{"id":12479,"date":"2013-05-23T00:00:00","date_gmt":"2013-05-22T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/12479\/imkern-auf-dem-land-in-der-stadt\/"},"modified":"2019-07-05T12:09:55","modified_gmt":"2019-07-05T10:09:55","slug":"imkern-auf-dem-land-in-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/12479\/imkern-auf-dem-land-in-der-stadt\/","title":{"rendered":"Imkern: Auf dem Land in der Stadt"},"content":{"rendered":"\n<p><b>Nahe dem Z\u00fcrcher Rieterpark steht ein rotes H\u00e4uschen, in dem sechs Bienenv\u00f6lker den Winter 2010\/11 \u00fcberstanden haben. Im Fr\u00fchling zogen neun weitere Schw\u00e4rme ein \u2013 nicht von allein. Vier fing die Feuerwehr ein, f\u00fcnf die Biologin Helena Greter. \u00abIn der Stadt gibt es etliche verwilderte Bienenschw\u00e4rme, die den Winter in freier Wildbahn \u00fcberleben\u00bb, sagt sie.<\/b><\/p>\n\n<p>Seit 2004 ist sie die K\u00f6nigin der K\u00f6niginnen im roten H\u00e4uschen. Helena Greter ist eine Stadtimkerin, und als solche hat sie nichts gemein mit dem Image liebenswerter \u00e4lteren Herren, die auf dem Land diesem Hobby fr\u00f6nen. In Randquartieren sei Urban Beekeeping seit Jahren aktuell, so Rosmarie F\u00fcchslin, Co-Pr\u00e4sidentin vom Verein Z\u00fcrcher Bienenfreunde. \u00abDie Nachfrage nach Kursen ist gestiegen. Besonders Frauen interessieren sich f\u00fcr die Imkerei.\u00bb Dabei sei es sehr schwierig, in der Stadt Z\u00fcrich einen Standplatz f\u00fcr Bienen zu finden. Zudem sei die Imkerei wegen der Varroa-Milbe oder der Sauer- und der Faulbrut anspruchsvoller geworden, so dass die Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren kaum angestiegen seien. F\u00fcr Peter Albertin, den Pr\u00e4sidenten des Bienenz\u00fcchtervereins Winterthur, ist die V\u00f6lkerdichte in und um Winterthur zu hoch: \u00abEs stehen zu viele V\u00f6lker in zu kleinem Umkreis. Ideal w\u00e4ren Abst\u00e4nde von tausend Metern und h\u00f6chstens 15 V\u00f6lker pro Standplatz. Wir treffen aber Standabst\u00e4nde von kaum 200 Metern und bis zu 45 V\u00f6lker pro Platz an \u2013 das sind Krankheitsherde.\u00bb Helena Greter bekommt h\u00e4ufig Anfragen von St\u00e4dterinnen und St\u00e4dtern, die Bienenv\u00f6lker halten m\u00f6chten. Dabei ist das alles andere als einfach. Greter r\u00e4t zum zweij\u00e4hrigen Imkerkurs, der etwa vom Verein Z\u00fcrcher Bienenfreunde organisiert wird. \u00abDazu muss sich der Lifestyle-Imker erstmal mutig einem Verein ann\u00e4hern.\u00bb meint sie schmunzelnd.<\/p>\n\n<p>Schaut man Richtung Himmel, bemerkt man, dass die Bienen das H\u00e4uschen nicht ziellos verlassen, sondern eine Hauptrichtung einschlagen, je nach Standort der Tracht. Die Tracht \u2013 damit ist kein folkloristisches Kleidungsst\u00fcck gemeint, sondern das Bl\u00fctenangebot im Umkreis von etwa drei Kilometern. Zurzeit liegt der s\u00fcssliche Duft von Lindenbl\u00fcten in der Luft. Das Bl\u00fctenangebot in der Stadt Z\u00fcrich ist dank zahlreichen Parks, G\u00e4rten, Magerwiesen und Brachfl\u00e4chen in der ganzen Bienensaison gross. \u00abDie Bienen leiden in der Stadt Z\u00fcrich nicht an Hunger, weshalb wir keine spezielle Trachtf\u00f6rderung betreiben\u00bb, erkl\u00e4rt Marianne Fritzsche, Projektleiterin Naturschutz von Gr\u00fcn Stadt Z\u00fcrich. W\u00e4hrend Stadtbienen von Fr\u00fchjahr bis Sp\u00e4therbst paradiesische Zust\u00e4nde vorfinden, haben ihre Verwandten auf dem Land oft zu wenig Nahrung. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind intensive Landwirtschaft, Monokulturen und blumenarme Fettwiesen. \u00abIst der Raps verbl\u00fcht, m\u00fcssen Imker auf dem Land ihren Bienen oft schon im Juni mit Zuckerwasser f\u00fcttern\u00bb, sagt Helena Greter.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/bb0b1c21-bb0b1c21-1305_bees_02.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Die Stadtimkerin Helena Greter in ihrem Bienenh\u00e4uschen mitten im urbanen Z\u00fcrich.<br>\u00a9 Anne Gabriel-J\u00fcrgens<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Abgase scheinen die Bienen kaum zu st\u00f6ren<\/h2>\n\n<p>In ihrem H\u00e4uschen riecht es nach Bienenwachs. Holzt\u00e4felung und Holzboden sorgen f\u00fcr Chalet-Atmosph\u00e4re. Auf den einzelnen T\u00fcrchen der Bienenk\u00e4sten ist mit Kreide notiert, wann Helena Greter was erledigt hat. Nicht ohne Stolz zeigt sie eine ihrer T\u00fcfteleien. Im unteren Teil eines Bienenkastens, wo die Bienen ihre Brut aufziehen, l\u00e4sst sie sie wilde Waben bauen: Die Waben h\u00e4ngen tropfenf\u00f6rmig herab wie in der Natur. F\u00fcr Honigwaben aber eignet sich dieser Naturwabbenbau nicht, zu fragil sind diese Meisterwerke f\u00fcr das Schleudern.<\/p>\n\n<p>Greters \u00abHonig us Z\u00fcri\u00bb bleibt im Glas f\u00fcr Monate fl\u00fcssig. \u00abDie grosse Bl\u00fctenvielfalt in der Stadt macht ihn heterogener, die Nektarmolek\u00fcle pappen nicht so rasch zusammen\u00bb, sagt die Biologin. Welchen Einfluss haben Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfungsmittel und Abgase auf Bienen und die Qualit\u00e4t des Stadthonigs? Die in der Landwirtschaft verwendeten Pestizide sch\u00e4digen das Nervensystem und den Orientierungssinn der Bienen \u2013 Gl\u00fcck haben jene in der Stadt, wo es solche Gifte nicht gibt. Abgase scheinen Bienen kaum zu st\u00f6ren. Was die Frage m\u00f6glicher Verunreinigungen betrifft, schneiden Land- und Stadthonig gleich gut ab: \u00abDie Biene wirkt als Filter f\u00fcr Umweltr\u00fcckst\u00e4nde. Unsere Untersuchungen haben kaum R\u00fcckst\u00e4nde aus Landwirtschaft und Verkehrsemissionen gezeigt\u00bb, sagt Peter Gallmann, Leiter des Zentrums f\u00fcr Bienenforschung der Forschungsanstalt Agroscope.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/3b10a50b-3b10a50b-1305_bees_04.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>\u00dcber den D\u00e4chern von Z\u00fcrich: Flachd\u00e4cher, die mit Moos bewachsen sind, wirken als Wasserspeicher und dienen somit auch als gute und ungef\u00e4hrliche Wasserquelle f\u00fcr Bienen. \u00a9 Anne Gabriel-J\u00fcrgens<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00abDer Imker kommt immer zu sp\u00e4t\u00bb<\/h2>\n\n<p>So, lautet ein gerahmter Spruch an der Holzt\u00e4felung, den Helena Greters Vorg\u00e4nger hinterlassen hat. Was heisst das? \u00abMich faszinieren verwilderte Bienenschw\u00e4rme in der Stadt \u2013 sie beweisen, dass Bienen auch ohne Imker zurechtkommen. Doch wer Honig m\u00f6chte, muss Eingriffe in die V\u00f6lker vornehmen. Dabei stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt. Wenn ein Volk schw\u00e4rmt, ist es weg und der Imker eben zu sp\u00e4t\u00bb, sagt Helena Greter. Die von der Feuerwehr eingefangenen Bienenschw\u00e4rme k\u00f6nnen f\u00fcr zehn Franken pro Kilogramm Bienen