Der Bieler Facharzt für Viszeralchirurgie Dr. Jérôme Tschudi (http://www.dr-tschudi.ch/) erfüllt sich einen langgehegten Traum und ist als Arzt und Crew-Mitglied derzeit bis Mitte Mai in Brasilien auf dem Greenpeace-Schiff Esperanza – und berichtet uns hier ungefiltert von seinen Erlebnissen und Eindrücken. Die Tour ist Teil der Kampagne zum Schutz des erst kürzlich entdeckten und von Greenpeace erforschten Amazonas-Riffes vor der brasilianischen Küste. Leider haben die Ölkonzerne ein Auge auf die Region geworfen, die als einzigartiges, ja neuartiges Ökosystem gilt. (https://www.greenpeace.ch/act/amazonas-riff/)

Jérôme Tschudi ist Teil einer wissenschaflichen Expedition. Sie soll die Basis legen, das bisher fast unerforschte ökologisch sensible und wertvolle Gebiet zu einem Meeresschutzgebiet zu machen, wo Fischerei-Aktivitäten und Ölbohrungen verboten sind. Ein WissenschaftlerInnen-Team ist mit an Bord und wird – u.a. mit einem ROV-U-Boot – Daten sammeln und das Riff dokumentieren. Das wird helfen, die Risiken und Konsequenzen von Ölbohrungen in dem ökologisch wertvollen Gebiet zu benennen, eine mögliche Schutzzone zu erarbeiten und die PolitikerInnen und die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es da unbedingt ein Meeresschutzgebiet braucht. 

Jerôme Tschudi sagt: «Ich freue mich, Leute kennenlernen, die sich aus Überzeugung und ohne persönlich Profit daraus zu schlagen für die Umwelt einsetzen, ihre Ideen, ihre Motivation, ihre Freuden und Ängste. Meine ganz grosse Hoffnung ist, dass wir es einmal schaffen, 40% der Weltmeere unter Schutz zu stellen.»

Donnerstag, 26.4.18
In Santana kommt nicht wie üblich ein Lotse an Bord, sondern gleich deren vier. Vor dem Hafen will niemand etwas von einem reservierten Anlegeplatz wissen. Wir ankern im Fluss, bis sich eine Lösung findet. Dann wissen die Lotsen nicht, ob die Fahrrinne für die Esperanza genügend tief ist. Wir wassern ein Schlauchboot und kontrollieren sie mit dem Echolot. Die vier Lotsen haben sich an Bord verpflegen können und präsentieren eine saftige Rechnung für fünf Stunden Arbeit. Wir dürfen an Pontons anmachen, auf denen Lager mit fermentierendem Soja (wohl Futtermittel u.a. für Europas Fleischfarmer) ihren üblen Gestank verbreiten.
Ohne brasilianische Begleitung haben wir Ausgangsverbot. Wo wir anlegen mussten, ist die Gegend besonders unsicher. Für meine Kollegin und mich selbst wurde ein Termin bei einer Zahnärztin vereinbart. Mit zwei Stunden Verspätung fahren wir los. Das Gelände ist abgezäunt, ein Wächter öffnet das Tor und lässt unseren Wagen durch. Die Strasse ist nicht asphaltiert, der rötliche Boden weist enorme Schlaglöcher auf, der Wagen schleift zuweilen am Boden entlang. Die tiefsten Schlaglöcher wurden mit Haushaltsmüll planiert. Auf einem Müllhaufen am Strassenrand sitzen drei Aasgeier. Sehr einfache Hütten mit Wellblechdächern säumen die Strasse und viele Kinder schauen uns beim Vorbeifahren zu, genauso dutzende magere Hunde. Die Hauptstrasse ist zwar asphaltiert, aber die Fahrerin muss geschickt den Schlaglöchern ausweichen. Motorräder und Scooter schlängeln sich an uns vorbei. Auch Autos überholen sowohl rechts wie links. Die Zahnärztin hat ihre Praxis in einem kleinen Haus, der schmucklose Garten ist von einer drei Meter hohen Mauer umgeben und oben elektrifiziert. Gegen die Strasse zu schliesst ihn ein ebenso hohes kräftiges Gitter ab. Die Zahnärztin nimmt uns trotz unserer Verspätung. Wir werden beide sogleich geröntgt. Kein Strahlenschutz, die junge Assistentin steht im Strahlenkegel. Meiner Kollegin empfiehlt sie, den Backenzahn zu ziehen. Als wir zögern, schlägt sie vor, sie am nächsten Tag mit ihrem Kollegen zu besprechen. Nun bin ich dran. Die Ärztin führt einen herzförmigen Spiegel in meinen Mund und macht mit ihrem Handy Fotos. Dann erklärt sie, dass sie an meinem Backenzahn einen Riss entdeckt hat. Nach perfekt durchgeführter Anästhesie ersetzt sie die alte Füllung und singt dabei die Lieder im Radio mit. Die Rechnung zahle ich sofort, alles zusammen umgerechnet 165 Franken. Es ist 20 Uhr geworden und wir fahren durch die Nacht zur Esperanza zurück. Die Strassen sind voller Leute. Im Regen hat sich der Strassenrand in Schlamm verwandelt. An Bord sind jetzt zwei junge Wachen von kräftiger Gestalt, der eine mit einem blauen Auge. Ich trete mit Verspätung meine Wache an und kann mich nach Mitternacht kurz hinlegen.

