{"id":13089,"date":"2013-01-02T00:00:00","date_gmt":"2013-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/13089\/serie-danach-folge-2-japans-jugend-setzt%e2%80%a8-auf-politisches-aufbegehren-statt-resignation\/"},"modified":"2019-05-30T11:54:18","modified_gmt":"2019-05-30T09:54:18","slug":"serie-danach-folge-2-japans-jugend-setzt%e2%80%a8-auf-politisches-aufbegehren-statt-resignation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/13089\/serie-danach-folge-2-japans-jugend-setzt%e2%80%a8-auf-politisches-aufbegehren-statt-resignation\/","title":{"rendered":"Serie DANACH* (Folge 2): Japans Jugend setzt\u2028 auf politisches Aufbegehren statt Resignation"},"content":{"rendered":"<p><b>Die jungen Menschen im Seminar an der St\u00e4dtischen Universit\u00e4t Nagoya machen erstaunte Gesichter, als ich ihnen im Wintersemester 2011\/12 die Aufgabe stelle, eigene Recherchen zur Katastrophe vom 11. M\u00e4rz 2011 anzustellen und einen Essay zum Thema zu verfassen. Kaum jemand der rund sechzig Studierenden in drei Seminarkursen weiss mit dieser Vorgabe zun\u00e4chst etwas anzufangen. \u00abFukushima\u00bb ist unter den Zwanzigj\u00e4hrigen im Hunderte Kilometer entfernten Nagoya kein Thema, wie es scheint.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><em><strong>Von Judith Brandner<\/strong><\/em><\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/a63ab4c0-a63ab4c0-1301_japan01.jpg\" title=\"\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/a63ab4c0-a63ab4c0-1301_japan01.jpg\" alt=\"\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content no-title\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong><\/strong><\/p>\n<p>\n            Japanische Frauen beschirmen Polizisten, w\u00e4hrend sie gegen\u2028den Neubetrieb des AKW Ohi in der Pr\u00e4fektur Fukui protestieren.<br \/>\u00a9 Greenpeace \/ Megumi Ikeda\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die meisten sitzen m\u00fcde in der Veranstaltung, ersch\u00f6pft von ihren schlecht bezahlten McJobs, die ihnen das Studium finanzieren helfen. Viele widmen sich bereits intensiv der Arbeitssuche f\u00fcr die Zeit nach dem Studium, im Wissen, dass nur ein Bruchteil eine feste Anstellung finden wird in einem Land, wo rund ein Drittel aller Besch\u00e4ftigten in einem prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnis stehen. Die meisten Studierenden versuchen die Katastrophe zu verdr\u00e4ngen und sich einzureden, sie seien von den Folgen nicht betroffen. Doch nach und nach wird klar, wie verunsichert die jungen Menschen sind, wie wenig sie \u00fcber die Folgen der Nuklearkatastrophe wissen und wie gering ihr Vertrauen in die Informationen von Regierung, Beh\u00f6rden und Medien ist.<\/p>\n<p>Dieser Vertrauensverlust in die Institutionen spiegelt die Gesamtstimmung in der japanischen Gesellschaft \u2013 und das nicht erst seit dem 3.11.11. Seit Japan unter Premier Koizumi einen neoliberalen Kurs eingeschlagen hat, \u00f6ffnet sich die soziale Kluft immer mehr und spaltet die einst harmonische Mittelstandsgesellschaft. Die Katastrophe zeigt dies verst\u00e4rkt. Heute befindet sich Japan in der gr\u00f6ssten Krise der Nachkriegszeit, so der Befund politischer Beobachter.