gekauft werden \u2013 ein Schn\u00e4ppchen, wenn man weiss, dass ein vollentwickeltes Bienenvolk, regul\u00e4r rund 300 Franken kostet. Der Grund f\u00fcr diesen hohen Preis liegt im massenhaften weltweiten Bienensterben. So hat die Zahl der Bienenv\u00f6lker in den Industriestaaten der Nordhalbkugel seit 2006 im Durchschnitt um 30&nbsp;Prozent abgenommen. Selbst die Vereinten Nationen sind beunruhigt: Rund 30 Prozent der globalen Nahrungsmittel sind vom Best\u00e4uben durch Insekten, mehrheitlich Honigbienen, abh\u00e4ngig. Deshalb gilt die Honigbiene als drittwichtigstes Nutztier in Europa, nach Schwein und Rind.<\/p>\n\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Kollaps ganzer Bienenv\u00f6lker (Colony Collapse Disorder, CCD) sind vielf\u00e4ltig. Die Spekulationen reichen von Pestiziden und transgenen Pflanzen \u00fcber schlechte oder einseitige Ern\u00e4hrung in Monokulturen bis zur Mobilfunkstrahlung. Die in den 1980er-Jahren aus Fernost eingeschleppte Varroa-Milbe gilt als Hauptursache. Weil aber zwischen dem Auftauchen der Milbe und dem CCD rund zwanzig Jahre liegen, kann sie kaum die einzige Ursache sein. Zwei Seuchen, die Sauer- und die Faulbrut, schw\u00e4chen die Bienenv\u00f6lker zus\u00e4tzlich. Und wie sieht die Sterblichkeit bei der Stadtbiene aus?<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/bff39475-bff39475-1305_bees_10.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Imkerei geh\u00f6rt auch das intensive Beobachten des Verhaltens. Dieses sogenannte \u00abBienenlesen\u00bb gibt einer erfahrenen Imkerin viel Aufschluss \u00fcber den Zustand und die Bed\u00fcrfnisse eines Bienenvolkes. \u00a9 Anne Gabriel-J\u00fcrgens<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Erstens ist sie keine eigene Rasse. Zweitens sind Stadtbienen von Seuchen und der Varroa-Milbe ebenso betroffen wie Landbienen. \u00abMir sind keine Daten bekannt, die belegen oder Hinweise geben, dass Bienen in der Stadt weniger Sauerbrut, Faulbrut oder Varroa haben\u00bb, stellt Peter Gallmann von Agroscope klar. Dieser Auffassung ist auch Helena Greter, Inhaberin eines Master-Abschlusses in Bienenpathologie. \u00abSeit 2010 m\u00fcssen die Standorte der Bienenv\u00f6lker dem kantonalen Veterin\u00e4ramt gemeldet werden. Bricht etwa Sauerbrut aus, gilt die Meldepflicht, betroffene Bienenv\u00f6lker werden get\u00f6tet, und es wird ein Sperrkreis gezogen: Im Umkreis von f\u00fcnf Kilometern d\u00fcrfen keine V\u00f6lker verstellt oder gehandelt werden, alle vorhandenen werden kontrolliert und \u00fcberwacht\u00bb, erkl\u00e4rt Helena Greter. In und um Winterthur herum liegen zurzeit viele Standorte in solchen Sperrkreisen, weiss Peter Albertin vom Bienenz\u00fcchterverein Winterthur.<\/p>\n\n<p>Das Ger\u00fccht, Stadtbienen seien weniger anf\u00e4llig auf Krankheiten und Varroa, ja sogar resistent, kann fatal sein: Leichtgl\u00e4ubige Stadtimker bek\u00e4mpfen oder melden die Krankheiten nicht, was deren Ausbreitung f\u00f6rdert. Bei der Sauerbrut-Epidemie 2011 seien die ersten betroffenen Bienenst\u00e4nde ausgerechnet in den St\u00e4dten Z\u00fcrich und Winterthur registriert worden, so Albertin. Dennoch liest man immer wieder, Stadtbienen seien robuster als Landbienen. Wenn f\u00fcr den Kollaps ganzer Bienenv\u00f6lker mehr Faktoren als Sauer- und Faulbrut sowie Varroa-Milben verantwortlich sind, r\u00fccken unterschiedliche Umweltbedingungen von Stadt und Land ins Blickfeld.