{"id":11296,"date":"2014-05-25T00:00:00","date_gmt":"2014-05-24T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/11296\/zum-auftakt-ein-supergau\/"},"modified":"2019-05-30T10:57:54","modified_gmt":"2019-05-30T08:57:54","slug":"zum-auftakt-ein-supergau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/11296\/zum-auftakt-ein-supergau\/","title":{"rendered":"Zum Auftakt ein Supergau"},"content":{"rendered":"<p><b>\u00abTo start from scratch\u00bb \u2013 seit diesem Jahr hat der Ausdruck eine neue Bedeutung. War es f\u00fcr mich zuvor eine jener Floskeln, die man im Englischen leichthin verwendet oder aus Popsongs kennt, weiss ich nun, dass er der ganz eigenen Welt des Imkers entstammen k\u00f6nnte, \u00e4hnlich wie das Wort \u00abstockdunkel\u00bb.<br \/>\n\u00abTo start from scratch\u00bb \u2013 f\u00fcr uns heisst das, sich tagelang dem Abkratzen h\u00f6lzernen Materials hinzugeben, Wochenende f\u00fcr Wochenende. Es ist im Grunde ein sympathisches Material, das wir da bearbeiten: Aus Erlenholz sind die Wabenrahmen, aus Fichte die selbstgebauten \u00abSchweizerk\u00e4sten\u00bb. Die liebevoll gezimmerte Einrichtung unseres Bienenhauses ist nun verseucht, hochinfekti\u00f6s. Wir sind Sperrbezirk. \u00abSauerbrut\u00bb lautet die ern\u00fcchternde Diagnose des zust\u00e4ndigen Inspektors. Wie das aussieht, was das f\u00fcr uns bedeutet, lesen wir auf dem Plakat \u00abGef\u00e4hrliche Bienenkrankheiten\u00bb gleich neben dem Bieneninspektor an der Wand unseres Bienenhauses. Dass wir die Bienen t\u00f6ten m\u00fcssen. Und dass wir aller Materie, mit der sie in Kontakt waren, mit \u00c4tznatron und Desinfektionsmittel zu Leibe r\u00fccken m\u00fcssen. Seit ein paar Wochen erst versuchen wir uns als Jungimker. Was unseren Vorg\u00e4nger am Ende seiner Imkerkarriere frustrierte, erleben wir schon zum Auftakt.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><em>Von Markus Tischer, Illustrationen von Janine Wiget<\/em><\/p>\n<p><em><a class=\"pdf\" title=\"Artikel als PDF downloaden\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/1405_GP_MAG_2-14_Bienen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&gt; Artikel im lesefreundlichen Magazinformat als PDF downloaden (250KB)<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame reset-padding\"><a class=\"open-img EnlargeImage\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/1e5bf3ba-1e5bf3ba-02_greenpeace_tote_bienen.jpg\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl04_Image1\" class=\"Thumbnail\" style=\"border-width: 0px;\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/1e5bf3ba-1e5bf3ba-02_greenpeace_tote_bienen.jpg\" alt=\"\" \/><\/a>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"hidden\"><\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Der Weg zum Bienenhaus<\/h2>\n<div class=\"events-box small-box left\">\n<div class=\"frame reset-padding\"><a class=\"open-img EnlargeImage\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/9a31b4d1-9a31b4d1-01_greenpeace_smoker.jpg\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl06_Image1\" class=\"Thumbnail\" style=\"border-width: 0px;\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/9a31b4d1-9a31b4d1-01_greenpeace_smoker.jpg\" alt=\"\" \/><\/a>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"hidden\"><\/div>\n<\/div>\n<p>Das Plakat mit den Krankheiten geh\u00f6rt zum Bienenhaus-Paket wie die vielen anderen Details darin. H\u00fcbsch und verwunschen gelegen ist es, das Haus \u2013 und in einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Art komplett.