Der Schweizer Finanzplatz ist einer der wichtigsten der Welt. Deshalb ist die Verantwortung der hier ansässigen Finanzakteure für einen globalen Klimaschutz enorm. Noch nehmen die Banken und Versicherungen diese Verantwortung viel zu wenig wahr.

«The price of greatness is responsibility.» Das sagte einst Winston Churchill, ehemaliger Premierminister von Grossbritannien. Der Finanzplatz Schweiz ist einflussreich. 2017 waren hierzulande 253 Banken und 204 Versicherungsunternehmen tätig. Der Finanzstandort erwirtschaftet rund 9 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) und trägt zu über fünf Prozent der Gesamtbeschäftigung [1] bei. Im internationalen Vergleich gehört die Schweiz zu den global wettbewerbsfähigsten Finanzzentren. Mehr als ein Viertel des weltweit grenzüberschreitend verwalteten Vermögens wird in der Schweiz verwaltet [2]. Mit der Credit Suisse und der UBS sind zwei Grossbanken in der Schweiz beheimatet, die sich im internationalen Markt behaupten.

Mit grosser Macht kommt grosse Verantwortung. Auch gegenüber der Öffentlichkeit – und damit gegenüber unserer Umwelt und unserem Klima. Die Erderhitzung ist keine ferne Bedrohung mehr, der Klimawandel geschieht jetzt. So ist in der Schweiz die Jahresdurchschnittstemperatur seit Beginn der Industrialisierung bereits um 2 Grad gestiegen – das ist doppelt so stark wie der globale Wert. Und unser Land erwärmt sich weiter: Die Schweiz wird trockener, heisser, schneeärmer und kämpft künftig mit heftigeren Niederschlägen [3].

Der Sommer 2018 war trockener als der Hitze-Sommer 2003.

Um die Klimakrise abzuwenden, muss die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad und möglichst 1,5 Grad Celsius beschränkt werden, wie es im Pariser Klimaabkommen, das auch von der Schweiz ratifiziert wurde, festgehalten ist. Dafür müssen die Treibhausgasemissionen weltweit bis 2050 auf netto Null gesenkt werden [4].

Finanzindustrie steht in der Pflicht

Es kommt nicht von ungefähr, dass das Pariser Übereinkommen auch die Finanzbranche in die Pflicht nimmt. Die Finanzindustrie hat massgeblich Einfluss darauf, wie die Energieversorgung der Zukunft ausgestaltet ist und wie rasch wir den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft schaffen. So entscheiden Banken, Versicherungen und Pensionskassen mit ihren Finanzierungen, Versicherungen und Investitionen heute mit, wie viele Treibhausgase in Zukunft ausgestossen werden.

Eine Studie des Bundesamts für Umwelt (BAFU) von 2017 zeigt auf, dass die heutigen Investitionen von Schweizer Pensionskassen und Versicherungen im Durchschnitt eine Erwärmung von 4 bis 6 Grad Celsius statt der im Pariser Klimaabkommen anvisierten 1,5 Grad unterstützen [5]

Und: Während innerhalb der Schweizer Grenzen jedes Jahr rund 50 Mio. Tonnen CO2 emittiert werden, verursacht der hiesige Finanzplatz mit seinen weltweiten Kapitalanlagen in fossile Energien wie Kohle, Erdöl und Erdgas etwa 1100 Mio. Tonnen CO2 [6]. Diese Zahl bezieht sich nur auf die von der Schweiz aus verwalteten Anlagen, nicht aber auf die massive CO2-Bilanz des Kreditgeschäfts der Schweizer Banken.

Klimaschädliche Geschäfte von Credit Suisse und UBS

Greenpeace Schweiz zeigte letztes Jahr auf [7]: Die Credit Suisse und die UBS stellten von 2015 bis 2017 insgesamt 12,3 Milliarden US-Dollar für 47 Unternehmen bereit, die besonders dreckige, sogenannt extreme fossile Brennstoffe nutzbar machen. Dazu zählen Kohle, Öl aus Teersanden, aus der Arktis und der Tiefsee sowie Flüssiggas (LNG).

Diese Geschäfte wirken sich enorm negativ auf unser Klima aus: Mit den 12,3 Milliarden US-Dollar finanzierten die Banken von 2015 bis 2017 total 182,9 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen [8]. Im betrachteten Zeitraum war 2017 besonders übel für das Klima: Zwei Jahre nach der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens finanzierten die zwei Grossbanken über die untersuchten 47 Unternehmen 93,9 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen. Das sind rund doppelt so viele Emissionen wie alle Akteure innerhalb der Schweizer Grenze in einem Jahr verursachen.

Der ökologische Fussabdruck der beiden Banken wird aber um einiges höher sein als im Bericht von Greenpeace ausgewiesen. Denn dieser konnte einzig die Klimaauswirkungen der Finanzierungen von 47 Unternehmen im Bereich der extremen fossilen Energie berücksichtigen. Es muss also mit einer hohen Dunkelziffer finanzierter Emissionen gerechnet werden.

