlauchbooten, bannerhängen – mit neuen sog. «people-powered» Bildern zu ergänzen, was nicht einfach ist, sind doch Lösungskampagnen weniger spektakulär und dramatisch als der Angriff auf Böses. Trotzdem gilt: Je näher Kampagnen (auch) an die menschlichen Grundbedürfnisse wie Zusammengehörigkeit, Geborgenheit, Naturerlebnis und soziale Sicherheit kommen, desto mehr entfernen sich Konsumbedürfnisse. Solche Kampagnen haben psycho-sozial-kulturelle Ansätze und tragen im Kern das «gute Leben jenseits des Konsums». Darum geht’s; denn würde die Annahme der Kapitalisten stimmen, dass materieller Konsum das Leben erst lebenswert mache, hätten wir ohnehin verloren. Also muss die Wahl – entweder übermässig zu konsumieren oder übermässig depressiv zu werden – mit einem solchen Ausweg ergänzt werden.

Hinzu kommt, dass «man» vielleicht ein bisschen genug hat von Appellen, vom Salzstreuen in Problemwunden, vom Banner aufspannen und vom Sound der um ein Mü übertriebenen Anklage. Vielleicht wäre vom konstruktiven Journalismus zu lernen, der nicht über die Hitliste des Schlechten sondern von aufbauenden Lösungsansätzen berichtet. Das hebt die Stimmung beim Publikum und wirkt ermutigend. So wie es die alte PR-Regel «Tue Gutes und sprich davon» sagt. Oder der französische Philosoph Alain Badiou: «Ich bin davon überzeugt, dass der konkreten Negation als wichtigem Motor des politischen Wandels eine Affirmation vorausgehen muss. Für eine wirkliche Öffnung der Situation braucht es eine positive Idee.»

Doch scheinen viele CampaignerInnen eher beim Kapitalismus abzukupfern und wollen mit Quick-Wins kurzfristige Profite erzielen. Es geht auch bei ihnen ums «Immer-schneller-und-mehr». Und das sofort: Dringlichkeit ist das Hauptkriterium des «Hectic Campaigning». Eine von Hektik geprägte Unruhe führt leicht zu Aktivismus nach dem Motto «Hauptsache etwas getan». Eine gute Unruhe hingegen wäre z.B. lernen und es besser machen wollen, Geduld mit Fehlern haben, um langsam aber sicher die Wurzeln und nicht nur schnell und unsicher die Symptome zu bekämpfen (zumal ja nicht jeder Schlag den Gegner schwächt, sondern ihn auch stärken kann, siehe Kolumne «Die Welt, voller Paradoxien»).

Slow Campaigning heisst in diesem Sinn, langfristiges systemisches Denken, eine Art Perma-Kultur, bei der konsequent in den Boden und damit in die gesellschaftliche Wurzelbehandlung investiert wird. Das geht nur in Zusammenarbeit mit Veränderungs-Bewegungen, in welche der Brand der Organisation sowie thematische Kompetenz und Kommunikationskraft eingebracht werden.

Klar, Lösungsarbeit ist mühsam, komplex, langsam, teuer und ist deshalb nur in Zusammenarbeit möglich. Das macht vielen Angst, die eigene Organisation könnte im Brei der Kollaboration untergehen. Doch das gilt es umgekehrt zu denken: Weil Realitäten zu ändern viel Arbeit ist, die nicht alleine geleistet werden kann, braucht es in diesen notwendigen Zusammenarbeiten ein eigenes klares Profil, um erkennbar zu bleiben. Und daraus wachsen neue Stories und Bilder, genauso wie Profilierungsmöglichkeiten, und ergo auch Fundraisingoptionen.

Slow Campaigning heisst somit auch, nicht bloss lauthals und repetitiv auf die Reinheit der Lehre zu setzen, sondern ebenfalls das Dreiviertelrichtige zu tun und Partizipation als zentrale Kategorie zu sehen.

Es braucht beides: aufdeckendes und ermutigendes Campaigning. Mithin also dem Treibstoff Wut etwas Treibstoff Zuversicht beimischen. Und zuweilen Mut, Wut auch mal sein zu lassen. Das schmälerte zugleich das Risiko, dass Kampfkampagnen wie sonst oft hors-sol sind. Und stimmt ausserdem Freuds Bonmot – «Gegen Angriffe kann man sich wehren, gegen Lob ist man machtlos» – auch für Firmen, könnte man sogar einmal so weit gehen zu versuchen, eine Firma öffentlich für einen Lösungsschritt zu umarmen, statt sie reflexartig des green washings zu bezichtigen oder zumindest verdächtigen.

Im globalen Süden, wo gerade «unsere» Fehler wiederholt werden – Luftverpestung in Peking, Kohleabbau in Indien, Waldabholzung in Brasilien, Bodenvergiftung in Afrika –, wäre zu versuchen, nicht auch die Kampagnenfehler zu wiederholen, sondern den themen-hoppsenden Symptomkampagnen ein Slow Campaigning zu unterlegen. Insbesondere hier sind Lösungen gefragt, die den «westlichen Weg» unterminieren, die auf Zusammenarbeit setzen und die mit Betroffenen und Engagierten mittels gutem Zuhören entwickelt werden.

Wer weiss, vielleicht hätten solche Ansätze den Drang zum Bohren am Gotthard rechtzeitig vermindert.

* Was sind Kampagnen, was ist Campaigning? Mehr dazu zum einen hier unten in Form einiger «Bullet Points» sowie etwas ausführlicher an der Kampagnenforum-Soirée «Positive oder Solutions Campaigning» vom 26. Januar 2016 mit dem Autor als Gast.  Die Bullet Points:

  • «Der Begriff der Kampagnen wird […] für Aktionen von Lobbygruppen, Interessensverbänden, Gewerkschaften und anderen Organisationen verwendet, die diese zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele ausführen.» (Wikipedia)

  • Traditionelles Campaigning will den Finger auf einen wunden Punkt legen, einen Missstand skandalisieren, dramatisch inszenieren und hofft, im Kampf um Aufmerksamkeit ein gewisses Publikum erreichen zu können (oft ohne viel zu erreichen, weil bereits eine nächste Sache ins Aufmerksamkeits-Fenster rückt).

  • Kampagnen fahren mittlerweile viele – der TCS tut’s, und natürlich die SVP mit ihren Abstimmungskampagnen (mit recht nachhaltigem Erfolg …) oder Solidar macht’s für fairen Fussball oder Amnesty für politische Gefangene. Und sogar die Migros mit einer Weihnachtskampagne zur Imagepflege. Genau definiert ist der Begriff nicht, allgemein handelt es sich um ein zeitlich gestaffeltes Bündel von Aktivitäten mit dem Ziel einer realen Änderung. Also eine Verbesserung eines als ungut empfundenen Zustandes – aus zivilgesellschaftlicher Sicht der kampagnenführenden Organisation.

  • Diese Änderung in Politik (Gesetz, Verordnung, Policy) oder im Verhalten von Gruppen und Entscheidungsträgern wird oft durch Mobilisierung geeigneter Kräfte (z.B. mit Klicks von Mitgliedern oder Unterschriften von SympatisantInnen) zu erreichen versucht.

  •  «Campaigning ist die Kunst, alle Register ziehen zu können, um Ziele zu erreichen und Menschen zu bewegen» (campaigning summit Switzerland). Die Bewegung kann dabei vom Griff zum Portemonnaie über den Wechsel des Anbieters (z.B. business campaigning) oder der Partei bis hin zu einer Beteiligung an einer Blockade gehen.

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