{"id":10059,"date":"2015-10-15T00:00:00","date_gmt":"2015-10-14T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/10059\/fotoausstellung-sam-dzong-ein-dorf-zieht-um\/"},"modified":"2019-05-30T10:21:40","modified_gmt":"2019-05-30T08:21:40","slug":"fotoausstellung-sam-dzong-ein-dorf-zieht-um","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/10059\/fotoausstellung-sam-dzong-ein-dorf-zieht-um\/","title":{"rendered":"Fotoausstellung: Sam Dzong \u2013 ein Dorf zieht um"},"content":{"rendered":"<p><b>Die COALMINE in Winterthur pr\u00e4sentiert vom 30. Oktober bis 18. Dezember 2015 den Publikumspreis des Greenpeace Photo Award 2014 in Zusammenarbeit mit Greenpeace und in Medienpartnerschaft mit GEO. Ein Gespr\u00e4ch mit dem Preistr\u00e4ger des Publikumspreises des Greenpeace Photo Award 2014, Manuel Bauer.<\/b><\/p>\n<div class=\"post-content\">\n<div>\n<p><strong>Die <\/strong><a href=\"http:\/\/www.coalmine.ch\/programm\/1092\"><strong>COALMINE in Winterthur<\/strong><\/a><strong> pr\u00e4sentiert vom 30. Oktober bis 18. Dezember 2015 den Publikumspreis des Greenpeace Photo Award 2014 in Zusammenarbeit mit Greenpeace und in Medienpartnerschaft mit GEO. <\/strong><strong>Ein Gespr\u00e4ch mit dem Preistr\u00e4ger des <\/strong><strong>Publikumspreises des Greenpeace Photo Award 2014, Manuel Bauer.<\/strong><\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/27c3ced8-27c3ced8-manuel_bauer_blog.jpg\" title=\"Sam Dzong \u2013 Ein Dorf zieht um\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_epiEntryContent_ctl00_ctl02_Image1\" title=\"Sam Dzong \u2013 Ein Dorf zieht um\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/27c3ced8-27c3ced8-manuel_bauer_blog.jpg\" alt=\"Sam Dzong \u2013 Ein Dorf zieht um\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong>Sam Dzong \u2013 Ein Dorf zieht um<\/strong><\/p>\n<p>\n            Gewinner Publikumspreis Greenpeace Photoaward 2014 &#8211; Manuel Bauer\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Eines Nachts baten ihn drei verzweifelte Bauern in Mustang um Hilfe. Daraus entstand ein mehrj\u00e4hriges Projekt, das zur Umsiedlung eines ganzen Dorfs gef\u00fchrt hat: Manuel Bauer \u00fcber neue Strategien im Fotojournalismus, seine Rolle als Fotograf und warum er trotz schwindender Absatzm\u00e4rkte positiv in die Zukunft blickt.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Sascha Renner im Gespr\u00e4ch mit Manuel Bauer.<\/p>\n<p><strong>Lieber Manuel, das abgelegene Dorf Sam Dzong besch\u00e4ftigt Dich, seit Du 2008 erstmals nach Mustang gereist bist. War das geplant?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, im Gegenteil. Nach dem Abschluss meines mehrj\u00e4hrigen Dalai-Lama-Projekts war ich ersch\u00f6pft und gestand mir f\u00fcr einmal zu, einfach nur zum Vergn\u00fcgen zu fotografieren. Ich wurde von einem Freund nach Mustang eingeladen, Robert Jenny, der als einer der ersten in das ehemals unabh\u00e4ngige buddhistische K\u00f6nigreich am Himalaya gereist war. Wir wollten eine Ausstellung machen, Roberts Bilder aus den 1960er-Jahren und neue von mir zeigen: das alte Mustang also und wie es sich ver\u00e4ndert hat. Mustang hatte mich bis dahin nie interessiert, weil es dort keine Probleme zu fotografieren gab. Aber dumm gelaufen: Ich bin in Mustang unvermutet auf ein Problem gestossen, das mich schon l\u00e4nger bewegte, das ich dort aber nicht erwartet habe: den Klimawandel.