{"id":10829,"date":"2014-10-24T00:00:00","date_gmt":"2014-10-23T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/10829\/ersatzmutter-natur\/"},"modified":"2019-05-30T10:42:12","modified_gmt":"2019-05-30T08:42:12","slug":"ersatzmutter-natur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/10829\/ersatzmutter-natur\/","title":{"rendered":"Ersatzmutter Natur"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Wildnis begann gleich hinter der Fabrik. Der Bach, der die Turbinen der Spinnerei antrieb, kam aus einer Schlucht \u2013sie geh\u00f6rte zur paradiesischen Welt meiner Kindheit. Oft streiften wir dem Bach entlang in die Schlucht, steile, bewaldete H\u00e4nge beidseits, Wurzelwerk, Nagelfluhklippen, Farn und T\u00fcrkenbund. Wir sprangen von Stein zu Stein, fingen Forellen von Hand in den klaren Wasserbecken. Wo die Schlucht enger wurde, rauschte ein Wasserfall \u00fcber die Felsbank, unter der sich eine H\u00f6hle gebildet hatte, die aussah wie ein riesiger Rachen. Tropfstein, Lehm und Schutt, fingerdicke Schichten von Kohle durchzogen br\u00f6ckligen Mergel. Unheimlich d\u00fcster war es unter dem Felsdach, es roch nach Moder und dem Kot der Dachse, die in G\u00e4ngen im dunklen Grund der H\u00f6hle hausten. Es brauchte Mut, dorthin vorzudringen. Wir fanden Quarzsplitter, die wir f\u00fcr die Pfeilspitzen von H\u00f6hlenbewohnern hielten, Knochen, verkohltes Holz. Feuer machen, Tee kochen in einer Konservenb\u00fcchse mit Brennnesseln oder Spitzwegrich. Es gab Feinde in dieser Welt, streunende Hunde oder Burschen aus dem Nachbardorf, also mussten wir uns bewaffnen. Pfeilbogen aus Hasel- oder noch besser Eibenholz, Speere, Steinschleudern. Weiter oben am Bach gab es eine noch viel gr\u00f6ssere H\u00f6hle, schmale Felsenwege f\u00fchrten hinauf, dann ging es \u00fcber steile H\u00e4nge weiter empor, Klettern \u00fcber Wurzelwerk, abrutschen, mit zerrissenen Hosen und zerkratzten H\u00e4nden heimkehren.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><em><strong>Essay von Emil Zopfi<\/strong><\/em><\/p>\n<p><a title=\"Themenschwerpunkt Wildnis\" href=\"https:\/\/p3-admin.greenpeace.org\/switzerland\/de\/News_Stories\/Magazin\/2014-Magazin\/Themenschwerpunkt-Wildnis\/?id=425690\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">&gt; Weitere Artikel zum Themenschwerpunkt Wildnis<\/a><\/p>\n<h4>Sehnsucht nach Abenteuern<\/h4>\n<p>Die Welt meiner Kindheit war eigentlich kein Paradies. Unsere Eltern arbeiteten Schicht in der Fabrik, meist waren wir uns selbst \u00fcberlassen und unserer Fantasie, angeregt von den B\u00fcchern der Schulbibliothek: Robinson, Lederstrumpf, Ernie Heartings Wildwestb\u00fccher oder die Polarforscher. Nach der Lekt\u00fcre des SJW-Hefts \u00abWaldl\u00e4ufer und Trapperleben\u00bb gr\u00fcndeten wir einen Geheimbund, den Waldl\u00e4ufer-Club, bauten Baumh\u00fctten, liessen Rauchsignale steigen, r\u00f6steten Kartoffeln am Feuer. Wir wussten, wie man in der Wildnis lebt und \u00fcberlebt. Ameisen statt Salz zum W\u00fcrzen der Speisen, ein H\u00fcftloch graben zum Schlafen auf dem nackten Boden, Spurenlesen und sich B\u00fcffelherden nur gegen den Wind n\u00e4hern. Einmal fassten wir den Plan, abzuhauen, in die weiten W\u00e4lder des T\u00f6ssstockgebiets, in die wahre, wirkliche Wildnis. Das Dorf war klein, unsere Sehnsucht nach Abenteuern gross.