{"id":10863,"date":"2014-09-26T00:00:00","date_gmt":"2014-09-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/10863\/die-insel-des-rebellen\/"},"modified":"2019-05-30T10:43:30","modified_gmt":"2019-05-30T08:43:30","slug":"die-insel-des-rebellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/10863\/die-insel-des-rebellen\/","title":{"rendered":"Die Insel des Rebellen"},"content":{"rendered":"<p><b>Frank D\u00e4hling (70) ist Besitzer und Bewohner der Raussm\u00fchle, eines mittelalterlich anmutenden Hofs in der N\u00e4he des Kraichgaus in Deutschland. D\u00e4hling ist eine Art Robin Hood im Kampf gegen die profitorientierte industrialisierte Landwirtschaft. Er lebt in einer wilden Anderswelt, in einem Paradies an Artenvielfalt \u2013 einem Gesamtkunstwerk, das mit seinem Museum als europ\u00e4isches Kulturdenkmal gilt.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><em><strong>Von Daniela Schwegler<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong><\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/20ac22ba-20ac22ba-geschnitten_frank_dhling_08.jpg\" title=\"\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/20ac22ba-20ac22ba-geschnitten_frank_dhling_08.jpg\" alt=\"\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content no-title\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong><\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Oliver L\u00fcck\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p>\u00abTreten Sie ein durch die Zeitschleuse!\u00bb, l\u00e4dt Frank D\u00e4hling ein und \u00f6ffnet das schwere, schmiedeeiserne Tor unterm steinernen Eintrittsbogen in sein jahrhundertealtes M\u00fchlegeh\u00f6ft. Mit einer Handbewegung bittet er herein in sein Reich. \u00abHier beginnt ein anderes Leben!\u00bb<\/p>\n<p>Die fast 700 Jahre alte Raussm\u00fchle liegt versteckt in einem dichten Weiden-, Eschen- und Pappel-Urwald. Von der Strasse aus ist das Juwel kaum sichtbar. Doch kaum tritt man durchs Bogentor in den grossen, U-f\u00f6rmigen Hof der Anlage mit ihren Stallungen, dem M\u00fchlengeb\u00e4ude, dem Wohnhaus und der grossen Scheune, w\u00e4hnt man sich im Mittelalter. Kein Wunder, der M\u00fchlebetrieb wurde 1334 erstmals urkundlich erw\u00e4hnt. \u00dcber den Lehm- und Pflasterboden watscheln schnatternde G\u00e4nse, Bienen summen um die Bastk\u00f6rbe unterm Dach, Ziegen strecken neugierig ihre K\u00f6pfe durch die Holzluken im Stalltor, der Hund kommt freudig herbeigewedelt und in der Baumkrone der Linde pfeifen V\u00f6gel ihr fr\u00f6hliches Konzert. An die f\u00fcnfzig Vogelarten haben sich in diesem Biotop angesiedelt und eingenistet: von der Eule und dem Turmfalken \u00fcber den Pirol, das Rotkehlchen, die Nachtigall, den Specht, den Bauml\u00e4ufer und den Zaunk\u00f6nig bis hin zu Zilpzalp und Zeisig.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>\u00abWenn die W\u00e4lder mal weg sind, fehlt den nachfolgenden Generationen nichts, weil sie gar nicht mehr wissen, was ein Wald ist.\u00bb<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Der Tausendsassa<br \/><\/strong>Mittendrin wirkt und werkt der Hausherr, der hier zusammen mit seiner Lebenspartnerin sein Gl\u00fcck gefunden hat. In Jeans, gr\u00fcnem Hemd und schwarzer Lederweste sieht er aus wie eine Mischung aus Althippie, Che Guevara und Don Quichotte. Sein sanftes, kantiges Gesicht mit den hellblauen Augen ist umrahmt von langen, weissen Haaren und einem Zaubererbart. Engagiert erz\u00e4hlt er aus seinem aufr\u00fchrerischen Leben mit Wurzeln in der 68er Bewegung und Studien in Philosophie, Ethnologie und Pal\u00e4ontologie in Mainz, an der Pariser Sorbonne und in Heidelberg. Schon als Student habe er geg\u00e4rtnert und Radieschen nach dem Vorbild des maoistischen Plakats angepflanzt, auf dem Hunderte chinesischer Zwerglein ein grosses Radieschen aus dem Erdboden zerrten: die Frucht der gemeinsamen Revolution von unten. Denn der Umsturz war auch sein politisches Programm.