{"id":13099,"date":"2012-12-27T00:00:00","date_gmt":"2012-12-26T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/13099\/serie-danach-folge-1-wir-sind-zu-einer-gesellschaft-von-fachidioten-verkommen\/"},"modified":"2019-05-30T11:54:32","modified_gmt":"2019-05-30T09:54:32","slug":"serie-danach-folge-1-wir-sind-zu-einer-gesellschaft-von-fachidioten-verkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/13099\/serie-danach-folge-1-wir-sind-zu-einer-gesellschaft-von-fachidioten-verkommen\/","title":{"rendered":"Serie DANACH* (Folge 1): \u00abWir sind zu einer Gesellschaft von Fachidioten verkommen\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><b>K\u00e4me die \u00d6konomie daher wie Tom\u00e1\u0161 Sedl\u00e1\u010dek, sie w\u00e4re eine bunte und sinnliche Wissenschaft. Der 35-j\u00e4hrige Chef\u00f6konom der gr\u00f6ssten tschechischen Bank tr\u00e4gt zu seinem hellorangen, widerborstigen Haar einen leuchtend violetten Pullover und Jeans.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><strong><em>Von Samuel Schlaefli<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zum Espresso bestellt er eine Cola und bei Gespr\u00e4chsbeginn bietet er Zigaretten an. Sedl\u00e1\u010dek ist ein passionierter und geduldiger Erz\u00e4hler, der sich Zeit nimmt f\u00fcr sein Gegen\u00fcber. Dies, obschon er st\u00e4ndig unterwegs ist: Gestern von Prag nach Bozen f\u00fcr einen Vortrag am Transart Festival, morgen gehts in aller Fr\u00fche weiter nach M\u00fcnchen zu einem Termin mit dem Hanser Verlag, bei dem dieses Jahr die deutsche \u00dcbersetzung seines ersten Buchs \u00abDie \u00d6konomie von Gut und B\u00f6se\u00bb erschien. Grundlage daf\u00fcr war seine Doktorarbeit, die von der Karls-Universit\u00e4t in Prag einst abgelehnt wurde. Die tschechische Originalfassung schaffte es 2009 als erstes Non-Fiction-Werk in die Bestsellerliste und wurde darauf ins Englische \u00fcbersetzt.\u00a0<br \/>Heute wird Sedl\u00e1\u010dek an Festivals, zu Konferenzen, Fernsehshows und sogar auf Theaterb\u00fchnen eingeladen. In seinen Vortr\u00e4gen ergr\u00fcndet er die Urspr\u00fcnge und Ursachen f\u00fcr die j\u00fcngsten Perversionen unseres Wirtschaftssystems. Dabei bedient er sich bei Texten aus dem Alten Testament, Reden von Aristoteles, Theorien von Adam Smith, Dialogen aus \u00abMatrix\u00bb und Fabeln aus \u00abLord oft the Rings\u00bb.<\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/f4e01bb8-f4e01bb8-1212sadlacek.jpg\" title=\"\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/f4e01bb8-f4e01bb8-1212sadlacek.jpg\" alt=\"\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content no-title\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong><\/strong><\/p>\n<p>\n            <i>Tom\u00e1\u0161 Sedl\u00e1\u010dek:<\/i> \u00abWachstumsverzicht wird uns helfen, von einer Schwergewichts\u00f6konomie zu einer leichteren, wissensbasierten und umweltvertr\u00e4glicheren zu gelangen.\u00bb <br \/>\u00a9 Anne Schoenharting \/ Ostkreuz\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00abFachidioten\u00bb \u2013 Sedl\u00e1\u010dek wiederholt das deutsche Wort mehrmals, der Begriff gef\u00e4llt ihm. Ja, wir seien zu einer Gesellschaft von Fachidioten verkommen, meint er. \u00abStellen Sie sich einmal vor, unsere Welt w\u00fcrde von Zahn\u00e4rzten regiert: Obligatorisches dreieinhalbmin\u00fctiges Z\u00e4hneputzen f\u00fcr alle, bei Regelverstoss Bestrafung \u2013 und die Gesundheit der Z\u00e4hne w\u00e4re das Wichtigste f\u00fcr die Gesellschaft.\u00bb Bevor man \u00fcber die Absurdit\u00e4t dieser Metapher lachen kann, holt einen Sedl\u00e1\u010dek zur\u00fcck auf den Boden: \u00abSee, that\u2019s exactly what happened with the economists.\u00bb<\/p>\n<p class=\"Dossier\"><strong>Herr Sedl\u00e1\u010dek, hat die Wirtschaft den gesunden Menschenverstand verloren?