{"id":10722,"date":"2014-11-20T00:00:00","date_gmt":"2014-11-19T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/10722\/das-netz-die-letzte-grosse-wildnis\/"},"modified":"2019-05-30T10:39:34","modified_gmt":"2019-05-30T08:39:34","slug":"das-netz-die-letzte-grosse-wildnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/10722\/das-netz-die-letzte-grosse-wildnis\/","title":{"rendered":"Das Netz: Die letzte grosse Wildnis"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00dcberwachung, Kontrolle, Zerfall: Dem Internet geht es zurzeit nicht gut. Was als Utopie der letzten grossen Wildnis begann, ist zum perfekten \u00dcberwachungsapparat geworden. Nun liegt es an den Nutzern, das Netz zur\u00fcckzuerobern.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><em><strong>Von Samuel Schlaefli<\/strong><\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/1410_GP_MAG_3-14_Netz-Letzte_grosse_Wildnis.pdf\">&gt; Artikel im lesefreundlichen Magazinformat als PDF downloaden (120KB)<span>\u00a0<\/span><br \/><\/a><a title=\"Themenschwerpunkt Wildnis\" href=\"https:\/\/p3-admin.greenpeace.org\/switzerland\/de\/News_Stories\/Magazin\/2014-Magazin\/Themenschwerpunkt-Wildnis\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">&gt; Weitere Artikel zum Themenschwerpunkt Wildnis<\/a><\/p>\n<p>Die \u00abre:publica\u00bb ist ein guter Ort, um dem Internet den Puls zu f\u00fchlen. W\u00e4hrend drei Tagen im Mai versammeln sich im alten Postbahnhof von Berlin Kreuzberg mehr als 5000 Blogger, Netzaktivisten, Social-Media-Strategen und Journalisten. \u00dcber 300 Redner widmen sich dem Thema Internet und es werden Dutzende von Paneldiskussionen durchgef\u00fchrt. Nirgends zeigt sich besser, was die digitale Gesellschaft bewegt. Sascha Lobo, der bekannteste Internet-Erkl\u00e4rer Deutschlands, brachte die Sache gleich am ersten Tag in seiner \u00abRede zur Lage der Nation\u00bb auf den Punkt: \u00abDas Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.\u00bb<br \/>Die Anwesenden waren sich einig: 2014 war die politischste \u00abre:publica\u00bb aller Zeiten. Praktisch kein Vortrag, in dem nicht politisches Asyl f\u00fcr Edward Snowden gefordert wurde. Sarah Morris von Wikileaks berichtete von ihrer Zusammenarbeit mit dem Whistleblower und weshalb sie seit der Eskortierung von Snowden von Hongkong nach Russland nicht mehr in ihre Heimat England einreisen kann. Eric King von Transparency International gab Einblicke in die Machenschaften des NSA-Geheimdienstverbundes Five Eyes. Der Oxford-Professor Viktor Mayer-Sch\u00f6nberger referierte zu den ethischen Grenzen von Big Data und der IT-Sicherheitsexperte Mikko Hypp\u00f6nen pr\u00e4sentierte sein Manifest f\u00fcr digitale Freiheit.<br \/>Das Motto der \u00abre:publica\u00bb 2014 hiess \u00abInto the Wild\u00bb. Doch damit meinten die Veranstalter nicht die Wildnis, grenzenlose Freiheit und Spielfreude, f\u00fcr die das Internet einst angetreten war. Damit meinten sie vielmehr den Wildwuchs von \u00dcberwachung, Kontrolle, Datensammlung und -auswertung, der unsere Freiheit im Internet zunehmend erstickt.