{"id":10833,"date":"2014-10-13T00:00:00","date_gmt":"2014-10-12T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/10833\/die-chancen-des-urbanen-wildwuchses\/"},"modified":"2019-07-08T12:39:22","modified_gmt":"2019-07-08T10:39:22","slug":"die-chancen-des-urbanen-wildwuchses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/10833\/die-chancen-des-urbanen-wildwuchses\/","title":{"rendered":"Die Chancen des urbanen Wildwuchses"},"content":{"rendered":"\n<p><b>Nicht die wilden Strukturen der Slums ausradieren. Eine neue Generation von Architekten will keine sozialen Retortensiedlungen mehr bauen. Sie nutzen die Intelligenz unkontrolliert gewachsener Armenviertel.<\/b><\/p>\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/1410_GP_MAG_3-14_Urbaner_Wildwuchs.pdf\" target=\"_blank\">> Artikel im lesefreundlichen Magazinformat als PDF downloaden (450KB)<\/a>\u00a0<br><a href=\"https:\/\/p3-admin.greenpeace.org\/switzerland\/de\/News_Stories\/Magazin\/2014-Magazin\/Themenschwerpunkt-Wildnis\/?id=425690\">> Weitere Artikel zum Themenschwerpunkt Wildnis<\/a><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/de7a4310-de7a4310-2012_03_01_capetown_00053.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00a9 Urban-Think Tank<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Wenn in der Johannesburger Township Alexandra die Strassenh\u00e4ndler abends ihre improvisierten Verkaufsst\u00e4nde zusammenr\u00e4umen und die hupenden Taxis und Minibusse ihre letzten Runden drehen, str\u00f6men die Menschen auf die Strassen. Sie versammeln sich zum \u00abBraai\u00bb, zum Grillieren von dicken W\u00fcrsten und tellergrossen Schweinsst\u00fccken auf halbierten Erd\u00f6lf\u00e4ssern, mit Zaungittern als Rost. Die Shebeens f\u00fcllen sich, die kleinen Bierkneipen aus Holz und Wellblech. Massige Lautsprecher werden auf die Strasse gestellt. Roher, aggressiver House dr\u00f6hnt mir auf den staubigen Durchgangswegen in den Ohren. Zwischen ihren Behausungen, den Shacks, trinken die Menschen, lachen und tanzen. Nelson Mandela, der einst in Alexandra lebte, schrieb: \u00abDie Atmosph\u00e4re war lebendig, der Geist abenteuerlich und die Leute ge\u00fcbt darin, Probleme zu l\u00f6sen. Trotz den h\u00f6llischen Aspekten war die Township auf eine Art auch himmlisch.\u00bb<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Blade Runner im globalen S\u00fcden<\/h2>\n\n<p>In Slums, Favelas oder Townships wie Alexandra, leben heute 1,1 Milliarden Menschen. F\u00fcr sie plant das Architektur-Duo Brillembourg &amp; Klumpner. F\u00fcr St\u00e4dte, in denen 95 Prozent der H\u00e4user, H\u00fctten und Verschl\u00e4ge von den Bewohnern selbst gebaut worden sind. F\u00fcr St\u00e4dte, die derzeit 90 Prozent des Bev\u00f6lkerungswachstums absorbieren. Oder wie Alfredo Brillembourg sagt: \u00abF\u00fcr St\u00e4dte, die sich wie Blade Runner in den Tropen anf\u00fchlen.\u00bb Ich treffe Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner in Z\u00fcrich. In einer ausgedienten Industriehalle halten sie die Schlussbesprechung zum Semesterprojekt ihrer Studierenden ab. Klumpner ist \u00d6sterreicher, tr\u00e4gt Jeans, ein marineblaues Jackett und eine pr\u00e4gnante Hornbrille. Brillembourg entstammt einer venezolanischen Familie und ist in New York aufgewachsen. Er ist gross, hat dichte schwarze Locken, eine furchteinfl\u00f6ssende Donnerstimme und nimmt kein Blatt vor den Mund: \u00abFuck the context!