Der Bieler Facharzt für Viszeralchirurgie Dr. Jérôme Tschudi (http://www.dr-tschudi.ch/) erfüllt sich einen langgehegten Traum und ist als Arzt und Crew-Mitglied derzeit bis Mitte Mai in Brasilien auf dem Greenpeace-Schiff Esperanza – und berichtet uns hier ungefiltert von seinen Erlebnissen und Eindrücken. Die Tour ist Teil der Kampagne zum Schutz des erst kürzlich entdeckten und von Greenpeace erforschten Amazonas-Riffes vor der brasilianischen Küste. Leider haben die Ölkonzerne ein Auge auf die Region geworfen, die als einzigartiges, ja neuartiges Ökosystem gilt. (https://www.greenpeace.ch/act/amazonas-riff/)

Jérôme Tschudi ist Teil einer wissenschaflichen Expedition. Sie soll die Basis legen, das bisher fast unerforschte ökologisch sensible und wertvolle Gebiet zu einem Meeresschutzgebiet zu machen, wo Fischerei-Aktivitäten und Ölbohrungen verboten sind. Ein WissenschaftlerInnen-Team ist mit an Bord und wird – u.a. mit einem ROV-U-Boot – Daten sammeln und das Riff dokumentieren. Das wird helfen, die Risiken und Konsequenzen von Ölbohrungen in dem ökologisch wertvollen Gebiet zu benennen, eine mögliche Schutzzone zu erarbeiten und die PolitikerInnen und die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es da unbedingt ein Meeresschutzgebiet braucht. 

Jerôme Tschudi sagt: «Ich freue mich, Leute kennenlernen, die sich aus Überzeugung und ohne persönlich Profit daraus zu schlagen für die Umwelt einsetzen, ihre Ideen, ihre Motivation, ihre Freuden und Ängste. Meine ganz grosse Hoffnung ist, dass wir es einmal schaffen, 40% der Weltmeere unter Schutz zu stellen.»


Sonntag, 22.4.18
Gestern Abend wurde die versammelte Crew von den Kampagnenleuten informiert. Rein die Tatsache, dass wir Riffanteile in einem geplanten Bohrfeld finden konnten, ist schon ein Erfolg der diesjährigen Expedition, weil die Umweltverträglichkeitsprüfung von Total von einer Distanz von mindestens 8 km zum Riff spricht. Der Staatsanwalt des Bundesstaates Amapa hatte bereits nach der Expedition 2016 von den Behörden verlangt, die Bohrbewilligung vorerst auszusetzen. Aufgrund der neuen Erkenntnisse spricht er sich nun für die Aufhebung der Bewilligung aus. Auch die Tatsache, dass wir den Tauchroboter wegen der Strömung nicht einsetzen konnten, ist ein Warnhinweis vor riskanten Bohrungen. Die Gegend gehört weltweit zu denjenigen mit den stärksten ganzjährigen Meeresströmungen, was mit ein Grund war, dass die vermuteten Ölvorkommen bisher nie nachgewiesen und ausgebeutet werden konnten. Erste Versuche stammen von 1970. Der letzte von Petrobas datiert von 2011, die Ölplattform riss sich aber aus ihrer Verankerung und strandete. Im Anschluss zeigt Ronaldo unsere Videosequenzen des Riffs mit Erläuterungen. Er erwähnt, dass bei jedem bisherigen Tauchgang im Riff über 80m Tiefe mindestens eine neue Art entdeckt werden konnte. Von unseren vielen Boden- und Wasserproben erwartet er weitere Entdeckungen, sie sind aber noch nicht ausgewertet. Während weltweit die Riffe in seichten Gewässern vom Klimawandel akut bedroht sind und grösstenteils verschwinden dürften, sind tief reichende Riffe wie das Amazonas-Riff von herausragender Bedeutung für deren Wiederbelebung.
An Bord ist die Stimmung gehoben, als ich meine Wache antrete. Dann plötzlich ein weiblicher Anruf aus dem Bordfunk: «Brücke von Schlafzimmer , bitte antworten». Mein Offizier, Nazareth, antwortet: «mhh? von Brücke, was ist?» «(Lied) I just call, to say, I love you». Nazareth antwortet rührungslos: «verstanden».
Wir sind die ganze Nacht der Markierungsboje unserer Fischreuse nahe geblieben, was dank ihrer Beleuchtung relativ einfach war. Noch in der Nacht beginnt die Bergung. Die See geht wieder einmal sehr hoch, der Bug klatscht gegen die Wellen, es regnet zeitweise. Das Manöver ist schwierig, das erste Seil hält der Belastung nicht stand und zerreisst mit einem Knall, was man hatte kommen sehen, sodass sich alle rechtzeitig in Sicherheit vor dem Peitschenschlag gebracht haben. Nach gut drei Stunden ist die Reuse an Deck, leider aber leer. Dafür bringt ihr Anker ein kugelrundes, rostrotes Gebilde mit senkrecht daraus hervorstehenden Stacheln herauf, was mich an eine Seemine aus dem zweiten Weltkrieg erinnert. Es handelt sich aber um einen besonderen Schwamm mit harter Schale, aus dem Ronaldo Würmer entnimmt zur genetischen Analyse. Normalerweise sind auch kleine Fische in solchen Schwämmen zu finden, diese haben aber verständlicherweise reissaus genommen.