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Ja, und die ganze Mathematik hat wesentlich dazu beigetragen. Wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort eingesetzt wird, hilft sie, Dinge zu erkl\u00e4ren. Falsch eingesetzt, vernebelt sie aber den gesunden Menschenverstand. Mathematik ist eine Parabel und darf nur im passenden Kontext angewandt werden. Doch wir haben sie \u00fcberall eingesetzt.<\/p>\n<p class=\"Dossier\"><strong>Wurde die \u00d6konomie durch ihren totalit\u00e4ren Erkl\u00e4rungsanspruch zu dem Monster, f\u00fcr das sie heute von vielen Menschen gehalten wird?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Sie wurde zur Religion und zum Fetisch. Wir haben damit die Kirche, das Recht, Familienbeziehungen und die Politik erkl\u00e4rt. Wir nutzen die \u00abRational choice\u00bb-Theorie (rationale Entscheidungen zugunsten des gr\u00f6ssten pers\u00f6nlichen Nutzens) f\u00fcr fast alle Bereiche des Lebens. Kann man Liebe mathematisch erkl\u00e4ren? Ja, wahrscheinlich k\u00f6nnte man das. Ist es pervers? Ja, absolut, also lassen wirs lieber sein.<\/p>\n<p class=\"Dossier\">Sedl\u00e1\u010dek beginnt seine Vortr\u00e4ge gerne mit dem Befund, das heutige Wirtschaftssystem sei manisch-depressiv. Ein System mit der unangenehmen Angewohnheit, sich selbst immer wieder zu \u00fcberhitzen. Eines, in dem nicht die Balance z\u00e4hlt, sondern der Kick. Er findet Vorl\u00e4ufer daf\u00fcr bereits in einem der ersten schriftlichen Zeugnisse unserer Zivilisation: Im 4000-j\u00e4hrigen Gilgamesch-Epos aus Mesopotamien wendet sich Enkidu, eine Kreatur zwischen Mensch und Tier, von seiner Herde und der Natur ab und wird in der Stadt zur \u00abzivilisierten\u00bb Person. Die Natur wird zur Ressource, Effektivit\u00e4t zum neuen Leitbild. Enkidus urspr\u00fcngliche Zufriedenheit weicht dem Drang nach Fortschritt und Spezialisierung. Von nichts sei unsere Gesellschaft dermassen besessen, ist Sedl\u00e1\u010dek \u00fcberzeugt, wie vom Glauben an Fortschritt und Wachstum. Produktionsmengen, Ertr\u00e4ge und Konsum wurden zu Massst\u00e4ben f\u00fcr die vermeintliche Zufriedenheit.<\/p>\n<p class=\"Dossier\"><strong>Ist der Kapitalismus am Ende, hat er als wirtschaftliches Modell ausgedient?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Nein, wir stecken in keiner Kapitalismuskrise. Der Kapitalismus ist nicht perfekt, aber er hat viele Vorteile gegen\u00fcber anderen Systemen. Das Problem ist vielmehr der Wachstumskapitalismus.<\/p>\n<p class=\"Dossier\"><strong>Eine Marktwirtschaft ohne Wachstum w\u00e4re also m\u00f6glich?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Absolut. Kein Staat geht wegen fehlenden Wachstums bankrott, sondern wegen exzessiver Schulden. Staaten k\u00f6nnen \u2013 vorausgesetzt, sie haben keine Schulden \u2013 auch ohne Wachstum \u00fcber Jahrzehnte in einer guten Position verharren. Es braucht eine gewisse Umstrukturierung des Systems, damit auch f\u00fcr Arbeitslose und Arme gesorgt ist, aber gegen Armut und Arbeitslosigkeit gibt es wesentlich cleverere Mittel als Wachstum.<\/p>\n<p class=\"Dossier\">Da kommt Sedl\u00e1\u010deks \u00abSabbat\u00f6konomie\u00bb ins Spiel, zu der er sich von der Geschichte im ersten Buch Mose inspirieren liess. Einen Tag der Zufriedenheit will er einf\u00fchren, einen, an dem die Menschen unproduktiv sind und f\u00fcr einmal nicht versuchen, die Welt um sich zu ver\u00e4ndern. \u00abGott hat am siebten Tag nicht geruht, weil er danach ein weiteres Universum bauen musste, sondern um sich ob dem Erreichten zu freuen.