<\/p>\n<p>Die \u00abre:publica\u00bb ist ein guter Ort, um dem Internet den Puls zu f\u00fchlen. W\u00e4hrend drei Tagen im Mai versammeln sich im alten Postbahnhof von Berlin Kreuzberg mehr als 5000 Blogger, Netzaktivisten, Social-Media-Strategen und Journalisten. \u00dcber 300 Redner widmen sich dem Thema Internet und es werden Dutzende von Paneldiskussionen durchgef\u00fchrt. Nirgends zeigt sich besser, was die digitale Gesellschaft bewegt. Sascha Lobo, der bekannteste Internet-Erkl\u00e4rer Deutschlands, brachte die Sache gleich am ersten Tag in seiner \u00abRede zur Lage der Nation\u00bb auf den Punkt: \u00abDas Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht.\u00bb<\/p>\n<p>Die Anwesenden waren sich einig: 2014 war die politischste \u00abre:publica\u00bb aller Zeiten. Praktisch kein Vortrag, in dem nicht politisches Asyl f\u00fcr Edward Snowden gefordert wurde. Sarah Morris von Wikileaks berichtete von ihrer Zusammenarbeit mit dem Whistleblower und weshalb sie seit der Eskortierung von Snowden von Hongkong nach Russland nicht mehr in ihre Heimat England einreisen kann. Eric King von Transparency International gab Einblicke in die Machenschaften des NSA-Geheimdienstverbundes Five Eyes. Der Oxford-Professor Viktor Mayer-Sch\u00f6nberger referierte zu den ethischen Grenzen von Big Data und der IT-Sicherheitsexperte Mikko Hypp\u00f6nen pr\u00e4sentierte sein Manifest f\u00fcr digitale Freiheit.<\/p>\n<p class=\"p2\">Das Motto der \u00abre:publica\u00bb 2014 hiess \u00abInto the Wild\u00bb. Doch damit meinten die Veranstalter nicht die Wildnis, grenzenlose Freiheit und Spielfreude, f\u00fcr die das Internet einst angetreten war. Damit meinten sie vielmehr den Wildwuchs von \u00dcberwachung, Kontrolle, Datensammlung und -auswertung, der unsere Freiheit im Internet zunehmend erstickt.<\/p>\n<h3 class=\"p3\">Unendliche \u00dcberwachung<\/h3>\n<p class=\"p2\">Etwas Fundamentales ist geschehen. Etwas, das die digitale Gesellschaft, in die wir erst gerade hineingewachsen sind, in ihren Grundfesten ersch\u00fcttert. Digital Natives sprechen bereits von einer Zeitenwende: den Jahren vor und denjenigen nach Snowden. Bis vor kurzem noch stellten wir uns das Internet als Raum vor, in dem wir uns frei und anonym bewegen k\u00f6nnen. Als Raum, in dem wir in Rollen schl\u00fcpfen, die wir sonst nirgends ausleben; in dem wir Bilder anschauen, von denen wir nicht wollen, dass unsere Freunde und Gesch\u00e4ftspartner wissen, dass wir sie anschauen; in dem wir Dinge sagen, die wir sonst nie auszusprechen wagten. Das war einmal. Heute wissen wir: Dieser Raum ist voller \u00dcberwachungskameras, Abh\u00f6rtechnik und Spione.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>\u00a0\u00abDas Datencenter ist eine Blackbox mit industriellen Dimensionen; kapitalintensiv, komplex und undurchsichtig.\u00bb<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"p2\">Snowdens engster Vertrauter, Glenn Greenwald, der die geleakten NSA-Dokumente f\u00fcr den britischen \u00abGuardian\u00bb auswertete, beschreibt den Paradigmenwechsel im Umgang mit pers\u00f6nlichen Daten wie folgt: \u00abDie NSA braucht keinen bestimmten Anlass, damit sie Daten auswertet. Sie denkt sich vielmehr: Wir h\u00f6ren eure Telefonate ab, schauen in eure E-Mails und Internetaktivit\u00e4ten, speichern sie und werten sie aus \u2013 aus dem einfachen Grund, weil es sie gibt.