Nächstes Jahr soll in Russland der Prototyp eines schwimmenden Atomkraftwerks fertiggestellt werden – ohne dass die Gefahren ausreichend geprüft wurden. Das erste Risiko, das Anfahren, hat Moskau von St. Petersburg nach Murmansk verlegt.

Das schwimmende AKW wird mitten in St. Petersburg gebaut – mit Brennstäben beladen wird es nach heftigem Protest jetzt in Murmansk (© Dmitry Sharomov / Greenpeace)

Aufatmen in St. Petersburg: Bürgerinnen und Bürger haben ein wahnwitziges Experiment mitten in der Fünf-Millionen-Metropole verhindert. Dort, im Zentrum von Russlands zweitgrösster Stadt, wird der Atomreaktor Akademik Lomonosov nun doch nicht beladen und im Testlauf hochgefahren. Das hat der staatliche Atomenergiegigant Russlands Rosatom vor Kurzem verkündet.

Der Lastkahn mit insgesamt zwei Reaktorblöcken schaukelt derzeit noch auf der Newa in einem der Hafenbecken St. Petersburgs, in unmittelbarere Nähe zu Kirchen, Kindergärten und Fussgängern. Das Anfahren eines Reaktors – vor allem eines schwimmenden Prototyps ohne Betonschutzhülle – ist immer eine besonders riskante Phase im Betriebszyklus eines Atomkraftwerks. Sind alle Rohre dicht? Hält jede Manschette, jede Schweissnaht den Belastungen und dem Druck stand? Funktioniert die schnelle Notabschaltung? Bei ähnlichen atomaren Anlagen auf Eisbrechern oder Kriegsschiffen kam es in Russland bereits zu Unfällen – mit insgesamt 29 Toten. Dieses riskante Experiment soll nun in die sibirische Stadt Murmansk verlegt werden, nach der zynischen Logik: Dort träfe es im Falle eines Unfalls «nur» 300’000 Menschen.

Bürgerproteste gegen das schwimmende AKW
Mehr als 11’000 St. PetersburgerInnen hatten mit Unterschriften und Petitionen gegen das Beladen des Atomreaktors protestiert. «Für westliche Verhältnisse klingt das nach wenig Widerstand», erklärt Jan Haverkamp, Greenpeace-Experte für Atomenergie in Mittel- und Ost-Europa. «Doch im Russland Putins braucht es dafür sehr viel Mut. Der Widerstand zeigt, wie gross die Angst in der Bevölkerung ist.»

Auch die Ostsee-Anrainerstaaten sind froh über die Entscheidung Moskaus. Denn auch für sie ist es deutlich risikoärmer, wenn nicht ein angefahrener und somit strahlender, sondern ein leerer, unverseuchter Atomreaktor ihren Küsten entlang transportiert wird. Greenpeace hatte deshalb alle baltischen Staaten und Deutschland ersucht, sich gegen das schwimmende Atomkraftwerk auszusprechen. Die finnische Regierung zum Beispiel war darüber so besorgt, dass sie den Chef ihrer Atomaufsicht kürzlich nach St. Petersburg schickte, um die Lage vor Ort zu begutachten. Auch die norwegische Regierung hatte Moskau ihre Bedenken gegen die Pläne mitgeteilt.

Demonstration gegen das ungeprüfte Risiko: Greenpeace-Aktivisten protestieren am Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe in St. Petersburg gegen das schwimmende AKW (© Nicolai Gontar / Greenpeace)

Andere Staaten sollen Umweltprüfung einfordern
«Für die Anlage gibt es bislang keine Umweltverträglichkeitsprüfung», kritisiert Haverkamp. Der Greenpeace-Experte lotet gerade aus, inwiefern die betroffenen Staaten rechtlich Einfluss auf die Entscheidungen Moskaus nehmen können. Möglichkeiten dafür bietet die sogenannte Espoo-Konvention, ein europäisches Umweltabkommen aus dem Jahr 1997, das über 40 Länder ratifiziert haben. Es sichert den betroffenen Staaten eine Teilnahme an Umweltverträglichkeitsprüfungen relevanter Projekte zu. Russland ist dieser Konvention zwar nicht beigetreten, hat sie aber unterzeichnet und verkündet, ihr zu folgen.

Derzeit hat selbst die russische Atomenergiebehörde, das offiziell unabhängige Kontrollorgan, keinen uneingeschränkten Zugang zu den Reaktoren und nur sehr eingegrenzte Überwachungsbefugnisse. Denn schwimmende Atomreaktoren fallen – obwohl zivil genutzt – analog zu militärischen Einrichtungen nicht unter ihr Mandat.

Risiko-Reaktor für Risiko-Ölförderung
Geplant ist, dass die Akademik Lomonosov nächstes Jahr in St. Petersburg fertig gestellt und dann nach Murmansk transportiert wird. Dort sollen die Reaktoren beladen und getestet werden, bevor sie 2019 zu ihrem eigentlichen Bestimmungsort gezogen werden. Der heisst Pewek, eine 5000-Seelen-Gemeinde in der nordöstlichsten Ecke Russlands. Das erscheint auf den ersten Blick widersinnig, kann das AKW doch Strom für 100’000 Personen erzeugen. Die perverse Logik Russlands: Das Land plant bereits für eine Zeit, in der die Klimakrise die Häfen Sibiriens vom Eis befreit, und Ölförderung in der Arktis die Region wirtschaftlich beleben soll – auch wenn das für Umwelt und Klima verheerend wäre.

Dabei wäre die Stromversorgung für Ort wie Pewek viel günstiger, sicherer und nachhaltiger zu haben, wie Haverkamp erklärt: «Es wäre viel sinnvoller, gerade in abgelegenen Gebieten auf Energieformen zu setzten, die die Natur vor Ort bietet.» Denn selbst in Sibirien, wo keine erneuerbare Energie alleine genügend Potenzial besitzt und eine Kombination aus Sonnen-, Wind- und Wasserkraft sowie Energiespeicherung benötigt würde, wäre das immer noch billiger, als ein kleines strahlendes Atomproblem durch die Gegend zu schippern. Mit vielen Risiken, die alle absolut vermeidbar und unnötig sind.

Der geplante Weg der Akademik Lomonosov: blau ohne und rot mit radioaktiver Beladung.