<\/p>\n<p>\u00abSiri!\u00bb, weist er die weisse Katze zurecht, als sie die Pfote durchs Gatter streckt und ein H\u00fchnchen fangen will. Siri gehorcht und macht einen R\u00fcckzieher. So wie D\u00e4hling damals, als er merkte, dass die herbeigesehnte Revolution nun doch nicht stattfand. Er nahm Lenins Konterfei von der Wand und beschloss, ein St\u00fcck Land zu finden, um mit ein paar Tieren ein freies, selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Nach Wanderjahren durch die Provence, die Abruzzen, die Pyren\u00e4en und das Baskenland stiess er 1974 auf die Raussm\u00fchle im Kraichgau. Die einsturzgef\u00e4hrdete Ruine war von einem Nato-Stacheldrahtzaun umgeben. Im Innenhof stapelten sich mehrst\u00f6ckig Schrottautos und versperrten die Sicht aufs Dahinter. Doch es war Liebe auf den ersten Blick. Der Weltenbummler sah das verfallene Gem\u00e4uer vor seinem geistigen Auge schon in neuem Glanz erstrahlen. Er pachtete den Schrottplatz und kaufte ihn zwei Jahre sp\u00e4ter. Von da an steckte er sein ganzes Herzblut mitsamt aller Ersparnisse und s\u00e4mtlicher Eink\u00fcnfte in die sanfte Renovation des Gutsbetriebs, den er mit Fleiss und zahlreichen Gesellengehilfen in eine \u00f6kologische Insel inmitten des Kapitalismus verwandelte. Inzwischen hat das Kleinod solch eine Ausstrahlung, dass es zum europ\u00e4ischen Kulturdenkmal geadelt wurde.<\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"\/switzerland\/Global\/switzerland\/publications\/Greenpeace\/Magazin\/2014\/Magazin%20Hubseite\/Frank_Dhling_03.JPG\" title=\"\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl04_Image1\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/ec937a6e-ec937a6e-frank_dhling_03.jpg\" alt=\"\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content no-title\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong><\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Oliver L\u00fcck\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong>Die Menschheit ist wahnsinnig geworden<br \/><\/strong>\u00dcber 600 B\u00e4ume hat der Gutsherr mit dem gr\u00fcnen Daumen bisher gepflanzt, darunter seltene Arten wie den Speierling oder die Elsbeere. In seinem Garten Eden wachsen Heilkr\u00e4uter wie das Herzgespann oder der Beinwell sowie seltene Pflanzen wie das Herkuleskraut, die wollige Klette, das falsche Salomonsiegel, Wildrosen und mancherlei Lilien. Daneben wuchern der kommune Efeu und ein struppiger Brennnesselwald. \u00abAlles in der Natur hat seinen Sinn. Selbst ein ungeniessbarer Holzapfel ist gut f\u00fcr den Boden\u00bb, verteidigt D\u00e4hling seine Sch\u00fctzlinge. Bei ihm darf alles wachsen und wuchern, ohne in Schach gehalten zu werden von Pestiziden, Fungiziden oder Insektiziden. Der profitorientierten, ausbeuterischen Agrarindustrie ausserhalb seines Inselreichs kann er nichts abgewinnen. Selbst R\u00e4uber wie der Fuchs, der Dachs oder der Marder haben freien Zugang zu seinem Geh\u00f6ft. \u00abIch bin bereit, im Interesse einer intakten Wildnis einen Teil meiner Tiere zu opfern\u00bb, schmunzelt er.<\/p>\n<p>D\u00e4hling f\u00fchrt seine Besucher zur M\u00fchle, wo sich am Elsenz-Bach ein wildes Biotop mit einer wunderbaren Auenlandschaft gebildet hat. Auf der Weide dahinter galoppieren vierzig Schafe freudig herbei, als sie den Lockruf h\u00f6ren: \u00abHooobelei, hooobelei!\u00bb Gierig schnappen sie nach dem trockenen Biobrot, das ihnen der Meister \u00fcber den Zaun zuwirft. \u00abSie sind eben Feinschmecker\u00bb, witzelt er, \u00abnur das Beste ist ihnen gut genug.\u00bb Das Brot entreisst er jeden Abend den Superm\u00e4rkten in Eppingen \u2013 zusammen mit Kisten voller Obst und Gem\u00fcse, das er so vor der M\u00fclltonne rettet.