{"id":10691,"date":"2014-12-03T00:00:00","date_gmt":"2014-12-02T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/10691\/mikado-und-monopoly-statt-klimaschutz\/"},"modified":"2019-05-30T10:38:42","modified_gmt":"2019-05-30T08:38:42","slug":"mikado-und-monopoly-statt-klimaschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/10691\/mikado-und-monopoly-statt-klimaschutz\/","title":{"rendered":"Mikado und Monopoly statt Klimaschutz"},"content":{"rendered":"<p><b>Wieder fliegen tausende Diplomaten und Lobbyisten zum Gipfel. Wieder wird Ban Ki-moon einen flammenden Appell gegen die Klimaerw\u00e4rmung an sie richten. Wieder wird genickt werden. Und dann eingeknickt vor den Kohle-, Gas- und \u00d6l-Lobbys bzw. deren Vertretern in den Regierungsdelegationen. Ist wieder zu bef\u00fcrchten.<\/b><\/p>\n<div class=\"post-content\">\n<div>\n<p><strong>Wieder fliegen tausende Diplomaten und Lobbyisten zum Gipfel. Wieder wird Ban Ki-moon einen flammenden Appell gegen die Klimaerw\u00e4rmung an sie richten. Wieder wird genickt werden. Und dann eingeknickt vor den Kohle-, Gas- und \u00d6l-Lobbys bzw. deren Vertretern in den Regierungsdelegationen. Ist wieder zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p>Bald wird der Klimagipfel die Welt mit News beliefern. Wie jedes Jahr. Und alle f\u00fcnf Jahre wieder wird der IPCC-Bericht der Klimaforscher\/innen zuhanden des Klimagipfels ver\u00f6ffentlicht, wie eben geschehen (s. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/F%C3%BCnfter_Sachstandsbericht_des_IPCC\">hier<\/a>). Mit wieder derselben klaren Aussage: Reduziert endlich den Ausstoss an Treibhausgasen! Welche derweil unbeirrt weiter zunehmen, genauso wie die Anzeichen der Klimaver\u00e4nderung. Jedenfalls ist bitter festzustellen, dass die globale Treibhausgasmenge in den 20 Jahren Klimaverhandlungen um mehr als 40 % zugenommen hat. Dies obwohl vereinbart wurde, sie um 40 % gegen\u00fcber dem Stand von 1990 zu verringern. Ein unbarmherziges Spiel, das der Philosoph Betrand Russell schon vor Jahrzehnten wie folgt beschrieb: \u00abDie Wissenschaftler bem\u00fchen sich, das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen. Die Politiker bem\u00fchen sich oft, das M\u00f6gliche unm\u00f6glich zu machen.\u00bb Im Auftrag der genannten Lobbys, m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Und was wird nun an der COP20, dem 20. Treffen der Klimaparteien, also der 193 Staaten der UNO, geschehen? Viele Lippenbekenntnisse, nichts Verbindliches, und keiner der m\u00e4chtigen Staaten, der vorangeht? Also das Gleiche wie an den 19 Gipfeln zuvor? Das was zum Bonmot \u00abGlobales Mikado\u00bb gef\u00fchrt hat: \u00abWer sich zuerst bewegt, verliert\u00bb. Es trifft diese Nicht-Dynamik und namentlich den Kern: Der unersch\u00fctterliche Glaube, es sei falsch, sich als Einzelstaat zu bewegen. Dabei w\u00e4re es genau das Richtige. Und was heisst verlieren? Wer verl\u00f6re ausser den Kohle-Machern? Eigentlich w\u00e4re sch\u00fctzen gewinnen und nichts tun verlieren. Oder verstehe ich da etwas falsch?<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich schwierig, die Menschheit dazu zu \u00fcberreden, in ihr eigenes \u00dcberleben einzuwilligen, wie Bernhard Russell bereits vor \u00fcber 50 Jahren feststellte. Gibt es denn keinen anderen Weg zum Klimaschutz, ist somit eine berechtigte Frage.<\/p>\n<p><strong>Warum eigentlich?<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Warum eigentlich braucht es einen Vertrag? Warum geschieht Klimaschutz nicht ohne Vertrag, so wie etwa die \u00abSmartphonisierung\u00bb der Welt auch einfach so geschieht?