{"id":100447,"date":"2023-07-14T14:14:13","date_gmt":"2023-07-14T12:14:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=100447"},"modified":"2023-07-14T14:30:30","modified_gmt":"2023-07-14T12:30:30","slug":"risiko-saporischschja-droht-ein-atomarer-notfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/100447\/risiko-saporischschja-droht-ein-atomarer-notfall\/","title":{"rendered":"Risiko Saporischschja: Droht ein atomarer Notfall?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Seit Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine treibt die Welt die Sorge um: Zu wie viel Brutalit\u00e4t ist Russland bereit. Gerade, wenn milit\u00e4rische Erfolge ausbleiben, und Russland eventuell Gebiete verliert, k\u00f6nnten die in die Ecke getriebenen Machthaber in Moskau verbrannte Erde zur\u00fccklassen. Besonders verletzliche Punkte sind die Atomkraftwerke in der Ukraine. Greenpeace-Experten erkl\u00e4ren, was am umk\u00e4mpften AKW Saporischschja drohen kann. Welche Szenarien gibt es und wie k\u00f6nne man reagieren?\u00a0<\/strong><\/p>\n\n<p>4. M\u00e4rz 2022: Das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine steht seit dem russischen Einmarsch unter Kontrolle der Besatzungsm\u00e4chte. Greenpeace-Atomexperten beobachten die Lage seit Februar 2022. Bereits zwei Tage vor dem russischen Angriff auf Saporischschja,&nbsp; am 2. M\u00e4rz 2022, ver\u00f6ffentlichten Greenpeace-Experten Jan Vande Putte und Shaun Burnie eine&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.greenpeace.org\/international\/press-release\/52459\/nuclear-hazards-zaporizhzhia-plant-ukraine-military-invasion\/\">Analyse der Sicherheits- und Gefahrenlage des AKW Saporischschja<\/a>&nbsp;und am S\u00fcdukraine-Kraftwerk. <\/p>\n\n<p>Die j\u00fcngste Zerst\u00f6rung des Kachowka-Staudamms am 6. Juni und die Entleerung des Kachowka-Stausees haben die Krise am AKW Saporischschja weiter versch\u00e4rft. Der Stausee dient als Hauptwasserquelle zur K\u00fchlung der Reaktoren. Trotzdem ist die Wasserversorgung nach offiziellen Angaben und Einsch\u00e4tzung von Greenpeace-Experten derzeit noch gesichert, da ausreichend Wasserreserven auf dem Gel\u00e4nde des Atomkraftwerks vorhanden sind, um die K\u00fchlung f\u00fcr Monate aufrechtzuerhalten.<\/p>\n\n<p>Dennoch gibt es zahlreiche Szenarien, die zu einem nuklearen Notfall f\u00fchren k\u00f6nnten. Am gef\u00e4hrdetsten ist die Stromversorgung f\u00fcr die wichtigsten Sicherheitsfunktionen des Atomkraftwerks \u2013 ohne Strom ist es unm\u00f6glich, den Kernbrennstoff und die Becken f\u00fcr abgebrannte Brennelemente am Standort zu k\u00fchlen. K\u00fcnftige Sabotageakte der russischen Armee, wie die Zerst\u00f6rung der K\u00fchlwasserbeh\u00e4lter oder der Stromversorgung, k\u00f6nnen nicht ausgeschlossen werden und stellen eine ernsthafte Bedrohung dar. Eine gezielte Besch\u00e4digung der Abklingbecken oder des Sicherheitsbeh\u00e4lters k\u00f6nnte zu schwerer Kontamination f\u00fchren. Eine Kombination dieser Faktoren k\u00f6nnte zu katastrophalen Ereignissen f\u00fchren, ohne M\u00f6glichkeit den Unfall zu stoppen.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kaltabschaltzustand bedeutet mehr Sicherheit<\/h2>\n\n<p>Von den sechs Reaktoren im AKW Saporischschja sind f\u00fcnf im Kaltabschaltzustand. Das heisst, sie produzieren aktuell keinen Strom, die atomare Kettenreaktion ist unterbrochen, Reaktoreinheit f\u00fcnf bleibt trotz der Anordnung der ukrainischen Regulierungsbeh\u00f6rde SNRIU am 9. Juni, sie in den Kaltabschaltzustand zu versetzen, im Heissabschaltzustand. Das bedeutet, dass zwar auch der Reaktor aktuell keinen Strom erzeugt, also auch hier derzeit keine Kettenreaktion stattfindet. Die Kernbrennst\u00e4be befinden sich jedoch noch im Reaktorkern, bleiben heiss und m\u00fcssen st\u00e4ndig gek\u00fchlt werden.&nbsp;<\/p>\n\n<p>Am 13. Juni erkl\u00e4rte die SNRIU, dass Russland die Umstellung auf den Kaltabschaltzustand blockiert. Seit dem 11. September 2022 befinden sich alle Reaktoren im Abschaltmodus.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hauptbedrohung: unzureichende Stromversorgung<\/h2>\n\n<p>In einem Webinar von Greenpeace am 12. Juli 2023 berichten Dr. Nikolaus M\u00fcllner, Leiter des Instituts f\u00fcr Sicherheit und Risikowissenschaften der Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur Wien, und Jan Vande Putte, Atom-Experte bei Greenpeace \u00fcber die aktuelle Bedrohungslage: Die Hauptbedrohung ist die Stromversorgung und nicht die Wasserversorgung.