\u00bb Das klingt ein wenig wie George Orwells \u00ab1984\u00bb, nur ist die \u00dcberwachung leiser, diskreter und perfider.<\/p>\n<p class=\"p2\">Felix Stalder, Professor f\u00fcr Digitale Kultur und Netzwerktheorien an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste, spricht in diesem Zusammenhang von der \u00abzweiten digitalen Phase\u00bb. W\u00e4hrend sich in der ersten Phase noch alles um ungehinderte und erweiterte Kommunikation gedreht habe, stehe die zweite Phase im Zeichen des uneingeschr\u00e4nkten Sammelns und Auswertens von Daten. Symbol dieser zweiten Phase sei das Datencenter \u2013 \u00abeine Blackbox mit industriellen Dimensionen, kapitalintensiv, komplex und undurchsichtig\u00bb.<\/p>\n<p class=\"p2\">An solche Datencenter werden heute Teile von politischen Entscheidungen ausgelagert. Indem sie Daten von verd\u00e4chtigen Handysignalen auswerten, entscheiden die Rechner mit, ob eine afghanische oder jemenitische Hochzeitsgesellschaft mittels einer Drohne beschossen wird oder nicht. Und sie erm\u00e4chtigen Geheimdienste, B\u00fcrger ohne jeden Verdacht auszuhorchen. Die Datencenter sind zu einer Gefahr f\u00fcr die Demokratie geworden.<\/p>\n<h3 class=\"p2\">Die Netz-\u00dcbermacht USA<\/h3>\n<p class=\"p2\">Die Lust am Datensammeln ist nicht neu. \u00ab\u00dcberwachung war f\u00fcr Regierungen schon immer ein Mittel, um soziale Bewegungen zu identifizieren und zu diskreditieren\u00bb, sagt der Berliner Internetaktivist Stephan Urbach. Egal ob Martin Luther King, die indigene Bev\u00f6lkerung Chiles oder die Umweltbewegung in Deutschland, sie alle wurden ausgehorcht. \u00abNur die Allgegenwart und Perfektion der \u00dcberwachung ist neu.\u00bb Urbach sass zweieinhalb Jahre f\u00fcr die Piraten als Referent f\u00fcr Internetfreiheit im Bundestag. F\u00fcr ihn war ein unkontrolliertes, egalit\u00e4res und demokratisches Internet stets eine Illusion: \u00abDie USA waren im Internet schon immer eine Hegemonialmacht.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p2\">Das hat gleich mehrere Gr\u00fcnde: Das Internet wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts des US-Verteidigungsministeriums entwickelt. Der Grossteil der physischen Infrastruktur steht bis heute in den Vereinigten Staaten. Die wichtigsten Entscheidungsgremien, die \u00fcber Regulierungen und Protokolle im Internet bestimmen, sind von Amerikanern dominiert; unter anderem von der Internet Engineering Task Force (IETF). \u00dcber 70 Prozent der Antr\u00e4ge, die zwischen 1986 und 2012 bei der IETF eingingen, wurden von amerikanischen Ingenieuren verfasst. Sie f\u00fchren oft zu neuen technischen Spezifikationen und Standards. Allein das US-Unternehmen Cisco, dessen Router und Switches zu den wichtigsten Bestandteilen der Netzinfrastruktur geh\u00f6ren, hat mehr Antr\u00e4ge produziert als ganz China. Auch die h\u00f6chste hierarchische Instanz des Internet-Namenssystems liegt in den H\u00e4nden der USA: die Internet Cooperation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Sie kann zusammen mit der Oberaufsicht der amerikanischen Telekommunikations- und Informationsbeh\u00f6rde (NTIA) praktisch im Alleingang \u00fcber die Vergabe von neuen Domain-Namen, also zum Beispiel .org oder .ch, entscheiden. \u00abAll das hat uns lange Zeit nicht gest\u00f6rt, denn es funktionierte ja alles prima\u00bb, sagt Urbach. \u00abDoch im Zuge der NSA-Enth\u00fcllungen f\u00fchlen wir uns pl\u00f6tzlich zum ersten Mal so richtig machtlos.