Sie speichern riesige Mengen Kohlenstoff, sind Heimat etlicher indigener Völker sowie unzähliger Tier- und Pflanzenarten: die Wälder des Nordens. Doch wie lange kann dieses wertvolle Ökosystem den Klimawandel noch bremsen?



Donnerstag, 8. Dezember 2016 © Markus Mauthe / Greenpeace

Sie ist gigantisch, scheint beinahe unendlich: Die Waldwildnis, die die Arktis um den gesamten Erdball herum zwischen dem 50. und 70. Breitengrad umgibt. Dieser so genannte boreale, das heisst nördliche, Waldgürtel erstreckt sich von Alaska und Kanada über die skandinavischen Länder bis nach Russland an das Beringmeer. Er ist das Zuhause vieler indigener Völker. In Kanada leben beispielsweise die Dene und die Cree, in Skandinavien sind die Sami heimisch, die Nenets, Yakut, Udege und Altaisk bevölkern die Wälder Sibiriens. Doch ihre Landrechte müssen anerkannt und ihr Territorien besser geschützt werden.

Diese Nadelwaldregionen liegen im arktischen Winter unter einer Schneedecke; Karibus und Luxe stapfen durch den Schnee. Im Frühling verwandelt sich die Waldwildnis von einer mystischen weissen Landschaft in die grüne Krone der Erde; mehr als 20’000 Tier- und Planzenarten erwachen aus dem Winterschlaf. Zwischen einer und drei Milliarden Vögel brüten in den Wäldern; im Winter suchen sie bei uns oder in weiter südlich gelegenen Regionen Schutz.

Wichtiges Ökosystem und Kohlenstoffspeicher

Das Waldökosystem, das den poetischen lateinischen Namen Silva Borealis trägt, umfasst etwa 16 Millionen Quadratkilometer; rund 750 Milliarden Bäume wachsen dort. Es ist nach den tropischen Wäldern das zweitgrösste Waldökosystem der Welt – und von immenser Bedeutung für die Menschen und den gesamten Planeten.

Denn neben den tropischen Wäldern ist Silva Borealis der grösste Kohlenstoffspeicher der Welt. Eine Studie, die die bisherigen wissenschaftlichen Analysen des borealen Kohlenstoffspeichers auswertet, zeigt: Im Durchschnitt binden die nördlichen Wälder permanent etwa 1000 Gigatonnen Kohlenstoff, also eine Billion Tonnen. Anders als im tropischen Wald oder bei uns, sind es in den Wäldern des Nordens vor allem die Böden, die den Kohlenstoff speichern: 95 Prozent lagern dort.

Auftauender Boden und Kahlschlag

Fast zwei Drittel des borealen Waldes werden weltweit als Forstfläche genutzt. So sind in Kanada kanapp 40 Prozent, in Russland 58 Prozent und in Skandinavien – Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland – bis zu 90 Prozent für industrielle Forstwirtschaft vorgesehen. Problematisch dort ist die langsame sogenannte Umtriebszeit, also die Zeit, in der eine neue Generation Bäume nachwachsen kann. Durch die nördliche Lage und die langen Winter wachsen die Bäume sehr langsam. Deshalb können dünne, Flechten behangene Nadelbäume in den nordischen Wäldern so alt sein wie dicke Buchen hier bei uns. Der nicht nachhaltige Raubbau in diesen Wäldern, getrieben durch die industrielle Forstwirtschaft, aber auch durch Ölförderung, Minenbau und anderen Infrastruktur, muss aufhören. Denn diese Rodungen für Papier, Verpackungskarton und Bauholz zerstören nicht nur die Bäume, sondern auch die Waldböden. Diese setzen den gespeicherten Kohlenstoff frei – der Klimawandel wird weiter angeheizt.

Die Klimaerwärmung begünstigt schon jetzt die immer häufiger auftretenden Waldbrände – zunehmende Dürreperioden sind der Grund. Fast 60 Prozent des Waldverlustes in den nordischen Wäldern kann auf Feuer zurückgeführt werden – vielerorts werden sie sogar absichtlich gelegt, um billig an den Rohstoff  Holz zu gelangen oder Landnutzungsvorgaben zu umgehen. Zudem tauen wegen der Erwärmung viele ehemalige Permafrostböden auf. Um gegenzusteuern ist es wichtig, die nordischen Wälder nicht weiter zu zerstören – damit die Böden, auf denen sie stehen, nicht vom Kohlenstoffspeicher zur Kohlenstoffquelle werden.

Wir sind seit vielen Jahre in den Wäldern Russlands aktiv, aber auch in Skandinavien und Kanada. Das kanadische Great-Bear-Schutzgebiet, die Bewahrung von mehr als 100’000 Hektar finnischer Urwälder oder die Ausweisung des 74’000 Hektar grossen Kalevalski-Nationalparks in Russland sind einige Erfolge dieser Arbeit. Doch längst nicht alle Wälder sind sicher: In Schweden und Finnland sind viele Wälder ohne ausreichenden Schutzstatus, in Kanada schreitet der brutale Raubbau an den nordischen Wäldern weiter voran. Und im russischen Dvinsky-Urwald missachten Holzkonzerne ein Moratorium: Firmenkonglomerate wie Arkhangelsk Pulp & Paper Mill, ICE Titan, Solombalales und Region-Les LLC arbeiten mit Einschlagsmethoden, welche eher die Bezeichnung «Holzraubbau» als  Forstwirtschaft verdienen. Das bisher fast unberühte Naturparadies könnte innerhalb eines Jahrzehntes nahezu verloren gehen. Auch das Label des Forest Stewardship Council (FSC) ist keine Garantie dafür, dass die Holzwaren von dort aus nachhaltiger Bewirtschaftung stammen.

Wir fordern die nördlichen Länder auf, starke Fahrpläne für den Schutz der Wälder zu beschliessen. Diese müssen mit den so genannten Aichi-Zielen für den weltweiten Artenschutz übereinstimmen, die 2010 in einem internationalen Übereinkommen zur biologischen Vielfalt beschlossen wurden. Zudem müssen die Länder ihre nationalen Verpflichtungen zum Klimaschutz unter der UNFCCC deutlich verbessern. Für die Menschen, die von diesen Wäldern leben, für Bären, Luchse und anderen Tierarten sowie für unser Klima müssen die Wälder des Nordens erhalten bleiben.

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