&nbsp;<\/p>\n\n<p>Es gibt nur eine Hauptstromleitung, die gerade jetzt im Krieg extrem anf\u00e4llig ist. Wenn das Atomkraftwerk von der externen Stromversorgung abgeschnitten ist, h\u00e4ngt die K\u00fchlung des heissen Kernbrennstoffs von Dieselgeneratoren ab, denen der Diesel m\u00f6glicherweise in etwa zwei Wochen ausgeht. Sie k\u00f6nnen nicht als zuverl\u00e4ssige Stromquelle angesehen werden.<\/p>\n\n<p>Jan Vande Putte: \u00abWenn man den Strom zur K\u00fchlung des Reaktors verliert, w\u00fcrde sich das Hauptsystem erhitzen und anfangen zu kochen. Ausserdem w\u00fcrde der Druck steigen, der Reaktorkern w\u00fcrde sich erhitzen und freigelegt werden. An diesem Punkt kommt es zu einem schweren Unfall. Der Reaktorkern w\u00fcrde schmelzen. Seit dem Krieg waren die Reaktoren siebenmal ohne externe Stromversorgung. In diesen F\u00e4llen sind sie auf Dieselgeneratoren angewiesen, die jedoch nie f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Betrieb ausgelegt wurden.\u00bb<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Potenzielles Risiko: Freisetzung von Radioaktivit\u00e4t<\/h2>\n\n<p>Es gibt viele Szenarien f\u00fcr k\u00fcnftige radioaktive Notf\u00e4lle in Saporischschja. Eine Sch\u00e4digung des AKW birgt das potenzielle Risiko, Radioaktivit\u00e4t freisetzen, jedoch tritt dies nicht zwangsl\u00e4ufig ein. Falls eine Freisetzung auftritt, erfolgt sie h\u00f6chstwahrscheinlich erst nach einigen Tagen. Die Kontamination breitet sich dann unvorhersehbar aus und h\u00e4ngt von den vorherrschenden Wetterbedingungen und der Topographie der Umgebung ab.<\/p>\n\n<p>Eine solche Freisetzung kann entweder lokal begrenzt oder grossfl\u00e4chig \u00fcber die Ukraine hinaus erfolgen. Die erste Sorge von Greenpeace gilt den Menschen in der Ukraine, die am meisten gef\u00e4hrdet sind. Das Risiko einer starken Kontamination besteht haupts\u00e4chlich innerhalb eines Umkreises von einigen hundert Kilometern um das AKW Saporischschja. Allerdings besteht bei aussergew\u00f6hnlichen Wetterbedingungen die M\u00f6glichkeit einer weiteren Ausbreitung der Kontamination. Auch weite Teile Europas k\u00f6nnen von einer mittleren Kontamination betroffen sein, was entsprechende Ma\u00dfnahmen wie Einschr\u00e4nkungen in der Landwirtschaft erfordern w\u00fcrde. Die vorrangig freigesetzten radioaktiven Stoffe w\u00e4ren haupts\u00e4chlich C\u00e4sium (Cs-137 und Cs-134).<\/p>\n\n<p>Bei einem&nbsp; nuklearen Notfall am AKW Saporischschja sind bestimmte Massnahmen zur Minimierung der Auswirkungen und zur Sicherheit der Bev\u00f6lkerung in der Ukraine erforderlich. Die \u00f6rtlichen Notfallbeh\u00f6rden m\u00fcssen Informationen bereitstellen und Anweisungen \u00fcber verschiedene Medienkan\u00e4le kommunizieren. Wenn radioaktive Materialien freigesetzt werden, sollen die Menschen in geschlossenen R\u00e4umen bleiben und auf Anweisungen der Beh\u00f6rden warten. Ihren Anweisungen ist Folge zu leisten. Auch Greenpeace wird die Situation weiter beobachten und relevante Informationen bereitstellen.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Forderung: Sicherheit muss gew\u00e4hrleistet sein&nbsp;<\/h2>\n\n<p>Um f\u00fcr m\u00f6glichst viel Sicherheit zu sorgen, fordert Greenpeace: Russland muss all seine Truppen, milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung und Sprengstoffe aus dem AKW Saporischschja entfernen. Ausserdem muss das Atomkraftwerk wieder unter die Kontrolle des ukrainischen Betreibers und der ukrainischen Beh\u00f6rden gebracht werden. Die Ukraine braucht uneingeschr\u00e4nkten Zugang zum Bereich um das AKW Saporischschja zu stabilisieren. Alle Reaktoren m\u00fcssen gem\u00e4ss der Anordnung der ukrainischen nationalen Regulierungsbeh\u00f6rde SRNIU vom 8. Juni sofort in den Kaltabschaltzustand gebracht werden.<\/p>\n\n<p>Um weiteren Druck auf Russland auszu\u00fcben, muss die EU umfassende nukleare Sanktionen gegen Rosatom verh\u00e4ngen, da das Unternehmen mitverantwortlich f\u00fcr die Besetzung des AKW Saporischschja ist. Es liegt in der Verantwortung Russlands, den Krieg zu beenden, die territoriale Integrit\u00e4t der Ukraine anzuerkennen und alle Feindseligkeiten einzustellen.<\/p>\n\n<p>Nur durch die Umsetzung dieser Massnahmen kann das potenzielle Risiko einer Freisetzung von Radioaktivit\u00e4t und die damit verbundene Kontamination effektiv reduziert werden. Die internationale Gemeinschaft muss alles in ihrer Macht stehende tun, um eine sichere Zukunft f\u00fcr die Region zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Greenpeace-Experten erkl\u00e4ren, was am umk\u00e4mpften AKW Saporischschja drohen kann. 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