Samstag, 21.4.18
Bent, unser Chef-Ingenieur, hat sich die Zeit und Mühe genommen, mir den Motorenkontrollraum und den Motorenraum zu erklären. Die Esperanza wiegt über 2000 Tonnen. Die zwei Hauptmotoren haben je 3000 PS Leistung und sind etwa 5x so gross wie der Elektroantrieb, der aber immerhin 2400 PS leistet. Für Hafenmanöver sind sie nötig, weil dann der Elektroantrieb die Bug- und Heckstrahler antreibt und nicht gleichzeitig auch den Schiffsantrieb übernehmen kann. Ohne Hauptmotoren wäre die Esperanza auf Hafenschlepper angewiesen. Er erklärt mir geduldig die verschiedenen Systeme zur Wasser- und Treibstoffaufbereitung sowie zur Klimaanlage und weist immer wieder darauf hin, wo und wie Energie eingespart wird. Wie immer bereitet es mir besondere Freude, jemandem zuzuhören, der begeistert von seinem Fach spricht, auch wenn ich viele Erläuterungen gar nicht verstehen kann.
Bent hat seinen Beruf von der Pike auf erlernt, vom Maschinenschlosser bis zum Ingenieur. Durch einen Freund wurde er angefragt, ihn während seiner Ferien auf der Esperanza zu vertreten, was ihm so gefallen hat, dass er seit 2000 der Esperanza und Greenpeace treu geblieben ist.
Heute sind die Bedingungen für den Tauchroboter wieder schlecht, obwohl es kaum Wind und Wellen hat, dafür aber eine ausgeprägte Dünung. Wir sind wieder am Ort, wo wir die Fischreusen gesetzt hatten, in etwas seichteren Gewässern. Die letzte noch vorhandene Reuse wird gesetzt, mit einem guten Anker versehen und markiert inkl. Beleuchtung und Radarreflektor. Wir werden die Boje in der Nacht optisch verfolgen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren und sie bei Tagesanbruch zu bergen. Die Wache verspricht, anstrengend zu werden.


Freitag, 20.4.18
Ich bin nun neu der Wache 20-24 Uhr zugeteilt. Mein Offizier heisst Nazareth, ein sehr gewissenhafter und ruhiger 35-jähriger Italiener. Nazareth arbeitete zunächst als «macchinista di teatro», half Bühnen und Zirkuszelte aufstellen, eine Arbeit, die sonst Seeleuten vorbehalten ist, die altershalber nicht mehr zur See fahren. Für den Militärdienst bewarb er sich bei der Marine. Diese teilte ihn einem Zerstörer zu, wo er im Maschinenraum Dienst tat. Als man ihm befahl, ölhaltiges Bilgenwasser über Bord zu pumpen, verweigerte er den Befehl, erhielt den Spitznamen «Greenpeace» und wurde zum Tellerwäscher umgeteilt. Nazareth hatte nie von Greenpeace gehört, konnte sich aber mit der Organisation identifizieren und fährt seither auf ihren Schiffen zur See. Während der Wache arbeitet er täglich voll konzentriert zwei Stunden an seinen Inventarlisten, hakt jeden Posten genauestens ab. Ich bewundere ihn für seine eiserne Disziplin in einer mehr als trockenen Materie. Frühmorgens soll das Sonar in strömendem Regen heruntergelassen werden. Obwohl das Haltetau noch Touren um den Poller hat, fängt es plötzlich an, wie geölt zu rutschen, und Céline wird mitgerissen, fliegt über das Deck auf die Klüse zu, wo wir das Tau zu dritt bändigen können. Glücklicherweise hat sich niemand dabei verletzt. Wir lernen gleich beide, dass man solche Taue nur langsam unter dauerndem Zug lösen darf, um genau das zu verhindern.
Nun muss ich noch das «Znüni» Juan’s beschreiben: Zwei grosse Toastbrote, die er liebevoll mit Olivenöl durchtränkt, pfeffert, dann mit einer Lage Käse und einer mit Salami belegt, und fertig ist das Toastbrot für die nahrhafte Zwischenmahlzeit. Ehrlicherweise muss ich beifügen, dass Juan von schlanker athletischer Statur ist und körperlich schwer arbeitet…
Der Tauchroboter wird heute mehrmals vor der Amazonasmündung eingesetzt, wo die Sedimente abgelagert werden. In diesem Bereich ragt das Riff als kleine Inseln aus den Sedimenten heraus.