<\/p>\n<p>Es enth\u00e4lt Behausungen f\u00fcr nicht weniger als 16 Bienenv\u00f6lker. Zur einzigartigen, r\u00e4tselhaften Mixtur aus High- und Lowtech-Utensilien geh\u00f6ren auch der Wabenknecht, der Bienentrichter, die Radialhonigschleuder oder\u00a0 der Stockmeisel: Vokabeln einer Sprache, die inzwischen erstaunlich leicht \u00fcber die Zunge geht. Alles M\u00f6gliche und Unm\u00f6gliche wartet hier auf uns \u2013 bis zum speziellen Klebstoff, mit dem wir eine Bienenk\u00f6nigin mit einer nummerierten Plakette markieren k\u00f6nnten, wenn wir denn eine antr\u00e4fen.<\/p>\n<p>Ein Imkerutensil besass ich schon in der Zeit davor. Einen \u00abSmoker\u00bb aus Metall,\u00a0 zum Bef\u00fcllen mit einer brennbaren Kr\u00e4utermischung, meine erste Ahnung von diesem Kosmos hatten mir Freunde vor ein paar Jahren zum vierzigsten Geburtstag \u00fcberreicht. Offenbar hatte ich zweimal zu oft erw\u00e4hnt, dass ich dereinst Bienen halten wolle. Weil mich ein ganzes B\u00fcndel von faszinierenden Eigenschaften anspricht. Zuallererst die Kommunikation. Auch das Uralte, das noch immer R\u00e4tselhafte, das Poetische, nicht zuletzt das Existenzielle des Bienenlebens. Das Fragen aufwerfende Ger\u00e4t hat seitdem im B\u00fccherregal gestanden, f\u00fcr\u00a0 die letzte Phase des theoretischen Imkerseins, diese Zeit des Lieb\u00e4ugelns.<\/p>\n<h4>Es wird ernst<\/h4>\n<p>Diese Phase sollte mit meinem letzten Umzug enden. Kurz nach dem Einzug kommt mein Lieblingsmensch und k\u00fcnftiger Hilfsimker mit den Nachbarn ins Gespr\u00e4ch und erw\u00e4hnt zuf\u00e4llig meine Ambitionen. Es stellt sich heraus, dass der \u00fcber 80-j\u00e4hrige Altimker gleich nebenan nach einem Nachfolger Ausschau h\u00e4lt, bislang allerdings vergeblich. Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir? \u00abSeid ihr die, die meine Bienen \u00fcbernehmen?\u00bb, pariert er unsere erste scheue Kontaktaufnahme. Von da ist es nicht mehr weit zur Unterschrift des Vertrags.<\/p>\n<p>Ein paar Treffen mit dem Imker und seiner Frau liegen dazwischen, das schon. \u00dcberzeugungsarbeit, Buhlen um Vertrauen. Ja, wir haben verstanden, dass Urlaubsreisen nur ausserhalb der Bienensaison in Frage kommen. Also von Oktober bis Februar. Dann meine Zusicherung, das Imker-Einmaleins im bereits gebuchten Kurs bei den Z\u00fcrcher Bienenfreunden zu erlernen. Unser Vorg\u00e4nger ist der letzte Imker im Dorf. Bald werden wir es sein. Noch etwas: Wir m\u00fcssen die \u00abBienenzeitung\u00bb abonnieren. Vorerst gibt er uns seine Ausgaben \u2013 leihweise. Die Artikel darin heissen \u00abDie Sauberbrut im Hinterkopf\u00bb, \u00abListe der Gemeinden, in denen 2012 ein Einsatz von Streptomycin infrage kommt\u00bb oder \u00abSpeditives Drahten von Brutrahmen\u00bb. Auch die \u00abApistischen Beobachtungen\u00bb finden hier ihre Leser.