<\/p>\n\n<p>Deutlich sind diese in Frankreich, dem gr\u00f6ssten Agrarland der EU, wo Monokulturen dominieren \u2013 riesige, monochrom gr\u00fcne W\u00fcsten. Dort fehlen den Bienen Blumen, Hecken und B\u00e4ume. Die Vermutung: Das Immunsystem der Immen ist wegen des zu geringen und einseitigen Futterangebots und wegen der Pestizide geschw\u00e4cht. In St\u00e4dten wie Paris dauert das Trachtangebot l\u00e4nger, es ist vielf\u00e4ltiger. Diese Vielf\u00e4ltigkeit, vermutet Yves Loublier vom Centre national de la recherche scientifique in Paris, st\u00e4rke das Immunsystem der Bienen. Dass die Bienen in Grossst\u00e4dten bis f\u00fcnfmal so viel Honig produzieren wie ihre kr\u00e4nkelnden Schwestern auf dem Land, liegt auch an den urbanen Temperaturen: Dank einem milden Mikroklima finden die Bienen fr\u00fcher und l\u00e4nger Bl\u00fcten, sie \u00abarbeiten\u00bb fr\u00fcher und l\u00e4nger im Jahr (ab\/bis 8 \u00b0C).<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/afa160b9-afa160b9-1305_bees_03.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Das Bl\u00fctenangebot in der Stadt ist dank zahlreichen Parks, G\u00e4rten, Magerwiesen und Brachfl\u00e4chen gross. \u00a9 Anne Gabriel-J\u00fcrgens<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unternehmen bessern mit Beekeeping ihr Image auf<\/h2>\n\n<p>Ob in Berlin, Bochum, Genf, Hamburg, London, M\u00fcnchen, New York, Paris, San Francisco, Wien, Yverdon oder Z\u00fcrich: Die Liste der Urban-Beekeeping-Gemeinden w\u00e4chst und ihre F\u00fcrsprecher werden immer prominenter. Michelle Obama setzte 2010 im Garten des Weissen Hauses auf Urban Gardening und liess auch Bienenk\u00e4sten installieren. In New York hob B\u00fcrgermeister Michael Bloomberg im M\u00e4rz 2010 das Verbot der Bienenhaltung auf und verpasste dem Big Apple so ein gr\u00fcneres Image. Zuvor hatte der Honig aus der Bronx oder aus Brooklyn den Hauch der Illegalit\u00e4t, Guerilla-Beekeeping war das Pendant zum Guerilla-Gardening. In Berlin haben Stadtimker Tradition: Rund 500 Imker und etwa 3000 Bienenv\u00f6lker leben dort, der erste Quartier-Imkerverein wurde 1864 gegr\u00fcndet. Die Motive hinter Urban Gardening treiben auch den Urban-Beekeeping-Boom an: lokal produzierte, gesunde Lebensmittel, Sehnsucht nach Natur, Selbstversorgerfantasien, Sorgen um Nachhaltigkeit und Biodiversit\u00e4t, Ausgleich zum hektischen Berufsalltag.<\/p>\n\n<p>Urban Gardening und Beekeeping galten einst als Wahrzeichen der Spiessb\u00fcrger, sind jetzt aber en vogue. Oder wie die S\u00fcddeutsche Zeitung es in ihrem legend\u00e4ren \u00abStreiflicht\u00bb formulierte: \u00abWer beim Bionade-Schl\u00fcrfen im Szenecaf\u00e9 nicht mindestens acht gut sichtbare Stichverletzungen vorweisen kann, muss sich ernsthaft Gedanken um sein urbanes Prestige machen.\u00bb Nicolas Gallon, Fotograf aus Paris, schreibt \u00fcber das boomende Urban Beekeeping in seiner Stadt: \u00abNouvelle mode, engagement \u00e9colo ou passion temporaire de bobos en manque de nature.\u00bb Bobos (bourgeois-boh\u00e8mes) sind gebildete, gut verdienende junge Grossst\u00e4dter. Sie sind b\u00fcrgerlich, pflegen aber einen (K\u00fcnstler-)Lebensstil, der aufgesetzt wirkt. Sie imitieren st\u00e4dtische Szenen und Subkulturen und ziehen in Trendquartiere wie Kreuzberg, Quartier Latin oder den Z\u00fcrcher Kreis 5, wo sie mit ihrer Kaufkraft daf\u00fcr sorgen, dass die Mieten rasch steigen und urspr\u00fcngliche Bewohner sowie Szenen verdr\u00e4ngt werden.