{"id":11975,"date":"2013-10-15T00:00:00","date_gmt":"2013-10-14T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/11975\/freiwilligenarbeit-zwischen-freud-und-frust\/"},"modified":"2019-07-05T14:28:16","modified_gmt":"2019-07-05T12:28:16","slug":"freiwilligenarbeit-zwischen-freud-und-frust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/11975\/freiwilligenarbeit-zwischen-freud-und-frust\/","title":{"rendered":"Freiwilligenarbeit zwischen Freud und Frust"},"content":{"rendered":"\n<p><b>Freiwillige engagieren sich in Umweltorganisationen, weil sie etwas ver\u00e4ndern wollen. Sie informieren \u00fcber gequ\u00e4lte Tiere, bedrohte Pflanzen, \u00fcber teuflischen Atomstrom und himmlischen Solarstrom, sammeln Unterschriften, sprechen ein, schreiben Leserbriefe. Freiwilligenarbeit ist unentbehrlich, aber auch ein Spannungsfeld. Hier der Versuch eines Fazits. Es basiert auf dreissig Jahren Arbeit als Freiwilliger in verschiedenen Organisationen, davon auch 25 als Freiwilliger der Greenpeace Regionalgruppe Bern sowie auf zwanzig Jahren Zusammenarbeit mit Freiwilligen als Bildungsverantwortlicher von Greenpeace.<\/b><\/p>\n\n<p>Umweltaktive Freiwillige* sind meist ethisch motivierte Emp\u00f6rte, die sich sagen: \u00abSo kann es nicht weitergehen, ich muss was tun!\u00bb. Das Typen-Spektrum reicht dabei von den \u00abSofort-etwas-Ver\u00e4ndern\u00bb und \u00abEtwas-Sinnvolles-Tuerinnen\u00bb \u00fcber \u00abEgal-was-Helfer\u00bb und \u00abKnowhow-zur-Verf\u00fcgung-Stellerinnen\u00bb bis hin zu St\u00f6refrieden und Besserwissern. Freiwillige suchen Gleichgesinnte und versprechen sich von der Bekanntheit einer Organisation mehr Gewicht und also mehr Wirkung als sie alleine h\u00e4tten. Sie engagieren sich aber in erster Linie aus F\u00fcrsorge. Sie sind um so l\u00e4nger aktiv, je greifbarer das Erreichte ist, je mehr Lern-Nutzen und soziales Wohlbefinden sie haben und je gew\u00fcrdigter sie sich f\u00fchlen.<\/p>\n\n<p>Ob eine Pro Natura-Sektion eine Exkursion organisiert, eine WWF-Regionalgruppe einen Sponsorenlauf veranstaltet, Greenpeace eine Anti-Gentech-Aktion durchf\u00fchrt oder ob eine VCS-Sektion gegen ein Parkhaus einspricht: Nichts von dem w\u00e4re, h\u00e4tten die Umweltorganisationen (UO) keine Freiwilligen. Aber sie werden nicht nur geliebt: Kein Verband, der sich nicht um mindestens f\u00fcnf \u2013 hier zugespitzten \u2013 Spannungsfelder k\u00fcmmern muss:<\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong><em>Bezahlte versus unbezahlte Arbeit<\/em><\/strong>: Das Hauptkriterium zur Unterscheidung ist: Wof\u00fcr es viel und\/oder kontinuierlich Zeit braucht, ist in der Regel bezahlt. Die Grenze ist allerdings nicht immer klar bzw. nachvollziehbar: Warum wird die eine Arbeit bezahlt und die andere nicht? Vorsicht ist geboten, Freiwillige f\u00fcr sog. mindere (langweilige, einfache) Arbeit einsetzen wollen, ausser auf Wunsch.<\/li><li><strong><em>BasisaktivistInnen versus Professionelle<\/em><\/strong>: Wer sind die wahren Umweltsch\u00fctzerInnen? Sind es die Freiwilligen, weil sie sich engagieren, ohne daf\u00fcr bezahlt zu werden? Oder sind es die Profis, weil es letztlich um \u00dcbergeordnetes geht und nur speziell Geschulte dieses gen\u00fcgend erkennen k\u00f6nnen? W\u00e4hrend manche Freiwillige zuweilen meinen: \u00abMit einem guten Lohn ist es einfach, sich zu engagieren\u00bb, hegen Profis manchmal das Vorurteil, Freiwillige seien Amateure. Jedenfalls ist das Spannungsfeld zwischen Vorgaben der Profi-Zentrale und Freiraum der Frewillwilligen-Gruppe ein konflikttr\u00e4chtiger Dauerbrenner.