<\/p>\n<p>Mit einem Freund stieg ich im tiefsten Winter auf einen H\u00fcgel beim Dorf, wir waren noch Erstkl\u00e4ssler, hatten aber ein Ziel im Kopf. Eine geheimnisvolle H\u00fctte, hoch oben \u00fcber dem Wald. Wir wateten durch h\u00fcfttiefen Schnee, zwei Stunden vielleicht. Dann standen wir vor einem Wochenendhaus, T\u00fcren und Fenster waren verriegelt, kein Mensch zeigte sich. Wir begannen zu frieren und wussten pl\u00f6tzlich nicht mehr, was uns eigentlich da hinaufgetrieben hatte. Beim Abstieg begegneten wir sieben Rehen, die hintereinander im tiefen Schnee einen Hang \u00fcberquerten. Ein Bild, das in meiner Erinnerung so klar erscheint wie kaum ein anderes aus meiner Kindheit. Die tiefe Stille und Ruhe der Natur, das Staunen \u00fcber die Tiere, die keine Spur von Angst zeigten, uns offenbar als Wesen ihrer eigenen Welt betrachteten. Mit meinem Freund habe ich sp\u00e4ter wilde Berg- und Klettertouren in den Alpen unternommen. Es war eigentlich die Fortsetzung unseres kleinen Abenteuers als Erstkl\u00e4ssler. Wir hatten gelernt, unsere eigenen Wege zu gehen, allen Widerst\u00e4nden und aller Angst zum Trotz.<\/p>\n<h4>Gesch\u00fctzt und geborgen im Wald<\/h4>\n<p>Ich war acht Jahre alt, als ich meine Mutter durch einen Verkehrsunfall verlor. Sie verungl\u00fcckte mit dem Velo auf dem Weg zum Gottesdienst, der Vater war im Ausland. Meine Mutter, eine Bauerntochter aus dem Glarnerland, hatte einen engen Bezug zur Natur und zur Bergwelt gehabt. Zu den starken Kindheitserinnerungen geh\u00f6ren unsere Ausfl\u00fcge in die Berge zum Sammeln von Heidelbeeren, unvergessen auch der Geruch und Geschmack des L\u00f6wenzahnhonigs, den sie kochte, oder das Gelee aus roten Holunderdolden, die ich gefunden und nach Hause ge-bracht hatte. Nach ihrem Tod streifte ich oft allein durch die W\u00e4lder um unser Dorf. Die Metapher \u00abMutter Natur\u00bb wurde f\u00fcr mich zur pr\u00e4genden Kindheitserfahrung. In der Natur fand ich Trost f\u00fcr den Verlust der Mutter, im Wald f\u00fchlte ich mich gesch\u00fctzt und geborgen. Einmal baute ich w\u00e4hrend Wochen eine geheime Zwergenstadt aus Rinde, \u00c4sten, Steinen und Moos \u2013 in einer pl\u00f6tzlichen Gef\u00fchlsregung zerst\u00f6rte ich sie wieder.<\/p>\n<p>Mit zunehmendem Alter unternahm ich allein und mit Freunden weite Wanderungen durchs T\u00f6ssstockgebiet, dabei \u00fcbernachteten wir auch in H\u00f6hlen oder in St\u00e4llen. F\u00fcr eine Pr\u00fcfung bei den Pfadfindern war ich w\u00e4hrend einer Vollmondnacht allein in den W\u00e4ldern unterwegs und erschrak anfangs vor jedem Knacken im Ge\u00e4st, vor dem Ruf eines K\u00e4uzchens oder den Schatten von B\u00e4umen, die sich im Wind bewegten. Doch mit der Zeit verlor ich die Angst, schritt mutig voran. Ich glaube, dass ich in jener Nacht viel von meiner Lebensangst verloren und Selbstbewusstsein gewonnen habe.<\/p>\n<h4>Dem \u00abwirklichen Leben\u00bb n\u00e4her<\/h4>\n<p>\u00abIch habe nie eine Gesellschaft gefunden, die so gesellig war wie die Einsamkeit\u00bb, schrieb der amerikanische Lehrer, Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau (1817 \u2013 1862), der sich 1845 in der N\u00e4he von Boston f\u00fcr zwei Jahre in eine Blockh\u00fctte zur\u00fcckzog und versuchte, von seiner H\u00e4nde Arbeit, vom Fischfang und vom Anbau von Bohnen zu leben. Seine Erfahrungen und Gedanken, die er in der Einfachheit des einsamen Lebens entwickelt hatte, wurden durch sein Buch \u00abWalden oder Leben in den W\u00e4ldern\u00bb weltweit bekannt. Es hat gesellschaftliche Bewegungen inspiriert, die nach alternativen, an der Natur orientier-ten Lebensformen suchten, bis hin zur 68er Generation. \u00abIch zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit der \u00dcberlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben n\u00e4her zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren h\u00e4tte.