{"id":10170,"date":"2015-09-06T00:00:00","date_gmt":"2015-09-05T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/10170\/quick-wins-oder-das-problem-der-mobilisierung\/"},"modified":"2019-05-30T10:24:24","modified_gmt":"2019-05-30T08:24:24","slug":"quick-wins-oder-das-problem-der-mobilisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/10170\/quick-wins-oder-das-problem-der-mobilisierung\/","title":{"rendered":"Quick Wins oder das Problem der Mobilisierung"},"content":{"rendered":"<p><b>Angesichts globaler Bedrohungen wie dem Klimawandel ist es nicht verwunderlich, dass viele Umweltengagierte nach h\u00f6chstdringlichen Massnahmen rufen. Ebenso wenig, dass die meisten von ihnen meinen, f\u00fcr eine Wende m\u00fcssten vor allem gen\u00fcgend viele Menschen mobilisiert werden. Diese notwendig scheinenden schnellen Erfolge &#8211; \u00abQuick Wins\u00bb &#8211; durch blosse Mobilisierungen und Dringlichkeitsappelle erzielen zu wollen, ist zwar nachvollziehbar, aber trotzdem oft illusorisch (unter anderem daran zu sehen, dass vor dreissig Jahren damals Engagierte Alarm schlugen, die Umweltuhr auf \u00abF\u00fcnf vor Zw\u00f6lf\u00bb setzten und sich trotzdem wenig Grunds\u00e4tzliches ver\u00e4ndert hat).<\/b><\/p>\n<div class=\"post-content\">\n<div>\n<p class=\"normal\">Angesichts globaler Bedrohungen wie dem Klimawandel ist es nicht verwunderlich, dass viele Umweltengagierte nach h\u00f6chstdringlichen Massnahmen rufen. Ebenso wenig, dass die meisten von ihnen meinen, f\u00fcr eine Wende m\u00fcssten vor allem gen\u00fcgend viele Menschen mobilisiert werden. Diese notwendig scheinenden schnellen Erfolge &#8211; <span>\u00ab<\/span>Quick Wins<span>\u00bb<\/span> &#8211; durch blosse Mobilisierungen und Dringlichkeitsappelle erzielen zu wollen, ist zwar nachvollziehbar, aber trotzdem oft illusorisch (unter anderem daran zu sehen, dass vor dreissig Jahren damals Engagierte Alarm schlugen, die Umweltuhr auf <span>\u00ab<\/span>F\u00fcnf vor Zw\u00f6lf<span>\u00bb<\/span> setzten und sich trotzdem wenig Grunds\u00e4tzliches ver\u00e4ndert hat).<\/p>\n<p class=\"normal\"><strong>Verf\u00fchrerische Illusion:<br \/><\/strong>Die erste Verf\u00fchrungsgefahr tritt ein, wenn man meint, dass es nichts weiter brauche als gen\u00fcgend Menschen, die sich erheben bzw. klicken, um die angesprochenen Entscheidungstr\u00e4gerInnen zum richtigen Handeln zu bringen. Und da gemeint wird, mit Emotion &amp; \u00dcbertreibung k\u00f6nne besser mobilisiert werden, bedient man dabei gerne die Alarmsirene. Weil aber mit Protest das, was zu tun verlangt wird, sozusagen als Arbeitsauftrag an meist Uneinsichtige geht, die mit ihren \u00dcbeltaten Geld verdienen, ist Ver\u00e4nderungstr\u00e4gheit systembedingt. Und tritt dann zudem die angedrohte Katastrophe (z.B. <span>\u00ab<\/span>der Wald stirbt<span>\u00bb<\/span>) nicht sichtbar innert n\u00fctzlicher Frist ein, kann\u2019s zum Bumerang werden.<\/p>\n<p class=\"normal\">Zu glauben, kurzfristige Quantit\u00e4t reiche, macht diese zunehmend zum Ziel. Statt dass sie ein\u00a0Mittel zum eigentlichen Zweck bleibt, n\u00e4mlich das lange dauernde Engagements f\u00fcr den Wandel. Online-Mobilisierungen verst\u00e4rken die Tendenz zu rein quantitativen Betrachtungen und illusorischen Quick Wins. Nichts gegen Quantit\u00e4t, aber sie n\u00fctzt nicht viel ohne Qualit\u00e4t. Sonst wird es quasi-kapitalistisch: Die Hoffnung auf kurzfristigen Gewinn wird zum Hauptantrieb. Dabei ist die eigentliche Frage: Wie aus Emp\u00f6rung langfristig gesellschaftswirksam Kapital schlagen? Und wie dem <span>\u00ab<\/span>Diktat des Soforts<span>\u00bb<\/span> mit einem klugen Emp\u00f6rungsmanagement den Wind aus den Segeln nehmen?, ist die zweite Frage. Bref: Zwar hat die quantitative Mobilisierungsf\u00e4higkeit zugenommen, aber \u00dcbertreiberitis und die schiere Menge an Klickangeboten behindern, statt f\u00f6rdern wirkliches Mitmachen.