{"id":13543,"date":"2012-08-23T00:00:00","date_gmt":"2012-08-22T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/13543\/information-ist-nicht-bildung\/"},"modified":"2019-05-30T12:07:32","modified_gmt":"2019-05-30T10:07:32","slug":"information-ist-nicht-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/13543\/information-ist-nicht-bildung\/","title":{"rendered":"Information ist nicht Bildung"},"content":{"rendered":"<p><b>6 Thesen gegen Umwelterziehung durch Information und 1 Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine projektorientierte Umweltbildung.<\/b><\/p>\n<div class=\"post-content\">\n<div>\n<p><strong>6 Thesen gegen Umwelterziehung durch Information und 1 Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine projektorientierte Umweltbildung.<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>1. Umwelterziehung, die mittels didaktisierten Informationen \u201erichtiges Verhalten vermitteln\u201c will, taugt nicht zur Bildung. Sie hat keine oder gar gegenteilige Wirkung als die beabsichtigte<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"918\">Verhaltensappelle m\u00f6gen Ausdruck guter Absicht sein, aber als Bildungsansatz taugen sie nicht, denn zum einen n\u00fctzen individuelle Verhaltensanstrengungen Vereinzelter der Umwelt nichts und zum andern sind sie sind kein Anlass zum Lernen (aus dem die Bef\u00e4higung zum eigenen Handeln hervorgeht). Informationen zielen auf den \u201eVernunftsmenschen\u201c, den es aber kaum gibt \u2013 Menschen sind prim\u00e4r Erfahrungs- und Gef\u00fchlsmenschen (siehe \u201eDie Macht des Unbewussten\u201c, <a href=\"http:\/\/www.psychologie-heute.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.psychologie\u2013heute.de<\/a>, Juli 2012).<\/p>\n<p class=\"918\">\u00a0<\/p>\n<p><strong>2. Beschr\u00e4nkt sich \u201eUmweltbildung\u201c auf Informationsvermittlung dar\u00fcber, was die Gesellschaft an Dreck produziert, respektive auf den Appell diesen aufzuputzen, wird die Begegnung der jungen Menschen mit \u00f6kologischen Fragen problembesetzt, moralisch, langweilig oder macht Angst<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"918\">Ist es nicht m\u00f6glich, eine Bedrohung durch eigene Verhaltens\u00e4nderung in absehbarer Zeit abzuwenden \u2013 wie das bei Umweltproblemen meist der Fall ist (s. Kasten Allmende-Klemme) \u2013, kann die Nutzlosigkeit eigener Anstrengungen Ohn\u00admachtsgef\u00fchle wachrufen und gerade bei jungen Menschen zu Umwelt\u00e4ngsten f\u00fchren. Als Ausweg bleiben Trotz oder Verdr\u00e4ngung. (Angst ist allenfalls dann ein Motivator, wenn durch Verhaltens\u00e4nderung eine Gefahr tats\u00e4chlich abgewendet werden kann, wie z.B. im Strassenverkehr, wo das richtige Verhalten vor dem \u00dcberfahren sch\u00fctzt.)<\/p>\n<p class=\"918\">\n<div id=\"greyleft\">\n<p style=\"visibility: hidden\">\n<p style=\"font-style: normal; padding-left: 5px;\"><strong>Die Allmende-Klemme<\/strong><br \/>Die Allmende-Klemme (\u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tragik_der_Allmende\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tragedy of the Commons<\/a>\u201c, s. Wikipedia), besagt, dass ein \u00f6ffentliches Gut (z.B. die Luft oder eben eine Allmende) umso st\u00e4rker f\u00fcr eigene Zwecke gebraucht wird, je weniger das Nutzungs-verhalten unter den Nutzer\/innen abgesprochen ist, nach dem Motto: \u201eBin ich mir nicht sicher, was die anderen tun, nehme ich lieber zu viel als zu wenig\u201c. Ung\u00fcnstiges Verhalten wird gerechtfertigt mit Entschuldigungen wie \u201ew\u00e4re es wirklich schlimm, w\u00e4re es verboten\u201c, \u201esollen doch andere anfangen\u201c oder \u201eauf meinen Beitrag kommt es ja nicht an\u201c und also beibehalten. Die k\u00fcrzlich verstorbene \u00d6konomie-Nobelpreistr\u00e4gerin Elinor Ostrom hat ermittelt, dass Abmachungen zum Schutz von Gemeing\u00fctern auf Gemeinde- oder genossenschaftlicher Ebene meist erfolgreicher sind als zentralstaatliche Kontrolle und Marktmechanismen. Vor Ort vorhandenes Wissen wird genutzt, weil der\/die Einzelne dar\u00fcber informiert ist, ob und wie die Abmachungen von den anderen eingehalten werden.<br \/>\nWie wenig Informationen oder Verhaltensappelle bewirken bzw. wie wirksam die Allmende-Klemme ist, illustriert zum Beispiel der Verlauf der Inverkehrsetzung neuer Motorfahrzeuge (MFZ) in der Schweiz: Zwar mochte die \u201eWaldsterbensdebatte\u201c Anfang der 1980er Jahre Einfluss haben (die Zahl jedenfalls sank von 355&#8217;000 (1982) auf 330&#8217;000 MFZ (1985)), doch bereits 1989 gab\u2019s mit 412&#8217;000 neuen Motorfahrzeugen ein neues Hoch. Die Zahl fiel in den 90er Jahren aufs Niveau Mitte 80er, doch seit der Jahrhundertwende stieg sie mit der Wohnbev\u00f6lkerung kontinuierlich auf 420&#8217;000 MFZ (2011). Das obwohl die Information, dass Autoabgase f\u00fcrs Gemeingut \u201eLuft\u201c nicht f\u00f6rderlich sind, den Autok\u00e4ufer\/innen bekannt sein d\u00fcrfte. Aber eben: erst die andern.