Ruedi Meyer ist überzeugt, dass jeder und jede einen Beitrag für eine bessere Welt leisten sollte. Darum engagiert er sich im Vorstand des Vereins Actares.


Ruedi Meyer (54) ist Gymnasiallehrer in Zürich und Mitbegründer von Actares.

© Greenpeace / Bamert

Greenpeace: Was genau tut Actares?

Ruedi Meyer: Actares setzt sich dafür ein, dass die Unternehmen ökologische und gesellschaftliche Werte gleich gewichten wie ökonomische. Wir wollen den Nachkommen eine in jeder Beziehung lebenswerte Welt hinterlassen. Wir vertreten die uns übertragenen Aktienstimmen an Generalversammlungen und suchen den Dialog mit börsenkotierten Schweizer Firmen. Die meisten anderen Aktionärsvereinigungen interessieren sich fast nur für Rendite und Gewinn.

Wie gross ist Ihr Einfluss?
Was die Aktienstimmen betrifft, ist er klein. Mit gezielten Fragen können wir aber Prozesse in Gang setzen und Öffentlichkeit schaffen. Die meisten Firmen sind auf einen guten Ruf angewiesen. Zudem gibt es in fast allen Firmen Menschen, die sich zu ähnlichen Problemen Gedanken machen wie wir, diese wollen wir stärken. Stärken wollen wir aber auch nachhaltig denkende Aktionäre und Aktionärinnen. Sie sollen sich bewusst werden, dass sie nicht machtlos sind.

Actares hat die Sanierung der alten Chemie-Deponien rund um Basel gefordert. Wie war das Echo?
Die diversen Chemiebetriebe haben versichert, dass sie alles in ihrer Kraft Stehende tun wollen; die Frage sei aber sehr komplex. Die Bevölkerung hingegen hat das Gefühl, dass überall gebremst wird. Der Grund könnte sein, dass man sich scheut, ein Präjudiz zu schaffen: Werden die Basler Deponien für wenige hundert Millionen Franken mustergültig saniert, muss weltweit ähnlich vorgegangen werden. Das dürfte teuer werden.

Wäre es grundsätzlich nicht ehrlicher, als Aktionär die Finger von Nestlé, Syngenta und Co. zu lassen?
Das ist eine Möglichkeit. Man kann sein Geld beispielsweise bei der Alternativen Bank Schweiz deponieren oder es in einem grünen Fonds anlegen. Aber man muss sich bewusst sein, dass auch diese Fonds nicht nur Papiere von Firmen halten, welche vollständig der Nachhaltigkeit verpflichtet sind. Doch was immer man tut: In diesem Land besitzen fast alle Aktien – meist indirekt, über die Pensionskassen. Wir fordern die Versicherten deshalb auf, ihre Kassen zu fragen, wie sie ihre Gelder anlegen und ob Nachhaltigkeit ein Kriterium ist. Das schafft Transparenz und setzt einen Denkprozess in Gang.

Wo liegt Ihre persönliche Motivation, sich für nachhaltiges Wirtschaften einzusetzen?
Ich bin seit jeher überzeugt, dass jeder und jede einen Beitrag für eine bessere Welt leisten sollte. Nachhaltigkeit umfasst alle Bereiche des Lebens. Entweder kann ich die Schwachen unterstützen oder die Starken dazu bewegen, sich anständiger zu verhalten. Die Unterstützung der Schwachen – sprich Entwicklungszusammenarbeit – hat natürlich ihre Berechtigung, trotz teilweisen Misserfolgen. Wenn man aber einen Grosskonzern dazu bringt, einen oder mehrere Schritte in die richtige Richtung zu tun, ist der Nutzen um vieles grösser.

Welche Erfolge hat Actares bis anhin erzielt?
Die Auswirkungen unserer Tätigkeit sind nicht direkt messbar, und Erfolge sind meist die Summe unterschiedlichster Anstrengungen. Zum Beispiel haben wir durch unsere Fragen sicher dazu beigetragen, dass sich die Credit Suisse aus dem umweltzerstörerischen Holzgeschäft mit korrupten Firmen aus Schwellenländern zurückgezogen hat. Wichtig ist, dass die Firmen mit unseren Fragen rechnen müssen, dass wir an den Generalversammlungen auftreten und auch immer häufiger von den Medien zitiert werden.

Wie schwierig ist es, eine Firma zu beurteilen?
Während dies im Finanzteil jeweils sehr transparent ist, steht es im gesellschaftlichen und sozialen Bereich erst in den Anfängen. Hier geht es unter anderem um die Beziehungen zur Standortregion, zum Staat, zu den Gewerkschaften, den Lieferanten, aber auch um die Einhaltung der Gesetze und der Menschenrechte. Etwas anders sieht es bei den Umweltberichten aus. Dieses Thema ist seit gut 20 Jahren aktuell. Die Grossbanken haben damit angefangen, andere Firmen ziehen mehr oder weniger schnell nach. Wir unterstützen eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsberichterstattung, zum Beispiel nach den Vorgaben der Global Reporting Initiative (GRI). Erst wenn alle Firmen mit denselben Kriterien gemessen werden, kann man sie beurteilen und – zumindest innerhalb der Branche – vergleichen. Auch hier haben einige Schweizer Firmen eine Vorreiterrolle: Die ersten Nachhaltigkeitsberichte in der Schweiz erschienen zum Beispiel bei ABB, Novartis oder auch bei der Credit Suisse …

… welche massenweise Leute entlässt. Denen nützt der schönste Nachhaltigkeitsbericht nichts.
Richtig. Eine formell gute, vollständige Berichterstattung ist nur ein erster Schritt und kann in der Bewertung auch negativ sein. Auf dieser Basis kann aber das Verhalten der Firma beurteilt und verbessert werden. So müsste darin stehen, wieso die Entlassungen unumgänglich waren und ob ein Sozialplan umgesetzt wurde. Ein Unternehmen, das merkt, dass es durch sein Verhalten Kunden, Umsatz oder beides verliert, wird eine andere Geschäftspolitik einschlagen.

Ruedi Meyer (54) ist Gymnasiallehrer in Zürich und Mitbegründer von Actares, AktionärInnen für nachhaltiges Wirtschaften. ©Greenpeace/Bamert