{"id":12352,"date":"2013-06-27T00:00:00","date_gmt":"2013-06-26T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/12352\/geo-engineering-wuerde-unsere-beziehung-zur-natur-komplett-veraendern\/"},"modified":"2019-07-04T13:43:21","modified_gmt":"2019-07-04T11:43:21","slug":"geo-engineering-wuerde-unsere-beziehung-zur-natur-komplett-veraendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/12352\/geo-engineering-wuerde-unsere-beziehung-zur-natur-komplett-veraendern\/","title":{"rendered":"\u00abGeo-Engineering w\u00fcrde unsere Beziehung zur Natur komplett ver\u00e4ndern\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><b>Geo-Engineering ist kein neues Ph\u00e4nomen. Seit \u00fcber hundert Jahren versuchen Meteorologen und Ingenieure, Wetter und Klima zu kontrollieren. Meist war die Wettermanipulation an milit\u00e4rische Interessen gekoppelt, belegt der Wissenschaftshistoriker James Fleming im Greenpeace-Interview.<\/b><\/p>\n\n<p><em><strong>Greenpeace:&nbsp;Herr Fleming, im einflussreichen Bericht der Royal Society* bezeichneten Wissenschaftler Geo-Engineering als Plan B f\u00fcr den Klimawandel. Was halten Sie davon?<\/strong><\/em><\/p>\n\n<p><strong>James Fleming:<\/strong>&nbsp;Ich habe schon damals vor einem Ausschuss des US-Kongresses gesagt: Es gibt keinen Plan B. Das Einzige, was es derzeit gibt, ist ein Haufen Hoffnungen, technische Spielereien und Technologien, darunter Sulfatkanonen und Weltallspiegel. Ich und Klimawissenschaftler wie Alan Robock sind aber \u00fcberzeugt: Solche Vorschl\u00e4ge sind nicht realisierbar.<\/p>\n\n<p><strong><em>Trotzdem wurden sie im Bericht thematisiert und in den Geo-Engineering-Katalog aufgenommen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Der \u00abRoyal Society\u00bb-Report ist fehlerhaft; ich habe diesem Fakt in meinem Buch \u00fcber die Geschichte der Klimamanipulation einen ganzen Abschnitt einger\u00e4umt.&nbsp;<strong>Die Autoren waren viel zu optimistisch, was die M\u00f6glichkeiten einzelner Technologien zur Klimamanipulation anbelangt.<\/strong>&nbsp;Viele der Annahmen beruhen auf nicht viel mehr als ein paar \u00dcberschlagsrechnungen.<\/p>\n\n<p><strong><em>Woher nehmen Sie diese Gewissheit?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Ich sass mit Geoingenieuren in unz\u00e4hligen Meetings. Da werden dann Vorschl\u00e4ge gemacht wie derjenige eines Forschers, mithilfe der Chaostheorie, eines riesigen Satelliten und von Supercomputern Hurrikane fernzusteuern. Das kommt der Science-Fiction von Arthur C. Clarke und der Vorstellung einer globalen Wetterbeh\u00f6rde schon sehr nahe.<\/p>\n\n<p><strong><em>Waren die falschen Wissenschaftler am Bericht der Royal Society beteiligt?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Es ist eigentlich egal, wer den Report verfasst hat.&nbsp;<strong>Es ist schlicht eine dumme Idee, den Planeten mithilfe von gewaltigen Technologieprojekten reparieren zu wollen.<\/strong>&nbsp;Solchen \u00dcberlegungen sowie den sozialen und politischen Aspekten des Geo-Engineering wurde im Bericht viel zu wenig Platz einger\u00e4umt.<\/p>\n\n<p><strong><em>Sie fordern, dass Sozialwissenschaftler st\u00e4rker an der Geo-Engineering-Debatte beteiligt werden. Weshalb?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Weil die Debatte bislang von Technokraten gef\u00fchrt wurde, die meist mit grossen nationalen Laboratorien oder mit der NASA verbandelt sind. Die Diskussion sollte aber viel breiter angelegt und f\u00fcr jedermann offen sein. Sie muss interdisziplin\u00e4r, international und auch zwischen den Generationen gef\u00fchrt werden.&nbsp;<br>Neben der direkten Klima- und Wettermanipulation f\u00e4llt auch die CO2-Abscheidung an der Erdoberfl\u00e4che unter den Begriff des Geo-Engineering. Was halten Sie davon?&nbsp;<br>Wenn man CO2 aus der Luft abscheidet, muss man es lagern k\u00f6nnen \u2013 und zwar f\u00fcr immer. Da stossen wir auf \u00e4hnliche Probleme wie bei der Lagerung von atomaren Abf\u00e4llen. Ausserdem lese ich praktisch t\u00e4glich irgendwelche Geschichten \u00fcber M\u00f6glichkeiten, Kohlenstoff aus der Atmosph\u00e4re zu rezyklieren, zum Beispiel als Treibstoff. Doch Kohlendioxid ist bereits ein stabiles Verbrennungsprodukt und vollst\u00e4ndig oxidiert. Deshalb ist die weitere Nutzung sehr aufwendig.<\/p>\n\n<p><strong><em>Was ist mit Versuchen, das Planktonwachstum im Ozean zugunsten der CO2-Absorption zu stimulieren?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Dabei wurden Erkenntnisse verallgemeinert, die in ihrer G\u00fcltigkeit sehr limitiert waren. Der Ozeanograf John Martin nahm eine Flasche, f\u00fcllte sie mit Meerwasser und gab eine Eisenl\u00f6sung hinzu. Die Flasche wurde gr\u00fcn, die Algen waren gl\u00fccklich. Danach folgten Experimente auf einem kleinen Flecken Ozean und auf den ersten positiven Ergebnissen basierte die These, man k\u00f6nne die atmosph\u00e4rische CO2-Konzentration durch Planktonwachstum drastisch verringern. Mittlerweile weiss man, dass die Algen bei k\u00fcnstlicher Eisend\u00fcngung teils sogar mehr CO2 abgeben, als sie zuvor aufgenommen haben.<\/p>\n\n<p><strong><em>Aber heute verf\u00fcgen Klimawissenschaftler doch \u00fcber ausgekl\u00fcgelte Modelle und Supercomputer f\u00fcr komplexe Simulationen. Lassen sich die Auswirkungen von Eingriffen ins Klima damit nicht zumindest ansatzweise simulieren?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p><strong>Viele Klimaingenieure sind sehr naive Modellierer.<\/strong>\u00a0Klimawissenschaftler, die sich seit Jahrzehnten mit Modellierungen besch\u00e4ftigen, betonen, dass wir weder die Technologie f\u00fcr eine Klimak\u00fchlung besitzen noch ein umfassendes Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, welche unerw\u00fcnschten Nebenwirkungen solche Eingriffe ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Die heute verf\u00fcgbaren Modelle deuten aber bereits die Gefahr von regionalen D\u00fcrren und weitreichenden Ver\u00e4nderungen im globalen Wasserhaushalt an.<\/p>\n\n<p><strong><em>Der&nbsp;Chemienobelpreistr\u00e4ger&nbsp;Paul Crutzen l\u00f6ste 2006 mit einem wissenschaftlichen Essay&nbsp;einen Sturm der Entr\u00fcstung aus. Darin schlug er vor, die Stratosph\u00e4re zur Klimak\u00fchlung mit Schwefelraketen zu beschiessen. Markiert Crutzens Publikation&nbsp;den Beginn der aktuellen Geo-Engineering-Debatte?&nbsp;<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Crutzen geh\u00f6rte sicherlich zu den Ersten, die die M\u00f6glichkeiten der technischen Klimamanipulation als Mittel gegen die globale Erderw\u00e4rmung vorschlugen. Doch f\u00fcr mich als Historiker waren solche Ideen nichts Neues. \u00c4hnliche Vorschl\u00e4ge kursierten schon viel fr\u00fcher, das letzte Mal zum Beispiel 1992 in einem Bericht der National Academy of Sciences.<\/p>\n\n<p><strong><em>Zu welchen Zwecken war die Wetter- und Klimamanipulation schon vor dem von Menschen verursachten Klimawandel ein Thema?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Bereits im 19. Jahrhundert versuchten Amerikaner Regenf\u00e4lle zu provozieren, indem sie Sprengk\u00f6rper, Bomben und Wasserstoffballone in unterschiedlichen H\u00f6hen zum Explodieren brachten. Sp\u00e4ter versuchten Wissenschaftler Nebel aufzul\u00f6sen, um Starts und Landungen von Flugzeugen zu erleichtern. Es folgten Projekte zur Steuerung von Hurrikanen und zum Abwenden von D\u00fcrren, aber auch Versuche, solche bei kriegerischen Gegnern absichtlich zu erzeugen. Meist wurde diese Forschung vom Milit\u00e4r finanziert.<\/p>\n\n<p><strong><em>Dann war die Wettermanipulation meist an milit\u00e4rische Interessen gebunden?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Ja, zu Beginn des Kalten Kriegs beauftragte das Pentagon ein Komitee damit, eine Wetterwaffe zu entwickeln, um die Atmosph\u00e4re zu Ungunsten des Feindes beeinflussen zu k\u00f6nnen. Das gipfelte sp\u00e4ter in der Forderung, ein gewaltiges Programm zur Wetterkontrolle zu lancieren, vergleichbar mit dem Manhattan-Projekt, das zur Entwicklung der ersten Atombombe f\u00fchrte.<strong>&nbsp;Im Vietnamkrieg schoss die US-Armee zudem zwischen 1967 und 1972 Tausende von Silberiodid-Salven in die Wolken. Damit wollte sie den Monsunregen verl\u00e4ngern und die gegnerischen Truppen aufhalten.<\/strong><\/p>\n\n<p><strong><em>Wird Geo-Engineering auch heute noch vom Milit\u00e4r vorangetrieben?