«Summa summarum heisst das, der Partizipationsprozess einer Lösungskampagne umfasst vier Bestandteile – eine Initiation, zwei Grundprozesse, nämlich Gärung und Verbreitung, sowie einen Hauptindikator, die positive Emotion der Beteiligten. Der Prozess führt dabei zunächst vom Thema zum ersten Änderungsziel. Das ist der Schritt über die Anfangsschwelle. Danach kann er durch wiederholte und kontext-angepasste Anwendung zu einer realen gesellschaftliche Veränderung führen». So fasst meine Kollegin unser Nachdenken über den Workshop „Partizipation“ zusammen, den wir gemeinsam an einer Tagung zum Solutions-Campaigning moderierten. Das ist es, auf den Punkt bzw. auf vier Punkte gebracht.

Die Reduktion auf vier Punkte hilft, sich in der Kompliziertheit des Systems zurecht zu finden; aber zugleich ist klar, dass es sich nicht um ein Betty-Partizipations-Rezept, sondern eben um einen Prozess handelt. Weil systemisches Betrachten stets mit einer gewissen Unübersicht­lichkeit beginnt – was hängt wie mit was zusammen und koppelt wie zurück? –, wird eine Ordnung zu schaffen versucht. Im Wissen, dass diese dynamisch ist und sich also ändern kann.

Diese vier Punkte sind das Resultat der systemischen Analyse von zwei Fallbeispielen. Der eine Fall ist „community-based“. Er handelt von der Ebola-Krisenintervention in Westafrika, die zunächst daran scheiterte, dass Partizipation nicht als relevanter Faktor betrachtet wurde, und erst durch den aktiven Einbezug der Bevölkerung zum Erfolg führte. Der zweite Fall ist „network-based“: Scouts-go-Solar – ein globales Netzwerk mit lokalen Impulsen in Gang setzen (über Solafrica in de Schweiz). Beide Beispiele, obschon grundverschieden, zeigten dasselbe Muster auf, nämlich dass reale gesellschaftliche Änderungen stets auf Gemeinschaften fussen. Seien es lokale oder thematische Communities, seien es Netzwerke oder Bewegungen: Nur durch sie und einen Partizipationsprozess kann realer Wandel  geschehen.

Denn irgendeinmal muss es konkret werden. Am Schluss eines jeden Protests stellt sich die Frage: Was nun? Reine Mobilisierungen sind hors-sol-Aktivismus, soziale Medien nur Brand­beschleuniger, nicht das Feuer selbst. Realitäten zu verändern, erfordert Hände. Geschieht dies nur vereinzelt, merkt das kaum eine/r. Machen einzelne „im System nicht mehr mit“ und steigen aus, dann ist das zwar ehrenhaft, bleibt aber ohne gesellschaftliche Folgen. Soll sich Gesellschaft jedoch real verändern, braucht es Partizipation. Das heisst, Betroffene werden Beteiligte und Mit-Anstifter. Zentral dafür, dass dies tatsächlich, breit und auch beschleunigt geschieht, sind neue Narrative. Narrative sind im Prinzip norm- und damit sicherheitsgebende gesellschaftliche Mantras mit hoher Antriebskraft. Das derzeit vorherrschende Mantra – „wir brauchen Wachstum“ – muss durch neue Narrative zurückgedrängt werden. Das gelingt umso mehr, wenn mit ihnen eine neue Praxis wächst und gezeigt wird: Es geht tatsächlich anders.

Zurück zu den vier Punkten; sie bedürfen je einer kurzen Erläuterung:

  1. Initiation: Die Initiant/innen hören „ihren“ Zielgruppen vorerst vor allem mal zu – stichproben­weise, interview- oder workshopmässig. In ersten Praxisübungen können Teile einer möglichen Kampagne bereits erörtert bzw. ausprobiert werden.
  2. Gärprozess: Vom Zuhören und Pretests zum Pilotprojekt. Im Zuge der Gärung entwickeln dabei ausgewählte Multiplikator/innen im Austausch mit Testgruppen aus dem Zielpublikum praxistaugliche Instrumente oder passen bestehende an die Bedürfnisse der Zielgruppe an. Gute Tools überzeugen, sie sind zentral. Wie das Smartphone: Weil es praxistauglich ist, findet es massenhaft Anwendung. Und am Ende der Gärung geben sich Top-Down und Bottom-up die Hand, d.h. Strategieebene und funktionierende Praxis finden sich zur gesellschaftlichen Wirkung (siehe hier eine Grafik dazu). Gärprozesse dauern Wochen, manchmal Monate oder gar Jahre, weil es u.a. auch darum geht, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, was natürlich Zeit braucht. Wird dieser Prozess übergangen, so kann es wie bei der Ebolabekämpfung dazu führen, dass die Ebola-Einsatzleistenden von den Gemeinschaften als Virus-Verbreiter verdächtigt und zurückgewiesen werden. Im anderen Beispiel brauchte die World Organization of the Scout Movement zwei Jahre, um beim Gären zu sehen, dass Greenpeace praxisfähig und also vertrauenswürdig ist.
  3. Emotion als Hauptindikator für gelingende (neue) Praxis: Tools, Botschaft, Mobilisierungs-Events etc. können dann massenfähig werden, wenn die Zielpublikum-Testgruppen (nicht deren Sprecher!) Freude und Interesse an der initiierten, und von ihnen entwickelten Sache haben. Also dann, wenn sie stimmig ist. Die beiden Grundemotionen „Freude“ und „Interesse“ sind die Triebkräfte von Lösungskampagnen. Der Änderungsprozess geschieht dabei nicht mit den Zielgruppen, sondern durch sie. Das heisst, nicht die Initiant/innen, sondern die Gemeinschaften bzw. Bewegungen sind die Trägerinnen. Und je näher das zu Verändernde an ihrem Alltag ist, desto wahrscheinlicher bleiben Menschen engagiert: Ist der Ertrag erlebbar, wird der Aufwand eher getan.
  4. Verbreitungs-Prozess: Das erste Ziel, funktionierende Praxis, d.h. eine Art „sozialen Prototypen“, zu erreichen, ist der Anfang des letztlich beabsichtigten nachhaltigen gesellschaftlichen Prozesses – ein Akkumulationsprozess durch Transfer. Das heisst: Wie kann andernorts ein ähnlicher Samen gepflanzt und zum Keimen gebracht werden? Eine Frage, die auch der sehr empfehlenswerte Film „Tomorrow“ aufwirft. Er dokumentiert reale Beispiele eines anderen, nachhaltigen Lebens und schreit damit förmlich danach, diese zu multiplizieren. Aber wie? Durch einen gestützten, partizipativen Transfer-Prozess, durch den das Modell (fast) zum Selbstläufer wird. Er kann über Gemeinschaften oder Netzwerke laufen, aber auch ein „Social Business Model“ sein. In jedem Fall ist es ist wie bei einem Rollbrett: Es braucht eine Kampagne, die mit einem Kick das Brett am Rollen hält.

Kuno Roth (Mitarbeit: Sarah Spiller*)

* Für dieses systemische Partizipationsmodell arbeitet Sarah Spiller derzeit an einem Tool und einer dazugehörigen e-learning-Sequenz, deren Beta-Version im November verfügbar sein wird. Sie ist engagierte Freiwillige in vielen Bereichen (u.a. als Stiftungsrätin von Greenpeace Schweiz) und arbeitet beim Kampagnenforum. Interessent/innen, die zu dieser Arbeit beitragen möchten, können ihr eine E-Mail schicken.

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