Regen, Regen und nochmals Regen. Das Wetter in der Schweiz lässt momentan zu wünschen übrig. Was hat das aber mit der Klimaerwärmung und unserem Verhalten zu tun? Antworten des Klimaexperten von Greenpeace Schweiz Georg Klingler.


Georg Klingler, Klima-Experte von Greenpeace Schweiz (©Greenpeace/Nicolas Fojtu)

Im letzten Jahr Hitzewellen, nun Dauerregen. Ist das direkt auf den Klimawandel zurückzuführen?

Einzelne Wettererlagen können nicht kausal auf die Klimaerwärmung zurückgeführt werden. Es kann sich immer um eine natürliche Variation handeln, auch bei Extremen wie dem Hitzesommer 2003, die statistisch gesehen nur alle paar hundert Jahre vorkommen sollten. Gleichzeitig ist klar, dass die Klimaerwärmung die Wahrscheinlichkeit von solchen Wetterextremen, namentlich Starkregen und Hitzewellen, markant erhöht. Forscher der ETH errechneten, das schon heute mehr als die Hälfte der global auftretenden Hitzewellen und rund ein Fünftel der Niederschlagsextreme auf die Klimaerwärmung zurückzuführen sind.

«Wahrscheinlich» heisst aber noch nicht sicher …

Es ist wie mit der Geschwindigkeit und Verkehrsunfällen: Einerseits ist klar, dass bei erhöhten Geschwindigkeiten häufigere und schlimmere Unfälle passieren, dennoch kann nicht jeder Unfall auf die Geschwindigkeit alleine zurückgeführt werden. Auch die Tatsache, dass weltweit immer mehr Menschen so wie wir schnell herumfahren wollen, erhöht das Unfallrisiko markant. Bei der Klimaerwärmung ist es so, dass Forschergruppen weltweit sagen, wir sollten dringend die Geschwindigkeit drosseln und ein verträgliches Limit einführen. Die Politik und mit ihr unsere fossil-süchtige Gesellschaft steht aber immer noch mit einem Fuss auf dem Gas. Es scheint, dass noch nicht alle begriffen haben, welchen Preis wir und unsere Kinder dafür bezahlen werden.

Dies lässt nichts Gutes für die Zukunft erahnen. Wie wird die Welt unserer Enkelkinder aussehen?

Bereits unser Kinder werden die Welt deutlich bedrohlicher erleben als wir: Es werden beispielsweise neue Krankheitserreger und Schädlinge vorkommen. Die heute schon beobachtete Ansiedlung der Tigermücke im Tessin, die tropische Krankheiten übertragen kann, ist ein Anzeichen dafür. Hitze-Extreme und Dürren, gefolgt von extremeren Regenschauern und Überschwemmungen werden normaler. Dazu kommt, dass unsere Alpen immer unstabiler werden: Hänge kommen vermehrt ins Rutschen, und die Schneefallgrenze wird kontinuierlich ansteigen. Bei Gewittern und Stürmen hat man zwar Indizien, dass auch sie heftiger und häufiger werden könnten, man kann es aber (noch) nicht statistisch nachweisen.

Was ist die Ursache dieser Extremereignisse?

Die menschgemachten Treibhausgasemissionen oder, anders gesagt, die in unserer Gesellschaft völlig normale «Sucht» nach fossilen Energien und billigen Waren. Von der Steckdose, über die Kinderspielzeuge, über das warme Zimmer und das praktische Auto bis hin zum Fleisch auf unserem Teller: Alles entlässt grosse Mengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre, die dann die Wärme zurückhalten bzw. die Erde immer mehr zum gefährlichen Treibhaus machen.


August 2005: Heftige Regenfälle haben schweizweit Überschwemmungen verursacht. Das Engelbergertal und Engelberg selbst wurden durch die Fluten und Erdrutsche für Tage von der Umwelt abgeschnitten. (© Greenpeace / Ex-Press / Heike Grasser)

Das Problem ist gross, die Schweiz aber klein. Was können wir weltweit überhaupt bewirken?

Wir haben pro Kopf einen überdurchschnittlich hohen Ausstoss an Treibhausgasen: im Inland aber auch im Ausland, wo unsere Konsumgüter produziert werden. Und vergessen wir nicht, dass unser Finanzplatz von globaler Bedeutung ist und weiterhin viel Geld in fossile Energieträger investiert. Aber am wichtigsten scheint mir, dass die kleine, reiche und wissensstarke Schweiz Wege aufzeigen kann, wie man die Gesellschaft ohne Treibhausgase friedlich organisieren kann. Denn nur, wenn jemand anfängt, werden die Länder weltweit auch diesen Weg gehen.

Die Pensionskasse des Bundes, die Publica, hat kürzlich bekannt gegeben, dass sie nicht mehr in die klimaschädliche Kohle investieren will. Ist das der Königsweg?

Solche Entscheidungen haben sicher Signalwirkung, noch steckt aber zu viel Geld in fossilen Unternehmen, die sich an der Klimaerwärmung bereichern. Zudem gibt es neben der Publica hunderte weitere Pensionskassen, die diesen Schritt gehen sollten. Dies notabene auch, weil solche Investitionen ein erhebliches Risiko für unsere Altersguthaben sind. Der nächste Finanzcrash könnte sehr wohl wegen der Überbewertung der fossilen Energien kommen. Am schockierendsten sind aber nach wie vor unsere Grossbanken: Sie mischen weltweit vorne mit, wenn es um die Finanzierung von dreckigen fossilen Projekten geht.

Was muss passieren, damit wir – wie im Pariser Abkommen festgelegt – den nachfolgenden Generationen eine 100% erneuerbare Welt übergeben können?

Wir dürfen das Klima nicht im Regen stehen lassen. Wir müssen politisch endlich den Rahmen so setzen, dass erneuerbare Energien und Energieeffizienz an Stelle von fossilen Energien treten. Weil Nichtstun unsere Grundrechte gefährdet und sich die zuständigen Entscheidungsträger immer noch dagegen sträuben etwas zu ändern, rufen immer mehr Menschen die Gerichte an. In Holland haben sie erstinstanzlich Recht bekommen; ein Gericht hat den Staat zu mehr Klimaschutz verpflichtet. Auch in den USA wurden solche wegweisende Urteile gesprochen. Weitere Klimaklagen gibt es in Belgien, in Norwegen und auf den Philippinen.

Und was sollen wir im Alltag tun oder eben nicht?

Politikerinnen und Politiker wählen, die das Problem erkannt haben und ernst nehmen. Und natürlich selber den Verbrauch fossiler Energien sowie den konsumbedingten Treibhausgas-Ausstoss so stark wie möglich eindämmen.

Weitere Hintegrundinformationen im Klima-Masterplan der Klima-Allianz.

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