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Einige wichtige Geoingenieure wie Lowell Wood und sein einstiger F\u00f6rderer Edward Teller sind eng mit dem amerikanischen Milit\u00e4r und dem Raumfahrtprogramm verbunden. Ideen wie die Verwendung von Raumschiffen f\u00fcr die Reflexion von Sonnenlicht ins Weltall oder der Einsatz von Kanonen auf Milit\u00e4rschiffen sind sicherlich auf diese Verbindung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Deshalb werden einige dieser Vorhaben auch heute noch vom Milit\u00e4r oder von der NASA unterst\u00fctzt. Ich glaube zwar nicht, dass die USA derzeit ein strategisches milit\u00e4risches Interesse an Geo-Engineering verfolgen. Trotzdem ist es erstaunlich, wie zahlreich die Ideen sind, die Atmosph\u00e4re zu \u00abbeschiessen\u00bb und unter Einsatz aller uns zur Verf\u00fcgung stehenden Technologien \u00abKrieg gegen den Klimawandel\u00bb zu f\u00fchren.<\/p>\n\n<p><strong><em>Wie steht es um die kommerziellen Interessen von heutigen Geoingenieuren?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p>Noch verdient niemand Geld damit. Aber Milliard\u00e4re wie Bill Gates spenden derzeit Millionen f\u00fcr Geo-Engineering-Experimente und melden bereits erste Patente f\u00fcr Technologien zur CO2-Reduktion in der Atmosph\u00e4re und f\u00fcr die Manipulation von Hurrikanen an. \u00c4hnliches geschieht derzeit auch in England.&nbsp;<\/p>\n\n<p><strong><em>Welches ist Ihre gr\u00f6sste Sorge f\u00fcr den Fall, dass sich einzelne Staaten oder die internationale Gemeinschaft zu einem umfassenden Einsatz von Geo-Engineering entschliessen sollten?<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p><strong>Das w\u00fcrde unsere Beziehung zur Natur komplett ver\u00e4ndern und den Argwohn zwischen den Nationen verst\u00e4rken.<\/strong>&nbsp;Die Skandinavier w\u00fcrden pl\u00f6tzlich die Engl\u00e4nder f\u00fcr ihr schlechtes Wetter verantworltlich machen und umgekehrt. Das Potenzial f\u00fcr zuk\u00fcnftige Konflikte ist enorm.<\/p>\n\n<p><em>Das Interview wurde am 4.2.2012 von Samuel Schlaefli gef\u00fchrt und erschien zuerst im&nbsp;Greenpeace Magazin 2\/2013.<\/em><\/p>\n\n<p>James Fleming ist Professor f\u00fcr Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft am Colby College in Maine und Autor zahlreicher B\u00fccher, darunter \u00abFixing the Sky: The Checkered History of Weather and Climate Control\u00bb (Columbia University Press, 2010) \u00fcber die Geschichte der Wetter- und Klimamanipulation.<\/p>\n\n<p><strong>*Der \u00abRoyal Society\u00bb-Bericht zu Geo-Engineering<\/strong><br><em>Die britische Royal Society z\u00e4hlt zu den \u00e4ltesten nationalen Akademien der Naturwissenschaften und f\u00f6rdert exzellente wissenschaftliche Leistungen im Dienst der Menschheit. 2009 publizierte sie den Bericht \u00abGeoengineering the Climate\u00bb, in dem sich 23 Physiker, Biologen, Ingenieure, Klimawissenschaftler und Politologen (einige der Wissenschaftler waren selbst an der Forschung im Geo-Engineering beteiligt) mit den Chancen und Risiken von unterschiedlichen Methoden auseinandersetzten. Gepr\u00fcft wurden Technologien zur Kohlendioxidentnahme aus der Atmosph\u00e4re (u.a. Ozeand\u00fcngung, Aufforstung, CO2-Abscheidung aus der Luft) und solche zur Abschirmung der Erde vor Sonnenstrahlung (u.a. Beschuss der Stratosph\u00e4re mit Schwefeldioxid, Reflektoren im Weltall, Vergr\u00f6sserung der Albedo in W\u00fcsten und St\u00e4dten). Die Wissenschaftler stellten fest, dass die meisten untersuchten Geo-Engineering-Methoden technisch machbar sind. Gleichzeitig wiesen sie auf grosse Unsicherheiten bez\u00fcglich der Auswirkungen auf die Umwelt, der Effektivit\u00e4t und der Kosten hin. Der Leiter der Studie, John Shepherd, kam zum Schluss: \u00abGeo-Engineering und seine Konsequenzen sind vielleicht der Preis, den wir zu zahlen haben f\u00fcr unser bisheriges Versagen, gegen den Klimawandel vorzugehen.\u00bb Geo-Engineering k\u00f6nnte in Zukunft als Plan B gegen den Klimawandel unumg\u00e4nglich werden, so Shepherd. Deshalb m\u00fcssten die unterschiedlichen Methoden weiter erforscht und entwickelt sowie die Auswirkungen auf die Umwelt und politische Aspekte analysiert werden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geo-Engineering ist kein neues Ph\u00e4nomen. Seit \u00fcber hundert Jahren versuchen Meteorologen und Ingenieure, Wetter und Klima zu kontrollieren. 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