<\/p>\n\n<p>Auch Unternehmen wollen mit Urban Beekeeping ihr Image aufpolieren. So lebt Nicolas Geant, Stadtimker in Paris, nicht vom Honigverkauf, sondern von der Installation und Pflege von Bienenk\u00e4sten f\u00fcr Firmenkunden. \u00ab60 Bienenk\u00e4sten sind es zurzeit\u00bb, sagt Geant. Zu finden sind sie auf dem mond\u00e4nen Grand Palais an der Seine, bei Louis Vuitton beim Pont Neuf oder bei \u00c9lectricit\u00e9 de France (EDF) in La D\u00e9fense. Der franz\u00f6sische Stromgigant EDF mit rund 60 Atomkraftwerken betreibt mit Bienenk\u00e4sten auf dem Dach Greenwashing, derweil der Luxusg\u00fcterkonzern Louis Vuitton seine Stadtbienen als \u00abernsthaftes Engagement\u00bb verstanden wissen will. Da es aber leichter ist, eine Louis-Vuitton-Tasche zu tragen, als ein Bienenvolk zu halten, \u00fcberl\u00e4sst das Luxushaus die Bienenarbeit Nicolas Geant. Die Unternehmen m\u00f6chten sich ein nachhaltiges Image verpassen, aber keine Zeit aufwenden \u2013 ein bestechendes Gesch\u00e4ftsmodell von Nicolas Geant.<\/p>\n\n<p>Nach einem hektischen Arbeitstag setzt sich Helena Greter eine Weile neben ihr H\u00e4uschen, bevor sie mit den Bienen in Kontakt tritt. \u00abUm runterzukommen\u00bb, sagt die Stadtimkerin. Wie verwendet sie ihren Honig? Ihre Antwort \u00fcberrascht: \u00abIch mag S\u00fcsses wie Honig eigentlich gar nicht, h\u00f6chstens in einem Joghurt mit N\u00fcssen. Im Dorf, wo ich aufwuchs, musste ich unseren Honig bei der Imkerin holen. Die Frau meinte es gut mit mir, als sie den L\u00f6ffel tief in den Honigtopf tauchte und ihn mir in den Mund steckte, aber ich bekam schier keine Luft mehr\u00bb, sagt Greter und lacht. \u00abVielleicht ist das der Grund.\u00bb<\/p>\n\n<p>Die Imkerin und Biologin ermutigt jeden, der Bienen halten m\u00f6chte. Trotzdem l\u00e4chelt sie wieder verschmitzt und sagt: \u00abErst dann sehen sie, wie viel Arbeit die Imkerei bedeutet und welches Frustpotenzial sie beinhaltet: Jahre mit wenig oder fast keinem Honig, entwischende Schw\u00e4rme, Bienenstiche, Krankheiten und im Fr\u00fchjahr Schimmel in den K\u00e4sten.\u00bb F\u00fcr Helena Greter ist klar: Sie will dranbleiben, ihre Doktorarbeit in Epidemiologie schreiben und weiterhin in Ruhe ihren \u00abHonig us Z\u00fcri\u00bb herstellen. Bienenhaltung ist eine pers\u00f6nliche Einstellung, ein Lifestyle, aber keiner f\u00fcr abgehobene Bobos. Wer imkern m\u00f6chte, muss sich Zeit nehmen, denn eine Ertragsgarantie gibt es genauso wenig wie die kleine, schlaue Biene Maja.<\/p>\n\n<p><em>Petiton f\u00fcr den Schutz der Bienen eingereicht Zusammen mit Imkern hat Greenpeace Schweiz den Beh\u00f6rden in Bern die Petition zum Schutz der Bienen \u00fcberreicht. Darin fordern 80&#8217;103 Menschen einen sofortigen Einsatzstopp von bienensch\u00e4dlichen Pestiziden in der Landwirtschaft. Die Unterschriften kamen in nur einem Jahr zustande. Mehr zum Thema unter:\u00a0<\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.bienenschutz.ch\/\" target=\"_blank\"><em>bienenschutz.ch<\/em><\/a><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schulbesuch-Gutschein zum Thema Bienen<\/h3>\n\n<p>Biene sein ist kein Honigschlecken. Darum bringen wir die Bienen in ihre Schule! Sind Sie selber LehrerIn oder kennen Sie Lehrpersonen? Wenn ja, dann melden Sie sich unter Tel. 044 447 41 29 f\u00fcr einen Schulbesuch an. Sie erhalten gratis eine DVD von \u00abMore than Honey\u00bb und dazu einen Gutschein f\u00fcr einen Schulbesuch von Greenpeace.