<\/p>\n<h2>Die Stunde der Wahrheit<\/h2>\n<div class=\"events-box small-box left\">\n<div class=\"frame reset-padding\"><a class=\"open-img EnlargeImage\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/6cf2d266-6cf2d266-01_greenpeace_varroa-milbe.jpg\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl08_Image1\" class=\"Thumbnail\" style=\"border-width: 0px;\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/6cf2d266-6cf2d266-01_greenpeace_varroa-milbe.jpg\" alt=\"\" \/><\/a>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"hidden\"><\/div>\n<\/div>\n<p>Der Winter bringt den \u00abSchweizerischen Bienenvater\u00bb. Ich geh\u00f6re zu den Letzten, zu denen das f\u00fcnfb\u00e4ndige Standardwerk unter diesem Titel kommt. Vor kurzem wurde es umbenannt in \u00abSchweizerisches Bienenbuch\u00bb, womit die Herausgeber darauf reagieren, dass eine Dom\u00e4ne \u00e4lterer Herren und kauziger Charaktere im Begriff ist, von Frauen und j\u00fcngeren Menschen abgel\u00f6st zu werden. Ausgestattet mit jahrhundertealtem Wissen erwarten wir aufgeregt unsere erste Saison, die Stunde der Wahrheit, den Zeitpunkt im Fr\u00fchling, wo die Bienenv\u00f6lker ihren ersten Flug unternehmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns markiert er den Augenblick, wo es ernst wird. F\u00fcr die Bienen ist es der Moment, ihre Kotblase nach der langen Winterruhe im Flug zu entleeren \u2013 nach einem langen, sehr kalten Februar. Es passiert lange nichts, dann endlich erwacht eines unserer acht Bienenv\u00f6lker. Bei zwei anderen zeigen sich nur zarte Anzeichen von Leben. Wenig Flugverkehr. Von Tag zu Tag wird wahrscheinlicher, dass wir nicht ausgespart werden von den harten Fakten. Fast die H\u00e4lfte der Schweizer Bienenv\u00f6lker hat den Winter nicht \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Wie lange sollen wir warten? Ich frage meinen Vorg\u00e4nger. Noch ein paar Tage, bis wir die K\u00e4sten gemeinsam \u00f6ffnen. Der Anblick ist grausam: F\u00fcnf V\u00f6lker sind gestorben, die K\u00e4sten sind voll toter Bienen. Zwei V\u00f6lker sind sehr schwach, ihr Gesumme ist kaum der Rede wert. Allein das Volk im Kasten No. 1 macht den Eindruck eines gesunden Organismus. Das ist\u00a0 der Anblick, der viele Imker in den letzten Jahren bewogen hat, alles hinzuwerfen. Wer\u00a0 jetzt neu anf\u00e4ngt, l\u00e4sst sich nicht auf ein harmloses Hobby ein, sondern auf eine verantwortungsvolle T\u00e4tigkeit, wo schon kleine Fehler zum Super-Gau f\u00fchren k\u00f6nnen und \u00fcber\u00a0 Leben und Tod im Bienenhaus entscheiden.<\/p>\n<h4>Erkl\u00e4rungsversuche<\/h4>\n<p>Eines ist inzwischen klar: Das Bienensterben hat viele Ursachen. Bei uns scheint es auf zwei Hauptgr\u00fcnde hinauszulaufen. Die Bienen waren nicht gen\u00fcgend gegen die notorische Varroamilbe gesch\u00fctzt. Setzt man die V\u00f6lker nicht ganz korrekt den gebotenen S\u00e4uren zu ihrer Bek\u00e4mpfung aus \u2013 der richtige Zeitpunkt\u201a die richtige Temperatur entscheiden \u2013, schaffen es viele Bienen schlicht nicht \u00fcber einen langen Winter. Die faszinierende Traube, in der sie sich gegenseitig w\u00e4rmen, ihre Positionen wechseln \u2013 mal aussen in der ungem\u00fctlicheren Zone des Klumpens, mal innen im Warmen \u2013 ist dann nicht gross genug, um die n\u00f6tige Temperatur zu halten. Die K\u00f6rpertemperatur der Bienen liegt nahe bei der des Menschen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich hat die Milbe auch mit dem zweiten Grund unserer Misere zu tun, der \u00abSauerbrut\u00bb, dieser hoch ansteckenden bakteriellen Krankheit. Denn auch f\u00fcr Krankheiten sind die Insekten anf\u00e4lliger, wenn die V\u00f6lker durch die Milbe geschw\u00e4cht und dezimiert sind. Eine von Milben befallene Biene lebt mindestens einen Drittel k\u00fcrzer. Im Kino hat mir Markus Imhoofs Bienenfilm \u00abMore than honey\u00bb noch einmal plastisch vor Augen gef\u00fchrt, wie monstr\u00f6s die Varroa destructor den Bienen