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Du bist daf\u00fcr zum Projektmanager und Entwicklungshelfer geworden. Warum hast Du diese Last auf Dich genommen? Du bist Fotograf.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe sie nur in Tranchen auf mich genommen. Der Anfang war ja sehr \u00fcberschaubar. Es schien wie im M\u00e4rchen: Der K\u00f6nig schenkt den Menschen von Sam Dzong Land f\u00fcr ein neues Dorf, ich helfe, die Felder von den Findlingen zu befreien, und die Dorfbewohner siedeln selber \u00fcber. Ich hatte ein Budget von 20&#8217;000 Franken f\u00fcr die R\u00e4umungsarbeiten zu finanzieren. Dieses Geld habe ich mit Vortr\u00e4gen in der Schweiz sammeln k\u00f6nnen. Das hat sich jedoch als zu naiv herausgestellt. Es traten Probleme auf, welche die Dorfbev\u00f6lkerung selber nicht bew\u00e4ltigen konnte, und ich wollte sie nicht im Stich lassen. Dank der Grossz\u00fcgigkeit der Schweizer Spender fasste ich Mut, auch die zus\u00e4tzlichen Mittel f\u00fcr das Bauholz und dann die n\u00e4chsten notwendigen Schritte zu beschaffen. H\u00e4tte ich aber von Anfang an gewusst, dass ich helfe, ein ganzes Dorf zu bauen, h\u00e4tte ich es nicht gewagt.<\/p>\n<p><strong>Seit es die Fotografie gibt und insbesondere die Tradition der engagierten Fotografie, streitet man dar\u00fcber, ob Bilder etwas bewirken k\u00f6nnen. Die Frage an Dich: Was k\u00f6nnen sie bewirken?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube schon, dass man mit Bildern auf Missst\u00e4nde aufmerksam machen kann, auch wenn ich immer wieder einmal daran zweifle. Als ich 1995 als bisher einziger Fotograf die Flucht von Tibetern dokumentieren konnte, wurde diese Reportage in vielen L\u00e4ndern und Sprachen publiziert. Es w\u00e4re falsch zu sagen, dass dies nichts bringt, auch wenn man selten direkte R\u00fcckmeldungen erh\u00e4lt. Es braucht diese Berichterstattung. Zumindest sensibilisiert sie die Leserschaft f\u00fcr ein Thema. Mich zu engagieren, ist f\u00fcr mich ganz nat\u00fcrlich. Das Engagement stand bei mir immer an erster Stelle, deswegen wurde ich Fotograf. Schon in den 1980er-Jahren, bevor ich Fotograf war, k\u00e4mpfte ich f\u00fcr den Umweltschutz.<\/p>\n<p><strong>Die Reportage ist in den klassischen Printmedien zu grossen Teilen weggebrochen. In welchem Rahmen kann die Fotografie heute etwas bewirken?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt andere, direktere Formen der Kommunikation, die ich seit einigen Jahren intensiver nutze, wie den Vortrag oder die neuen Medien. Ich kann zum Beispiel \u00fcber Youtube zu einem Publikum sprechen. Auch das ist Einwegkommunikation, aber sie ist intimer und emotionaler als die Kommunikation mittels Papier. Ich frage mich, ob wir heute nicht sogar mehr M\u00f6glichkeiten haben, bei den Leuten Empathie zu wecken. Eine Gefahr sehe ich allerdings in der Schnelllebigkeit. Grosse Demonstrationen wie in den 1980er-Jahren, etwa gegen die Kernkraft, sind heute fast undenkbar. Die Leute liken stattdessen etwas auf irgendeiner Plattform, und ihr Engagement hat sich so erledigt. Aber reicht das? Wo sind die Leute, die physisch auf die Strasse gehen? Es ist gef\u00e4hrlich, sein Gewissen mit einem Klick zu beruhigen.