«Pro Juventute schlägt Alarm. Jeder achte Kindergärtler ist zu dick!» – Das war die «Blick»-Schlagzeile vom 17. März 2015. Was in Nordamerika schon lange unübersehbar geworden ist, tritt nun auch hierzulande zunehmend deutlich ans Licht: die Überfettung und -zuckerung der Gesellschaft, namentlich ihrer Kinder. Dies geschieht wesentlich deshalb, weil auch im Foodbusiness das Bereicherungsprinzip «Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren» gilt. Es wird sogar besonders dreist angewandt: Einige wenige verdienen daran, Kinder als Konsummaschinen zu missbrauchen, und Abertausende Eltern zahlen die Zeche. Und zwar doppelt: beim Kauf der Zucker- und Fettwaren und beim Begleichen der «Reparaturkosten».

Das Problem ist augenfällig. Und eigentlich müsste die Fastfood-, Chips- und Softdrink-Industrie verpflichtet werden, in einen McSchleck-Risikofonds einzuzahlen, aus dem steigende Gesundheits- oder Kurkosten abgefedert würden. Doch das wird in absehbarer Zeit nicht geschehen. Warum? Weil die Fettlobby grosse Abhängigkeiten geschaffen hat. Arbeitsplätze! – so lautet auch in diesem Fall das Totschlagargument. Es trifft auf den ersten Blick zu: In der Tat wurden viele Jobs in Schweinemästereien, Megametzgereien, Abfüllanlagen und in der Getränkeauslieferung geschaffen. Auf den zweiten Blick stimmt es immer noch: Auch in der Problembewältigung sind in Zukunftsbranchen wie Ernährungsberatung, Abmagerungskurbegleitung und zahnärztliche Zusatzdienste zahlreiche Stellen geschaffen worden. Es ist nicht zu leugnen: Jedes neue Konsumgut kann nicht nur neue Krankheiten hervorrufen, sondern bringt auch neue Jobs hervor.

Auf wessen Kosten diese Arbeitsplätze geschaffen werden, fragt sich indes spätestens beim dritten Blick: Wer kommt an die Kasse? Die Haushaltskassen. Über diese wird sozialisiert, d.h. die gesellschaftlichen Kosten in Form zum Beispiel von höheren Krankenkassenprämien bezahlt. Und wenn mehr aus den Kassen der Haushalte fliesst, aber nicht mehr in sie hinein, müssen die Eltern folglich das Geld anderswo einsparen (und damit werden aber überall «dort» auch Arbeitsplätze eingespart).

Die Strategie der privaten Profiteure ist dabei ganz banal: Um möglichst viel privaten Gewinn machen zu können, müssen die gesellschaftlichen Kosten möglichst lange versteckt oder verschleiert werden. Wie macht man das? Oft eingesetzte Mittel sind Imagekampagnen und (Gegen-)Studien. Das erste – ins Image zu investieren – versteht sich von selbst. Das zweite weniger. (Gegen-)Studien sind aber eine probate Verzögerungstaktik, wenn sie geschickt inszeniert (und finanziert) werden. Ihr Sound geht etwa so: «Es ist noch nicht gesichert, dass … Also braucht noch weitere Forschung.» Wie das Prinzip Gegenstudie funktioniert, zeigt die Erdöllobby anschaulich. Sie schaffte es, mit einer einzigen, raffiniert verbreiteten klimaskeptischen Gegenstudie hundert klimawarnende Studien in Frage zu stellen und wirklich steuernde CO2-Abgaben bisher zu verhindern.

Es wäre demnach nicht überraschend, gäbe es bald Studien, die zeigten, dass nicht mit absoluter Sicherheit nachgewiesen werden kann, dass drei Burger oder fünf Bulls pro Tag einen negativen Einfluss auf das Breitenwachstum kindlicher Körper haben. Illustrativ dafür ist ein kürzlich aufgeflogener Skandal: Der Coca-Cola-Konzern versuchte drei Professoren zu kaufen, die attestieren sollten, dass «der Konsum von Süssgetränken und die epidemische Zunahme von übergewichtigen und diabeteskranken Menschen keinen direkten Zusammenhang» hätten (siehe TA vom 26.11.15).

Eigentlich ist nicht einsichtig, warum bei der Ernährung schlecht sein sollte, was bei AKW recht ist. Bekanntlich müssen AKW-Betreiber für ihre effektiven und potenziellen Schäden Rückbaufonds- und Risikoversicherungsprämien zahlen und berappen so einen Teil der sozialen Kosten selber. Viel zu wenig, aber immerhin. Und würden Kalorienbomben ebenfalls als gesellschaftliche Zeitbomben betrachtet und mit einer Abgabe belastet, stünden Gelder zur Milderung der Schäden, für Fettrückbau oder Prävention zur Verfügung.

Sollte dereinst dennoch ein solcher McSchleck-Fonds eingerichtet werden, ist allerdings das Problem vorauszusehen, dass man sich über den Einsatz der Fondsgelder einigen muss. Wirtschaftsfreundliche Kreise würden in Sport- und Abmagerungskurse für übergewichtige Kinder investieren wollen, weil Kurse Arbeitsplätze schaffen. Denn würde das Geld mehrheitlich in die Prävention investiert, würden Stellen abgebaut. Und zwar beidseits der Wertschöpfungskette «fettleibiges Kind», das sowohl beim Zunehmen wie auch beim Abnehmen Arbeit schafft.

Derweil sieht McDo weitere Marktchancen: «Die Fast-Food-Kette zählt zu ihren acht weltweiten Wachstumsmärkten auch die Schweiz dazu. Der neue McDonald’s Chef Steve Easterbrook hat vor Investoren seinen Schlachtplan […] vorgestellt.» (20Minuten, 12.11.15).

Wie auch immer: Aus Kindern werden unabhängig der Leibesfülle Erwachsene; allerdings liegt die Lebenserwartung Nichtschlanker tiefer. Was im einzelnen Frühsterbefall fürs direkte Umfeld schmerzhaft ist, führt übers Ganze gesehen zu einem Arbeitsplatz-Plus, sofern kein Geld für die Prävention verschleudert wird. Denn von Übergewichtigen besetzte Arbeitsplätze werden tendenziell früher frei.

 

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