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p2\">Das f\u00fchrt nicht nur bei Internetnutzern zu Frustration und Unsicherheit, sondern auch bei Regierungen. Seit Jahren beklagen China und Russland die Netz\u00fcbermacht der USA. Angela Merkel hat nach dem Skandal um die Abh\u00f6rung ihres Handys angek\u00fcndigt, dass Deutschland gemeinsam mit Frankreich die Entwicklung eines EU-Internets in Betracht ziehe. Die Deutsche Telekom arbeitet bereits an Pl\u00e4nen f\u00fcr ein deutsches \u00abInternetz\u00bb, das auf die EU ausgeweitet werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"p2\">\u00c4hnlich wie Merkel reagierte auch die brasilianische Pr\u00e4sidentin Dilma Rousseff. Ihre Regierung wollte Unternehmen wie Google und Facebook dazu verpflichten, ihre Datencenter f\u00fcr die Kommunikation in Brasilien vor Ort zu platzieren \u2013 zusammen mit einem Vertreter des Unternehmens. Die entsprechenden Passagen wurden im April 2014 zwar aus dem \u00abMarco Civil da Internet\u00bb gekippt, eine St\u00e4rkung der nationalen Datenhoheit beinhaltet er aber nach wie vor.<\/p>\n<p class=\"p2\">Auch in der Forschung ist die Dezentralisierung des Internets ein Thema: Computerwissenschaftler der Z\u00fcrcher ETH und der amerikanischen Carnegie Mellon University t\u00fcfteln an einem weltumspannenden Netz von regionalen Subnetzen. Letztere w\u00fcrden nationalen Aufsichten unterstehen. Damit l\u00e4gen die Regulierung und die Domainvergabe unter Staatshoheit.<\/p>\n<p class=\"p2\">F\u00fcr Internetgiganten ist die angedachte Nationalisierung des Internets ein Horrorszenario: Vergangenen Dezember schalteten Facebook, Google, Apple, Twitter, LinkedIn, Yahoo, AOL und Microsoft ganzseitige Inserate in den gr\u00f6ssten amerikanischen Tageszeitungen. In einem gemeinsamen offenen Brief an die Regierungen dieser Welt forderten sie die \u00abRespektierung des internationalen Datenverkehrs\u00bb. Die Forderung ist wenig \u00fcberraschend: Eine Fragmentierung des Netzes w\u00fcrde ihr Gesch\u00e4ftsmodell aush\u00f6hlen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Doch nicht nur die Industrie ist besorgt. Auch Internetaktivisten und Wissenschaftler wehren sich gegen die Zerst\u00fcckelung des Netzes. Sie f\u00fcrchten eine \u00abBalkanisierung des Internets\u00bb, ein Patchwork von nationalen Netzen mit unterschiedlichen und zum Teil nicht kompatiblen Regulierungen. Paul Fehlinger vom Internet and Jurisdiction Project, einer Organisation mit Sitz in Paris, die f\u00fcr die Rettung des heutigen globalen Systems k\u00e4mpft, warf k\u00fcrzlich in einem Artikel die provokante Frage auf: \u00abWerden wir in Zukunft Online-Visa ben\u00f6tigen, um \u00fcberhaupt noch im Cybernet reisen zu d\u00fcrfen?\u00bb<\/p>\n<h3 class=\"p3\">Das Darknet \u2013 die letzte Wildnis im Cyberspace<\/h3>\n<p class=\"p2\">F\u00fcr den Netzwerkexperten Felix Stalder sind solche Bef\u00fcrchtungen verfr\u00fcht. \u00abDie gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Kosten f\u00fcr eine Nationalisierung des Internets w\u00e4ren zu hoch.