Das AKW Beznau gefährdet nicht nur die umliegende Bevölkerung. Das älteste AKW der Welt droht auch den ganzen Betreiber-Konzern, die Axpo, in ein Finanzloch zu reissen. Und doch setzt die Axpo alles daran, das Kraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen. Warum nur? Antworten aus der Nuklear-Backstube.


Ist Beznau auch das Ende für die Axpo? Greenpeace-Aktion für die Abschaltung des ältesten AKW der Welt im Jahr 2014
© Jacob Balzani Lööv / Greenpeace

In Beznau wird Steuergeld verdunstet.

Jeden Tag werden in Beznau Verluste eingefahren, und das nicht nur, weil der Reaktor 1 nun schon seit bald einem Jahr keinen Strom mehr produziert. Der Stromkonzern Axpo, der sich im Besitz der Nordostschweizer Kantone befindet, erhält für seinen Strom aus dem AKW weniger Geld, als es kostet, ihn zu produzieren. Und dennoch sind die Axpo und ihr Geschäftsführer Andrew Walo wild entschlossen, den lottrigen, uralten und herzschwachen Reaktor wieder ans Netz zu bringen.

«Wie doof ist das denn?», mag sich da der eine oder die andere fragen. «Warum schicken die diesen müden Greisen nicht endlich in Pension?»

Es gibt Gründe dafür. Aber die zeugen von einem ziemlich kurzfristigen Denken und einem an Blindheit grenzenden Optimismus.

Der ominöse Deckungsbeitrag
Auf ihre steuergeldverdunstenden Aktivitäten angesprochen, ist bei der Axpo stets von einem «Deckungsbeitrag» die Rede, den das AKW noch leiste. Was verbirgt sich hinter diesem nebulösen Begriff?

Nehmen wir einmal an, die Axpo sei eine kleine Bäckerei, sie produziere also nicht Kilowattstunden – sondern Gipfeli. Gewisse Kosten hat diese Bäckerei nur dann, wenn sie tatsächlich Gipfeli produziert. Man nennt dies die variablen Kosten: Mehl zum Beispiel oder die Energie für den Backofen. Dazu kommen aber noch Kosten, die auch dann anfallen, wenn der Ofen aus ist – also keine Gipfeli produziert werden: die Fixkosten. Dazu gehören zum Beispiel die Miete, die Unterhaltskosten oder die Rückzahlung eines Kredits, den der Bäcker aufgenommen hat. Den Kredit zurückzahlen muss er so oder so; der Bank ist es grundsätzlich egal, ob der Bäcker Gipfeli verkauft oder nicht. Die Bank will bloss ihr Geld zurück.

Dieses Geld muss der Bäcker mit dem Verkauf seiner Waren erst verdienen. Er verkauft sein Gipfeli für einen Franken pro Stück. Davon geht die Hälfte ­– also 50 Rappen – für ebendiese Fixkosten weg. Weitere 40 Rappen gehen für variable Kosten wie Zutaten, Energie etc. drauf. Der Gipfeli-Beck kann also seine Kreditraten zahlen, die Rechnungen seiner Lieferanten, die Energie für den Ofen und verdient noch pro Gipfeli 10 Rappen.

Doch dann kommen schlechtere Zeiten. Nebenan eröffnet eine andere Bäckerei und verkauft das Gipfeli für 50 Rappen. Die Kunden unseres Bäckers sind nicht mehr bereit, einen Franken für ein Gipfeli hinzublättern. Der Bäcker muss den Preis notgedrungen auch auf 50 Rappen senken. Nun macht er pro Stück 40 Rappen Verlust. Hängt er deswegen die Bäckermütze an den Nagel? Die Bank will ja immer noch ihr Geld zurückbekommen, und nachdem der Bäcker seine variablen Kosten von 40 Rappen pro Gipfeli gedeckt hat, bleiben doch immer noch weitere 10 Rappen für die Fixkosten übrig, also für den Bankkredit oder die Miete. Und diese 10 Rappen sind dann eben dieser ominöse Deckungsbeitrag. Aber Gewinn – in seinem Fall sein Lohn – liegt nicht mehr drin. Der Bäcker lebt von seinen ersparten Reserven und hofft auf bessere Zeiten. Würde er seine Bäckerei sofort schliessen, müsste er alle Fixkosten aus der eigenen Tasche zahlen. Also steht unser Bäcker trotz Verlusten zähneknirschend jeden Morgen in aller Hergottsfrühe in seiner Backstube.

Sinkende Strompreise führen zu Verlusten in Beznau
So. Und damit vom Esswaren- zurück zum Stromgeschäft. Dort ist genau das passiert, was auch dem armen Bäcker passiert ist: Die Strompreise sind gesunken, und das unter jenen Betrag, den die Axpo aufwenden muss, um eine Kilowattstunde Strom zu produzieren: Das AKW macht Verlust. Doch wie steht es mit dem Deckungsbeitrag?

Das unabhängige Finanzinstitut Profundo hat für Greenpeace das Ausmass der Steuergeldverdunstung in Beznau unter die Lupe genommen. Dabei zeigt sich: Derzeit erwirtschaftet die Axpo mit ihrem Methusalem-Reaktor wahrscheinlich noch einen Deckungsbeitrag – sie ist also in der Lage einen Teil derjenigen Kosten zu decken, die auch dann anfallen, wenn das Werk stillgelegt würde.

Kostenwolken ziehen auf
Kein Grund zur Stilllegung also? Mitnichten. Die Finanzexperten bei Profundo haben ihre Berechnungen und Prognosen in einem Schönwetter-Szenario angestellt. Mit anderen Worten: Im aktuellen Marktumfeld lässt es sich vielleicht betriebswirtschaftlich (nicht sicherheitstechnisch, das ist ein andere Geschichte, von der beispielsweise hier ein Kapitel erzählt wird) rechtfertigen, Beznau 1 wieder ans Netz zu nehmen. Was aber, wenn neue Kostenwolken am Himmel aufziehen? Dann deckt der Beznau-Strom bald nicht einmal mehr die laufenden Kosten. Und die ersten dieser Wolken ziehen bereits auf oder dräuen am Horizont:

Ausserdem werden früher oder später weitere teure Nachrüstforderungen auf die Axpo zukommen:, Sie muss also – salopp gesagt – weitere Mittel in den Steuergeld-Verdunster reinpumpen, um das Risiko zu senken, dass er uns um die Ohren fliegt. Und, last but not least, wird auch der Strompreis voraussichtlich weiter sinken.

Bald gibt es also nur noch einen Grund, auf eine Wiederinbetriebnahme des ältesten AKW der Welt zu pochen: sture, weltfremde Ideologie.

Es bleibt zu hoffen, dass die Axpo doch noch irgendwann erkennen wird, dass man mit Atomstrom kein Geld mehr verdienen kann. Die Zukunft gehört sauberer Energie aus erneuerbaren Quellen: Sonne, Wind und Biomasse.

Weitere Informationen liefert dieses Faktenblatt
Die vollständige Studie von Profundo gibt es hier zum Download

Teilen
Twittern
Teilen
+1
E-Mail
WhatsApp