Donnerstag 19.4.18
Endlich! Endlich ist die See ruhig; es hat kaum Wellen und nur eine geringe Strömung. Endlich kann der Tauchroboter gewassert werden und die ROVCO-Leute können den beweglichen Teil ausfahren und die Gegend absuchen. Die so gewonnenen Bilder sind unglaublich schön und gestochen scharf. Auf 100m Tiefe sind im schwachen Tageslicht nur Blautöne zu erkennen, bei zugeschaltetem Kunstlicht aber erstrahlt das Riff in allen Farben, wie im Schaufenster einer Bijouterie mit kunstvoll angestrahlten Rubinen, Smaragden, Amethysten, Bernstein. Wir erkennen grosse Schwämme von etwa einem halben Meter Durchmesser mit einer Öffnung, in der kleine Fische Schutz suchen, sie sind eierschalenweiss oder gelb, ähneln z.T. einer Meringue oder weisen eine kleinhöckerige Oberfläche auf, daneben wiegen sich verschiedene Korallen sanft in der Strömung. Die Korallen erinnern in ihrer Form an Galapagos-Eidechsen, an Elchgeweihe, an ausgestreckte Finger, an Bonsai oder Gräser. Bunte Fische suchen darin Schutz und sind durch den ungewohnten Besuch sichtlich verunsichert. Das Riff ist landkartenartig angeordnet oder inselförmig, dazwischen liegt sandiger Meeresboden vor, was erklärt, dass man bei blind durchgeführten Bodenproben ohne weiteres irregeleitet werden kann. Die Zuschauer sind elektrisiert, dann löst sich die Spannung langsam und macht einer grossen Erleichterung Platz, dass unsere Bemühungen endlich Früchte tragen. Es gibt Umarmungen, man lacht und klatscht. Ich selber empfinde grosse Dankbarkeit, das sehen zu dürfen. Schon für diese Bilder alleine hat sich die Reise gelohnt.


Mittwoch, 18.4.18
Greenpeace hat gestern aufgrund unserer Forschungsexpedition in einer Medienmitteilung bekannt gegeben, dass ein einzigartiges, schützenswertes Riff auf dem Unterwasser-Areal gefunden wurde, wo der Konzern Total nach Öl bohren will. Das Medienecho war weltweit gewaltig, es haben 187 Zeitungen darüber berichtet. Total war für eine Stellungnahme nicht verfügbar. An Bord wird diese Meldung mit Begeisterung aufgenommen und tröstet über die täglichen Schwierigkeiten unserer Forschungsarbeit hinweg. Am Abend gibts ein Barbecue auf dem Achterdeck in gelöster Stimmung. Wir feiern so Medienmitteilung und Geburtstag unseres Kapitäns in einem.
Aktuell wird daran gearbeitet, herauszufinden, wie weit das Riff in die geplanten Bohrfelder hineinreicht. Für uns bedeutet das intensive pausenlose Arbeit mit Bodenproben, Unterwasserkamera, Wasserproben etc. Gemäss Ronaldo scheint das Amazonas-Riff wesentlich grösser zu sein, als bisher angenommen. Er vermutet, dass es bis nach Französisch-Guyana reicht, was bedeuten würde, dass es sich nicht mehr um eine rein brasilianische Angelegenheit handeln könnte.