<\/p>\n<p>Seit Jahren beteiligen sich nur wenig \u00fcber die H\u00e4lfte der Stimmberechtigten an nationalen Urneng\u00e4ngen. Als die Wahlbeteiligung 2009 bei den Unterhauswahlen 69 Prozent erreichte, galt dies als Rekord. Anfang August 2012 ergab eine Meinungsumfrage der liberalen Zeitung Asahi Shimbun, dass 79 Prozent der Befragten kein oder nur geringes Vertrauen in die Sicherheitsmassnahmen der Regierung bez\u00fcglich der Atomenergie haben. In derselben Umfrage befanden 81 Prozent die Diskussion \u00fcber die Atomenergie und die k\u00fcnftige Energiepolitik f\u00fcr unzureichend. Kein Wunder \u2013 ein Plan, in welche Richtung Japans Energiepolitik gehen wird, fehlt auch fast zwei Jahre nach Erdbeben, Tsunami und der dreifachen Kernschmelze im AKW Fukushima.<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr den Vertrauensverlust sind die Verflechtungen zwischen Politik, Industrie und Medien, die der kritische Atomwissenschafter Hiroaki Koide vom Reaktorforschungsinstitut der Universit\u00e4t Kyoto in Bezug auf die Atomindustrie als \u00abGenjimura\u00bb bezeichnet, als verschworene Atomgemeinschaft aus Politikern, Wirtschaftsverb\u00e4nden, Energiewirtschaft und Industriekonzernen, die Atomkraftwerke herstellen, Wissenschaftern, die die Atomenergie ausbauen wollen, und den Massenmedien, in denen aus R\u00fccksicht auf die Inserenten keine kritische Berichterstattung vorkommt.<\/p>\n<p>Junge Menschen wie die StudentInnen im Seminar in Nagoya verlassen sich schon lange nicht mehr auf die herk\u00f6mmlichen Medien und informieren sich lieber \u00fcbers Internet, \u00fcber Twitter oder Mixi, das japanische Pendant zu Facebook. Im Seminar wollen viele wissen, wie die Medien in Europa \u00fcber die Katastrophe berichtet haben, vor allem \u00fcber den Unfall im AKW und die Folgen.<\/p>\n<p>Nach und nach weicht die Resignation einem politischen Aufbegehren. Intellektuelle, AktivistInnen, aber auch einfache B\u00fcrger suchen nach neuen Wegen f\u00fcr ihr Land. Der 1971 geborene Hiroki Azuma, Professor an der Universit\u00e4t Waseda und einer der j\u00fcngeren Intellektuellen im Land, bittet seit der Katastrophe unterschiedlichste K\u00fcnstlerInnen und Intellektuelle zum Diskurs in der von ihm gegr\u00fcndeten Kulturzeitschrift Genron. Die Ausgabe mit dem Titel \u00abJapan 2.0\u00bb befasst sich mit der Frage nach der japanischen Identit\u00e4t im Anschluss an den 11. M\u00e4rz 2011: \u00abDie Welt r\u00fcckt enger zusammen, bald umspannt das Netzwerk den ganzen Planeten \u2013 was bedeutet es vor diesem Hintergrund, in einer Inselnation im Fernen Osten zu leben?\u00bb Japan stehe an einem Scheideweg, es sei klar, dass die Katastrophe das Land ver\u00e4ndert habe, Reformen seien dringend notwendig, so die wichtigste Botschaft. Ein klares Bild des k\u00fcnftigen Japan verm\u00f6gen jedoch auch die AutorInnen von \u00abGenron\u00bb nicht zu zeichnen.<\/p>\n<p><strong>Die Rolle der neuen Gr\u00fcnen Partei ist noch unklar\u2028<\/strong><\/p>\n<p>Die japanische Anti-AKW-Bewegung, die es schon lange gibt, deren Stimme bislang aber zu leise war, bekommt immer mehr Zulauf. Den Anfang machten spontane Kundgebungen und Proteste, die mittlerweile zu einer regelm\u00e4ssigen Einrichtung geworden sind: Seit vielen Wochen wird jeden Freitag vor dem Sitz des Premierministers gegen die Atomenergie demonstriert. Es sind friedliche Demonstrationen, wo Alt und Jung nebeneinander stehen. Kenzaburo Oe, der Literaturnobelpreistr\u00e4ger von 1994, der immer wieder als Gewissen Japans auftritt, ist Mitbegr\u00fcnder und einer der f\u00fchrenden K\u00f6pfe der Anti-Atom-Plattform Sayonara Genpatsu, die den Abschied von der Kernenergie im Titel tr\u00e4gt. Der Gruppe gelang es im September 2011, rund 60 000 Menschen zu einer riesigen Kundgebung in Tokio zusammenzubringen. Ende Juli 2012, nachdem zwei Reaktoren des AKW Oi in der Pr\u00e4fektur Fukui am japanischen Meer wieder ans Netz genommen worden waren, fanden sich 150 000 Menschen ein, die bei einer der gr\u00f6ssten Demonstrationen seit den 1960er Jahren ein Ende der Atomenergie verlangten: eine beachtliche Zahl in einem Land, in dem keine ausgepr\u00e4gte Demonstrationskultur besteht.