<\/p>\n<p>Als er auf die \u00fcbers\u00e4ttigte Gesellschaft zu sprechen kommt, welche die H\u00e4lfte ihrer Nahrungsmittel einfach wegwirft, schiesst dem Gutsherrn die Zornesr\u00f6te ins Gesicht. Seine Stimme schwillt an, der Zeigefinger streckt sich steil in die Luft und er wettert los \u00fcber die \u00abwahnsinnig gewordene Menschheit\u00bb, welche die B\u00f6den verseuche, die Luft verpeste, die W\u00e4lder rode und die Meere mit Plastik zum\u00fclle. \u00abWenn die W\u00e4lder mal weg sind, fehlt den nachfolgenden Generationen nichts, weil sie gar nicht mehr wissen, was ein Wald ist\u00bb, frotzelt er ironisch. So weit habe sich der zivilisierte Mensch inzwischen von seinen nat\u00fcrlichen Wurzeln entfernt.<\/p>\n<p><strong>Nach uns die Sintflut<br \/><\/strong>Ein besonderes Reizthema ist f\u00fcr ihn das hausgemachte Bienensterben, eine Folge der Honigmaximierungsindustrie. Oder die Gentechnologie, die sich geb\u00e4rde wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister rief und sie nicht mehr loswurde. Oder die Atomenergie, die den k\u00fcnftigen Generationen mit dem unentsorgbaren hochradioaktiven Material eine furchtbare B\u00fcrde auflade \u2013 nach uns die Sintflut! \u00abDiese Ignoranz!\u00bb, poltert D\u00e4hling, der sein Haus mit Brennholz aus dem eigenen Wald heizt: \u00abDie Atomkraft wird sich als teuerste Energiequelle aller Zeiten herausstellen!\u00bb Sein ern\u00fcchtertes Fazit: \u00abDer Mensch ist nicht in der Lage, das Paradies zu erhalten, in das er hineingeboren wurde.\u00bb Eines Tages werde der Homo sapiens Bedingungen geschaffen haben, unter denen menschliches Leben nicht mehr m\u00f6glich sei. \u00abEr hat sich die Erde unterworfen und ist ein aus der Balance geratener Raubsauger\u00bb, sagt D\u00e4hling n\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Nach diesem Ausbruch senkt er die Stimme, dreht sich um und geht zur\u00fcck zur M\u00fchle, um sich Erfreulicherem zuzuwenden, hin zur Stelle an der Elsenz, wo sich bis Mitte des letzten Jahrhunderts das M\u00fchlrad drehte und Korn zu Mehl mahlte oder Hanf zu \u00d6l. Dieses M\u00fchlrad wieder in Schwung zu bringen, darauf arbeitet D\u00e4hling in seinem kleinen Paradies hin. Das w\u00e4re die Kr\u00f6nung seiner Gutsherrschaft und vielleicht sogar seines Lebens. Einen F\u00f6rderverein, der sein Werk vielleicht dereinst \u00fcbernehmen wird, hat er bereits gegr\u00fcndet. Der Boden ist bereitet.<\/p>\n<p><strong>Die Natur ist die Basis des Menschen<br \/><\/strong>Bis sich das M\u00fchlrad wieder dreht, f\u00fchrt der Hausherr weiterhin Besucher durch sein Reich. Er zeigt ihnen das Museum unterm grossen Scheunendach, wo er Abertausende von Exponaten aufbewahrt, insbesondere mittelalterliche Gegenst\u00e4nde \u2013 etwa von Wagnern, Schuhmachern, Drechslern oder Hausmetzgern. D\u00e4hling f\u00fchlt sich der damaligen b\u00e4uerlichen Kultur leidenschaftlich verbunden: \u00abDie Welt der Bauern, das ist unsere Basis, da kommen wir her.\u00bb<\/p>\n<p>Nach einem f\u00fcnfst\u00fcndigen flammenden Pl\u00e4doyer entl\u00e4sst der Gutsherr seine Besucher durchs hintere Tor in die ausbeuterische, kapitalistische Welt, der er sich als Rebell auf seiner \u00f6kologischen Insel kraftvoll entgegenstemmt. F\u00fcr ihn ist die Raussm\u00fchle das Ausrufezeichen hinter der Botschaft: \u00abGebt Acht auf die Natur. Sie ist eure Basis!\u00bb <em>Mehr Infos auf: <a title=\"raussmuehle.de\" href=\"http:\/\/www.raussmuehle.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">raussmuehle.de<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank D\u00e4hling (70) ist Besitzer und Bewohner der Raussm\u00fchle, eines mittelalterlich anmutenden Hofs in der N\u00e4he des Kraichgaus in Deutschland. 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