zu Leibe r\u00fcckt: Auf die Gr\u00f6sse des Menschen \u00fcbertragen h\u00e4tte eine solche Milbe die Masse eines ausgewachsenen Kaninchens. Der Inspektor jedenfalls packt umgehend seine Gasflasche aus, um die beiden infizierten Bienenv\u00f6lker vor unseren Augen \u00ababzuschwefeln\u00bb. Wie die Hinterbliebenen der bereits toten V\u00f6lker empfiehlt er, auch sie nach dem verst\u00f6renden Schauspiel der Kehrichtverbrennung zuzuf\u00fchren. Uns Jungimkern bleibt Volk No. 1, das erst einmal keine \u00e4usseren Spuren der Seuche aufweist. Wir sind uns einig, es zu behalten \u2013 trotz der Empfehlung der Beh\u00f6rden, alle zu liquidieren, sofern eine Befallsquote von \u00fcber 50 Prozent vorliegt. Wir sind entschlossen, Volk No. 1 zu retten.<\/p>\n<h2>Erste Hilfe<\/h2>\n<p class=\"p2\">\n<div class=\"events-box small-box left\">\n<div class=\"frame reset-padding\"><a class=\"open-img EnlargeImage\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/8c694286-8c694286-01_greenpeace_bienenkiste.jpg\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl10_Image1\" class=\"Thumbnail\" style=\"border-width: 0px;\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/8c694286-8c694286-01_greenpeace_bienenkiste.jpg\" alt=\"\" \/><\/a>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"hidden\"><\/div>\n<\/div>\n<p>W\u00e4hrend der Imker ein paar unruhige N\u00e4chte hat, sehen wir, die Novizen, eher pragmatisch den angesagten Sanierungsprojekten ins Auge. Das eine betrifft das Bienenhaus: Komplett desinfiziert und akribisch von m\u00f6glichen Erregern befreit muss es sein. Das zwingt uns, immer wieder in Schutzkleidung zu steigen und das Innere der K\u00e4sten m\u00f6glichst vollst\u00e4ndig mechanisch, chemisch und thermisch zu reinigen. Unsere neuen Bienenv\u00f6lker sollen von\u00a0 den verh\u00e4ngnisvollen Bakterien verschont bleiben. Die zweite Aktion betrifft die Rettung\u00a0 von Volk No. 1. Wir wollen nicht mit null Bienen starten. Und die einzige Chance, das zu verhindern, ist die drakonisch klingende Massnahme \u00abKellerhaft f\u00fcr Volk No. 1\u00bb. Daf\u00fcr soll das Volk als \u00abKunstschwarm\u00bb in eine alte Schwarmkiste.<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Was wir brauchen, saugen wir uns jeweils am Abend davor im Schnellstudium aus dem \u00abSchweizerischen Bienenvater\u00bb \u2013\u00a0dazu kommt noch etwas Feinabstimmung mit dem Vorg\u00e4nger. Dies ist der Einstieg in eine Reihe von \u00dcbungen, die wir k\u00fcnftig fr\u00fch morgens vor der Arbeit absolvieren, ohne schon von Kenntnissen aus dem Kurs zu profitieren. Es macht anfangs etwas nerv\u00f6s, Tausende von summenden Insekten mit ein paar entschlossenen Faustschl\u00e4gen auf den herausgenommenen Wabenrahmen\u00a0 in eine Kiste zu bugsieren. Wer dabei nicht mitkommt, wird im zweiten Durchlauf mit einer zarten Bienenb\u00fcrste in die Kiste bef\u00f6rdert. Anfangs habe ich noch wenig Gesp\u00fcr daf\u00fcr, was\u00a0 so ein Bienchen alles mitmacht. Ein Bienenvolk lebt jetzt im dunklen Keller unseres Wohnhauses. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Mitbewohner im Haus eine ganz spezielle Erfahrung machen: Eine Traube von mindestens 20&#8217;000 Bienen summt auf Knopfdruck, sobald jemand das Licht einschaltet.