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Im Fall von Sam Dzong hat jedoch ein Printmedium eine entscheidende Rolle gespielt: <em>Das Magazin<\/em> hat Ende 2013 Deine Bilder mit einem Text von Christian Schmidt publiziert.<\/strong><\/p>\n<p>Wir waren platt! Die Bereitschaft des <em>Magazins<\/em>, die Reportage kurz vor Weihnachten zusammen mit einem Spendenaufruf zu platzieren, und diese sehr ber\u00fchrende Geschichte \u2013 Bauern, die umziehen m\u00fcssen aus Gr\u00fcnden, f\u00fcr die sie nichts k\u00f6nnen, \u2013 das war nat\u00fcrlich ein Gl\u00fccksfall. Dennoch h\u00e4tten wir nie eine solche Resonanz erwartet. Wir rechneten mit 5000 Franken, maximal 20&#8217;000 Franken. Am Ende kam die halbe Million zusammen, die f\u00fcr das neue Dorf n\u00f6tig war. R\u00fchrende Briefe wurden uns geschrieben, es gab Kinder, die ihre Weihnachtsgeschenke spendeten, Familien, die den Artikel als Weihnachtsgeschichte unter dem Christbaum vorlasen, Firmen, die auf Kundengeschenke verzichteten. Das Engagement der Leser erlaubte es mir, meine Energie schon fr\u00fch vom Spendensammeln zur eigentlichen Aufbauarbeit zu verlagern. Wobei wir immer nach dem Grundsatz Hilfe zur Selbsthilfe vorgingen: die Sam Dzong Ngas haben s\u00e4mtliche Arbeiten ausgef\u00fchrt, die sie aus eigener Kraft leisten konnten.<\/p>\n<p><strong>Dadurch bist Du vom Journalisten zum Helfer mutiert: ein Verstoss gegen das Credo des Fotoreporters, unbeteiligt zu bleiben im Interesse der journalistischen Unabh\u00e4ngigkeit? Hast Du einen Rollenkonflikt durchlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Aber da m\u00fcssen wir ehrlich sein: Als Fotograf in der Tradition des Concerned Photojournalism gibt es diesen Konflikt von Anfang an. Mein Standpunkt ist \u00fcber mein Menschsein definiert. Ich brauche das nicht zu verstecken, im Gegenteil. W\u00e4hrend der Arbeit an <em>Flucht aus Tibet<\/em> wollte ich neutral sein; damals habe ich noch ganz an dieses Credo geglaubt. Aber das war pr\u00e4tenti\u00f6s. Ich musste mir eingestehen, dass ich mit den Fl\u00fcchtlingen auf Leben und Tod eine Schicksalsgemeinschaft bildete. Ich habe von ihrem Essen genommen, und sie haben in meinem Biwaksack geschlafen. Ihre St\u00e4rke hat mich wohl die Strapazen \u00fcberhaupt \u00fcberleben lassen. Das ist keine Neutralit\u00e4t. Diese geht nur vom Schreibtisch aus. Aber in einer Extremsituation ist es aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich, unbeteiligt zu bleiben. Daneben braucht es in den Medien aber, davon bin ich \u00fcberzeugt, auch den neutralen Berichterstatter, den Korrespondenten.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise hatten aber auch die Redaktionen nichts dagegen einzuwenden, dass ich das Dorf Sam Dzong dokumentiere, das ich selber unterst\u00fctzte. Noch vor einigen Jahren h\u00e4tte eine grosse Redaktion gesagt, dar\u00fcber berichtet ein anderer, nicht Du, wir gef\u00e4hrden hier die journalistische Unabh\u00e4ngigkeit. Heute leben wir diesbez\u00fcglich in einer ziemlich aufgeweichten Welt. Die Deregulierung in der Wirtschaft und das Faustrecht des Gelds hinterlassen \u00fcberall Spuren. Alle sind unter Druck, ethische Fragen werden weniger gestellt. Ich kann nun deswegen die H\u00e4nde verwerfen oder die Umst\u00e4nde zum Guten nutzen. Wenn ich nach reiflicher \u00dcberlegung weiss, ich tue nichts B\u00f6ses, die Motivation stimmt, dann ist es richtig. H\u00e4tte ich Sam Dzong nicht helfen sollen, um neutraler Journalist zu bleiben? Nein.