\u00bb Die stimmungsvolle Zimmereinrichtung, der ununterbrochen fliessende Strom, der aromatische Kaffee \u2013 alles Erscheinungen, \u00fcber die wir uns von Zeit zu Zeit bewusst freuen sollten. \u00abNutzen ist eine Sache der Vergegenw\u00e4rtigung und nicht der Leistung\u00bb, sagt Sedl\u00e1\u010dek und fordert weniger Arbeitsbelastung f\u00fcr den Einzelnen und mehr Arbeit f\u00fcr viele. Deshalb macht er sich in Tschechien f\u00fcr die Kurzarbeit stark. Zugleich k\u00e4mpft er als Regierungsberater im Nationalen Wirtschaftsrat f\u00fcr eine restriktive Fiskalpolitik. Eine minimale Staatsverschuldung soll die neue Richtgr\u00f6sse sein und nicht mehr wie heute das maximale BIP-Wachstum. Daf\u00fcr hat Sedl\u00e1\u010dek die \u00abJosef-Regel\u00bb formuliert: Wachstum und Haushaltsdefizit eines Staates d\u00fcrfen zusammen drei Prozent des BIP nicht \u00fcbertreffen. Regierungen w\u00fcrden dar\u00fcber hinaus verpflichtet, in guten Zeiten R\u00fccklagen zu bilden, und k\u00f6nnten sich zum Ankurbeln der Wirtschaft nur noch in Defizitjahren zugunsten eines ausbalancierten Staatshaushalts moderat verschulden. \u00c4hnliches riet schon Josef dem \u00e4gyptischen Pharao im altem Testament, als dieser sieben Jahre der F\u00fclle und sieben der Verzweiflung vorhersah.<\/p>\n<p class=\"DossierInterviewFrage\"><strong>Ihre Vorschl\u00e4ge h\u00f6ren sich einfach an angesichts der Misere, in welche die globale Wirtschaftskrise viele Staaten und Menschen gebracht hat.<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Wir haben in den vergangenen Jahren k\u00fcnstliches Wachstum geschaffen mit Geld, das wir nicht hatten. Das muss aufh\u00f6ren. Um das zu verstehen, braucht es keine Mathematik, keine \u00d6konometrie oder Theorien des Homo oeconomicus.<\/p>\n<p class=\"DossierInterviewFrage\"><strong>Kann eine Systemreform allein die Exzesse eind\u00e4mmen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Sie wollen wissen, ob Evolution oder Revolution? Ich habe den Kommunismus in der Tschechoslowakei noch erlebt. Dort brauchte es die Revolution, um sich vom alten System zu trennen. Trotzdem geh\u00f6re ich heute zu den Reformkapitalisten.<\/p>\n<p class=\"DossierInterviewFrage\"><strong>Gibt es keine Alternative?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Nat\u00fcrlich gibt es Selbstversorgungsinitiativen und Gemeinschaften mit eigenen sozialen W\u00e4hrungen, aber das funktioniert nur im kleinen Massstab. Sie und ich, wir k\u00f6nnen uns solchen Gemeinschaften jederzeit anschliessen. Da sehe ich den fundamentalen Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus: Letzterer erlaubt kommunistische Blasen, im Kommunismus ist das Umgekehrte nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"DossierInterviewFrage\"><strong>Inwiefern w\u00fcrde eine Abkehr von der Gier nach Wachstum auch unsere Umweltprobleme l\u00f6sen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Dossier\">Wachstumsverzicht wird uns helfen, von einer Schwergewichts\u00f6konomie zu einer leichteren, wissensbasierten und umweltvertr\u00e4glicheren zu gelangen. Erinnern Sie sich an das fiktive Land Mordor und die Siedlung Rivendell im Film \u00abLord of the Rings\u00bb?<\/p>\n<p class=\"DossierInterviewFrage\"><strong>Nein, weshalb?<\/strong><\/p>\n<p>In Rivendell wird praktisch nichts produziert, alles wird irgendwie vererbt, den Menschen und der Natur geht es gut. In Mordor hingegen gibt es eine Schwerindustrie mit Eisen\u00f6fen, B\u00e4ume werden gef\u00e4llt und grosse Armeen unterhalten. Das BIP von Mordor muss um einiges h\u00f6her sein als dasjenige von Rivendell. Doch in welcher der beiden Welten m\u00f6chten Sie leben?<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em><strong>*Dieses Interview ist zuerst erschienen im Magazin von Greenpeace Schweiz, Ausgabe 4\/2012, als Teil des Schwerpunkts &#171;DANACH&#187;.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00e4me die \u00d6konomie daher wie Tom\u00e1\u0161 Sedl\u00e1\u010dek, sie w\u00e4re eine bunte und sinnliche Wissenschaft. 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