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Die Kiste \u2013 so haben wir glaubhaft versichert \u2013 ist fest verschlossen. Drei futterlose Tage sp\u00e4ter soll Volk No. 1 alle potenziellen Sauerbruterreger ausgeschieden haben und ist bereit f\u00fcrs Relogieren an den desinfizierten alten Ort. Auch dies am Morgen, wenn die Bienen am ruhigsten sind, am wenigsten aggressiv. Und eine solche Bienenoperation bitte nie unter Zeitdruck durchf\u00fchren \u2013 denn sie sp\u00fcren, wenn man Stress hat. Sie m\u00f6gen keinen Schweiss.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Die \u00dcbung in Gelassenheit ist nicht immer gut zu bew\u00e4ltigen. Es geht nicht ohne Stiche, manchmal schaffen es ihre Stachel durch unsere Jeans, und manchmal sind wir leichtfertig und tragen den weissen Schleier bei kleineren \u00dcbungen nicht. Unser Vorg\u00e4nger tr\u00e4gt nie einen,\u00a0 er hat seine Zigarre. \u00abStiche geh\u00f6ren einfach dazu\u00bb, meint er. Wir werden das bald erfahren. Denn Volk No. 1 scheint erst einmal gerettet. Aber f\u00fcr ein Volk lohnt der ganze Aufwand nicht \u2013 und wir wollen ohnehin noch mehr Bienen.<\/span><\/p>\n<h4>Wie man sich ein Bienenvolk besorgt<\/h4>\n<p>Wer h\u00e4tte ahnen k\u00f6nnen, dass die Warteliste der Z\u00fcrcher Feuerwehr f\u00fcr Interessenten an eingefangenen Bienenv\u00f6lkern f\u00fcr dieses Jahr schon geschlossen ist. Also sitzen wir um\u00a0 22 Uhr abends im \u00abHirschen\u00bb in Egg an der Generalversammlung des Bienenz\u00fcchtervereins des Bezirks Meilen \u2013\u00a0ein Tipp unseres Vorg\u00e4ngers, der auch gleich mitgekommen ist. W\u00e4hrend f\u00fcr jede anwesende Person eine \u00fcppige Wurstplatte serviert wird, versuchen wir Kontakt mit erfahrenen Bienenhaltern aufzunehmen. Es sollte doch jemanden geben, der uns Novizen eines seiner Bienenv\u00f6lker \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">F\u00fcr mich ist das schon die zweite Veranstaltung dieser Art in dieser Woche. Es ist Saisonbeginn. Doch das Unternehmen stellt sich als chancenlos heraus. Zu vernichtend sind die Verluste nach dem letzten Winter, als dass jemand Bienen mit uns teilen wollte. Uns bleibt im \u00abHirschen\u00bb nur noch, dem Vortrag \u00fcber bienenfreundliche Pflanzen zu folgen. Also doch auf eine Anzeige in der \u00abSchweizer Bienenzeitung\u00bb reagieren? In Vals ein Bienenvolk erstehen und ins Unterland kutschieren? Endlich Erfolg bei meinem Hilfsimker: Sein fr\u00fcherer Arbeitskollege ist Bioimker und tats\u00e4chlich bereit, uns eines seiner V\u00f6lker zu \u00fcberlassen. Am Sonntagabend soll der Bienentransport rollen, in einem Personenwagen, den wir flottmachen. Was da verladen werden soll, ist keine kleine Kiste, sondern ein kompletter \u00abSchweizerkasten\u00bb, den der freundliche Imker uns gemeinsam mit seinem Bienenvolk \u2013 wohl sogar sein st\u00e4rkstes \u2013 anvertraut. Die Ausmasse des Beh\u00e4ltnisses erweisen sich als wenig r\u00fccksitztauglich, so dass wir es nur mit viel Kraft ins Auto bugsieren k\u00f6nnen. Auf der Fahrt ist aus dem Passagierraum auff\u00e4lliges Gesumme zu h\u00f6ren. Unser Transportmittel ist nicht ganz bienendicht. Die Aktion endet gl\u00fccklich, wenn auch nicht ohne Stiche. Es ist schon dunkel, als die etwa 30&#8217;000 Bienen an diesem sp\u00e4ten Sommerabend im Bienenhaus einlogiert sind. Rohe Zwiebeln auf den Schwellungen helfen, bilden wir uns ein.