\u00bb, br\u00fcllt er bei einer Wortmeldung, die ihm nicht passt, in den Raum. Die beiden m\u00f6gen es informell, kumpelhaft und impulsiv.<\/p>\n\n<p>1993 hatte Brillembourg in Caracas das B\u00fcro Urban-Think Tank (U-TT) gegr\u00fcndet. Ein Jahr sp\u00e4ter lernte er als Student an der Columbia University in New York Klumpner kennen; sp\u00e4ter lehrten beide dort als Professoren. Klumpner folgte seinem Compagnon 1998 nach Caracas, wo ihnen politische Unruhen die Arbeit alsbald erschwerten. 2010 wurden sie als Professoren f\u00fcr Urban Design an die ETH Z\u00fcrich berufen und z\u00fcgelten ihr U-TT-Team gleich mit. Von hier aus forscht, denkt, plant, publiziert und baut das Architektenduo f\u00fcr die St\u00e4dte des \u00abglobalen S\u00fcdens\u00bb; f\u00fcr St\u00e4dte, deren \u00abh\u00f6llische Aspekte\u00bb wir nur schwerlich nachvollziehen k\u00f6nnen.<br>F\u00fcr St\u00e4dte also wie Alexandra, wo 500 000 Menschen auf einer Fl\u00e4che von 7,6 Quadratkilometern leben. Das ist, als w\u00fcrden die Bewohner der Stadt Z\u00fcrich auf einem Zw\u00f6lftel ihres aktuellen Gebiets zusammengepfercht. Hinzu kommen mindestens so viele Ratten, die nachts die Abfallhaufen nach Fressbarem durchst\u00f6bern. Familien mit sieben Kindern wohnen in Shacks von acht Quadratmetern, nur gesch\u00fctzt von etwas Wellblech und Plastikfolien. Kein fliessendes Wasser, nur eine Toilette f\u00fcr Dutzende Familien. Nachts ist es dunkel wie in einer Grotte. Die Frauen leben in st\u00e4ndiger Angst vor Vergewaltigungen. Es sind St\u00e4dte, die ihre Menschen verschlingen: Am Fluss Jukskei, wo die \u00c4rmsten der Armen leben, werden die Bewohner bei Hochwasser mitsamt ihren H\u00fctten weggesp\u00fclt.<\/p>\n\n<p> Caracas das B\u00fcro Urban-Think Tank (U-TT) gegr\u00fcndet. Ein Jahr sp\u00e4ter lernte er als Student an der Columbia University in New York Klumpner kennen; sp\u00e4ter lehrten beide dort als Professoren. Klumpner folgte seinem Compagnon 1998 nach Caracas, wo ihnen politische Unruhen die Arbeit alsbald erschwerten. 2010 wurden sie als Professoren f\u00fcr Urban Design an die ETH Z\u00fcrich berufen und z\u00fcgelten ihr U-TT-Team gleich mit. Von hier aus forscht, denkt, plant, publiziert und baut das Architektenduo f\u00fcr die St\u00e4dte des \u00abglobalen S\u00fcdens\u00bb; f\u00fcr St\u00e4dte, deren \u00abh\u00f6llische Aspekte\u00bb wir nur schwerlich nachvollziehen k\u00f6nnen.<br>F\u00fcr St\u00e4dte also wie Alexandra, wo 500 000 Menschen auf einer Fl\u00e4che von 7,6 Quadratkilometern leben. Das ist, als w\u00fcrden die Bewohner der Stadt Z\u00fcrich auf einem Zw\u00f6lftel ihres aktuellen Gebiets zusammengepfercht. Hinzu kommen mindestens so viele Ratten, die nachts die Abfallhaufen nach Fressbarem durchst\u00f6bern. Familien mit sieben Kindern wohnen in Shacks von acht Quadratmetern, nur gesch\u00fctzt von etwas Wellblech und Plastikfolien. Kein fliessendes Wasser, nur eine Toilette f\u00fcr Dutzende Familien. Nachts ist es dunkel wie in einer Grotte. Die Frauen leben in st\u00e4ndiger Angst vor Vergewaltigungen. Es sind St\u00e4dte, die ihre Menschen verschlingen: Am Fluss Jukskei, wo die \u00c4rmsten der Armen leben, werden die Bewohner bei Hochwasser mitsamt ihren H\u00fctten weggesp\u00fclt.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/efc88b39-efc88b39-empowershack_finalphoto.