\n<p>Ursache und Grund\u00fcbel Nummer eins ist, dass Klimaschutz mit \u00f6konomischer Last gleichgesetzt wird, und es deshalb einen von allen Staaten unterschriebenen Vertrag brauche, der die Lasten verteilt. Diese verinnerlichte \u00dcberzeugung m\u00fcndet in die Mikado-Haltung: Etwas tun, also bewegen, heisst investieren. Und der Return of Investment muss f\u00fcr neoliberal geimpfte Staatsvertreterinnen und Staatsvertreter monet\u00e4r und kurzfristig sein, sonst sind Investitionen aus ihrer Sicht bloss Kosten. An m\u00f6gliche andere als monet\u00e4re Nutzen und Motive k\u00f6nnen Immunisierte gar nicht denken. Es kommt ihnen nicht in den Sinn. Und jenen wenigen, welchen es doch in den Sinn k\u00e4me, haben keine Macht. Diese liegt bei den \u00f6l- und kohlebasierten L\u00e4ndern wie die USA, China, Kanada, Indien, Brasilien, S\u00fcdafrika, Russland, Australien und auch der EU. <br \/> Es wird demokratisch und besorgt getan, und das Resultat ist eine von diesen Fossill\u00e4ndern betriebene planwirtschaftliche Machtpolitik (der Emissionszertifikatshandel ist Planwirtschaft). Die Vertreterinnen und Vertreter kleiner Staaten sind entweder auch geimpft oder werden erpresst bzw. mit Investitions\u00adversprechen verf\u00fchrt.<\/p>\n<\/li>\n<li>Warum eigentlich muss zuerst bewiesen werden, dass die Klimaerw\u00e4rmung menschgemacht ist und zunimmt? Wie soll \u00fcberhaupt ein zuk\u00fcnftiger Zustand bewiesen werden?\n<p>Aber selbst wenn es sich sp\u00e4ter erweisen w\u00fcrde, dass das Klima sich gar nicht erw\u00e4rmte, w\u00e4re es gut, knappe Ressourcen wie Erd\u00f6l nur schonend zu verbrauchen. Was genau w\u00e4re denn schlimm daran, w\u00fcrde man mehr CO2 reduzieren als \u00abunbedingt n\u00f6tig\u00bb? Eigentlich nichts. Es handelt sich hierbei um einen Halunkentrick: Weil ein Zustand in der Zukunft per se nicht bewiesen werden kann, kann die Kohle- oder \u00d6lindustrie immer einen Forscher bezahlen, der behauptet, Klimaerw\u00e4rmung g\u00e4be es nicht bzw. sei nicht erwiesen. Die nicht-bezahlten Forscherinnen und Forscher des Weltklimarates hingegen haben im k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Weltklimabericht unmissverst\u00e4ndlich zum Ausdruck gebracht, dass die Erw\u00e4rmung unseres Klimas eine zweifelsfreie Tatsache und das der Mensch mit hoher Sicherheit verantwortlich daf\u00fcr ist.<\/p>\n<\/li>\n<li>Warum eigentlich ist es so schwierig, das Einsichtige zu tun?\n<p>Ursache bzw. Grund\u00fcbel Nummer zwei ist, die Allmende-Klemme nicht zu kennen oder nicht kennen zu wollen. Sie ist nicht eine Trag\u00f6die, wie dies die englische \u00dcbersetzung \u00abtragedy of the commons\u00bb suggeriert. Denn aus der Klemme, eine \u00abAllmende\u00bb zu \u00fcbernutzen, d.h. ein Allgemeingut wie z.B. die Atmosph\u00e4re, kann sehr wohl ausgestiegen werden. Das hat Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4gerin Elinor Ostrom mit ihren Forschungen gezeigt. Allgemeing\u00fcter m\u00fcssen nicht quasi evolutionsbedingt \u00fcbernutzt werden, weil der Mensch nat\u00fcrlich-egoistisch von einem Allgemeingut stets mehr nehmen w\u00fcrde als ihm zusteht. Der Mensch ist auch kooperativ und \u00fcbernutzt nicht, wenn es darum geht, ein Gemeingut zu sch\u00fctzen, von dem er abh\u00e4ngt, wie z.B. einen See nicht zu \u00fcberfischen. Die Allmende-Klemme verhindert Schutz nur, wenn getan wird als geh\u00f6re ein bestimmtes Allgemeingut niemanden, so wie in der Klimavertrags-Frage die Atmosph\u00e4re: Denn nur bei Besitzlosigkeit, wie Ostrom zeigte, findet \u00dcbernutzung statt. Doch der Himmel geh\u00f6rt eigentlich allen und nicht niemandem. <br \/> Was bei den Klimavertragsverhandlungen im\u00a0 Prinzip geschieht ist, dass sie zu einem \u00abAlle oder nichts\u00bb reduziert werden: Entweder machen alle mit oder es wird nichts getan. Da nicht alle unterschreiben geschieht nichts und es wird weiterhin so getan, als geh\u00f6re die Atmosph\u00e4re niemandem. Deshalb wird sie \u00fcbernutzt. Die Allmende-Klemme wird in einem solchen Fall zur Falle bzw. eben zur Trag\u00f6die, weil fossil basierte Staaten mehr nehmen als ihnen zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde. Bis zum Point of no return. Oder bis ein anderer Weg gefunden wird.