\u00bb Seine Prognose geht in eine andere Richtung: Unterschiedliche Akteure w\u00fcrden k\u00fcnftig versuchen, die Kontrolle \u00fcber die bestehende Netzinfrastruktur zur\u00fcckzuerobern. Solches ist bereits geschehen. Web-Nerds haben in den vergangenen Jahren ihr eigenes, vor \u00dcberwachung und Kontrolle gesch\u00fctztes Netz erschaffen. Das Darknet ist die letzte wilde Ecke im Cyberspace: ein Subnetz mit lauter Seiten, die von keinem gew\u00f6hnlichen Browser gefunden werden. Es vereint Netzwerktechnologien f\u00fcr die Datenanonymisierung und -verschl\u00fcsselung und ist von aussen weder beobachtbar noch kontrollierbar. Zwar werden Daten \u00fcber dieselben Kupfer- und Glasfaserkabel geschickt wie im offiziellen Netz. Doch f\u00fcr die \u00dcbermittlung werden andere Protokolle benutzt. Wer im Darknet surft, taucht mit seiner Kommunikation weder auf einem Geheimdienstbildschirm auf noch landet diese in der Google-Ads-Maschinerie. Das Darknet ist die digitale Wildnis 2.0, der virtuelle Raum ohne Regeln. Surfer berichten von Kopfgeldj\u00e4ger-B\u00f6rsen, von florierendem Waffenhandel und dem Vertrieb von Pornografie.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>\u00abDas Darknet ist die digitale Wildnis 2.0, der virtuelle Raum ohne Regeln.\u00bb<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"p2\">Vergangenen Oktober machte das Darknet international Schlagzeilen. Das FBI kam dem Gr\u00fcnder der Verkaufsplattform Silk Road auf die Spur, die oft mit Amazon verglichen wird \u2013 nur dass auf Silk Road nicht B\u00fccher, sondern illegale Drogen gehandelt werden. 340 verschiedene Drogenarten waren \u00fcber die Plattform zeitweise erh\u00e4ltlich, von Haschisch \u00fcber Ecstasy bis zu Heroin. K\u00e4ufer bestellten sich die Ware nach Hause und bezahlten mit der Internetw\u00e4hrung Bitcoin. Als das FBI den Betreiber Ross William Ulbricht in San Francisco verhaftete, wurden 25 Millionen Dollar in Form von Bitcoins eingefroren. Mittlerweile ist Silk Road in ver\u00e4nderter Form wieder online.<\/p>\n<p class=\"p2\">Stephan Urbach wehrt sich gegen rein negative Assoziationen: \u00abDas Darknet wird in der \u00d6ffentlichkeit bewusst diffamiert, weil die Politik Angst davor hat, die Kontrolle \u00fcbers Internet zu verlieren.\u00bb Silk Road, Kinderpornografie und andere illegale Aktivit\u00e4ten machten nur einen kleinen Teil aus. Der weit gr\u00f6ssere Teil diene lauteren Absichten. So nutzen Urbach und die Hackergruppe Telecomix das Tor-Netzwerk, den wahrscheinlich gr\u00f6ssten Teil des Darknet, um syrische Widerstandsk\u00e4mpfer zu unterst\u00fctzen. Obschon das Regime von Bashar al-Assad s\u00e4mtliche Internetaktivit\u00e4ten im Land \u00fcberwacht, gelingt es Urbach, sichere, vom offiziellen Internet losgel\u00f6ste Chats zu organisieren, in denen sich syrische Aktivisten austauschen k\u00f6nnen. Zugleich finden Journalisten und Aktivisten im Tor-Netzwerk Werkzeuge, um sich vor Verfolgung zu sch\u00fctzen: zum Beispiel Programme, die Gesichter in Filmaufnahmen automatisch verwischen, s\u00e4mtliche Metadaten der Aufnahme (Ort, Zeit und Aufnahmeger\u00e4t) l\u00f6schen und das Video schliesslich auf Youtube hochladen. So kommen \u00fcber das Tor-Netzwerk Aufnahmen von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen anonymisiert an die \u00d6ffentlichkeit, ohne dass ihre Urheber um ihr Leben f\u00fcrchten m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Heute surfen t\u00e4glich rund zwei Millionen Nutzer aus 110 L\u00e4ndern im Tor-Netzwerk. Das sind doppelt so viele wie vor dem NSA-Skandal. Anonymit\u00e4t und Verschl\u00fcsselung wird in der Post-Snowden-\u00c4ra zum dringlichen Bed\u00fcrfnis. F\u00fcr Aktivisten, Vertreter der Zivilgesellschaft und NGOs werden sie zunehmend zur Pflicht. Das globale Netzwerk AVAAZ zum Beispiel rief vor wenigen Wochen zu Spenden f\u00fcr eine verbesserte Sicherheitsinfrastruktur auf, nachdem Computer von Mitgliedern gehackt und Aktivisten in \u00c4gypten von furchteinfl\u00f6ssend gut informierten Polizisten verh\u00f6rt worden waren. \u00abIch erhalte heute vermehrt Anfragen von NGOs und Journalisten, die nach M\u00f6glichkeiten suchen, ihren Internetverkehr gegen fremde Zugriffe zu sichern\u00bb, erz\u00e4hlt Urbach. K\u00fcrzlich habe er f\u00fcr M\u00e9decins sans Fronti\u00e8res in Frankreich und Schweden Workshops zu einfachen und kostenlosen Verschl\u00fcsselungs-Tools abgehalten. \u00abUnentgeltlich, alles andere w\u00e4re unethisch. Schliesslich bin ich ein Aktivist!\u00bb<\/p>\n<h3 class=\"p4\">Verschl\u00fcsseln, verschl\u00fcsseln, verschl\u00fcsseln!<\/h3>\n<p class=\"p2\">F\u00fcr Internet-Professor Felix Stalder liegt in der Kryptografie ein wichtiger Schl\u00fcssel, um die Freiheit im Internet zur\u00fcckzugewinnen: \u00abHeute, wo wir im Internet praktisch alles von uns preisgeben, kostet die \u00dcberwachung fast nichts. Deshalb wird alles \u00fcberwacht. Doch je besser wir unsere Kommunikation sch\u00fctzen, desto teurer wird die \u00dcberwachung und desto weniger findet sie statt.\u00bb Die Mittel dazu existieren, zum Beispiel \u00fcber das kostenlose OpenPGP-Protokoll zur Verschl\u00fcsselung von E-Mails und Textfiles. PGP steht f\u00fcr Pretty Good Privacy.<\/p>\n<p class=\"p2\">Das Problem: Die Anonymisierung bedeutet Mehraufwand f\u00fcr den Nutzer. Leider sind die meisten User etwas bequem geworden und haben vergessen, dass die immer einfachere Bedienbarkeit des Web 2.0 Hand in Hand mit abnehmenden Pers\u00f6nlichkeitsrechten gegangen ist. All die praktischen und vermeintlich kostenlosen Internetangebote \u2013 Social Media, E-Mail, News, Film, Shopping und Apps \u2013 bezahlen wir teuer: mit immer mehr pers\u00f6nlichen Daten.<\/p>\n<p class=\"p2\">Vielleicht weckt uns Snowden aus dem Dornr\u00f6schenschlaf und es folgt die dritte Phase des Internets: diejenige des digitalen Ungehorsams. Das wird zwar etwas m\u00fchsam und aufw\u00e4ndig, doch am Ende ist es vielleicht der einzige Weg, wie wir unsere Freiheit im Internet zur\u00fcckerobern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p4\" style=\"text-align: right;\">\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/4765aa30-4765aa30-escape_thumb.jpg\" alt=\"\" width=\"130\" height=\"87\"><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberwachung, Kontrolle, Zerfall: Dem Internet geht es zurzeit nicht gut. Was als Utopie der letzten grossen Wildnis begann, ist zum perfekten \u00dcberwachungsapparat geworden. 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