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Auf einem Grundst\u00fcck in Khayelitsha, der drittgr\u00f6ssten Township S\u00fcdafrikas, wurde dieser Prototyp eines Low-cost-Hauses entwickelt. Das Ziel war, f\u00fcr die Bewohner<br>ein bescheidenes, aber w\u00fcrdiges und auf ihre Anspr\u00fcche ausgerichtetes Heim zu bauen, das sowohl in \u00f6konomischer als auch in \u00f6kologischer Hinsicht \u00fcberzeugt. <br>\u00a9 Urban-Think Thank<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Architektur als Kulturanthropologie<\/h2>\n\n<p>Brillembourg und Klumpner werden von ihren Z\u00fcrcher Arbeitskollegen \u00abdie Cowboys\u00bb genannt. Nicht weil sie Stiefel tragen und rauchen, sondern weil auf dem Gebiet ihrer Forschung und ihrer Projekte die Regeln des Wilden Westens gelten und Knarren omnipr\u00e4sent sind. In Caracas wurden sie von Gangs entf\u00fchrt, in Kapstadt mit Pistolen bedroht und in Mexico City aus der Botschaft geworfen. W\u00e4hrend ihrer Feldforschungen in S\u00fcdafrika und S\u00fcdamerika treten sie mit laufender Kamera unangemeldet in Shacks, um die verwunderten Familien zu ihren Lebensbedingungen zu befragen. In ihrem Team arbeiten neben Architekten auch Ethnologen und Filmemacher. Die Cowboys wollen verstehen, worum es in den Siedlungen geht. \u00abUnsere Arbeit fordert Opfer und ist zu einem eigenen Lebensstil geworden\u00bb, sagt Klumpner. Beide haben je eine Scheidung hinter sich und sind dauernd auf Reisen. Das Engagement zahlt sich aus: 2012 machte das Duo an der Architekturbiennale in Venedig international von sich reden. Ihr Projekt \u00abTorre David\/Gran Horizonte\u00bb wurde mit dem goldenen L\u00f6wen ausgezeichnet \u2013 eine urbanistische und fotografische Studie zum \u00abTorre David\u00bb, einem vertikalen Slum in einem nie fertig gestellten Wolkenkratzer mitten im Gesch\u00e4ftszentrum von Caracas.<\/p>\n\n<p>\u00abWir m\u00fcssen endlich von der Idee slum-freier St\u00e4dte wegkommen. Was wir brauchen sind slumfreundliche St\u00e4dte\u00bb, ist Klumpner \u00fcberzeugt. Denn aus st\u00e4dteplanerischer Sicht h\u00e4tten Slums viele Qualit\u00e4ten: \u00abSie sind dicht bebaut, haben kurze Verbindungswege, verbrauchen wenig Energie, produzieren fast keinen Abfall und f\u00f6rdern die soziale Interaktion.\u00bb Immer mehr Architekten merken, dass die heutigen Planungskonzepte f\u00fcr den vielerorts wild wuchernden Stadtdschungel nicht taugen. Planst\u00e4dte wie Le Corbusiers Chandigarh in Nordindien oder Oscar Niemeyers Brasilia waren \u00dcberh\u00f6hungen westlicher, modernistischer Ideale; in Beton und Stahl gegossener Formalismus und Fortschrittsglaube. Mit den Realit\u00e4ten im globalen S\u00fcden haben sie nichts mehr zu tun. Heute trifft man Architekten an Orten, f\u00fcr die sich fr\u00fcher lediglich NGOs interessierten. Der Basler Architekt Manuel Herz widmete den urbanen Qualit\u00e4ten eines Fl\u00fcchtlingscamps in der Westsahara letztes Jahr ein ganzes Buch. Der amerikanische St\u00e4dteplaner Teddy Cruz hielt bei TEDGlobal einen Vortrag \u00fcber seine Forschung in Slums an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Und erst vor wenigen Wochen erschien \u00abRadical Cities\u00bb, das Buch des \u00abGuardian\u00bb-Designkritikers Justin McGuirk \u00fcber informelle und soziale Architektur. Zufall, Herdentrieb oder Anzeichen eines sich anbahnenden Paradigmenwechsels?