Nicht zuletzt, wenn man sich folgende neueste Zahlen anschaut: Der Bericht «Banking on Climate Change – Fossil Fuel Finance Report Card 2019» [9], Ende März dieses Jahres von den NGO Rainforest Action Network und BankTrack herausgegeben, deckt auf, dass die Credit Suisse und die UBS von 2016 bis 2018 zusammen rund 83,3 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung von fossilen Brennstoffen zur Verfügung stellten. Auf die Bevölkerung der Schweiz im Jahr 2017 heruntergebrochen, entspricht das klimaschädliche Engagement der Grossbanken der letzten drei Jahre rund 9800 US-Dollar pro Kopf. Das ist mehr als in jedem anderen Land. Für den besagten Bericht wurden 33 global tätige Banken untersucht und deren Finanzierung von über 1800 Unternehmen aus den Bereichen Kohle, Öl und Gas weltweit während der letzten drei Jahren betrachtet.

Statt also eine aktive Rolle im Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu übernehmen, befeuern die Credit Suisse und die UBS den Klimawandel.

Schweizer Banken finanzieren immer noch Unternehmen, die mit besonders dreckigen fossilen Energien geschäften.

Versicherungen ziehen sich aus Kohle zurück

Die beiden Schweizer Gesellschaften Swiss Re und Zurich Versicherung haben immerhin erste wichtige Schritte getan, um aus dem Geschäft mit Kohle auszusteigen und ihre Klimaverantwortung wahrzunehmen. Diese Anstrengungen schlagen sich in einem Ranking der 24 weltweit grössten Versicherungsgesellschaften hinsichtlich Klimaschutz nieder. Swiss Re führt das Feld mit den umfassendsten Richtlinien an [10]: Der Schweizer Rückversicherer rückversichert und versichert keine Unternehmen mehr, die zu mehr als 30 Prozent auf Kohle setzen. Die Richtlinien gelten sowohl für bestehende als auch für neue Projekte und für alle Geschäftsfelder weltweit. Swiss Re investiert auch nicht mehr in Unternehmen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle machen. Der Konzern erhält aber auch deshalb gute Noten, weil die Richtlinien nicht nur Kohle betreffen, sondern auch Teersande und andere extreme fossile Brennstoffe. Die Zurich Versicherung erreicht den dritten Rang.

Trotzdem haben sowohl Swiss Re als auch Zurich noch einen langen Weg vor sich, wenn sie sich komplett aus dem Versicherungsgeschäft mit fossilen Brennstoffen zurückziehen und keine Investitionen mehr in den besagten Sektor tätigen wollen. Mit ihren Kohle-Richtlinien haben sie einen ersten wichtigen Schritt dazu getan, jetzt gilt es, diese positive Dynamik für weitere klimaschützende Massnahmen zu nutzen. Greenpeace ist diesbezüglich mit den beiden Gesellschaften im Gespräch.

Nicht versicherbar – nicht bankfähig

Dass immer mehr Versicherungen Klimaverantwortung übernehmen, ist wichtig. Denn Versicherungsgesellschaften sind aufgrund ihrer einzigartigen Position in der Lage, den nötigen Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu beschleunigen und zu verstärken. Als Risikomanager spielen sie eine diskrete, aber wesentliche Rolle bei der Entscheidung, welche Projekte in einer modernen Gesellschaft umgesetzt und betrieben werden können. Ohne Versicherung kann zum Beispiel praktisch kein neues Kohlekraftwerk finanziert und erstellt werden, und bestehende Anlagen müssen neue Wege zur Risikobewältigung finden oder den Betrieb einstellen. Wenn ein Projekt nicht versicherbar ist, so ist es auch nicht bankfähig. Versicherungsgesellschaften sind zudem riesige Investoren. Ihre Entscheide zur Unterstützung von fossilen Energien oder im Gegenteil von umweltfreundlichen Technologien sind für die Weltwirtschaft prägend.

Aber auch in der Bankenwelt gibt es Bewegungen in Richtung mehr Klimaschutz: Die Banken BNP Paribas und ING etwa erklärten, in Zukunft keine Teersand-Unternehmen mehr zu unterstützen. Die Royal Bank of Scotland, BNP Paribas und HSBC haben wiederum angekündigt, keine einzelnen Teersandprojekte wie zum Beispiel Pipelines mehr zu finanzieren. Auch die niederländische internationale Finanzdienstleisterin NN Group zieht sich aus der Finanzierung von Teersandöl und den damit verbundenen Pipeline-Unternehmen in Kanada und den USA zurück.

Es ist Zeit!

Die Folgen der Klimakrise werden immer spürbarer. Es ist Zeit, dass unser Finanzplatz seinen Teil der Verantwortung für ein stabiles Klima übernimmt. Banken, Versicherungen und Pensionskassen müssen sofort aufhören, mit ihren Geschäften Mensch und Natur zu gefährden. Unternehmen, die Kohle und Teersande ausbeuten, dürfen keine finanzielle Unterstützung und keine Versicherung mehr erhalten. Es ist Zeit, endlich die Finanzierung und die Versicherung der Klimaerhitzung zu stoppen und innerhalb der nächsten fünf Jahren sämtliche Geschäftstätigkeiten Paris-konform auszugestalten.

Susanne Hochuli, Präsidentin Stiftungsrat Greenpeace Schweiz


Dieser Artikel von Susanne Hochuli ist im Mai 2019 im Magazin St.Gallen Business Review auf Englisch erschienen.

Download des Artikels als PDF «Swiss financial centre must become more climate-friendly» und der kompletten Ausgabe «Capital»