<\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/333045e1-333045e1-1301_japan02.jpg\" title=\"\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl04_Image1\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/333045e1-333045e1-1301_japan02.jpg\" alt=\"\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content no-title\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong><\/strong><\/p>\n<p>\n            Tokyo, 29. Juli 2012 Junge Anti-Nuklear Demonstrantinnen im Hibiya Park im Zentrum von Tokyo. Immer h\u00e4ufiger protestiert die japanische Bev\u00f6lkerung gegen das politische System.<br \/>\n\u00a9 AP Photo\/Greg Baker\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Auch in die Parteienlandschaft, jahrzehntelang von der rechtsgerichteten LDP dominiert, ehe sie 2009 von der DPJ abgel\u00f6st wurde, ist Bewegung gekommen. Im Sommer 2012 formierte sich eine neue, landesweite gr\u00fcne Partei. Welche Rolle sie k\u00fcnftig spielen wird, bleibt abzuwarten. Eine Gruppe Abgeordneter von LDP, DPJ und SPJ hat sich zur \u00fcberparteilichen Plattform Genpatsu Zero no Kai zusammengefunden und tritt f\u00fcr einen vollst\u00e4ndigen Ausstieg aus der Atomenergie ein.<\/p>\n<p>Angesichts des Vertrauensverlusts in die Institutionen verwundert es kaum, dass auch im Kampf gegen die radioaktive Belastung immer mehr Menschen zur Selbsthilfe greifen. Eine von ihnen war die Besitzerin eines Waldorf-Kindergartens in Fukushima-Stadt. Die rund sechzig Kilometer vom havarierten AKW entfernte Stadt geh\u00f6rt nicht zur Sperrzone. Dennoch ist die radioaktive Belastung in manchen Bezirken so hoch, dass immer mehr Menschen wegziehen. Auch \u00fcber dem Areal des Kindergartens ist die radioaktive Wolke niedergegangen. Tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt von Greenpeace, schritt die Kinderg\u00e4rtnerin im Mai 2011 selber zur Dekontaminierung von hundert Quadratmetern Spielplatz, bis sie einsehen musste, dass die Radioaktivit\u00e4t so nicht in den Griff zu bekommen ist. Mittlerweile ist auch sie fortgezogen. Im ganzen Land haben NGOs und Freiwillige Messstationen eingerichtet, an denen besorgte B\u00fcrgerInnen ihre Lebensmittel auf Radioaktivit\u00e4t testen lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In die vom Tsunami zerst\u00f6rten und zum grossen Teil immer noch nicht wiederaufgebauten Regionen zieht es nach wie vor viele freiwillige HelferInnen. Es sind vor allem junge Menschen ohne Job und ohne Zukunftsperspektive, die den Betroffenen Hoffnung und Mut geben und nicht zuletzt ihrem eigenen Leben mehr Sinn verleihen wollen.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen in der japanischen Gesellschaft sind leise, aber sp\u00fcrbar. Es zeichnet sich ein Kampf ab zwischen denen, die an ihrer politischen und \u00f6konomischen Macht festhalten, und denen, die ein neues Japan wollen \u2013 ein menschlicheres, sozialeres, ein umweltfreundlicheres Japan. Es geht um viel, gerade in der Energiepolitik. Denn der Atomenergie ganz abzuschw\u00f6ren, hiesse auch, auf die latente atomare Abschreckung zu verzichten \u2013 auf die M\u00f6glichkeit, Atomwaffen zu bauen. Dies erachten so manche in einer unruhigen asiatischen Region f\u00fcr notwendig, auch wenn es der japanischen Verfassung widerspricht.