{"id":101241,"date":"2023-08-28T08:49:42","date_gmt":"2023-08-28T06:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=101241"},"modified":"2023-08-28T08:49:46","modified_gmt":"2023-08-28T06:49:46","slug":"diktatoren-sind-ein-grund-mehr-atomwaffen-abzuschaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/101241\/diktatoren-sind-ein-grund-mehr-atomwaffen-abzuschaffen\/","title":{"rendered":"\u00abDiktatoren sind ein Grund mehr, Atomwaffen abzuschaffen\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Als Protest gegen Atomwaffentests starteten Greenpeace-Aktivisten heute vor vierzig Jahren eine waghalsige Aktion: Am 28. August 1983 flogen sie mit einem Heissluftballon \u00fcber die Mauer von West- nach Ostberlin. Einer der \u00dcberflieger war Gerd Leipold, damals Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Greenpeace Deutschland. Er erinnert sich an einen Schreckmoment und erz\u00e4hlt, was nach der Landung in der DDR passiert ist.<\/strong><\/p>\n\n<p><strong>Die Mauer durch Berlin war damals die am besten gesicherte, milit\u00e4risch bewachte Grenze der Welt. Bei dem Versuch, sie von Osten zu \u00fcberwinden, wurden immer wieder Menschen erschossen. Hattet ihr keine Angst?<\/strong><br>Nein, nicht besonders. Das lag auch am Aktionsmittel: Ein Ballon ist etwas sehr Freundliches, Friedliches. Die meisten Menschen reagieren positiv darauf. Das hatten wir beim Training erlebt. Und dann hat unser Team nat\u00fcrlich sofort nach dem Start alle relevanten Beh\u00f6rden im Westen und in der DDR angerufen. Meine gr\u00f6\u00dfte Angst war deshalb eigentlich bei der Vorbereitung, dass wir das Budget \u00fcberschreiten. Und wir hatten eine Mission: Wir waren \u00fcberzeugt, dass die Aktion wichtig ist und waren bereit, daf\u00fcr ein Risiko einzugehen.<\/p>\n\n<p><strong>Was war euer Ziel?<\/strong><br>Die Greenpeace-Abr\u00fcstungskampagne forderte die Abschaffung von Atomwaffen und die Einstellung aller Tests. Damals war es eine der gr\u00f6\u00dften Greenpeace-Kampagnen. Anfang der 1980-er Jahre drohte in Vergessenheit zu geraten, dass Ost und West immer noch Atomwaffen testeten und welche katastrophalen Auswirkungen das hatte. Das wollten wir ins \u00f6ffentliche Bewusstsein r\u00fccken. Und Berlin war der einzige Ort weltweit, wo wir mit unserer Botschaft vier Atomm\u00e4chte gleichzeitig erreichen konnten. Denn die Stadt stand damals formal immer noch unter Kontrolle der vier Alliierten Frankreich, Gro\u00dfbritannien, der Sowjetunion und der USA. Und anders als die Stadt, die geteilt war, kontrollierten sie den Luftraum gemeinsam.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<lite-youtube style=\"background-image: url('https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/XFNtLHVaO1E\/hqdefault.jpg');\" videoid=\"XFNtLHVaO1E\" params=\"rel=0&#038;enablejsapi=1&#038;origin=https%3A%2F%2Fwww.greenpeace.ch&#038;cc_load_policy=1\"><\/lite-youtube>\n<\/div><\/figure>\n\n<p><strong>Ihr seid von einem Sportplatz in West-Berlin gestartet. Zuvor gab es einen Schreckmoment, weil ihr den Transporter mit dem Ballon nicht gefunden habt.<\/strong><br>Ja, den hatte der Fahrer in den Tagen vorher immer wieder umgeparkt, damit er nicht auff\u00e4llt. Und als es dann ernst wurde, hat er ihn erst nicht gefunden. Das zeigt, unter was f\u00fcr einer Anspannung wir alle standen. Berlin war ja damals auch die Stadt mit den meisten Spionen weltweit. Wir haben bef\u00fcrchtet, dass einer vorher Wind bekommt. Was aber zum Gl\u00fcck nicht passiert ist. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden hatten wir auch nur wenige Medienvertreter zum Start eingeladen, taz, Stern, Spiegel und die Deutsche Presseagentur.<\/p>\n\n<p><strong>Dann trieb euch der Wind auf die Berliner Mauer zu \u2026<\/strong><br>Ja, als wir uns bei Lichtenrade der Grenze n\u00e4herten, hat John, der Pilot, den Ballon vorsichtshalber etwas h\u00f6her fliegen lassen. Aber die Grenzsoldaten haben uns nur mit Ferngl\u00e4sern beobachtet und nichts unternommen. Ob sie zu dem Zeitpunkt schon informiert waren, weiss ich bis heute nicht.<\/p>\n\n<p><strong>Stimmt es, dass der britische Aktivist John Sprange extra f\u00fcr die Aktion gelernt hatte, wie man einen Ballon fliegt?<\/strong><br>Ja, John war ausgebildeter Steuermann der britischen Handelsmarine. Und er hatte auch in der Luft&nbsp; ein gro\u00dfes Talent zum Steuern. Deshalb hat er das \u00fcbernommen und ich die Kommunikation mit der Berliner Luftraum\u00fcberwachung. Einen Pilotenschein hatte keiner von uns. Das h\u00e4tte aber auch keinen Unterschied gemacht, denn in ganz Berlin war es damals ohnehin verboten, privat zu fliegen.