Freitag, 27.4.18
Tagwache vor 04 Uhr. Geplant ist ein wissenschaftlicher Flug von drei Stunden von der Amazonasmündung über den Regenwald gegen Französisch-Guyana zu. Fernando, unser Pilot, zeigt uns die Wetterprognosen auf seinem Tabletcomputer, wo die Flugroute durch eine Gewitterzone führt. Ausweichen ist nicht möglich, dafür ist die Reichweite des Flugtaxis zu gering. Wir warten im Hotel, wo wir uns glücklicherweise etwas hinlegen und schlafen können. Nachmittags ist das Wetter besser und wir können als VIP schnell durch die Sicherheitskontrolle hindurch zum Flugtaxi. Anlegen der Schwimmwesten, Drei-Punkt-Sicherheitsgurte. Fabio installiert sich mit seiner Kamera im Heck des Flugzeugs. Aus der Luft erkennt man die enorme Breite des Amazonasstroms, im Vergleich wäre der Bodensee ein kleiner Fluss. Dann geht der Flug der Küste entlang über weitflächig entwaldete Gebiete, auf denen Rinder weiden. Gegen das Landesinnere zu finden sich Soja-Plantagen, für die ebenfalls grosse Flächen gerodet wurden. Die Holzfäller, die jeweils die Zerstörung des Regenwaldes einleiten, sind schon lange weitergezogen, Tropenholz findet sich hier keines mehr. Der Regenwald ist in Inseln zu erkennen, weiter im Landesinneren erscheint er fast unberührt, teilweise handelt es sich aber um Sekundärwald, der nachgewachsen ist, teilweise auch nur um Sträucher. Der Boden ist vielerorts stark erodiert, der Humus verloren gegangen. Die Austrocknung ist noch nicht überall eingetreten, wir fliegen über viele kleine Flussläufe und Teiche. Wenn Fabio es wünscht, fliegt Fernando enge Kurven im langsamen Tiefflug, gefühlsmässig schauen die Flügel dann senkrecht nach oben und unten, beim ersten Mal fühle ich mich schon etwas mulmig. Auf dem Rückflug filmen wir eine typische Welle, die auf dem Amazonas dort entsteht, wo der Strom auf das Meer stösst. Das braune Wasser erscheint im Abendlicht goldbraun glitzernd. Der Anflug führt über armselige verschachtelte Vororte. Wir kommen müde zur Esperanza zurück.

Samstag, 28.4.18
Ich gehöre zur ersten Gruppe, die durch eine der Brasilianerinnen an Bord durch Macapa geführt wird. Wir besuchen das Museum des Aequators, der genau durch Macapa führt. Darin enthalten ist ein Souvenirladen mit Arbeiten der indigenen Bevölkerung, die sich dadurch ein Zubrot erarbeitet. In Verlängerung des Museums wurde ein grosses Sportstadium gebaut, in dem die eine Mannschaft auf der nördlichen, die andere auf der südlichen Halbkugel spielt. Vom Dach des Museums aus ein grosses Reklameschild. Ein Motel bietet Zimmer für zwei Stunden für nur fünf Franken an. Dann geht es zum Mittagessen in ein Restaurant am Strand des Amazonas. Der Sandstrand mündet in das typisch braune Wasser des Amazonas, darin baden einige Kinder. Das Restaurant liegt an einem Kanal auf Stelzen gebaut, genauso wie die gegenüber liegenden Häuser, die Fenster einfache Löcher, die nie geschlossen zu werden brauchen, es ist hier immer heiss. Auch dort wird gegessen, gefolgt von einer Siesta in den hier überall zu sehenden Hängematten. Das Essen ist ausgezeichnet, die Getränke eiskalt, aber ohne Klimaanlage könnte man sich gleich zum Schlafen hinlegen. Statt dessen schaue ich den vielen Kindern zu, die den Kanal in kleinen Booten immer wieder überqueren. Sie paddeln sehr geschickt, turnen auf den schwankenden Bötchen sicher umher oder fischen im Kanal. Zum Dessert besuchen wir eine Gelateria und dann die portugiesische Festung am Ufer des Amazonas, die ab 1970 restauriert wurde. Die grossen Kanonen heissen «Mutter Gottes», die Lafetten fehlen. Das Fort konnte allerdings seine Aufgabe, nämlich den Handel fremder Mächte auf dem Amazonas zu verhindern, nie erfüllen, dafür ist der Strom viel zu breit. In der Bar am Strand klingt der Tag aus, bis wir uns vor dem nächsten Tropenregen unter das tropfende Dach zurückziehen müssen. Bei Nacht kommen wir zur Esperanza zurück.