<\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Interview mit Hans St\u00f6ckli, Pr\u00e4sident des Bienenz\u00fcchterverbands beider Basel<\/h2>\n\n<p><em><strong>Greenpeace:<\/strong>\u00a0<\/em><strong>In der Stadt gibt es fast keine Insektizide und viele Blumen, zudem sind die Temperaturen h\u00f6her als im Umland. Gibt\u00a0es etwas, das \u00abStadtbienen\u00bb mehr belastet als Bienen auf dem Land?<\/strong><\/p>\n\n<p><strong><em>Hans St\u00f6ckli:<\/em><\/strong>&nbsp;Die Flora in Stadtgebieten ist vielf\u00e4ltiger, die Bl\u00fctezeit \u00fcbers Jahr verteilt. Die Pollen sind daher besser als jene aus Monokulturen auf dem Land. Das in der Stadt etwa drei Grad w\u00e4rmere Klima bewirkt, dass sich Flora und Bienenv\u00f6lker einen Monat fr\u00fcher entwickeln k\u00f6nnen. Man k\u00f6nnte vermuten, dass Abgase belastend f\u00fcr Bienen seien. Im Jahr 1985 untersuchte das baselst\u00e4dtische Lebensmittellabor die Bienenhonige auf Schwermetalle hin. Die Belastung war unbedeutend, da der Bienenk\u00f6rper als Filter wirkt. Bei hoher Bienendichte ist die Reinvasion durch die Varroa-Milbe mehrfach h\u00f6her als auf dem weniger dicht mit Bienenv\u00f6lkern besiedelten Land. Ich denke, dass in der Stadt Basel eine vern\u00fcnftige Bienenv\u00f6lkerkonzentration erreicht ist. Bei mehr w\u00fcrden die Bienen beim Futterangebot in Konkurrenz treten, was zur R\u00e4uberei verleitet. Bienen stechen: In von Menschen dicht besiedelten Gebieten ist ihre Haltung deshalb eingeschr\u00e4nkt. Begutachtet werden die Bienenstandorte vom Bieneninspektor (Veterin\u00e4rwesen).<\/p>\n\n<p><strong>Wer nimmt an Ihren Imkerkursen teil?<\/strong><\/p>\n\n<p>Pro Jahr werden etwa 30 Neuimker in einem Grundkurs ausgebildet. Steigend ist das Interesse der Frauen. Der Kurs umfasst in zwei Jahren je acht Halbtage. Etwa zwei Drittel der Teilnehmenden halten danach Bienen. Die Anfragen haben sich 2012 verdoppelt. Die Teilnehmer stammen aus vielen Berufs- und Altersgruppen, vorwiegend sind sie 30- bis 40-j\u00e4hrig.<\/p>\n\n<p><strong>Was erwarten Sie vom \u00abBienen-Professor\u00bb Peter Neumann? Es sei geplant, an asiatischen und afrikanischen Bienen zu forschen, die besser mit der Varroa-Milbe zurechtkommen. Soll eine solche Bienenrasse importiert werden?<\/strong><\/p>\n\n<p>Die zentrale Frage lautet: Was hat sich global so sehr ver\u00e4ndert, dass das Bienensterben aufkam? Die Forschung mit Bienen im Ausland bef\u00fcrworte ich, um Erkenntnisse in der Molekularbiologie zu bekommen. Den Import von Bienen lehne ich aber ab. Eine Biene kann sich nicht selbst entmilben, weil sich die Varroa auf ihren R\u00fccken fl\u00fcchtet. Varroa ist bei den Bienen noch nicht als Feind erkannt, sonst w\u00fcrden sie sich gegenseitig entmilben.<\/p>\n\n<p><em>Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Greenpeace Magazin 2\/2013.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahe dem Z\u00fcrcher Rieterpark steht ein rotes H\u00e4uschen, in dem sechs Bienenv\u00f6lker den Winter 2010\/11 \u00fcberstanden haben. Im Fr\u00fchling zogen neun weitere Schw\u00e4rme ein \u2013 nicht von allein. 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