<\/p>\n<p><strong>Die Gr\u00fcnen wollen den Schritt in die\u2028nationale Politik schaffen\u2028<\/strong><\/p>\n<p>Die japanische Politik wurde von 1955 bis 2009 praktisch ohne Unterbruch von der rechtskonservativen Liberaldemokratischen Partei LDP gepr\u00e4gt. Mit Unterbrechung 1993\/94, und durch eine Koalition zwischen LDP und SDP, 1994\u2013 96, stellte die LDP \u00fcber 40 Jahre lang in Alleinherrschaft die Regierung. Die LDP ist traditionell verflochten mit Industrieund Wirtschaftsverb\u00e4nden sowie Veteranenorganisationen. Bei den Unterhauswahlen 2009 wurde die LDP von der Demokratischen Partei Japan (DPJ) abgel\u00f6st. Die DPJ wird zumeist als Mitte-Links eingestuft, vereint jedoch ein breites Spektrum politischer Ansichten, in dem sozialdemokratische Inhalte ebenso Platz finden wie konservative. Das mag das Fehlen einer klaren Linie in der Atompolitik erkl\u00e4ren. Die Sozialdemokraten der JSP, jahrelang die gr\u00f6sste Oppositionspartei im japanischen Nachkriegsparteiensystem, sind seit Jahren nur mehr eine marginale Kleinpartei. Ein H\u00f6hepunkt war die Rede des sozialistischen Premiers Murayama 1995 w\u00e4hrend einer Koalitionsregierung mit der LDP zum 50. Jahrestag des Kriegsendes mit der Entschuldigung Japans f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten in<\/p>\n<p>Asien zwischen 1931 und 1945.\u2028Die traditionell \u00abgr\u00fcnen\u00bb Anliegen \u2013 Ausstieg aus der Atomenergie, Exportverbot von Atomenergie-Technologien, F\u00f6rderung von erneuerbaren Energien, Reduzierung der CO2-Emissionen \u2013 werden heute am st\u00e4rksten von der im August 2012 gegr\u00fcndeten gr\u00fcnen Partei Midori no To vertreten. Diese politische Vereinigung ist bis Redaktionsschluss noch nicht im nationalen Parlament, sondern lediglich auf kommunaler und Pr\u00e4fekturebene vertreten. Die Stimmung im Land spricht derzeit f\u00fcr eine Rolle der Gr\u00fcnen in Japans Parteienlandschaft. Da jedoch die Neuwahlen von 2013 auf Dezember 2012 vorverlegt wurden, war die Vorbereitungszeit f\u00fcr die junge Gruppierung diesmal zu kurz.<\/p>\n<p><em>Judith Brandner, geboren 1963 in Salzburg, Radiojournalistin und Autorin. Studierte Japanologie an der Universit\u00e4t Wien. Seit 1987 Dutzende Male zu l\u00e4ngeren Aufenthalten in Japan, zuletzt im Wintersemester 2011\/12 als Gastprofessorin an der St\u00e4dtischen Universit\u00e4t Nagoya. B\u00fccher: \u00abAusser Kontrolle und in Bewegung\u00bb, Reportage Japan, Picus 2012, und \u00abKratzer im gl\u00e4nzenden Lack\u00bb, Reportage Japan, Picus 2011. <a href=\"http:\/\/www.judithbrandner.at\/\">www.judithbrandner.at<\/a><\/em><\/p>\n<p><em><em><strong>*Dieses Interview ist zuerst erschienen im Magazin von Greenpeace Schweiz, Ausgabe 4\/2012, als Teil des Schwerpunkts &#171;DANACH&#187;.<\/strong><\/em><\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die jungen Menschen im Seminar an der St\u00e4dtischen Universit\u00e4t Nagoya machen erstaunte Gesichter, als ich ihnen im Wintersemester 2011\/12 die Aufgabe stelle, eigene Recherchen zur Katastrophe vom 11. 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