Im März 2011 gingen vor dem AKW Fukushima gewaltige radioaktive Wolken auf den Pazifik nieder. Greenpeace-Messungen zeigen: Das Meer hat die Strahlung weitgehend verdünnt. Doch Wälder und Flüsse sind stark verseucht. 

Ein Greenpeace-Team misst Strahlung im Pazifik vor dem Katastrophen-AKW Fukushima © Cornelia Deppe-Burghardt / Greenpeace

Es ist nur ein schwacher Trost für das heimgesuchte Land: Als im März 2011 gleich drei Reaktoren des AKW Fukushima Daiichi explodierten, war es einzig der Wind, der noch schlimmeres Unheil verhinderte. Er wehte den grössten Teil der Strahlung aufs offene Meer hinaus. Kaum auszudenken, wie es heute in Japan aussähe, wären die Radionuklide weiträumig über das Land verteilt worden.

Wie viel Radioaktivität bei dem dreifachen Super-GAU auf einen Schlag ins Meer gelangte, ist unbekannt. Klar ist nur, es ist eine riesige Menge: Die meisten Schätzungen gehen von ungefähr 30 Petabecquerel aus. Ein Petabecquerel sind eine Billiarde Becquerel – eine Zahl mit 15 Nullen. «Fukushima hat als Einzelereignis weltweit die bisher grösste radioaktive Belastung des Meeres verursacht», sagt Heinz Smital, Kernphysiker und Greenpeace-Experte für Atomkraft. «Nur den riesigen Ausmassen des Pazifiks ist zu verdanken, dass die Kontamination des Ozeans nicht deutlich höher ist.»

Im grossen Mixer
Vor der japanischen Küste treffen gewaltige Strömungen aufeinander. Der Oyashio-Strom bringt kaltes Wasser aus dem Norden, der Japan-Strom warmes aus dem Süden. Dieser gigantische Mixer zusammen mit den Wassermassen des Pazifiks hat die aufgenommene Strahlung inzwischen stark verdünnt. Die Greenpeace-Messungen vom Februar und März 2016 weisen am Meeresboden 52 bis 120 Becquerel pro Kilogramm aus. Das ist rund 200mal mehr als vor dem Super-GAU.

Entwarnung bedeutet das allerdings nicht. Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich vor allem auf Meeressediment und bestimmte Meerestiere. Wie sich das Ökosystem Meer und die Arten insgesamt unter der Belastung weiter entwickeln werden, ist völlig ungewiss. Zumal die Einleitungen noch lange andauern werden. Die Radioaktivität kann sich in Fisch und anderen Meereslebewesen anreichern.

«Obwohl hier keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung ausgeht, zeigen diese Ergebnisse, dass die Folgen von Fukushima noch sehr präsent sind. Welche gesundheitlichen Auswirkungen diese dauerhafte Belastung für die Menschen vor Ort hat, wird sich erst in der Zukunft zeigen», so Smital.

Stark verseuchte Wälder und Böden
In den Wäldern und Böden von Fukushima sind grosse Mengen an radioaktivem Cäsium gebunden. Wind und Wetter setzen permanent Radioaktivität frei, der Regen spült sie in die Flüsse. Vor allem im grossen Einzugsgebiet der Flüsse Abukuma, Ukedo und Niida mit ihren Nebenflüssen sind die Böden stark belastet. An der Mündung des Abukuma-Flusses mass das Greenpeace-Team eine Belastung von bis zu 5500 Becquerel pro Kilogramm. Am Ufer der Flüsse Niida und Ota war es bis zu dreimal so viel. Die Belastung ist also um ein Vielfaches höher als am Meeresgrund. Aus den verzweigten Flusssystemen wird noch viele Jahrzehnte lang radioaktives Cäsium-137 in den Pazifik gelangen. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Das heisst, in 30 Jahren ist die Strahlung um die Hälfte verringert.

«Für die Menschen in Fukushima gibt es auch mehr als fünf Jahre nach dem Atomdesaster keine Normalität» sagt Atom-Experte Smital. «Die Katastrophe dauert an. Die japanische Regierung ist weit davon entfernt, Fukushima unter Kontrolle zu haben.»

Die Messresultate im Detail (englisch)

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