Sonntag, 29.4.18
Heute ist die zweite Gruppe an der Reihe, Macapa zu besuchen. Ich verarzte unsere Fotografin, die nach einem kleinen Sprung unglücklich gelandet ist und sich das Knie verdreht hat. Sie erzählt mir von den sozialen Problemen Brasiliens. Unter Präsident Lula wurde viel Geld in die Bildung gesteckt, die Armen erhielten Sexualunterricht, die Geburtenrate ist gerade unter den sozioökonomisch Schwächsten zurückgegangen, was bemerkenswert ist. Neue Gesetze gegen die Ausbeutung der armen Bevölkerungsschichten wurden geschaffen, und diese Leute haben begonnen, sich zu wehren, was zu regelrechtem Hass der reichen Bevölkerung auf die Armen geführt habe. Die neue Regierung kürzte die Gelder für Erziehung und Gesundheit wieder. Mit vorhersehbaren Folgen, wie mir erzählt wird: Früher hätten Minderbemittelte versucht, mit Fussball zu Namen und Geld zu kommen, aktuell würden sie dies mit Kampfsportarten tun, wobei sie auch aggressiver würden in einem ohnehin gewaltbereiten Klima.
Wir spüren alle die sechs Wochen auf See, sind müde und erholen uns heute soweit möglich in diesem Klima. Viel mehr bleibt auch nicht zu tun, Ausgang ist uns ohne brasilianische Begleitung sowieso verboten.
Am Wochenende wurden die Wissenschaftler und Campaigner komplett ausgewechselt und es fand ein Anlass mit Vertretern von indigenen Stämmen, lokalen Fischern, Politikern und Umweltschützern statt. Ich werde darüber in der nächsten Ausgabe berichten. Abends gibt’s ein brasilianisches Barbecue auf dem Achterdeck, bevor wir morgen wieder in See stechen. Im Unterschied zum «normalen» Barbecue wird das Fleisch in kleine Stücke geschnitten und so serviert. Man isst so viel langsamer und es bleibt reichlich Zeit für sozialen Kontakt.

Montag, 30.4.18
Beim Barbecue erzählte mir die Fotografin Marizilda aus ihrem Leben. Sie wird bald 50-jährig, ist kinderlos geschieden, hat ihre Wohnung vor drei Jahren vermietet und lebt seither ohne festen Wohnsitz. Sie lebt da, wo sie gerade eine Anstellung hat, wie z.B. jetzt bei Greenpeace. Weitere Arbeitgeber sind das Rote Kreuz, Médecins sans frontières, Unicef, No More one u.a.m. Ihr Interesse gilt den Menschen, die sie antrifft, und über deren Schicksale sie fotografisch berichtet, sei das über Favelas, über tropische und vernachlässigte Krankheiten, über indigene Völker im Kampf um ihren Wald. Allen gemeinsam sei der Wunsch nach Gerechtigkeit, die häufig von denen, die Geld und Macht haben, missachtet werde. Ihr Plan B ist der Verkauf ihrer Wohnung und der Bau eines Hauses nach ökologischen Kriterien mit Permakultur im Garten. Sie sieht ihr Haus als Treffpunkt für alle die bedrohten Kämpferinnen des Waldes, die sich etwas Erholung wünschen…
Wir verlassen heute Santana im strömenden Regen mit nur zwei Lotsen an Bord, die nach 20 Minuten bereits wieder von Bord gehen. Mit dem Ebbstrom geht es zügig in Richtung Amazonasmündung.
Unser Bootsmann hat seinen dreimonatigen Einsatz beendet und ist in die Philippinen zurückgeflogen. Ersatz durch eine Bootsfrau, die frisch und mit vollem Einsatz in die Bresche springt und uns energisch einsetzt. Der Nassraum wird ihrer Vorstellung entsprechend aufgeräumt, alles wird geputzt und so verstaut, wie sie das wünscht, gleichzeitig macht sie damit Inventar und weiss genau, was sie wo finden kann. Um fünf Uhr sind alle tropfnass verschwitzt und reif für die Dusche.