<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Neue Konzepte f\u00fcr grassierende Wohnungsnot<\/h2>\n\n<p>Ich treffe Daniel Schwartz in der Z\u00fcrcher Galerie Eva Presenhuber. Ein schm\u00e4chtiger Typ Mitte zwanzig, mit Woody-Allen-Brille, der aus einer American-Apparel-Werbung gefallen sein k\u00f6nnte. Daniel studierte Kulturanthropologie in Philadelphia und ist heute f\u00fcr Film und Fotografie bei Urban-Think Tank zust\u00e4ndig. Er f\u00fchrt mich durch die Ausstellung zum neusten U-TT-Projekt. \u00abEmpower Shack\u00bb ist die Geschichte eines w\u00fcrdigen Lebens in einer s\u00fcdafrikanischen Township. Sie wird in der Ausstellung in Form von Texten, Bildern, Filmen, Infografiken, Slum-Trouvaillen, Modellen sowie Holz- und Stahlkonstruktionen erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n<p>S\u00fcdafrika steht dabei stellvertretend f\u00fcr die Herkulesaufgabe, der sich die St\u00e4dteplaner des 21.\u00a0Jahrhunderts stellen m\u00fcssen: Klassische Sozialbauprogramme stossen an ihre Grenzen. Das ist beim Reconstruction and Development Program (RDP), das der African National Congress (ANC) nach dem Ende der Apartheid lancierte, nicht anders. Der Abbruch von Shacks zugunsten von Beton-Neubausiedlungen wird der sozialen Dynamik nicht gerecht. Die Regierung rennt der wachsenden Armut und Wohnungsnot verzweifelt hinterher. Zwar wurden seit 1994 in 2700 Siedlungen mehr als zwei Millionen neue Sozialwohnungen gebaut. Es fehlen aber immer noch mehr als zweieinhalb Millionen.<\/p>\n\n<p>Die Idee zu \u00abEmpower Shack\u00bb geht zur\u00fcck auf einen Spaziergang durch Khayelitsha im M\u00e4rz 2012. Die Township vor den Toren Kapstadts war 1985 vom Apartheidregime angelegt worden. Man sch\u00e4tzt, dass entlang der sandigen Bucht bis zu einer Million Menschen leben, fast ausschliesslich Schwarze. Schwartz und Brillembourg entdeckten im Meer von einst\u00f6ckigen Wellblechh\u00fctten zu ihrer Verwunderung und Begeisterung einen zweist\u00f6ckigen Shack. Sie interviewten den Bewohner, der ohne Ausbildung und Vorkenntnisse mit einigen Holzlatten und etwas Wellblech einen zweiten Stock auf sein Haus gesetzt hatte. Er hatte mehr Raum gewollt, doch in der Horizontalen war eine Erweiterung wegen der Nachbar-Shacks nicht m\u00f6glich gewesen. Der Haken an der Sache: Seine sechsk\u00f6pfige Familie f\u00fchlte sich darin unsicher. Der Mann wollte den Aufbau wieder abreissen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/6b935f32-6b935f32-sheffield_courtyard.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Soziale Strukturen und die Frage der Sicherheit wurden bei der Umsetzung der neuen Blechh\u00e4user ber\u00fccksichtigt. <br>\u00a9 Urban-Think Thank<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Slum-Ikea f\u00fcr flexiblen Wohnraum<\/h2>\n\n<p>Nun kamen die Architekten ins Spiel: W\u00e4hrend einer Summer School in einer Fabrikhalle in Glarus entwickelten sie mit Studierenden und einem Bewohner aus der Township einen Nukleus f\u00fcr mehr Raum und Lebensqualit\u00e4t in Khayelitsha. Entstanden ist eine einfache, aber robuste Holzrahmenkonstruktion auf Stelzen (als Schutz vor den regelm\u00e4ssigen Regenfluten), die mit Wellblech verkleidet ist. Die verbauten Materialien sind lokal erh\u00e4ltlich und g\u00fcnstig \u2013 und die Konstruktion ist so einfach, dass sie von der Gemeinschaft vor Ort selbst aufgebaut werden kann. \u00abWas wir wollen, ist eine Art Slum-Ikea\u00bb, erkl\u00e4rt Schwartz. \u00abJedermann soll sich aus einer Palette an vorfabrizierten, g\u00fcnstigen Materialien, die in lokalen Shops verkauft werden, diejenigen Teile ausw\u00e4hlen k\u00f6nnen, die seinen Bed\u00fcrfnissen und seinem Budget entsprechen.