Erdbeben sind eine riesige Gefahr für die Schweizer Atomkraftwerke – grösser noch, als bisher angenommen. Das anerkennt die Atomaufsichtsbehörde ENSI zwar. Sie vertraut aber, offenbar aus Rücksicht auf die AKW-Betreiber, darauf, dass die Erde hierzulande nicht in den nächsten zehn Jahren stark beben wird.

 


Schwere Erdbeben kommen in der Schweiz glücklicherweise nur selten vor – zuletzt legte ein heftiger Erdstoss Mitte des 14. Jahrhunderts Basel in Trümmer. Der Schweizerische Erdbebendienst rechnet damit, dass ein so heftiges Beben wie damals etwa alle 1500 Jahre auftritt und auch heute noch gravierende Auswirkungen hätte mit tausenden Todesopfern und zehntausenden Verletzten. Zu diesem Leid könnte ein weiteres Problem hinzukommen, dass noch auf Jahrzehnte hinaus Bestand hätte: Schwere Schäden an den Schweizer AKW, die zu einer Kernschmelze führen könnten und weite Teile der Schweiz und des grenznahen Auslands verstrahlen.

Um dieses Horror-Szenario abzuwenden wurde Ende des letzten Jahrhunderts die Schweizer Atomaufsichtsbehörde aktiv, die damals noch auf den Namen HSK hörte und heute ENSI heisst. Besagte HSK startete 1999 ein Projekt mit dem klingenden Namen PEGASOS. Der mythisch anmutende Name steht für «Probabilistische Erdbebengefährdungsanalyse für die KKW-Standorte in der Schweiz». Das Projekt sollte aufzeigen, ob die Schweizer AKW einem schweren Erdbeben standhalten können oder nicht.

Erdbebengefahr nach Fukushima unterschätzt
Heute, siebzehn Jahre später, ist das Projekt noch immer nicht abgeschlossen. Niemand weiss, ob die AKW einem schweren Erdbeben standhalten würden. Das wird auch noch eine Weile so bleiben. Und das obwohl das ENSI heute eingestanden hat, dass die Erdbebengefahr für die Schweizer AKW zuletzt – in einem Zwischenbericht nach Fukushima – unterschätzt worden war. Statt aktiv zu werden und schnell Nachrüstungen einzufordern, schreibt das ENSI die unendliche Geschichte von PEGASOS fort: Die Betreiber erhalten nun bis ins Jahr 2020 Zeit, um zu zeigen, wie sicher ihre AKW sind, wenn tatsächlich ein schweres Erdbeben die Schweiz erschüttern würde. Dann, also in vier Jahren, ist aber noch keine einzelne Schraube ausgetauscht: Bis die Betreiber ihre AKW tatsächlich nachgerüstet haben, werden dann noch einmal viele Jahre ins Land ziehen – Jahre, in denen die Erde beben und Kerne schmelzen können.

Nachrüstungen unerwünscht
Dass die Geschichte von PEGASOS so unendlich ist, hat natürlich einen guten Grund: AKW-Betreiber scheuen Nachrüstungen wie der Teufel das Weihwasser – heutzutage mehr denn je. Denn die Atomkraftwerke sind wegen der tiefen Strompreise jetzt ein finanzielles Risiko für die Strombarone. Aus den Gewinn-Maschinen von einst sind Geld-Verdunster geworden. Da könnte jede zusätzliche Investition in die Sicherheit das wirtschaftliche Aus für Beznau und Co. bedeuten.

Wenn das ENSI den AKW-Betreibern nun diesen Freundschaftsdienst erweist und die Nachrüstungen auf die lange Bank schiebt, dann freut das zwar die Strombarone. Die Bevölkerung der Schweiz und des grenznahen Auslands hingegen hat Grund zur Sorge. Der Schutz vor einem schweren AKW-Unfall bei einem Erdbeben bleibt auf längere Zeit ein Mythos – ein Mythos wie das geflügelte Ross aus der griechischen Sage, der Pegasos.

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