Dienstag, 1.5.18
Wir sind unterwegs nach Cayenne, die Dünung ist aber wenig ausgeprägt und nur wenige sind seekrank.
Ich reinige sechs Toiletten, dann ordne ich den Verschlag, in dem wir das Bettzeug aufbewahren. Die Leintücher müssen zusammengefaltet und auf die richtige Ablage gelegt werden. Dasselbe gilt für Kissen- und Dachbettüberzüge sowie schliesslich für die Dachbetten und Kissen selber, für 45 Kopf Belegschaft gar keine so kleine Sache, umso mehr, als der Raum mit viel WC-Papierrollen vollgestopft wurde, die sonst nirgends Platz gefunden hatten. Ohne Lüftung ist es hier extrem heiss…
Nachmittags Brainstorming über den Einsatz der bestellten neuen Fischreusen. Der zweite Offizier hat sich viel Gedanken dazu gemacht und nimmt Anregungen der versammelten Crew entgegen. Dann zeigt uns Wachhabenden der zweite Ingenieur eine Ölanzeige im Maschinenraum, die schon mehrere Alarme ausgelöst hat, und die wir stündlich kontrollieren sollen. Er erklärt uns die Toleranzen und schärft uns ein, wann wir den diensthabenden Ingenieur benachrichtigen müssen.
Wie immer ist nach Wechseln in der Belegschaft innert 72 Stunden die Übung «Feueralarm» vorgeschrieben, diesmal in erweiterter Form. Alle Mechaniker und ein Teil der Matrosen sind in feuerfeste Anzüge eingekleidet, die Atemgeräte sind angeschlossen, die Wasserschläuche sind gefüllt. Im Szenario lässt sich das Feuer nicht mit Wasser löschen, also werden die brennenden Räume luftdicht verschlossen und mit CO2 geflutet. Dabei ertönt ein spezieller Alarm. Wer sich dann noch in der Gefahrenzone befindet, hat nun maximal 20 Sekunden Zeit, sie zu verlassen, bevor der Sauerstoff ausgeht. Das Szenario sieht vor, dass sich das Feuer weiter ausbreitet, die Farbe auf dem Deck zu kochen beginnt, und das Schiff verlassen werden muss. Wir ziehen die Schwimmwesten an und begeben uns auf die dem Feuer gegenüberliegende Schiffsseite, wo die Strickleiter über Bord gehievt wird. Nur das Wassern der Rettungsinseln fehlt, von denen vier an Deck verteilt sind. Zwei genügen für die ganze Belegschaft, aber die anderen wären bei dem Szenario auch nicht erreichbar.

Mittwoch, 2.5.18
Es sind drei an Bord, die 2013 an der Greenpeace-Protestaktion gegen die russische Ölförderung in der Arktis teilgenommen hatten, wegen Piraterie angeklagt wurden und zwei Monate in russischen Gefängnissen schmachten mussten. Darauf angesprochen bestätigen sie nur ihre Teilnahme, zwei schauen ins Leere und wollen sich nicht weiter darüber äussern, Ana Paula meint nur, diese Erfahrung habe sie nachhaltig verändert, aber sie wolle nicht darüber sprechen, nur dass sie seither gelernt habe, geduldig zu sein.
In Cayenne werden wir Diesel bunkern. Daher wird heute «oil spill drill» geübt, das richtige Vorgehen, wenn Diesel über Bord zu gehen droht. Die Funkmeldung lautet:
«Oil spill on deck», löst den allgemeinen Alarm aus, die zur Hilfe herbeieilenden werden in zwei Gruppen eingeteilt, diejenigen, die direkt mit Diesel in Kontakt kommen,
und die anderen, die alles unternehmen, damit der Diesel keinen Weg ins Meer findet. Einsatz der Zapfen, die die Abflussrohre verschliessen, der Ölsperren, der Materialien, um das Öl zu binden und aufzunehmen etc. werden besprochen. Die Entsorgung erfolgt in Plastiksäcken zur Verbrennung an Land. Auf meine Frage, ob das Risiko eines unkontrollierten Dieselaustritts gross sei, antwortet der erste Offizier, dass die Ingenieure den Bunkervorgang genau kontrollieren würden, damit ein Überlaufen ausgeschlossen sei, und dass eigentlich nur ein Defekt der Anschlüsse oder des Tankschlauches zu befürchten sei. Wenn das geschehe, dürfe jeder der Anwesenden «Stopp» rufen, um den Ladevorgang sofort zu unterbrechen.
Der Hafen Cayennes liegt etwas ausserhalb der Stadt, der Lotse wird um 18.30 Uhr an Bord erwartet und wir werden so um 20.00 Uhr ankommen. Der Aufenthalt wird weniger als einen Tag dauern, es eilt, wir haben nur eine Woche Zeit für die Erforschung des Riffs in französischen Gewässern.

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