\u00bb Das Ziel sind flexible H\u00e4user, die mit ihren Bewohnern je nach Budget und Familiengr\u00f6sse wachsen oder schrumpfen. Die Komponenten behalten ihren Wert und sind Anlagen, die bei Geldknappheit verkauft werden k\u00f6nnen. Schwartz sagt: \u00abWir sind weniger an einem ikonischen Entwurf interessiert als an einem praktikablen System.\u00bb Vier Tage waren n\u00f6tig f\u00fcr den Aufbau des ersten Prototyps in Khayelitsha. Die Materialkosten beliefen sich auf 3500 Franken \u2013 zwar noch zu teuer f\u00fcr arbeitslose Slumbewohner, aber ein Vielfaches unter den Produktionskosten der Sozialwohnungen, welche die Regierung an der Peripherie baut.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rios informelle Explosion<\/h2>\n\n<p>Bis aus dem ersten Doppelstock-Shack eine Blaupause f\u00fcr den Sozialwohnungsbau im globalen S\u00fcden wird, werden die Z\u00fcrcher Cowboys wohl noch manches Duell mit Regierungsvertretern austragen. Denn egal ob in Afrika, Asien oder S\u00fcdamerika: Regierungen repetieren Konzepte, deren Scheitern l\u00e4ngst dokumentiert ist. Sie stellen standardisierte, unflexible und massenhaft produzierbare H\u00e4user in Reih und Glied an die Stadtperipherie und schaffen monotone Bauw\u00fcsten aus klimasch\u00e4dlichem Beton und teurem Stahl \u2013&nbsp;ohne Anschluss an den Arbeitsmarkt und an \u00f6ffentliche Dienste wie Spit\u00e4ler, Schulen und sanit\u00e4re Anlagen.<\/p>\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>\u00abWir wollen die Kreativit\u00e4t der Bewohner mit einer sinnvollen Stadtplanung zusammenbringen.\u00bb<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n<p>Cidade de Deus in Rio de Janeiro ist ein Beispiel f\u00fcr ein solches Baudesaster. Das Sozialwohnungsviertel wurde in den sechziger Jahren gebaut und verkam darauf zu einer Favela, in der Drogengangs und das organisierte Verbrechen Unterschlupf fanden. 2009 schien sich die Geschichte zu wiederholen: Die Regierung Lula erarbeitete ein neues Programm mit dem Ziel, innerhalb von f\u00fcnf Jahren 3,4 Millionen Sozialwohnungen aus dem Boden zu stampfen. Die Pl\u00e4ne daf\u00fcr glichen erschreckend jenen aus den sechziger Jahren.<\/p>\n\n<p>\u00abAus Sicht eines Stadtplaners hat die Regierung Brasiliens im neuen Programm praktisch alles falsch gemacht\u00bb, kritisiert Rainer Hehl, Leiter des Master of Advanced Studies in Urban Design an der ETH Z\u00fcrich. Ich treffe ihn in seinem B\u00fcro in Neu-Oerlikon, wo die Stadtforscher der ETH Z\u00fcrich seit 2010 zuhause sind. Der geb\u00fcrtige Deutsche, der fliessend Portugiesisch spricht, kennt die Entwicklungen in Rio de Janeiro wie kein anderer: Seit sieben Jahren forscht er zu informeller Stadtentwicklung in Brasilien und hat mehrere B\u00fccher zum Thema publiziert. \u00abObwohl Favela-R\u00e4umungen in Brasilien mittlerweile gesetzlich verboten sind, wurden im Zuge der Umbauarbeiten f\u00fcr die Olympischen Spiele viele Bewohner vertrieben.\u00bb F\u00fcr Hehl ist das verheerend, denn mit der Zerst\u00f6rung der Favelas gehen nicht nur informelle Infrastrukturen in die Br\u00fcche, sondern auch soziale Beziehungen, Solidarit\u00e4t und \u00f6ffentlicher, geteilter Raum: \u00abFavelas sind meist organisch \u00fcber viele Jahre gewachsen. Sie entsprechen in ihrer urbanen Qualit\u00e4t oft europ\u00e4ischen St\u00e4dten.