<\/p>\n<\/li>\n<li>Warum eigentlich fixiert man sich auf Marktideen und CO2-Zertifikatshandel, wo doch beides problematisch ist?\n<p>Sp\u00e4testens seit dem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2006\/45\/Klima-Kasten\">Bericht<\/a> \u00abGr\u00f6sstes Marktversagen aller Zeiten\u00bb des Ex-Weltbank-Chef\u00f6konomen Nicholas Stern im Auftrag der Regierung Blair 2006 verfasst, m\u00fcsste an marktwirtschaftlichen Instrumenten gezweifelt werden. Mittlerweile muss man mit Blick auf den Zertifikatshandel sogar von einem Marktinfarkt sprechen. Damit ist nichts gegen M\u00e4rkte gesagt, sie sind eine Realit\u00e4t. Nur gegen die falsche Marktgestaltung durch die sichtbare Hand der Lobbyistinnen und Lobbyisten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Greenpeace-Vision \u00ab100 % erneuerbare Energien bis 2050\u00bb ist demnach als Haltung goldrichtig, einfach und einleuchtend. Ziel muss sein, die Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Energietr\u00e4gern zu \u00fcberwinden, ungesunde Luftschadstoffe zu vermeiden und Regionalwirtschaften durch dezentrale Energieversorgung zu f\u00f6rdern. Die <span style=\"text-decoration: underline;\">gesamt<\/span>volkswirtschaftlichen Vorteile einer Wende sind offensichtlich, wenn auch, zugegebenermassen, nicht f\u00fcr alle gleich und gleichzeitig. Die Mehrheit profitiert von der Energiewende. Doch womit sollen die Energiekonzerne k\u00fcnftig Geld verdienen, wenn Energie in grossen Umfang dezentral produziert wird? Vor diesem Hintergrund werden die Konzerne nat\u00fcrlich nicht m\u00fcde uns vorzugaukeln, dass die Energiewende nicht geht bzw. unvorstellbar teuer und mit erheblichen Risiken verbunden ist. Es spricht eigentlich alles f\u00fcr einen Paradigmenwechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und -suffizienz, egal welche Vertragsmaus der Klimagipfel geb\u00e4ren wird. Doch die neoliberale Impfung zeigt Resistenzwirkung gegen\u00fcber nicht monet\u00e4ren Motiven. Eingefleischtes Konkurrenzdenken und der Quasiausschluss von Kooperation zur gemeinsamen Zukunftsgestaltung herrschen vor.<\/p>\n<p>Und was kann da das Mikado-St\u00e4bchen Schweiz tun? Sich bewegen. Als Entwicklungsland f\u00fcr die Weltgemeinschaft Wege f\u00fcr den Klimaschutz entwickeln. Zeigen, dass die Energiewende langfristig profitabel ist. Nur, man h\u00f6rt den Aufschrei schon im voraus: \u00abEinseitige Massnahmen\u00bb torpedierten die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweiz. Ungeachtet dessen, dass es hier um ein h\u00f6heres Gut geht, um die \u00abRettbewerbsf\u00e4higkeit\u00bb. Und diese heisst: \u00aberneuerbar handeln\u00bb.<\/p>\n<p>Es braucht ein Abkommen, aber zuvor braucht es Pioniere. Ein Vertragsabschluss mit relevanter Wirkung ist ohne Pioniere unwahrscheinlich, wie die 19 erfolglosen Klimagipfel zeigen. Warten bis alle unterzeichnen, k\u00f6nnen wir uns nicht leisten. Anders gesagt: Auf einen wirksamen internationalen Klimaschutzvertrag zu warten bedeutet im Grunde, dass die verharrenden L\u00e4nder die Dealer klimasch\u00e4dlicher Energie im eigenen Land sch\u00fctzen statt das Klima.<\/p>\n<p>Oder gibt das k\u00fcrzlich unterzeichnete bilaterale Abkommen zur CO2-Reduktion zwischen den USA und China Anlass zu etwas Hoffnung? Ein umgekehrtes Mikado als COP20-Resultat w\u00e4re jedenfalls sch\u00f6n: Wer sich bewegt, gewinnt. Erste L\u00e4nder, die aufh\u00f6ren zu warten. Gr\u00fcne Arbeitspl\u00e4tze beginnen dreckige zu ersetzen.<br \/>\u00a0<\/p>\n<p><em>PS: Aktuelle Informationen von Greenpeace zum UNO-Klimagipfel siehe z.B. <\/em><a href=\"http:\/\/www.greenpeace.de\/themen\/klimawandel\/klimaschutz\/gipfel-fuer-sonne\"><em>hier<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder fliegen tausende Diplomaten und Lobbyisten zum Gipfel. Wieder wird Ban Ki-moon einen flammenden Appell gegen die Klimaerw\u00e4rmung an sie richten. Wieder wird genickt werden. 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