<\/p>\n\n<p><strong>Wie ging es dann weiter?<\/strong><br>Wir sind ohne Zwischenf\u00e4lle \u00fcber Berlin hinweg geflogen und auf einem Feld runtergegangen. Kurz vor der Landung machten Passanten uns Zeichen, dass wir wieder aufsteigen sollten. Sie dachten, wir wollten mit dem Ballon aus der DDR fliehen und wollten uns sagen, dass wir immer noch im Osten waren. Dann sind sie aber schnell weitergegangen. Wir sind gelandet und erstmal im Korb geblieben, weil der Ballon sonst weggeflogen w\u00e4re. Nach ein paar Minuten kamen DDR-Grenzsoldaten und richteten die Gewehre auf uns. Mitgenommen hat uns dann aber erst die Volkspolizei.<\/p>\n\n<p><strong>Hattet ihr keine Angst, dass ihr in der DDR ins Gef\u00e4ngnis m\u00fcsst?<\/strong><br>Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass wir f\u00fcr einige Tage oder Wochen ins Gef\u00e4ngnis m\u00fcssen. Dadurch h\u00e4tten wir auch das Thema Atomwaffentests so lange in der \u00d6ffentlichkeit halten k\u00f6nnen. Aber wir wurden nur auf der Polizeiwache K\u00f6nigs Wusterhausen befragt und drei Stunden sp\u00e4ter direkt zum Grenz\u00fcbergang Friedrichstrasse gebracht. Vor einer langen Haftstrafe in der DDR hatten wir keine Angst. Zum einen hatten wir ja Greenpeace als gro\u00dfe Organisation im R\u00fccken. Zum anderen w\u00e4re das vermutlich politisch nicht im Interesse der DDR gewesen. War es dann ja auch nicht.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"790\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/08\/fc7d885c-gp04sn5_web_size.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-101250\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/08\/fc7d885c-gp04sn5_web_size.jpg 790w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/08\/fc7d885c-gp04sn5_web_size-300x228.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/08\/fc7d885c-gp04sn5_web_size-768x583.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/08\/fc7d885c-gp04sn5_web_size-448x340.jpg 448w\" sizes=\"auto, (max-width: 790px) 100vw, 790px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gerd Leipold, 2013<div class=\"credit icon-left\"> \u00a9 Andreas Schoelzel \/ Greenpeace<\/div><\/figcaption><\/figure>\n\n<p><strong>Wie hat der Westen reagiert?<\/strong><br>Dort hatten wir mehr Probleme! Und zwar nicht wegen des Fluges, sondern wegen des Ballons. Weil Berlin damals noch offiziell unter Besatzung stand, war es verboten, ein \u00abKriegsger\u00e4t\u00bb in die Stadt zu bringen. Dazu z\u00e4hlten alle Flugger\u00e4te, also auch der Ballon. Deshalb hat die Berliner Staatsanwaltschaft gegen uns ermittelt. Die Strafe daf\u00fcr ging bis zur Todesstrafe. Aber am Ende wurde das Verfahren gegen eine Geldbusse eingestellt. Den Ballon haben wir 1987 von den DDR-Beh\u00f6rden zur\u00fcckbekommen, gegen 8523 Westmark f\u00fcr Lagerung und Transport.<\/p>\n\n<p><strong>Hat die Aktion ihr Ziel erreicht?<\/strong><br>Das kurzfristige Ziel, den Protest gegen Atomwaffentests in die Medien zu bringen, auf jeden Fall. Die Bilder gingen um die Welt. Zum politischen Ziel, diese Tests zu stoppen, hat sie sicher beigetragen. Jeder Kampf wird ja von einer Bewegung getragen, von der man nur ein Teil ist. Aber gemeinsam ver\u00e4ndern wir eben etwas.<\/p>\n\n<p><strong>Atomwaffen sind immer noch nicht abgeschafft. Wegen des Angriffs auf die Ukraine halten sie viele sogar wieder f\u00fcr notwendig, um Diktatoren wie Putin in Schach zu halten. Wie siehst du das?<\/strong><br>Diktatoren sind ein Grund mehr, Atomwaffen abzuschaffen. Der russische Pr\u00e4sident wird ja durch seine Atomwaffen noch gef\u00e4hrlicher. Und je mehr L\u00e4nder Atomwaffen besitzen, desto weniger kann Abschreckung funktionieren und desto mehr steigt die Gefahr, dass ein Land Atomwaffen einsetzt. Es braucht nur einen Diktator, der nichts mehr zu verlieren hat und Atomwaffen einsetzt, und schon stehen wir in einem verheerenden Atomkrieg. Leider hat die Welt es nach Ende des Kalten Krieges vers\u00e4umt, alle Atomwaffen abzuschaffen, wie wir es damals gefordert haben. Die Welt w\u00e4re heute sicherer ohne Atomwaffen. Ich bin sehr froh, dass Greenpeace da immer noch wachsam ist.<\/p>\n\n<p><strong>Hast du heute noch Kontakt zu John?<\/strong><br>Ja, ich bin ja der Patenonkel von seiner Tochter und habe ihn gerade letzten Monat in England besucht. Er ist bis heute mein bester Freund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Protest gegen Atomwaffentests starteten Greenpeace-Aktivisten heute vor vierzig Jahren eine waghalsige Aktion: Am 28. 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