\u00bb<\/p>\n\n<p>Vielleicht braucht es f\u00fcr ein Umdenken auf Regierungsebene erst eine Explosion. So wie am 20. Juni 2013 in Rio de Janeiro, als Millionen Menschen auf die Strasse str\u00f6mten und gegen Korruption, die schamlose Unterwerfung der Stadt unter private Interessen sowie f\u00fcr ein besseres Bildungs- und Gesundheitssystem demonstrierten. Zur gleichen Zeit er\u00f6ffnete Hehl im Studio-X, einer kleinen Architekturgalerie im Zentrum Rios, eine Ausstellung, die er zusammen mit Masterstudierenden der ETH Z\u00fcrich erarbeitet hatte. Die Gruppe hatte das aktuelle Regierungsprogramm \u00abMinha Casa, Minha Vida\u00bb (Mein Haus, mein Leben) untersucht und forderte aufgrund historischer Erfahrungen und der in Rio betriebenen Feldforschung ein \u00dcberdenken der herk\u00f6mmlichen Strategie und eine St\u00e4rkung von informellen Prozessen. Programmatisch trug die Ausstellung den Titel \u00abMinha Casa \u2013 Nossa Cidade\u00bb (Mein Haus, unsere Stadt). Die Ausstellung schaffte es zusammen mit dem Aufstand in die nationalen Medien. Der zust\u00e4ndige Minister schaute sich das Projekt an, lud Hehl f\u00fcr eine Anh\u00f6rung ein und beauftragte ihn mit einem Projekt: Er soll f\u00fcr eine der am schnellsten wachsenden St\u00e4dte Brasiliens am Rande des Amazonas 500 Einheiten nach den Erkenntnissen aus seiner langj\u00e4hrigen Forschung entwerfen. Was wird er tun? Hehl sagt: \u00abWir wollen die Kreativit\u00e4t der Bewohner mit einer sinnvollen Stadtplanung zusammenbringen.\u00bb<\/p>\n\n<p>\u00abUnd was ist mit den St\u00e4dten des globalen Nordens?\u00bb, will ich beim Abschied von ihm wissen. \u00abK\u00f6nnen sie von den Erkenntnissen im S\u00fcden profitieren?\u00bb \u2013 \u00abAbsolut\u00bb, ist der St\u00e4dteplaner \u00fcberzeugt: \u00abUnsere St\u00e4dte werden aktuell vom Markt aufgefressen. Es fehlt Raum, in dem sich Menschen ihre Stadt aneignen k\u00f6nnen, Raum zum Leben, f\u00fcr das Informelle eben.\u00bb Beim R\u00fcckweg zum Bahnhof durchquere ich Neu-Oerlikon: entlang der B\u00fcrokuben von ABB, Bombardier, Mobiliar und PWC, auf sauberen, grossz\u00fcgigen Trottoirs ohne Menschen, vorbei an Kinderspielpl\u00e4tzen ohne Kinder, an gestylten Holzb\u00e4nken ohne Ruhende und durch ein kleines Kunstw\u00e4ldchen ohne Baumh\u00fctten und Schnitzeljagden, in dem Eschen und Birken fein s\u00e4uberlich in einem Raster von 4 \u00d7 4 Meter gepflanzt wurden. Ein unbewegtes, geb\u00e4ndigtes Viertel. F\u00fcr Wildnis und Urbanit\u00e4t ist hier kein Platz. Ich denke zur\u00fcck an meinen Abend in Alexandra: Etwas mehr Township w\u00fcrde Neu-Oerlikon gut tun.<\/p>\n\n<p>Auf einem Grundst\u00fcck in Khayelitsha, der drittgr\u00f6ssten Township S\u00fcdafrikas, wurde dieser Prototyp eines Low-Cost-Hauses entwickelt. Das Ziel war, f\u00fcr die Bewohner ein bescheidenes, aber w\u00fcrdiges und auf ihre Anspr\u00fcche ausgerichtetes Heim zu bauen, das sowohl in \u00f6konomischer als auch in \u00f6kologischer Hinsicht \u00fcberzeugt.<br>Soziale Strukturen und die Frage der Sicherheit wurden bei der Umsetzung der neuen Blechh\u00e4user ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht die wilden Strukturen der Slums ausradieren. Eine neue Generation von Architekten will keine sozialen Retortensiedlungen mehr bauen. Sie nutzen die Intelligenz unkontrolliert gewachsener Armenviertel. 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