Dienstag, 17.4.18
Unsere gestrige Diskussion auf der Wache hat Wellen geschlagen. Der Kapitän war von einem erst vier Jahre alten gut ausgerüsteten, online angebotene Schiff mit 60 Kojen besonders angetan und hat es dem Greenpeace-Hauptsitz gemeldet. Die Esperanza kommt jedoch frisch zertifiziert aus dem Trockendock, wo sie umfassend revidiert worden ist. Das Zertifikat ist jeweils für fünf Jahre gültig. Das Evaluationsverfahren für einen Ersatzkauf soll 2019 beginnen, der Kauf oder Neubau ist für 2021 geplant. Das neue Schiff sollte weniger Treibstoff verbrauchen als die Esperanza, was von Occasionen nicht erwartet werden kann und einen elektrischen Antrieb voraussetzt. Affaire à suivre.
Wir mussten heute konsterniert feststellen, dass unsere Reusen von der Strömung mitgerissen worden sind. Nach vier Stunden erfolgloser Suche am Ort der Platzierung und in Richtung der Strömung müssen wir klein beigeben, wirklich enttäuschend.
Als ich kürzlich auf die Brücke kam, hat mich einer der wachhabenden Offiziere gebeten, ihm einen Kaffee zu bringen und die leeren Tassen mitzunehmen. Ich war etwas erstaunt, ist es doch sonst üblich, dass jeder sein Geschirr selber abwäscht und seinen Kaffee holt. Ich tat aber wie geheissen. Grölendes Lachen bei meinen KollegInnen, die nur auf meine Rückkehr gewartet hatten. Sie alle kennen das Spielchen. Als er von Victor seinen Kaffee erhält, meint der Offizier, er könne ruhig etwas mehr Zucker hinein tun.


Montag, 16.4.18
Tagtraum auf der Hundewache. Die Forschungsbedingungen am Amazonas-Riff sind sehr anspruchsvoll, vor allem macht uns der meist über zwei Knoten starke Strom zu schaffen, weil sich die Esperanza nicht an Ort halten lässt. Vorausgesetzt, dass sich Greenpeace international strategisch vermehrt in der Meeresforschung engagieren will, indem sie logistisch unabhängige Forschergruppen in ihrer Arbeit unterstützt, diskutieren mein Offizier und ich folgendes Szenario: Kauf oder Charter eines «Diving support vessel». Gegoogelt finden sich gleich mehrere Occasionen verschiedenen Alters und verschiedener Preisklassen. Diese sind mit dynamischem Positionssystem und aktiver Hub-Kompensation ausgestattet, erlauben Unterwasserarbeiten zwischen 400-1000m und vieles andere mehr. Sie sind von der Grösse der Esperanza oder etwas grösser und verfügen über bis zu 80 Kojen, Helikopterlandeplatz und Schwimmbad. Knackpunkt Finanzierung: Die Esperanza ist gut im Schuss und überdurchschnittlich ausgestattet, sie dürfte sich dadurch gut verkaufen lassen. Greenpeace könnte Firmen und Staaten unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfungen anbieten, und würde dadurch neue Standards für solche schaffen. Sie könnte ausserdem «Greenpeace-Kreuzfahrten der besonderen Art» anbieten für besonders grosszügige Spender aber auch für « Touristen», die die besondere «Greenpeace-Atmosphäre» der grossen Familie und die Forschungsarbeiten hautnah miterleben möchten.
Dieses Szenario ist NICHT mit Greenpeace abgesprochen und ist als Diskussionsbeitrag zu verstehen.
Mit den Sonaren haben wir eine mehrere Meilen lange Steilwand am Meeresgrund entdeckt, die bisher unbekannt war. Steilwände im Meer sind in der Regel Orte erhöhter Biodiversität, d.h. sie sind Lebensraum für besonders viele Lebewesen, weil dort die Tiefsee und der Kontinentalsockel zusammentreffen. Wir versenken drei Reusen, mit denen an zuvor bestimmten Stellen Fische gefangen werden sollen für genetische Untersuchungen. Sind die Reusen erst im Wasser, wird die Markierungsboje nachgeworfen, die ein oranges Fähnchen hochhält, das das Auffinden später vereinfachen soll. Das Fähnchen liegt aber zuerst im Wasser und wird von besorgten Blicken verfolgt. Als es sich dann langsam aufrichtet, ertönen ermutigende Ausrufe an Deck, ganz wie bei einem Match, und als das Fähnchen dann stabil im Winde weht, wird allgemein gepfiffen und geklatscht. Melissa, unsere zierliche Brasilianerin versucht, den kräftigen Viktor zu umarmen, ihre Arme sind dafür aber viel zu kurz und alle müssen lachen. Viktor lacht mit und hebt Melissa mit einem Arm über seinen Kopf hoch, wie ein Schosshündchen.

Weitere Tagebucheinträge: