{"id":12424,"date":"2013-06-04T00:00:00","date_gmt":"2013-06-03T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/12424\/thoreau-trailerpark\/"},"modified":"2019-05-30T11:34:26","modified_gmt":"2019-05-30T09:34:26","slug":"thoreau-trailerpark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/12424\/thoreau-trailerpark\/","title":{"rendered":"Thoreau-Trailerpark"},"content":{"rendered":"<p><b><\/b><\/p>\n<div>\n<p><em>Zum Author<\/em>:<\/p>\n<p><em>Mark Greif\u00a0 (geb. 1975) ist ein US-amerika\u00adnischer Essayist und Journalist. 2011 erschien die Dokumentation Occupy! Die ersten Wochen in New York, die Greif mitherausgegeben hat (Suhrkamp Verlag, Berlin).<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Essay erschien erstmals in der \u00abEdition Nr. 4\u00bb der Berliner Festspiele im August 2012. Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Astrid Sommer.<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/60a55533-60a55533-trailerpark.jpg\" title=\"Thoreaus Waldhaus\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" title=\"Thoreaus Waldhaus\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/60a55533-60a55533-trailerpark.jpg\" alt=\"Thoreaus Waldhaus\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong>Thoreaus Waldhaus<\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Greenpeace\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>In Concord, Massachusetts, dem Waldensee gegen\u00fcber, beschatteten die Ahorn- und Eichenb\u00e4ume rund um Walden in den Jahrzehnten, da ich dort in der N\u00e4he aufwuchs, auch zwei betonierte Areale mit einer Ansammlung flacher, l\u00e4nglicher Wohnwagenbehausungen, wie Elfenbeins\u00e4rge. Stufen aus Beton verbanden die Fliegengittert\u00fcren mit der Erde. Diese Behausungen, eigentlich zur Fortbewegung gedacht, hatten ihre Beweglichkeit eingeb\u00fcsst. Der Staat hatte das Land unter ihnen gekauft. Durch eine Landstrasse (nicht viel breiter als der alte Feldweg, den sie befestigte) von diesen Arealen getrennt, bildeten der finstere Wald, der tiefe See, die hellen Str\u00e4nde und ausgedehnten Waldgebiete hinter den Bahngleisen den Waldensee-Staatspark \u2014 ein Naturschutzgebiet und historisches Denkmal, der Aufsicht des Bundesstaates Massachusetts unterstellt. Hier war also der Staatspark \u2014 und dort die Wohnwagensiedlung. Die beiden mussten in einem ewigen Widerspruch zueinander stehen. Denn wenn die niederen, unauff\u00e4lligen Behausungen auf der anderen Strassenseite im amerikanischen Sprachgebrauch einen \u00abTrailerpark\u00bb (Wohnwagensiedlung) abgaben, so grenzte sie diese Titulierung deutlich ab von den Baumst\u00e4mmen und Gr\u00e4sern, dem fallenden Laub, den Wanderwegen und Aussichtspunkten; eingez\u00e4unt, damit namenlose B\u00fcrgerInnen sie (gegen eine bescheidene Eintrittsgeb\u00fchr) geniessen konnten, jedenfalls solange sie keine Spuren hinterliessen. \u00abTrailerpark\u00bb \u2014 der Begriff zeugt von einem Gehege f\u00fcr Rentner und Angeh\u00f6rige der Arbeiterklasse, arm genug, um keine H\u00e4user ohne R\u00e4der zu besitzen, aber nicht entrechtet genug, um pittoresk oder bemitleidenswert zu sein; nicht arm genug, dass es ihnen an grellbunten Kollektionen von Autos gemangelt h\u00e4tte, die ihre Schnauzen an die Aussenverkleidung aus Vinyl schoben, oder an \u00fcberdimensionalen Fernsehern, die bei Tag durch Fenster aus Autoglas flimmerten, die Plastikblumen auf den Fensterb\u00e4nken silhouettenhaft erhellten oder durch das Gewirr der Chintzgardinen schimmerten. \u00abTrailerpark-Trash\u00bb, (Wohnwagenabschaum), ist, auf Menschen bezogen, der rare amerikanische Ausdruck der Verachtung, dem eine organisierte Gruppe fehlt, ihn \u00fcbelzunehmen. W\u00e4hrend meiner Kindheit f\u00fchrte die Staatsparkverwaltung einen Zerm\u00fcrbungskrieg gegen die Wohnwagen: Verbot der \u00dcbertragung des Platzes an Erben oder Neuank\u00f6mmlinge, Verbot der R\u00fcckkehr f\u00fcr jeden, der daran dachte, die R\u00e4der zu benutzen und sp\u00e4ter zur\u00fcckzukommen, schliesslich Entsorgung jedes Wracks, sobald seine Bewohner starben.<\/p>\n<p>Der Waldensee ist Geschichte, nicht nur Natur, denn Henry David Thoreau hat hier in den 1840er-Jahren zwei Jahre lang philo\u00adsophiert. Dieser Ursprung seiner Ber\u00fchmtheit unterscheidet ihn von dem anderer Staatsparks auf der anderen Seite von Concord, an der Battle Road Richtung Lexington, wo Patrioten 1755 durch Sch\u00fcsse auf eine Kompanie britischer Soldaten die amerika\u00adnische Revolution bzw. den Unabh\u00e4ngigkeitskrieg ausl\u00f6sten. Nur zwei Generationen von \u00abAmerikanern\u00bb sp\u00e4ter zog Thoreau in ein kleines Haus, das er auf geborgtem Land am Ufer des Waldensees errichtete, baute \u00adBohnen und Kartoffeln zum Verkauf an und beobachtete, wer im Jahreslauf seine Umgebung durchwanderte \u2014 Menschen wie auch Tiere. Seinen Beitrag zur Tradition leistete er nur wenig sp\u00e4ter als Kierkegaard, nur wenig \u00adfr\u00fcher als Nietzsche \u2014 aber beide sind seine Geschwister im Geiste. Seine Sammlung von Gedanken und Beobachtungen, Walden, und ein Essay \u00fcber seine Vorstellungen von Individuum und Staat, \u00abCivil Disobedience\u00bb (\u00ab\u00dcber die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat), reichen aus, ihn zu einem der wichtigsten Philosophen Amerikas zu machen. Thoreaus Fragen waren recht einfach: was das Leben \u2014 wirklich \u2014 ist; wie viel mehr man daraus machen k\u00f6nnte, z\u00f6ge man sich von den gewohnheitsm\u00e4ssigen Verpflichtungen zur\u00fcck, insbesondere von dem Gebot, \u00absich den Lebensunterhalt zu verdienen\u00bb, Arbeit zu haben, Besitz, auf Schulden und Kredite zu schw\u00f6ren. Er riet dazu, lediglich geistige Gesch\u00e4fte zu machen oder zwischenmenschliche.<\/p>\n<p>Der genaue Standort seiner H\u00fctte am Waldensee ist in Vergessenheit geraten, aber Besucher haben an der nord\u00f6stlichen Ecke des Sees einen Steinhaufen aufgeschichtet. Steinbrocken, der Mauer einer neuenglischen Farm w\u00fcrdig, mischen sich dort mit glatten, bloss handtellergrossen Kugeln. Beim Hauptparkplatz tr\u00e4gt ein Nachbau von Thoreaus Behausung, in den im ersten Kapitel von Walden beschriebenen Abmessungen, das perfektionierte Aussehen von maschinell bearbeitetem, gekauftem Bauholz zur Schau. Hier wird regelm\u00e4ssig gesaugt. In der N\u00e4he ist der Philosoph in Bronze dem Wetter ausgesetzt. Der Souvenirladen verkauft Zitate aus Thoreaus Schriften auf Autoaufklebern, Kaffeetassen, T-Shirts und Abreisskalendern \u2014 \u00abDie Wildnis ist es, die die Welt bewahrt\u00bb; \u00abEinfachheit, Einfachheit, Einfachheit\u00bb; \u00abH\u00fctet euch vor jedem Unternehmen, das neue Kleider erfordert\u00bb \u2014 neben Waren, die die Dinge verkomplizieren: neue Kleidungsst\u00fccke und Wanderausr\u00fcstung f\u00fcr die ausgetretenen Pfade im Walden-Wald. Auch Thoreaus B\u00fccher werden dort s\u00e4mtlich verkauft.<\/p>\n<p>Der Naturschutzpark ist eine wunderbare Erfindung; das sage ich ohne jede Ironie. Er hat meine vorst\u00e4dtische Kindheit auf mannigfache Weise gerettet. Er sch\u00fctzt Waldgebiete und erh\u00e4lt Eichen, Pinien und Birken, B\u00fcsche und Unkr\u00e4uter, Streifenh\u00f6rnchen und Fr\u00f6sche, Eulen und Meisen. Er macht einen Badesee jedwedem zug\u00e4nglich, ungeachtet eines Wohnsitzes in der Stadt, und man wird westlich von Boston kaum einen besseren finden, der in der Hitze des Sommers so vielen Erfrischung verschafft. Aber die Wohnwagensiedlung \u2014 die war, solange sie bestand, jedem ein Dorn im Auge. F\u00fcr die Parkverwalter, f\u00fcr Journalisten, Bewahrer, Besucher konnte sie kein glaubhaftes Beispiel des einfachen Lebens abgeben, auch keinen Ort zum Philosophieren; sie war ein Schandfleck, eine Beleidigung. Die WohnwagenbewohnerInnen, mittlerweile alle verstorben, kauften ihre Lebensmittel in Acton oder in anderen St\u00e4dten, \u00e4rmer als Concord, der noblen Gemeinde, in der sie \u00abdie Zigeuner\u00bb genannt wurden. In meiner Kindheit in den 1980er-Jahren war ihre Gegenwart ein Mysterium f\u00fcr mich, ein wichtiges. Jeder Wohnwagen hinterliess, wenn er verschwand, ein graues Rechteck aus Beton, wie ein altes Bett. Ich \u00fcberwand die Ketten und \u00abDurchgang verboten\u00bb-Schilder um den letzten verbliebenen Wagen, war aber zu klein, um hineinschauen zu k\u00f6nnen. Und als ich, in meiner Jugend in den 1990er-Jahren, Thoreau durch seine Schriften besser kennenlernte, hielt ich die Wohnwagensiedlung f\u00fcr eines der wenigen Dinge, die Thoreau verteidigt h\u00e4tte, gegen all das, was getan worden war am Waldensee, in seinem Namen.<\/p>\n<p>Zu behalten, was Thoreau gesagt hat, ist schwierig, weil alles so verst\u00f6rend ist. F\u00fcr uns ist es einfacher, uns einen d\u00fcnnen Mann vorzustellen, der mit seinen eigenen H\u00e4nden eine H\u00fctte am Ufer eines herrlichen Sees errichtet hat. Bewusst baute Thoreau seine H\u00fctte nicht von Grund auf neu. Er schlug die Balken f\u00fcr den Rahmen aus B\u00e4umen eines anderen, fand Freunde, die ihm beim Aufstellen halfen, und recycelte den Rest aus Material eines Arbeiterfeldlagers: F\u00fcr Dach und W\u00e4nde kaufte er, billig, \u00abdie H\u00fctte von James Collins, einem Irl\u00e4nder, der beim Bau der Fitchburgbahn arbeitete\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">1<\/a><\/sub>. Das war philosophisch, mit all seinen Abk\u00fcrzungen und Verst\u00f6ssen. Thoreaus Feuer brannte, um eine entscheidende Wandlung hin zu \u00abWirtschaftlichkeit\u00bb zu erhellen. Wirtschaftlichkeit ergab sich f\u00fcr ihn aus seinem Theorem: \u00abDie Kosten eines Gegenstandes aber m\u00f6chte ich die Lebenskraft nennen, die man f\u00fcr ihn ein\u00adtauschen muss, \u00fcber kurz oder lang.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">2<\/a><\/sub> \u00abLeben\u00bb auf zwei Arten zu erfahren \u2014 einen Zollstock daran anlegen, es auf die Waagschale legen, es messen und bewerten, w\u00e4hrend man es gleichzeitig (er)lebt, sich seinen Erscheinungsformen anpasst \u2014 ist die philosophische (und tagt\u00e4gliche) Hauptaufgabe. Die Herausforderung erinnert mich an Schillers ber\u00fchmte Sozial\u00adreform-Metapher in seiner Schrift \u00ab\u00dcber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen\u00bb, n\u00e4mlich, ein Uhrwerk zu reparieren, ohne es anzuhalten oder das Anzeigen der Zeit zu unterbrechen.<\/p>\n<p>In Thoreaus Concord hielt man die Landwirtschaft f\u00fcr die achtbarste aller Bet\u00e4tigungen. Wirtschaftliche Konzentration, wie bei den grossen Farmen in seiner Nachbarschaft, offenbarte sich Thoreau, kaum hatte er mit dem schicksalhaften Vermessen des Lebens begonnen, als Versklavung, von der nur der Tod ihre Nutzniesser befreien konnte: \u00abWenn der Farmer endlich ein Haus besitzt, so ist er deswegen nicht reicher, sondern \u00e4rmer geworden, denn nicht er hat das Haus \u2014 das Haus hat ihn.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">3<\/a><\/sub> Anstatt das f\u00fcr ihn Lebensnotwendige auf die am wenigsten kostspielige und am wenigsten zerst\u00f6rerische Weise zu gewinnen, entnimmt der Farmer Mengen, die er nicht braucht. \u00abUm seine Schuhriemen zu verdienen, spekuliert er in Viehherden.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">4<\/a><\/sub> Es w\u00e4re vielleicht besser, meinte Thoreau, in den sarggrossen Werkzeugkisten \u2014 wie er sie entlang der Bahngleise gesehen hatte \u2014 zu schlafen; man k\u00f6nnte darin hausen und h\u00e4tte jedenfalls sehr viel geringere Kosten zu bestreiten als die, die uns die grossen S\u00e4rge, Haus und Grundbesitz genannt, abverlangen, f\u00fcr die eine dreis\u00adsigj\u00e4hrige Hypothek abzubezahlen ist. \u00abWie mancher rackert sich zu Tode, um die Miete f\u00fcr eine gr\u00f6ssere und komfortablere Kiste aufzubringen, der in der kleineren sicher nicht vor K\u00e4lte gestorben w\u00e4re.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">5<\/a><\/sub> <\/p>\n<p>All seine Worte m\u00f6gen schwer ertr\u00e4glich sein, aber kein Amerikaner bleibt verschont. \u00abAm vierten Juli [\u2026] zog ich in mein Haus ein\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">6<\/a><\/sub>, r\u00fchmt sich Thoreau und wetteifert darin mit den Pr\u00e4tendenten des 4. Juli \u2014 jenen Amerikanern des Gr\u00fcndungsjahres 1776, die behaupteten, f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit gek\u00e4mpft und die neue Nation befreit zu haben, sie aber in Wirklichkeit in unwissender Unterjochung beliessen. Thoreau f\u00fchrt Krieg gegen Lohnarbeit, Verschuldung, H\u00e4user, Erbschaften, Regierungen, Staaten. Nur seine \u00d6konomie des Lebens kann dem bankrotten Land eine neue Chance geben. Thoreau bewundert zwar leidenschaftlich den See und die W\u00e4lder, das Wilde und die Natur, aber nicht, weil sie Ornament sind, Erquickung oder dem menschlichen Leben Trost spenden. F\u00fcr das menschliche Leben sind sie grausame Lektionen. F\u00fcr M\u00e4nner und Frauen ist sch\u00f6ne Natur sch\u00f6n, weil sie unser Leben bis auf das Wesentliche blank\u00adlegt, uns spiegelt, uns abweist, unsere G\u00f6tzen und Kunstobjekte zerst\u00f6rt. \u00abBevor wir unsere H\u00e4user mit sch\u00f6nen Dingen ausstaffieren, m\u00fcssen die W\u00e4nde blankgelegt werden und unser Leben auch, und sch\u00f6ne Hauswirtschaft und sch\u00f6nes Leben als Fundament gelegt werden; der Sinn f\u00fcr das Sch\u00f6ne aber wird am besten im Freien ausgebildet, fernab von H\u00e4usern und Haus\u00adhaltung.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">7<\/a><\/sub> <\/p>\n<p>Der Philosoph bewohnte eine H\u00fctte, weil er ausserhalb aller H\u00e4user leben wollte. Er verliess auch den \u2014 allem Anschein nach himmlischen \u2014 Waldensee, sobald er bekommen hatte, was seine Seele damals brauchte, \u00abvielleicht in dem Gef\u00fchl, dass ich noch verschiedene andere Leben zu leben h\u00e4tte und f\u00fcr dieses eine nicht mehr Zeit aufbringen k\u00f6nne\u00bb.<sub><a href=\"#Verweise\">8<\/a><\/sub><\/p>\n<p>Occupy Wall Street besetzte einen Park im Finanzzentrum der Vereinigten Staaten, nicht weil die BesetzerInnen im Freien schlafen, sondern weil sie in einer Demokratie leben wollten. War dieser Zusammenhang all jenen klar, die das im Fernsehen sahen, jedem, der sich eine Meinung dazu erlaubte? Acht Wochen dauerte die Besetzung \u2014 acht Wochen! \u2014, und dann wurden sie von der Polizei mit St\u00f6cken und F\u00e4usten herausgedr\u00e4ngt, ihr Experiment blieb unvollendet. Ich hatte Parks und Zelte und kleine Camps gekannt \u2014 Ernst und Spiel; die amerikanische Landschaft ist \u00fcbers\u00e4t damit. Was also war Zuccotti Park, den die BewohnerInnen hartn\u00e4ckig bei einem anderen (vielleicht seinem fr\u00fcheren, urspr\u00fcnglichen) Namen nannten: Liberty Square, Platz der Freiheit? War es ein Walden, ein philosophisches Projekt? Eine weitere Wohnwagensiedlung, vom Staat ger\u00e4umt, ein anr\u00fcchiges Idyll der Mittellosen? Aus diesem Grund verachtet, wie alle Zufluchtsorte derjenigen, die zu schwach sind, ihren Willen den \u00fcber ihnen Stehenden aufzuzwingen?<\/p>\n<p>Der Waldensee ist, ungeachtet seiner Sch\u00f6nheiten, nur ein kleiner Teich, kein grosses Gew\u00e4sser, kein Meeresufer \u2014 eine Pf\u00fctze nur, hat man das grosse Ganze vor Augen. Thoreau wusste das wohl. Liberty Square ist ein winziges Rechteck aus wenig liebenswertem Asphalt, hat kaum je die Bezeichnung Park verdient; man wusste doch, wie st\u00f6rend dieser Platz war, wie unerw\u00fcnscht, wie unbekannt. Was ihn zu einem Park machte, war nichts als die vertraglich garantierte \u00f6ffentliche Zug\u00e4nglichkeit, 24 Stunden am Tag, obwohl auch dieser Vertrag von seinen \u00abEigent\u00fcmern\u00bb ausser Kraft gesetzt wurde. (Der Park war als jederzeit \u00f6ffentlich zug\u00e4nglicher Ort in den 1960er-Jahren entstanden, damit in diesem Viertel B\u00fcrogeb\u00e4ude zum privaten Vorteil abweichend von den gesetzlichen Vorgaben gebaut werden konnten. Deshalb galt er als \u00abPrivateigentum\u00bb.) Allerdings hing es vom Standpunkt des Betrachters ab, zu welcher Art von Park der Zuccotti wurde. Sei es aus Idealismus oder Naivit\u00e4t, mir erschien er als Erneuerung der amerikanischen Grundfesten, der sichtbaren Pr\u00e4senz des Volkes, der lebendigen Widerspenstigkeit im Herzen toter Denkm\u00e4ler. Zum zehnten Jahrestag des 11.\u2009September, sechs Tage vor der ersten Occupy-Zusammenkunft am 17. September 2011, hatten die Amts- und W\u00fcrdentr\u00e4ger nur ein paar Blocks entfernt ein albernes, nichtssagendes 9\/11-Denkmal eingeweiht; und derweil konnten wir erleben, wie sie \u00fcber dem Loch an einem gigantischen B\u00fcroturm privater Unternehmen weiterbauten \u2014 inmitten ihrer Krokodilstr\u00e4nen die wahre Opfergabe f\u00fcr den Massenmord an amerikanischen B\u00fcrgerInnen. Die freie Meinungs\u00e4usserung im Zuccotti Park war das lebendige Denkmal im Schatten des Geb\u00e4udes.<\/p>\n<p>Ziel der Besetzung war die Thematisierung des Wirtschaftssystems. Niemand kann leugnen, dass sich private Wall-Street-Banken 2008, dem Kollaps nahe, mit Milliarden aus dem Verm\u00f6gen des Fiskus kuriert und grosse Summen aus den Hilfeleistungen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Sie nahmen das Geld der SteuerzahlerInnen und sie zwangsvollstreckten die H\u00e4user der SteuerzahlerInnen. Sie machten die Mittelschicht obdachlos, w\u00e4hrend die Manager ihr drittes, viertes und f\u00fcnftes Ferienhaus renovierten. Aber in erster Linie setzten die Banken \u2014 zur\u00fcckgeholt von der Schwelle des Todes \u2014 ihr Gewicht und alle Macht, die ihnen die Demokratie zur\u00fcckgegeben hat, gegen die Demokratie ein: Das Geld der B\u00fcrgerInnen wird f\u00fcr die Finanzierung von Wahlk\u00e4mpfen und Lobbyarbeit verwendet, um sicherzustellen, dass die in der Zeit der Grossen Depression aus der Taufe gehobenen, aber in den 1990er-Jahren in den Ruhestand versetzten guten alten Gesetze \u2014 die solch profitable (und selbstzerst\u00f6rerische) Spekulationen verhindert hatten \u2014 nicht wieder eingef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Banken verwendeten das Geld der B\u00fcrgerInnen, um sicherzustellen, dass ihre Stimme mehr wiege als die eines jeden B\u00fcrgers. Die Wall-Street-Besetzung wollte also daran erinnern, dass das Land seine Demokratie noch immer einfordern, Banken der Rechtsstaatlichkeit unterwerfen und ihnen als Kompensation f\u00fcr unsere t\u00f6richte Grossz\u00fcgigkeit etwas abverlangen k\u00f6nnte. Viele Zyniker, Zustimmung heuchelnd, sagten: \u00abProtestiert in Washington, nicht an der Wall Street.\u00bb Wenn aber Brandstifter H\u00e4user abbrennen (und die Versicherung einstreichen) und die Feuerwehr legt die H\u00e4nde in den Schoss (oder wurde bestochen, das zu tun), dann sollte man dorthin gehen, wo das Feuer seinen Ursprung hat, wo die Lappen getr\u00e4nkt und entz\u00fcndet wurden \u2014 und dort stehen bleiben, bis die Nachbarn, bis die ganze Stadt sich umdreht und hinsieht.<br \/>Dennoch habe ich untersch\u00e4tzt, wie sehr Liberty Square auch den Charakter einer Wohnwagensiedlung hatte und nicht nur ein philosophisches Experiment war. Weil ich b\u00fcrgerlich bin. Ich hatte eine Wohnung, in die ich gehen konnte; nachts schlief ich in meinem eigenen Bett. Ich w\u00e4hnte mich in meinem Bed\u00fcrfnis, die Politik nicht von meinem gesamten Leben Besitz ergreifen zu lassen, mit Thoreau gut beraten; die individuellen Alltagsangelegenheiten sollten doch, ausser wenn von Ungerechtigkeit beeintr\u00e4chtigt, im Vordergrund stehen. \u00abWenn ich mich mit anderen Gegenst\u00e4nden und Betrachtungen befassen will, dann muss ich mindestens darauf achten, dass ich dabei keinem anderen auf dem R\u00fccken sitze.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">9<\/a><\/sub> Wohl wahr; und dann bin ich nach Hause gegangen. Im Protestcamp dagegen wurde deutlich, dass andere, ein Grossteil der zentralen Gruppe der Besetzer n\u00e4mlich, tats\u00e4chlich zusammen leben wollten. Sie wollten keine symbolische Demokratie erschaffen, sondern eine reale. Ein bisschen wie die bunte alte Hafenstadt New York oder die selbst verwaltete Yankee-Stadt. Ein Dorf. Ein Zuhause. Die Leute wollten Demokratie gemeinsam leben \u2014 egal wie schlecht sich das f\u00fcr uns und unsere weniger engagierten KollegInnen vom ach so h\u00e4uslichen Kleinb\u00fcrgertum ausnahm. Allm\u00e4hlich schlossen sich die Obdachlosen der Occupy-Bewegung an. Wenn Bloombergs New York, diese gewaltige Metropole, sie als menschlichen Abfall betrachtet, der die Parks und Pl\u00e4tze \u2014 von Unternehmenskommissionen zu Schaufensterauslagen aufgeh\u00fcbscht \u2014 zum\u00fcllt, dann war dieser Park nicht nur ein Unterschlupf, sondern bedeutete auch Sicherheit, Schlaf, Gespr\u00e4che, Unterhaltung und Essen, ohne Herablassung und ohne Bedingungen.<\/p>\n<p>Dass eine Demokratie wirklich eine Gemeinschaft werden konnte, die ihre Konflikte und ihr Leiden blosslegt, die keinerlei papierene F\u00fcllsel aus Symbolen als Puffer n\u00f6tig hat, dass ein Park f\u00fcr Menschen ein Ort zum Leben werden konnte, trotz der rigorosen Kontrolle von aussen \u2014 das bedeutete eine furchtbare Gefahr f\u00fcr die Proteste. Sooft die Menge, wenn die Polizei uns drohte, skandierte: \u00abSo sieht Demokratie aus\u00bb, erschauerte ich angesichts der Deutlichkeit, mit der diese Worte unsere Schw\u00e4che heraus\u00adposaunten. Kaum jemand m\u00f6chte sehen, wie Demokratie aussieht, es sei denn, sie kommt als polierter Abguss strahlender Symbole daher. \u00abDie Demokratie\u00bb, wie die B\u00fcrgerschaft genannt zu werden pflegte, allzu genau zu betrachten, wird es vielen Menschen leichter machen, ihr Verschwinden zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Die Demokratie tr\u00e4gt keine neuen Kleider. Ihre G\u00fcte und ihr Anstand sind Dinge, die sich zwischen Individuen abspielen. Von hoch oben, von den Fenstern der Vorstands\u00adetagen aus, sind sie nicht zu erkennen. Dort oben, in klimatisierten R\u00e4umen, kann man nicht riechen, dass die Demokratie sauber ist, s\u00fcss; und so nennt man sie stinkend, schmutzig und ungewaschen. Die von ihr entfremdete, von ihr abgeschnittene B\u00fcrgerschaft begegnet der Demokratie mit Ekel. Auch k\u00f6nnen Teile der Demokratie arm sein, schwach; das zu sehen ist f\u00fcr viele schwer ertr\u00e4glich, besonders f\u00fcr diejenigen, die der Mitte oder der Armut am n\u00e4chsten stehen. Es erinnert uns daran, was wir sind und wohin wir abst\u00fcrzen k\u00f6nnen. Und so konnte die Polizei nach acht Wochen, ohne grossen Widerstand aus anderen Teilen der Stadt, ihre Scheinwerfer hochziehen, die Presse aussperren oder festnehmen und auf die Demokratie einschlagen: die Demokratie vertreiben und verdr\u00e4ngen, sie festnehmen, weil sie in die F\u00e4uste der Polizei lief \u2014 alles im Namen der \u00ab\u00f6ffentlichen Gesundheit\u00bb, denn darauf liefen die Anordnungen des B\u00fcrgermeisters hinaus. M\u00fcllm\u00e4nner warfen die 5000 B\u00fccher der Besetzungsbibliothek in den M\u00fcll, um sie \u00absicherzustellen\u00bb. Diese B\u00fccher waren ruiniert, so sicher wie wenn sie verbrannt worden w\u00e4ren. W\u00e4hrend Amerikas Kinder verletzt und blutend in Gef\u00e4ngniswagen oder am Strassenrand lagen, hielten die Hochdruckreiniger im Auftrag der Stadt New York auf dem leeren Platz Einzug, um einen Park, in den kein Mensch mehr durfte, gl\u00e4nzen zu lassen. Sie beendeten die Proteste im Namen der Sauberkeit.<\/p>\n<p>Und ich, der kleine B\u00fcrgerliche, von der Polizei herumgestossen, beleidigt, verspottet, war also doch in einer Wohnwagensiedlung gelandet. Oder, der Gedanke reifte allm\u00e4hlich in mir heran, an einem Ort, den niemand dort bei den Demonstranten vermutet h\u00e4tte: in einem Gef\u00e4ngnis. Die Freiheit des Platzes der Freiheit hatte in diesen zwei Monaten in Wirklichkeit ein Gef\u00e4ngnis hervorgebracht. An allen Seiten nahm die Polizei Aufstellung, den Blick auf uns gerichtet \u2014 Tag f\u00fcr Tag; und ich hatte sie f\u00fcr harmlos gehalten. Ich hielt ihre Pr\u00e4senz f\u00fcr extrem aufwendig und f\u00fcr eine Verschwendung meiner Steuergelder, gewiss; ein Angstausl\u00f6ser, zweifellos; eine Art Werbegeschenk von der Stadt an die Banken, unfair, als seien die Versammlungsfreiheit, oder vielmehr diese Meinungen, gef\u00e4hrlich. Ich sah, wie sich unsere Polizei vor der Bank of America aufstellte wie Angestellte, Zaunpfosten, Bedienstete der Bank; aber nat\u00fcrlich sind wir es, die sie bezahlen. Die blau uniformierten W\u00e4chter standen entlang des Broadways, uns gegen\u00fcber. Sie s\u00e4umten die Liberty Street, sperrten sie mit Polizeiwagen ab, mit Ausr\u00fcstung und Mannschaften. Hatten diese stummen Barrieren also letztlich ein Gef\u00e4ngnis erzeugt, mit uns mittendrin? Oder hatte die Existenz dieses winzigen, erb\u00e4rmlichen Fleckens, des in dieser Stadt einzigen Ortes f\u00fcr die sogenannten amerikanischen Tugenden, die verfassungsgarantierte Versammlungs- und Redefreiheit, f\u00fcr den Wettstreit der Meinungen im Sinne der Gr\u00fcnderv\u00e4ter, das Gef\u00e4ngnis aus der Stadt ringsum hervorgebracht? Jedes Bankgeb\u00e4ude war ein Gitterstab unserer Zelle oder ein Steinquader der Mauer. Jetzt richtete sich der scheussliche \u00abFreedom Tower\u00bb von alleine auf, um den Blick auf den freien Himmel zu versperren.<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis ist, neben H\u00fctte und See, der andere bemerkenswerte Ort, mit dem Thoreau, der amerikanische Philosoph, in Verbindung gebracht wird. Seine Heimatstadt Concord verbrachte ihn einmal dorthin, als er sich weigerte, seine Kopfsteuerschuld zu begleichen, da er den Vereinigten Staaten \u2014 die die Sklaverei aufrechterhielten, die jeden, der einen entflohenen Sklaven nicht zu seinem Besitzer zur\u00fcckschickte, einsperrten, die mit ihrer Armee in Mexiko einmarschiert waren, um ihre Nachbarn wegen territorialer Interessen zu terrorisieren und zu ermorden \u2014 seine Unterst\u00fctzung versagen wollte. Thoreau weigerte sich, seine Nachbarn in Concord aus der Verpflichtung zu entlassen, sich zu rechtfertigen: Warum sie zahlten, warum sie (sogar dem Steuereintreiber!) gehorchten, warum sie Ungerechtigkeit akzeptierten und nur davon redeten, dass etwas falsch sei, w\u00e4hrend sie doch gemeinsam handeln k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u00abUnter einer Regierung, die irgend\u00adjemanden unrechtm\u00e4ssig einsperrt, ist das Gef\u00e4ngnis der angemessene Platz f\u00fcr einen rechtschaffenen Menschen. Der rechte Platz, der einzige, den Massachusetts seinen freieren und weniger kleinm\u00fctigen Geistern anzubieten hat, ist eben das Gef\u00e4ngnis, wo sie von Staates wegen ausgesetzt und ausgeschlossen werden, nachdem sie sich durch ihre Grunds\u00e4tze schon selbst ausgeschlossen haben. [\u2026] Vielleicht glauben manche, dass sie dort ihren Einfluss verlieren, dass ihre Stimme das Ohr des Staates nicht mehr erreicht, sie glauben, dass ihre Gegnerschaft innerhalb dieser Mauern unwirksam w\u00e4re \u2014 aber sie wissen nicht, um wieviel die Wahrheit st\u00e4rker ist als der Irrtum und wieviel \u00fcberzeugender und wirkungsvoller sie die Ungerechtigkeit bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen, wenn sie sie nur ein bisschen an sich selbst erfahren haben. Lege in deine Stimme das ganze Gewicht, wirf nicht nur einen Papierzettel, sondern deinen ganzen Einfluss in die Waagschale.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">10<\/a><\/sub><\/p>\n<p>Die Theorie hinter der Praxis der Besetzung, die Theorie hinter jedweder \u00abProtestaktion\u00bb, bei der man zum Ort der Ungerechtigkeit oder ihrer Ableitungen und Symbole geht und dort bleibt, bis man bemerkt wird und andere dazukommen \u2014 oder man zu Unrecht ins Gef\u00e4ngnis geschafft wird \u2014, ist zum Teil ein Erbe des Exzentrikers vom Waldensee: Thoreau. Andere Reformer erreichten mehr mit tatkr\u00e4ftiger Aktion. Aber Thoreau vermittelte mit Worten, die ihren Weg zu Gandhi in Indien und Martin Luther King in Alabama fanden, eine klare Haltung zu dem gewaltlosen Widerstand. W\u00e4hrend Regierungen durch Wahlen best\u00e4tigt werden k\u00f6nnen, kann die Pervertierung einer Regierung nicht durch Wahlen korrigiert werden \u2014 noch braucht sie es. Wenn eure Regierung die Gerechtigkeit opfert, m\u00fcssen die vielen M\u00e4nner und Frauen, alle, die ein Gewissen haben, dorthin gehen, wo sich die Regierung mit der Ungerechtigkeit verb\u00fcndet hat, und diese Stellen verstopfen, mit ihrem ganzen Ich, ihrem K\u00f6rper und ihrer Seele: um eine Entscheidung zu erzwingen. Werden eure Landsleute \u2014 Staatsdiener eingeschlossen\u00a0\u2014 nicht allm\u00e4hlich ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Fehlverhalten versagen? Auch hier gilt, wie bei so vielen der Walden-Edikte: Nur indem die Menschen provoziert, in ihrer Ruhe und Bequemlichkeit gest\u00f6rt werden, kann ihr Bewusstsein wachger\u00fcttelt werden \u2014 daf\u00fcr, dass sie die Wahl haben.<\/p>\n<p>\u00abDiese Regierung aber, die nichts weiter als die Form ist, welche das Volk zur Ausf\u00fchrung seines Willens gew\u00e4hlt hat, kann leicht missbraucht und verdorben werden, bevor das Volk Einfluss darauf nehmen kann. [\u2026] Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt. Vor der Wahl, ob er alle anst\u00e4ndigen Menschen im Gef\u00e4ngnis halten oder Krieg und Sklaverei aufgeben soll, wird der Staat mit seiner Antwort nicht z\u00f6gern. [\u2026] Wenn nun aber \u2014 wie es geschehen ist \u2014 der Steuereinnehmer oder irgendein anderer Beamter mich fragt: \u2039Was soll ich aber jetzt tun?\u203a, so ist meine Antwort: \u2039Wenn du wirklich etwas tun willst, dann lege dein Amt nieder.\u203a Wenn einmal der Untertan den Gehorsam verweigert und der Beamte sein Amt niedergelegt hat, dann hat die Revolution ihr Ziel erreicht.