<\/li><li><strong><em>Zu viel versus zu wenig Infos bzw. Kommunikation:&nbsp;<\/em><\/strong>Das richtige Mass zwischen \u00abNicht oder kaum informieren\u00bb und \u00ab\u00dcberf\u00fctterung mit Berichten und Artikeln\u00bb zu finden, ist eine grosse Kunst: Was soll wie freiwilligengerecht, bei sehr unterschiedlichen Bed\u00fcrfnissen, aufbereitet werden? \u00abAlle\u00bb Informationen im Netz zug\u00e4nglich zu machen ist keine L\u00f6sung, eher ein Besch\u00e4ftigungsprogramm. Die zentrale Herausforderung ist, zeitbudget- und m\u00f6glichkeitsangepasste Handlungen zu finden. Eine Infoflut kann das Handlungsfeuer l\u00f6schen.<\/li><li><strong><em>Verzettelung der Kr\u00e4fte versus Einengung:<\/em>&nbsp;<\/strong>Die Gefahr der Verzettelung wird durch Freiwillige verst\u00e4rkt, weil engagierte Menschen meist viele Ideen haben, was (auch noch) getan werden sollte. Dem entgegen steht die grundlegende Frage: \u00abEs gibt zu viel zu tun, was packen wir nicht an?\u00bb. Andererseits kann Einengung Engagement hemmen. F\u00fcr Mitsprache den richtigen Rahmen zu finden ist schwierig, aber notwendig.<\/li><li><strong><em>Langsam versus schnell:<\/em>&nbsp;<\/strong>Angestellte k\u00f6nnen kurzfristig Zeitressourcen mobilisieren und sofort handeln, Freiwillige dagegen in der Regel nur mittelfristig. Bei einem Pensum von z.B. zwei Stunden pro Woche ist das Arbeitstempo Freiwilliger notgedrungen langsam(er). Ausnahmen gibt es.<\/li><\/ul>\n\n<p>Will man aus diesen Spannungsfeldern hochexplosive Minenfelder machen, sprich: es richtig falsch machen, eignen sich folgende Rezepte:<\/p>\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Anleitung f\u00fcr Angestellte, Freiwillige los zu werden:<\/li><\/ol>\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Freiwillige sind in der Regel nur hochmotivierte \u201eSt\u00fcrmis\u201c, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Darum eher mit minderwertigen Arbeiten besch\u00e4ftigen, nichts Anspruchsvolles zumuten. Ihre Arbeit nicht w\u00fcrdigen, sie wollen sonst nur Mitsprache.<\/li><li>Klare Vorgaben, kein Schmusekurs. Keine Inputs aufnehmen. Neben den Bed\u00fcrfnissen der Freiwilligen vorbei, stets kurzfristig f\u00fcr kurze Zeitspannen planen. So haben sie keine Chancen sich (n\u00f6rgelnd!) einzugeben.<\/li><li>Antragspflicht f\u00fcr jedes Budget und jede Aktivit\u00e4t. Und sich f\u00fcr jeden Antrag ruhig Zeit nehmen.<\/li><li>Fragen Freiwillige etwas, sind Antworten meist vergeudete Zeit. Einfach ein paar Links schicken gen\u00fcgt.<\/li><li>Reissen Freiwillige was an, versanden lassen. Sie haben kaum Zeit, nachzuhaken.<\/li><li>Ihnen das Gef\u00fchl geben, nur die Bauern auf dem Schachfeld der StrategInnen zu sein.<\/li><\/ul>\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Rezept f\u00fcr Freiwillige, Angestellte zu verg\u00e4llen:<\/li><\/ol>\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Verbindlich tun, unverbindlich sein: Da freiwilliges Engagement nach Familie, FreundInnen und Beruf bzw. Ausbildung kommt, ist eine gewisse Unverbindlichkeit (selbst)verst\u00e4ndlich, womit die allf\u00e4llige Nichteinhaltung von Abmachungen stets entschuldigt ist.<\/li><li>Sich eine Zeitlang stark engagieren, Dinge anreissen, sodann den Faden abreissen lassen und sich nicht mehr melden. Denn Angestellte sind bezahlt und also dazu da, Angerissenes umzusetzen.<\/li><li>Als \u00fcberbezahlte Schreibtischt\u00e4terInnen beschimpfen, sobald sie etwas Falsches tun.<\/li><li>Die Organisation bzw. ihren Namen als Instrument f\u00fcr eigene Zwecke benutzen.<\/li><\/ul>\n\n<p>Soll dagegen aus den oben genannten Spannungsfeldern gelingende Freiwilligenarbeit (FWA) wachsen, ist m.E. Folgendes zu tun:<\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Ein FWA-Leitbild haben<\/strong>, das von einem emanzipatorischen Menschenbild ausgeht, das FWA als politische Bildungsarbeit versteht sowie Rechte und Pflichten festh\u00e4lt. Um aus Papier eine Kultur zu machen, braucht es angestellte MediatorInnen zwischen Freiwilligen sowie Angestellten und Organisation.