\u00bb<br \/>Thoreau war auch ein \u00fcberzeugter Pazifist, der seine Stimme gegen Krieg und Gewalt erhob und mit seinem Essay \u00ab\u00dcber die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat\u00bb unter anderen Mahatma Gandhi und Martin Luther King beeinflusste.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren wanderte ich um den Walden Pond, den kleinen Waldsee, an dem Thoreaus Blockh\u00fctte stand \u2013 heute ist sie rekonstruiert, eine Gedenkst\u00e4tte, das Gebiet steht unter Naturschutz. Eine idyllische Gegend, nicht zu vergleichen mit den Schluchten meiner Kindheit. Thoreau \u00fcberzeugte jedoch nicht durch gef\u00e4hrliche Expeditionen in die Wildnis, sondern durch seine literarische Ausdruckskraft, mit der er den Versuch, mit der Natur im Einklang zu leben, dargestellt hat. Es ist im Grunde ein biblisches Motiv; wie die Propheten, so findet der Mensch in der Ein-samkeit einer wilden Natur, in der W\u00fcste, auf dem Meer oder einem Berg zu einem h\u00f6heren Bewusstsein.<\/p>\n<h4>Das Fenster in die Ferne<\/h4>\n<p>Ich war im Sekundarschulalter, als das Fernsehen in unserem Dorf Einzug hielt. Noch konnte sich nicht jede Familie ein Ger\u00e4t leisten, deshalb liess der Fabrikbesitzer in einem Raum einen Fernseher \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich aufstellen. Fortan waren Schluchten, B\u00e4che, W\u00e4lder und H\u00f6hlen nicht mehr attraktiv f\u00fcr die Dorfjugend, interessant waren nun die Fussballspiele oder was immer gesendet wurde. Ich habe das damals schon als Bruch mit einer Erlebniskultur empfunden. Vor die reale Welt schob sich eine Medienwelt, ein Fenster in die Ferne, von der wir stets getr\u00e4umt hatten. Die Wildnis, Afrika, die grossen St\u00e4dte, Weltraumraketen, Winnetou und die Schatzinsel: Alles war nun da und liess uns teilhaben an viel gr\u00f6sseren Abenteuern als dem Fischen von Hand \u2013 das ja ohnehin verboten war. Unsere Eltern waren wohl sogar erleichtert, sie wussten nun, wo wir steckten, und unsere Hosen blieben ganz.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<hr>\n<p>\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p>Emil Zopfi, geboren 1943, studierte Elektrotechnik und arbeitete als Entwicklungsingenieur und Computerfachmann in der Industrie. 1977 erschien der Roman \u00abJede Minute kostet 33 Franken\u00bb. Seither hat er mehrere Romane, H\u00f6rspiele und Kinderb\u00fccher verfasst sowie Presseartikel, Reportagen, Kurzgeschichten und Kolumnen. Er lebt als freischaffender Schriftsteller in Z\u00fcrich und ist passionierter Bergsteiger und Sportkletterer. F\u00fcr seine Werke wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem von Stadt und Kanton Z\u00fcrich, der Kulturstiftung Landis &amp; Gyr, der Schweizer Schillerstiftung, mit dem Kulturpreis des Schweizer Alpenclubs 1993, dem Kulturpreis des Kantons Glarus 2001 und dem King Albert Mountain Award 2010.<\/p>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wildnis begann gleich hinter der Fabrik. Der Bach, der die Turbinen der Spinnerei antrieb, kam aus einer Schlucht \u2013sie geh\u00f6rte zur paradiesischen Welt meiner Kindheit. 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