In Rumänien haben Greenpeace-AktivistInnen damit begonnen, den letzten Urwald des Landes zu kartografieren. Damit soll der Grundstock für dessen Schutz gelegt werden. Denn die Forstwirtschaft wittert hier schnelles Geld.

 

Abgeholzte Waldflächen in der Nähe des Ortes Maguri.
Dienstag, 9. August 2016: Abgeholzte Waldflächen in der Nähe des Ortes Maguri. © Thomas Einberger / Greenpeace


Der Schweizer Wald besteht grösstensteils aus Aufforstungen, nachdem man man ihn bis Mitte des 19. Jahrhunderts fast komplett abgeholzt hatte. Die sprichwörtliche unberührte Natur findet man hierzulande nur noch in kleinflächigen, schwer zugänglichen Gebirgswaldecken. In Nord- und Osteuropa ist das anders. In den rumänischen Karpaten zum Beispiel, der Heimat von Bär, Wolf und Luchs, kann man durch jahrhundertealte Wälder streifen. Doch wie lange noch?

Schutz vs. Nutzung

Viele sehen im dichten Wald einen Selbstbedienungsladen: Illegale Rodungen sind auch in Rumänien ein grosses Problem. 2013 und 2014 verschwand unrechtmässig mindestens eine Million Kubikmeter Holz aus den Wäldern – so viel registrierten zumindest die zuständigen Behörden, die Dunkelziffer liegt sehr wahrscheinlich höher.

Südlich des Făgăraș-Gebirges hat Greenpeace nun eine Waldschutzstation eingerichtet. Insgesamt rund 90 AktivistInnen aus ganz Europa, darunter vier aus der Schweiz, sind dort zusammengekommen, um die Schönheit, aber auch die Zerstörung der wilden rumänischen Wälder zu dokumentieren. Das ist ein wichtiger Grundstock, damit die Greenpeace-Vision für den rumänischen Wald umgesetzt werden kann: ein Netzwerk von Schutzgebieten sowie eine verantwortungsbewusste Nutzung des Waldes und seiner Ressourcen.

Greenpeace möchte mit der Aktion die Aufmerksamkeit auf die wenigen verbliebenen Urwälder Rumäniens und Europas richten. Wenn es darum geht, den Urwald zu retten, denken die meisten hierzulande an Regenwald und Tropenholz – dabei sind die letzten wilden Wälder vor der Haustür ebenso gefährdet. Bei ihrem Schutz muss Europa mit gutem Beispiel vorangehen.

Dafür müssen aber erst die Voraussetzungen geschaffen werden: Oft ist nicht eindeutig, wo die Urwaldgrenzen verlaufen. Darum fordert Greenpeace ein Moratorium: Wo Urwaldgebiete vermutet werden, dürfen vorerst keine Bäume gefällt werden – bis die Urwälder umfassend kartografert und geschützt sind.

Kartografieren heisst schützen

Der Anfang ist getan: Vor kurzem hat die rumänische Regierung beschlossen, ein nationales Register der verbliebenen Urwälder zu erstellen. Alle Wälder, die nach offiziellen Kriterien als Urwälder oder Quasi-Urwälder gelten, sollen diesem Register hinzugefügt und dauerhaft vor der Säge geschützt werden. Klingt gut, das Projekt ist jedoch mit Problemen behaftet: So liegt die bisher einzige Bestandsaufnahme für diese Wälder schon mehr als zehn Jahre zurück. Seitdem ist in vielen von ihnen Holz gefällt worden. Ausserdem wurden damals nicht alle geeigneten Wälder berücksichtigt, sondern teilweise sogar systematisch ignoriert:  So gross sind die Interessen an ihrer holzwirtschaftlichen Nutzung.

Doch nun sollen laut Regierungsbeschluss die verbliebenen Urwälder systematisch identifiziert und dauerhaft erhalten werden. Auch die Öffentlichkeit und Nichtregierungsorganisationen sind aufgerufen, Wälder zu melden, die sich für die Aufnahme eignen. Daran knüpfen die Greenpeace-Aktivitäten vor Ort an.

So lange Unklarheit herrscht, wo sich überall noch Urwälder befinden, darf nicht rücksichtslos im rumänischen Wald gerodet werden. Wir fordern die Umweltministerin Rumäniens Cristiana Pașca-Palmer darum auf, das Moratorium für Urwaldpotenzial-Gebiete umgehend umzusetzen. Der Rodungsstopp soll so lange gelten, bis alle verbliebenen Urwälder identifiziert sind und dauerhaft rechtssicher unter Schutz stehen. Nur so ist gewährleistet, dass jahrhundertealte Wälder weiterhin unberührt bleiben dürfen und Europas Naturerbe bewahrt wird.

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