<\/li><li><strong>Den Deal benennen:<\/strong>&nbsp;Die Freiwilligen geben, aber auch die Organisation muss: Denn f\u00fcr ein nachhaltiges Engagement brauchen die meisten Freiwilligen mehr als nur einen durch den Namen gest\u00e4rkten R\u00fccken, n\u00e4mlich: W\u00fcrdigung, Weiterbildung, Wir-Gef\u00fchl (eine andere Art WWW). Grundlage daf\u00fcr sind Job-Descriptions: Was gibst du, was bekommst du, was sind die Erwartungen? Hilfreich w\u00e4re eine Online-Vorselektion, um mit ein paar Fragen herauszufinden, ob eine Nachfrage ein Angebot findet. Falls nicht, ist es beidseits besser, keine Zusammenarbeit einzugehen. Reduziert w\u00fcrde damit das \u00dcbel h\u00e4ufigen Wechsels, verursacht von jenen, die mal schnuppern kommen und nach drei Sitzungen neuerdings durch Schnupperende ersetzt werden.<\/li><li><strong>Rechte als Standards definieren:<\/strong>&nbsp;Recht auf Anh\u00f6rung und Inputgebung, auf z\u00fcgige Antwort, auf Lernen und Anerkennung sowie auf unb\u00fcrokratische Projektgelder und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten im gegebenen Rahmen.<\/li><li><strong>Beschr\u00e4nkte Zeit beachten:<\/strong>&nbsp;Freiwillige haben in der Regel eine bis sechs Stunden pro Woche Zeit f\u00fcrs Engagement, Angestellte zwanzig bis vierzig, d.h. die unterschiedlichen Geschwindigkeiten ber\u00fccksichtigen. [Wichtig ist die beidseitige Zeitinvestition am Anfang eines Projekts, um gemeinsam Mitmachm\u00f6glichkeiten zu entwickeln, so dass der regionale Beitrag als Teil eines Gr\u00f6sseren erkennbar ist (siehe Open-campaining-Ansatz*).]<\/li><li><strong>Nebenwirkungen f\u00f6rdern:<\/strong>&nbsp;K\u00f6nnen politische Ziele nicht aus eigener Kraft erreicht werden (was meist der Fall ist), sind Nebenwirkungen umso wichtiger: etwas N\u00fctzliches lernen, Anerkennung bekommen, gutes Gruppenklima, wenig B\u00fcrokratie.<\/li><li><strong>Mythen reduzieren, Kulturen anpassen:<\/strong>&nbsp;Bei Greenpeace z.B. den Heldenmythos und das Emp\u00f6rungsprimat [\u00abDie\/der wahre Greenpeacer\/in ist, wenn nicht am Klettern, so doch am Wettern\u00bb]. Nichts gegen Aktion und Mobilisierung, aber gegen ihre Vorherrschaft. Und ergo f\u00fcr einen Pluralismus im Sinne des Open Campaignings: Der Hammer des Protests braucht den Amboss der L\u00f6sungen zur Formung des gesellschaftlichen Eisens. Das heisst aber nicht, dass alle willkommen sind, nur weil sie etwas tun wollen. Zudem k\u00f6nnen Heldenmythos und Perma-Emp\u00f6rungsbereitschaft Menschen anziehen, die schwierig im Umgang sind.<\/li><\/ul>\n\n<p>Und was sollen Freiwillige tun? Sag, was du kannst und was du willst. Lass dich auf den gegebenen institutionellen Rahmen ein. Tue verl\u00e4sslich, was du \u00fcbernommen hast. Und \u00fcbernimm dich nicht: Besser wenig tun, aber richtig, als wichtig tun, aber nicht(s) machen.<\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n<p>* \u00abOpen campaigning\u00bb ist Antwort auf die Einsichten, dass (a) Ziele in komplexen Systemen jede Organisation f\u00fcr sich alleine \u00fcberfordert (also: Allianzen bilden), (b) soziale Bewegung politische Prozesse beschleunigt, (c) das Tun der wirksamste Weg des Lernens ist, und (d) dass das Empowerment von Menschen bedingt, dass diese ihre Mitverantwortlichkeit f\u00fcr die Welt (an)erkennen. (GPCH, internes Papier).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freiwillige engagieren sich in Umweltorganisationen, weil sie etwas ver\u00e4ndern wollen. Sie informieren \u00fcber gequ\u00e4lte Tiere, bedrohte Pflanzen, \u00fcber teuflischen Atomstrom und himmlischen Solarstrom, sammeln Unterschriften, sprechen ein, schreiben Leserbriefe. 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