\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">11<\/a><\/sub><\/p>\n<p>Vor einigen Monaten besuchte ich das Justizgeb\u00e4ude, um die Verhandlungen der letzten Verteidiger zu verfolgen, die festgenommen worden waren, als die Polizei kam und den Zuccotti-Park r\u00e4umte. Sie hatten sich aneinandergeklammert in die kleine K\u00fcche gesetzt, in der die Community t\u00e4glich kostenlose Mahlzeiten f\u00fcr Hunderte zube\u00adreitet hatte. Verhaftet und angeklagt im \u00adNovember, wurde ihnen endlich ein Termin versprochen, um in der \u00d6ffentlichkeit des Gerichts ihre Sache zu vertreten: im Juni. Doch der Staatsanwalt erkl\u00e4rte sich, vor Gericht, f\u00fcr unvorbereitet; und ohne ein Wort der Beschuldigten verschob der Richter die Verhandlungen sehr gerne auf den Herbst. Ein Jahr nach der 2011 erfolgten Zwangsr\u00e4umung des Zuccotti-Parks l\u00e4sst sich noch immer nicht erfahren, ob die Festnahmen legal waren oder verfassungswidrig, noch immer gibt es \u2014 im Rahmen des staatlichen Systems \u2014 keine Beweisf\u00fchrung gegen den ungerechten Staat.<\/p>\n<p>Was aber meine b\u00fcrgerlichen Gef\u00fchle schockierte, hatte mit den jungen M\u00e4nnern und Frauen zu tun, die da das Gerichtsgeb\u00e4ude f\u00fcr ihre Verhandlung betraten. Ich war verbl\u00fcfft, dass sie nicht einem Gerichtstermin entsprechend angezogen waren. Sie trugen keine angemessenen Kleider, weder Anz\u00fcge noch Krawatten. Aber um zu gewinnen, \u00fcberlegte ich, muss man sich so verhalten, dass es Leute wie diese Anw\u00e4lte und Richter akzeptieren k\u00f6nnen. Und mit diesem Gedanken hatte ich Thoreaus Weg nat\u00fcrlich verlassen. Vom Leben zur\u00fcck zum Usus der Toten im Geist und in der Seele. Ein junger Mann, h\u00f6chstens 21, trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck: \u00abICH SCHWEIGE \u2014 NICHT\u00bb. Eine weibliche Angeklagte mit Brille, eine Doktorandin, hatte sich hinten an ihre Jeansjacke ein handbeschriftetes St\u00fcck Stoff geheftet, womit sie sich f\u00fcr die Kampagne gegen die Studentenverschuldung einsetzte. Gedankenlos dachte ich: F\u00fcr einen Richter wird das kaum nach Reue aussehen. Und schon war ich wieder besch\u00e4mt. Die Stimme, die in mir sprach, hatte etwas vom Geschrei des Falschen. Das war das gehetzte Stampfen von F\u00fcssen in schmutzigen Furchen, blank\u00adgewetzt im Trott der Jahrzehnte des Gehorsams, nicht die leichten Schritte des Daimonion auf einem Weg, der einzig der meine war. Ich musste akzeptieren, dass diese M\u00e4nner und Frauen sich vor dem Gesetz nicht \u00e4ndern w\u00fcrden. Ihrem Wesen nach waren sie Protestler, selbst hier. Mit ihrem ganzen Sein verweigerten sie sich der ungerechten Ordnung.<\/p>\n<p>\u00abH\u00fctet euch vor jedem Unternehmen, das neue Kleider erfordert und nicht einen neuen Menschen\u00bb, geht Thoreaus beliebtes Zitat weiter: \u00abWenn es keinen neuen Menschen gibt, wie k\u00f6nnen ihm dann neue Kleider passen?\u00bb<sub><a href=\"#Verweise\">12<\/a><\/sub> Die Stunde der Philosophie ist immer jetzt und jeden Tag, denn manche von uns brauchen ein ganzes Leben daf\u00fcr; vielleicht sind gerade wir die Langsamsten, das zu begreifen.<\/p>\n<p><a name=\"Verweise\"><\/a>1\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Henry David Thoreau, Walden. Ein Leben mit der Natur, dt. von Erika Ziha, \u00fcberarb. von Sophie Zeitz, M\u00fcnchen, 1999, S. 49.<br \/>2\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 37.<br \/>3\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 40.<br \/>4\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 39.<br \/>5\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 35.<br \/>6\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 51 f.<br \/>7\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 45.<br \/>8\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 348.<br \/>9\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Henry David Thoreau, \u00dcber die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, dt. von Walter E. Richartz, Z\u00fcrich 2004, S. 27.<br \/>10\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 38 f.<br \/>11\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ebd., S. 10, 39 f.<br \/>12\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Walden, S. 29.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Author: Mark Greif\u00a0 (geb. 1975) ist ein US-amerika\u00adnischer Essayist und Journalist. 2011 erschien die Dokumentation Occupy! 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