<\/p>\n<p class=\"normal\">Nat\u00fcrlich sind Erfolge wichtig, sie befl\u00fcgeln enorm. Auch reale Quick Wins sind super, sind sie z.B. als Kurzzeit-Projekt Teil einer L\u00e4ngerzeit-Kampagne. \u00dcbersch\u00e4tzt man aber die eigenen Kr\u00e4fte, werden Quick Wins zur zweiten Verf\u00fchrungsgefahr reiner Mobilisierung: Glaubt man, das Ziel sei in Griffn\u00e4he und f\u00fcr einen schnellen Erfolg brauche es jetzt nur noch etwas mehr Druck (siehe die Kolumne <a title=\"Unter Druck setzten\" href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/News_Stories\/Magazin\/Kunos-Kolumne\/unter-druck-setzen\/blog\/52026\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span>\u00abU<\/span>nter Druck setzen<span>\u00bb<\/span><\/a>), ist es naheliegend, mit zus\u00e4tzlichem Ressourceneinsatz m\u00f6glichst viele Menschen zum Unterschreiben einer Petition oder zur Beteiligung an einer Demo mobilisieren zu wollen. Auf den zweiten Blick stellt sich langsam die Frage, ob sich das viele <span>\u00ab<\/span>Schnell-mal<span>\u00bb<\/span> nicht konkurriert und ergo abschleift: Stets m\u00f6glichst Viele bei m\u00f6glichst Vielem mit etwa Demselben? Nicht oder weniger zu hasten heisst ja nicht rasten, sondern Boden beackern und weniger auf Hors-Sol-Schnellerfolge setzen.<\/p>\n<p class=\"normal\">Und auf den dritten Blick zeigt sich das eigentliche Problem: Es hat sich mit der Mobilisierung allein noch nichts wirklich ver\u00e4ndert. Manch eine\/r fragt sich, nachdem das Megaphon wegger\u00e4umt, das Banner eingerollt, die Petition \u00fcbergeben und die Forderung als Pressemitteilung ver\u00f6ffentlicht worden ist: Was nun?<\/p>\n<p class=\"normal\">Umweltorganisationen verstehen sich als Avantgarde der Zivilgesellschaft und stehen f\u00fcr eine nachhaltig lebende, demokratische Gesellschaft ein. Eine Gesellschaft im Wandel ist ambivalent, weil der Einsatz f\u00fcr eine neue Gesellschaft aus der real existierenden kapitalistischen Welt heraus geschieht. Das f\u00fchrt zum Zwiespalt, einerseits Symptome und Emp\u00f6rung bedienen zu m\u00fcssen (Problembrandmarkung ist im Grunde ein Auftrag der Mitglieder, die daf\u00fcr spenden) und andererseits trotzdem eine gesellschaftliche Wurzelbehandlung voranzutreiben. Emp\u00f6rung ist menschlich, und sie ist wichtig. Entscheidet aber sie \u00fcber die Ressourcenverteilung, entsteht eine Dynamik quantitativer Symptom-Schaumschl\u00e4gerei.<\/p>\n<p class=\"normal\">Dieses Dilemma zwischen dringlicher Symptom- und langfristiger Ursachenbek\u00e4mpfung wird meist nicht oder zu wenig als dialektischer Prozess verstanden. Meist obsiegt die Dringlichkeit, weil <span>\u00ab<\/span>&#8230; der Kampf gegen die Ungerechtigkeit ein Rennen gegen die Zeit<span>\u00bb<\/span> ist, wie etwa auch Lukas B\u00e4rfuss in seinem Buch <span>\u00ab<\/span>Stil und Moral<span>\u00bb<\/span> killerm\u00e4ssig argumentiert. Gewiss, jede Minute ungerechtes Leben ist eine zu viel. Doch Symptombek\u00e4mpfung bindet Mittel, die nicht immer automatisch Vorinvestitionen in den langfristigen Wandel sind. Einsatz braucht es beidseits des Zwiespalts und gleichwertig. Und weil gesellschaftliche \u00c4nderungen Zeit brauchen, braucht es Zeit. Zeit, die man sich aus Dringlichkeit und Quick-Win-Verf\u00fchrung nicht geben will. Aber muss. Oder wie heisst es im Milit\u00e4r? Es ist einfacher eine Schlacht zu gewinnen als den Krieg. Die Verlockung Ressourcen in eine Schlacht zu konzentrieren ist gross \u2013 bzw. dementsprechend eine grosse Herausforderung an die Ressourcenverteilung.<\/p>\n<p class=\"normal\">Reale Wandel existieren bereits, tausendfach. Etwas mehr, etwas beschleunigter w\u00e4re in der Tat nicht schlecht. Der Hemmschuh daf\u00fcr ist die menschliche Ur-Angst vor Ver\u00e4nderung. Diese kann nur \u00fcberwunden werden durch das reale Erleben anderer Praxis. Wer erlebt, dass es geht, bleibt dran und zieht andere mit, die sich eigentlich nach Ver\u00e4nderung sehnen. Zentral in diesen Wandel-Prozessen sind <span>\u00ab<\/span>Pioneer Communities<span>\u00bb<\/span> f\u00fcr den kr\u00e4fteraubenden Start. Deren Praxis zu multiplizieren sowie \u00e4nderungsaktive Gruppen zu unterst\u00fctzen, k\u00f6nnte eine neue Rolle der Umweltorganisationen werden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts globaler Bedrohungen wie dem Klimawandel ist es nicht verwunderlich, dass viele Umweltengagierte nach h\u00f6chstdringlichen Massnahmen rufen. 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