<\/span><\/p>\n<h2>Fluglochbeobachtung<\/h2>\n<div class=\"events-box small-box left\">\n<div class=\"frame reset-padding\"><a class=\"open-img EnlargeImage\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/12eadf39-12eadf39-01_greenpeace_ameisensaeure.jpg\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl12_Image1\" class=\"Thumbnail\" style=\"border-width: 0px;\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/12eadf39-12eadf39-01_greenpeace_ameisensaeure.jpg\" alt=\"\" \/><\/a>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"hidden\"><\/div>\n<\/div>\n<p>Den Kurs belegen wir schliesslich auch noch \u2013 nach all der Aufregung kann ein solider theoretischer Unterbau nicht schaden. Jeden zweiten Samstag lauschen wir nachmittags den Ausf\u00fchrungen unseres Kursleiters, der sich als nimmerm\u00fcder Botschafter des Schweizerkastens entpuppt. Quasi der Rest der Welt operiert mit Magazink\u00e4sten \u2013 also den simplen K\u00e4sten, die irgendwo draussen stehen. Wer\u00a0 aber ein Bienenhaus und die von hinten zu \u00f6ffnenden Schweizerk\u00e4sten hat, ist \u00abper du mit der K\u00f6nigin\u00bb, so h\u00f6ren wir. Der Leiter des Grundkurses 1 bei den Z\u00fcrcher Bienenfreunden\u00a0 ist ein sympathischer Verfechter des intuitiven Imkerns. Fast alles k\u00f6nne man durch Beobachtung ablesen, fast die wichtigste T\u00e4tigkeit des Imkerns sei die Fluglochbeobachtung. Das leuchtet mir ein. Es gef\u00e4llt mir auch, morgens mit einer Tasse Kaffee zum Bienenhaus zu schlendern und nach bedeutungsvollen Anzeichen Ausschau zu halten. Man muss sie nur lesen k\u00f6nnen \u2013 es gilt zu lesen, wie sich die Bienen verhalten, was sie im Flug eintragen. Zu interpretieren, was am Morgen auf dem Flugbrett liegt. Seltsame Larven, tote Bienen: Der M\u00fcll ist die Message. Alle wichtigen Botschaften wie Brutzustand, Krankheitssymptome und Schwarmtendenzen k\u00fcndigen sich hier an. Man kann alles wissen, ohne immer gleich die ganze Truppe auseinanderzunehmen. Denn jedes Nachschauen im Innern des Bienenstocks kann als schwerwiegender Eingriff an einem grossen Organismus verstanden werden. Doch auch den Praxisteil gibt es. Nebenan bei den lebenden Bienenv\u00f6lkern, die eigens daf\u00fcr da sind, uns zu schulen \u2013 auseinandergenommen und angeschaut zu werden.<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Dass man die Bienen jedes Jahr mit Zuckerwasser abspeist, nachdem man ihnen den Grossteil des Honigs genommen hat, wird hier im Imkerkurs nicht hinterfragt. Unser Kursleiter meint, man k\u00f6nne experimentieren und ihnen mehr Honig lassen. Der Kurs ist gut besucht, es sind auch Frauen und ein sehr junger Mensch dabei \u2013 sogar meinen Hausarzt habe ich im neu stattfindenden Parallelkurs getroffen. Was wir hier lernen, haben wir oft in der Realit\u00e4t durchexerziert. Wir haben Volk No. 1 auf Krankheiten und Eiablage \u00fcberpr\u00fcft. Wir haben erfolgreich von Volk No. 2 Ableger gebildet. Wir haben die faszinierenden K\u00f6niginnenzellen entnommen. Wir haben K\u00f6niginnen mit Klebstoff markiert \u2013 fast sogar eine, die gar keine war, sondern eine Drohne. Wir haben versucht zu verhindern,\u00a0 dass die V\u00f6lker schw\u00e4rmen. Inzwischen ist\u00a0 auch am Lehrbienenstand die Sauerbrut ausgebrochen \u2013 es kann wirklich alle treffen. Nicht intuitiv, das ist sicher, sollte man die Varroabek\u00e4mpfung angehen, sie ist der zentrale Lehrinhalt. Unsere Waffen sind organisch, sie heissen Oxals\u00e4ure und Ameisens\u00e4ure.