<\/p>\n<p><strong>Ist man versucht, eine besonders sentimentale Bildsprache und Motivik zu w\u00e4hlen, um ein Publikum emotional zu ber\u00fchren und zum Handeln zu motivieren? Man kennt dies aus der Hilfswerkfotografie.<\/strong><\/p>\n<p>Solche Fragen reflektiere ich immer wieder. Wird man \u00fcber die Zeit angepasster oder bequemer? Geht man \u00fcber Leichen f\u00fcr ein gutes Bild, bleibt man seinen Prinzipien treu? Aber letztendlich bin ich immer Mensch und Fotograf. Mein \u00dcberleben h\u00e4ngt von der fotografischen Qualit\u00e4t und Authentizit\u00e4t meiner Bilder ab. Ich realisiere jedoch, dass ich durch die Digitalfotografie das bewusste Sehen verlernen kann. F\u00fcr eine gr\u00f6ssere Reportage hatte ich fr\u00fcher 200 Filme im Gep\u00e4ck, das war schon viel. Aber Speicherkarten bietet viel mehr Platz. Es braucht heute mehr Disziplin, ein Bild bewusst auszul\u00f6sen. Ich mag komplexe Bilder mit vielen Details: Die Bewegungen m\u00fcssen stimmen, die \u00dcberschneidungen, die Hintergr\u00fcnde, die Vordergr\u00fcnde. Ich nenne das die Choreografie des Zufalls. Auf diese Details achtet man weniger, wenn man beliebig oft ausl\u00f6sen kann. Dabei ist das Zauberhafte an der Fotografie: die Stimmigkeit des Augenblicks dank des Einfrierens der Zeit zu geniessen. Fotografieren ist nicht filmen, sondern hat f\u00fcr mich mit dem Erfassen des entscheidenden Augenblicks zu tun.<\/p>\n<p><strong>Im Fall von Sam Dzong erlaubte es Dir der Greenpeace Photo Award ganz zum Schluss, einen Teil Deines Aufwands zu decken. Wie finanziert man heute aufw\u00e4ndige Reportagen mit Tiefe? Welche Strategien muss ein Fotojournalist verfolgen?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist immer noch dasselbe. Man braucht den Willen, etwas zu erz\u00e4hlen. Man muss wissen, was man zu sagen hat, und man muss die Kraft haben, es durchzuziehen. Auch fr\u00fcher mussten wir das Geld suchen, es brauchte Zweit- und Drittverk\u00e4ufe im Ausland, das war anstrengend. Da es heute nicht mehr nur \u00fcber die Medien geht, suche ich andere Finanzierungswege. Im Fall von Sam Dzong war das ein breiter Mix: Crowdfunding, Eigenfinanzierung, Stiftungszuwendungen und Honorare von Redaktionen. Ich f\u00fchrte sogar Trekkinggruppen nach Mustang und habe mir so wieder eine Reise finanziert. Auch die Vertriebskan\u00e4le sind sehr vielf\u00e4ltig geworden: Printmedien wie <em>Das Magazin<\/em> und <em>Geo<\/em>, Online-Artikel, direkte Mailings an Spender, Vortr\u00e4ge, die Ausstellung dank der Coalmine und dem Greenpeace Photo Award, eine Begleitpublikation. Mein Leben ist durch die Krise der Printmedien interessanter geworden.\u00a0<\/p>\n<p><a title=\"Infos Ausstellung\" href=\"http:\/\/www.coalmine.ch\/programm\/1092\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Informationen zur Ausstellung<\/a><\/p>\n<p><strong>Veranstaltungen<\/strong><br \/> Dienstag, 10. November 2015, 18.00 Uhr<br \/> Vortrag: Manuel Bauer spricht \u00fcber Sam Dzong und seine Arbeit<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die COALMINE in Winterthur pr\u00e4sentiert vom 30. Oktober bis 18. Dezember 2015 den Publikumspreis des Greenpeace Photo Award 2014 in Zusammenarbeit mit Greenpeace und in Medienpartnerschaft mit GEO. 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