Die steigende weltweite Soja-Nachfrage hat in Brasilien einen regelrechten Boom ausgelöst. Der neue Exportschlager bringt dem hoch verschuldeten Land Devisen, aber auch Zerstörung: Die Soja-Felder fressen sich immer tiefer in den Urwald hinein.


Sojaernte im Amazonasgebiet – In Brasilien wird auf fast 23 Millionen Hektar Soja angebaut, was der Fläche Grossbritanniens entspricht.

© Greenpeace / Nilo D’Avila

Dieser Artikel ist im Magazin Greenpeace 3/2006 erschienen.

Die Klimaanlage der Erde – so haben Wissenschafter den Amazonas auch schon bezeichnet. Er reinigt die Luft, filtert Wasser und verhindert Erosion. Aber die Schatzkammer der Artenvielfalt und ihre Bewohner sind in Bedrängnis: In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden Flächen von der Grösse Frankreichs gerodet. Wird diese rasante Entwicklung nicht gestoppt, könnte der brasilianische Regenwald schon in 30 bis 40 Jahren verschwunden sein. Denn ein neuer Feind ist aufgetaucht: die Sojabohne. Wegen ihres hohen Anteils an Protein ist sie eigentlich eine «goldene Pflanze», doch ihr rücksichtsloser Anbau richtet enormen Schaden an.

Als 1982 erstmals Soja im Süden Brasiliens angepflanzt wurde, glaubte niemand, dass eine so kleine Bohne dem riesigen grünen Paradies gefährlich werden könnte. Doch mit der steigenden Nachfrage auf dem Weltmarkt rückten immer mehr Sojagrossfarmer dem Urwald zu Leibe. Mit verheerenden Konsequenzen: Wald und Mensch müssen gigantischen Monokulturen von bis zu mehreren tausend Hektar weichen. Von den 2003 und 2004 brandgerodeten 2,7 Millionen Hektar Wald wurden drei Viertel illegal vernichtet. Das Sojabusiness spielt sich in einem Sumpf von Zerstörung, Gewalt und Korruption ab, gegenüber dem der Rechtsstaat kläglich versagt. Die Methoden der Grossfarmer sind häufig wenig zimperlich: sowohl wenn es darum geht, an das begehrte Land zu kommen, als auch auf ihren Farmen, wo Menschen wie Sklaven schuften. Gehen die Ansässigen – häufig Angehörige indigener Gemeinschaften – nicht freiwillig, werden sie vertrieben, ihre Häuser niedergebrannt.

Aus den letzten 33 Jahren sind allein im Bundesstaat Pará 772 Morde in Landkonflikten belegt. Jene, die mutig für Gerechtigkeit einstehen, leben gefährlich. «Vordergründig scheint die Gegend eine verschlafene Dschungelprovinz. Doch dahinter herrscht organisiertes Verbrechen. Landarbeiter werden für 200 Franken umgebracht, eine prominente Nonne und US-Bürgerin kostete 5000», schildert Kaspar Schuler, Geschäftsleiter Greenpeace Schweiz, seine erschütternden Erlebnisse bei seinem kürzlichen Besuch.

Dafür, dass sich der illegale Anbau für die Sojafarmer lohnt, sorgen die drei US-Getreidehändler Cargill, Bunge und Archer Daniels Midland (ADM) sowie der brasilianische Sojakönig Blairo Maggi. Die drei US-Konzerne allein kontrollieren zusammen 60 Prozent der brasilianischen Exporte und sind auch direkt an der Urwaldvernichtung beteiligt, etwa durch Schaffung von Infrastruktur. So hat Cargill in Santarém mitten im Amazonasgebiet eine Soja-Schiffverladestation gebaut – auch das ungesetzlich.

2,5 Millionen Tonnen der brasilianischen Soja stammen heute aus Urwaldgebieten – und es werden stetig mehr. 2005 hat sich Brasilien vor den USA und Argentinien als Nummer eins unter den Sojaproduzenten positioniert. 2004 verliessen satte 38 Millionen Tonnen das Land. Doch was passiert mit diesen Unmengen?

In Form von Sojaschrot landen sie grösstenteils im Futtertrog von Tieren. An der Spitze der Importländer stehen die EU und China. Auch die Schweiz bezog letztes Jahr 84 Prozent ihrer Soja aus Brasilien, woher genau ist schwer eruierbar. Für eine Garantie, dass Lebensmittel aus Soja und insbesondere Fleisch von damit gefütterten Tieren nicht aus zerstörtem Urwald stammen, muss ihre Herkunft aus Brasilien und anderen Urwaldländern ausgeschlossen werden. Zumindest heute noch gilt für den Konsumenten: Nur Fleisch aus ökologischer Tierhaltung ist sicher.

Greenpeace arbeitet seit 1998 gegen die Amazonas-Zerstörung – als einzige internationale Umweltorganisation mit Büro und Belegschaft vor Ort.

Diesen April verstärkte sie mit dem Bericht – «Eating up the Amazon» den internationalen Druck auf die Lebensmittel- und Futterindustrie. Darin wird aufgezeigt, wie sich der europäische Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten auf Amazonien auswirkt. In der Folge forderten McDonald’s und verschiedene Lebensmittelhändler zusammen mit Greenpeace von Cargill, Bunge, ADM und Maggi, den illegalen Sojaanbau im Regenwald zu stoppen.

Die Verhandlungen endeten im Juli mit einem Teilerfolg: Die vier Sojagiganten stimmten einem Moratorium zu. Sie werden zwei Jahre lang auf den Kauf von Soja von im Regenwald frisch angelegten Feldern verzichten. «Eine Atempause für den Urwald», freut sich Thomas Henningsen von Greenpeace International. «Sie muss genutzt werden, um einen ökologischen und sozialverträglichen Landnutzungsplan zu vereinbaren, der ein Netzwerk von Schutzgebieten einschliesst.»