<\/span><\/p>\n<h2>Bestandeskontrolle ist Imkerpflicht<\/h2>\n<p class=\"p2\">\n<div class=\"events-box small-box left\">\n<div class=\"frame reset-padding\"><a class=\"open-img EnlargeImage\" title=\"\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/5b6dc806-5b6dc806-01_greenpeace_honigwaben.jpg\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl14_Image1\" class=\"Thumbnail\" style=\"border-width: 0px;\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/5b6dc806-5b6dc806-01_greenpeace_honigwaben.jpg\" alt=\"\" \/><\/a>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"hidden\"><\/div>\n<\/div>\n<p>Das Jahr im Bienenkosmos hat mich herausgefordert und \u00fcberw\u00e4ltigt. Schon die Sch\u00f6nheit des Wabenbaus kann einen mit kompliziertesten Umst\u00e4nden vers\u00f6hnen. Es ist ein gelungener Einstieg in den Tag, eine \u00dcbung darin, zur Ruhe zu kommen und \u00fcber die perfekte Organisation der Bienen zu staunen.<\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Die Biene ist keine Multitaskerin. Was sie tut, tut sie in ihrem kurzen Leben der Reihe nach. Zuerst Zellen reinigen, dann Brut pflegen, sp\u00e4ter Wachs produzieren, Waben bauen, Futter verarbeiten, Wache schieben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Erst ganz zum Schluss wird sie Sammelbiene. Wir sind fasziniert, was in diesen Schweizerk\u00e4sten vor sich geht. Und unsere Mitbewohner staunen \u00fcber neue Ger\u00e4te im Haus, die sie nicht verstehen, oder sie missdeuten unsere Beh\u00e4lter mit Zuckerwasser als Sp\u00fclmittel f\u00fcr die Hausgemeinschaft. Sie werden auf seltsame Ph\u00e4nomene angesprochen wie den \u00fcber Pfingsten entflogenen Schwarm, als wir einmal drei Tage in den Bergen waren.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Sp\u00e4ter suchten wir in der Nachbarschaft nach der Bienentraube, aber am Ende lautete das Fazit: Ein Volk weniger wegen drei Tagen Wandern. Eines Tages berichtet meine Arbeitskollegin am Telefon live von einem Bienenschwarm. Diesen f\u00e4ngt der Hilfsimker\u00a0 eine Stunde sp\u00e4ter ein, vor den Augen der versammelten Nachbarschaft, mit Schutzanzug, Schwarmkiste und Wissen aus dem \u00abSchweizer Bienenvater\u00bb. Der Schwarm bereichert\u00a0 nun unseren Bienen-Genpool. Und unseren Geschichtenfundus.<\/span><\/p>\n<p>Ist am Ende alles gut? Die Radialhonigschleuder zumindest haben wir in Gang setzen k\u00f6nnen. Volk No. 1 hat sich so gut erholt, dass\u00a0 es immerhin f\u00fcr 20 Kilo Honigernte gereicht hat. L\u00e4cherlich f\u00fcr alte Hasen \u2013 aber viel mehr, als wir erwarten durften. F\u00fcnf V\u00f6lker sind es, die wir in den n\u00e4chsten Bienenwinter schicken, melde ich den Beh\u00f6rden. \u00abBestandeskontrolle\u00a0 ist Imkerpflicht\u00bb, entnehme ich einer druckfrischen Ausgabe der \u00abSchweizerischen Bienenzeitung\u00bb.<\/p>\n<p>Mehr zum Thema: <a title=\"Bienenschutz\" href=\"http:\/\/bienenschutz.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bienenschutz.ch<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"p3\"><em>Markus Tischer (46) ist Kulturjournalist und Imker. Dieser Text schildert sein erstes Bienenjahr 2012. Was danach kam, verlief erfreulicher: keine Krankheiten, reiche Honigernte \u2013 wenn auch viele Stiche.\u00a0 Nach dem aktuellen milden Winter geht er in die Saison 2014 mit acht Bienenv\u00f6lkern \u2013 bis auf eines haben diesmal alle \u00fcberlebt.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abTo start from scratch\u00bb \u2013 seit diesem Jahr hat der Ausdruck eine neue Bedeutung. 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