<\/p>\n<p><span class=\"lastword\" style=\"visibility: hidden\"><\/span> <\/p>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>3. Das Propagieren individueller Verhaltensweisen ist verkappte Katastrophenp\u00e4dagogik. Mit Verhaltensempfehlungen bek\u00e4mpft man Symptome und keine Ursachen<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"918\">Katastrophenp\u00e4dagogik im Stil von: &#171;Die Klimaerw\u00e4rmung wird immer schlimmer, fahre also nicht T\u00f6ffli\u201c \u2013 ist zwar mittlerweile verp\u00f6nt. Aber auch weniger plumpe Verhaltenstipps sind im Fall globaler Umweltprobleme eine Probleminformation mit Pseudo-Angebot: Sie machen das Problem zwar erkenntlich(er), mindern es aber nicht. Kommt hinzu, dass sich jene jungen Menschen verschaukelt f\u00fchlen k\u00f6nnen, welchen diese Doppelb\u00f6digkeit (\u201eIhr sollt etwas tun, aber ver\u00e4ndern k\u00f6nnt ihr nichts\u201c) bewusst wird. &#8211; Ist beispielsweise Abfall ein Problem, soll es prim\u00e4r an der Quelle (z.B. Verbot problematischer Verpackungen) oder mit geeigneten Massnahmen (z.B. Pfand) verringert werden und nicht mit einem langweiligen schulischen Trainingsprogramm zur Abfalltrennung. Unpolitische Umwelterziehung ist im Prinzip der Versuch, dass junge Menschen durch aufgedr\u00e4ngte Verhaltensangebote richten sollen, was auf h\u00f6herer Ebene nicht erreicht worden ist.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>4. Stoffwissen ohne Anwendung verpufft<\/strong><\/p>\n<p>Stoff, der kurzzeitig f\u00fcr eine Pr\u00fcfung angeeignet aber nicht angewandt wird, geht schnell wieder vergessen. Verzichtet werden soll dabei nicht auf Information an sich, sondern auf Vermittlung von Stoff, der nicht nachgefragt bzw. angewandt wird. Beim Lernen eines Computerprogramms liest auch niemand das Handbuch auf Vorrat von A bis Z, sondern nur das, was die Praxis erfordert. Es n\u00fctzt nichts, Menschen mit Informationen zu bel\u00e4stigen, die sie nicht interessieren. Die meisten Umweltinformationen sind f\u00fcr die Allermeisten langweilig. So interessieren Informationen zu Lokomotiven auch nur sehr wenige der vielen Zugfahrenden. Wer einem Menschen das Wandern schmackhaft machen will, nimmt ihn besser auf eine Wanderung mit, als ihn mittels einer Wanderkarte zu informieren.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>5. Wer auf Informationsverbreitung setzt, ist selber informationsresistent<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Psychologie hat l\u00e4ngst gezeigt, dass prim\u00e4r Verbote, Gebote oder Lenkungsabgaben wirksam f\u00fcr massenhafte Verhaltens\u00e4nderungen sind, aber freiwillige, info-basierte an der Allmende-Klemme (s. Kasten) und anderen psycho-sozialen Mechanismen scheitern. Zudem geht \u201eInformierung\u201c davon aus, die Ratio sei prim\u00e4r Handlungsausl\u00f6ser, dabei ist in erster Linie die \u201ebiografische Emotion\u201c handlungsrelevant (siehe \u201eDie Macht des Unbewussten\u201c wie oben zitiert).<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>6. Das Propagieren richtigen Verhaltens ist politisch korrekt und eckt nicht an. Deshalb gibt es f\u00fcr solche Pfl\u00e4sterli-Angebote und Appell-P\u00e4dagogik eher Geld als f\u00fcr (teurere) Praxisprojekte<\/strong>.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2>Was also dann? Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine projektorientierte Umweltbildung.<\/h2>\n<ul>\n<li>\n<p><strong>Grund-Satz und in einer Formel:<\/strong> Umweltbildung (UB) setzt auf Erlebnis (vor allem bei Kindern: \u00abRaus, aber richtig\u00bb (statt Putzequipen heranziehen)), und bei Jugendlichen auf praktische Arbeiten wie Projektwochen (statt langweilige Pseudoaufkl\u00e4rung), denn Lernen geschieht beim gestaltenden Tun und beim Nachdenken \u00fcbers Handeln (und nicht \u00fcber Wissensvermittlung (allein)).<\/p>\n<p>Also: <strong>UB = NE + SE + gH (<\/strong>Umweltbildung = Naturerlebnis + soziales Erlebnis + gemeinsame Handlung).<strong> <\/strong>Dabei gilt, dass bei Kindern bis acht Jahre sich UB auf NE + SE beschr\u00e4nkt, bei 9 bis 12-j\u00e4hrigen ist gH prim\u00e4r gestaltendes Handeln, erst ab 13 Jahren ist gH Aktion und\/oder Produkt.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Umweltbildung ist Lernen \u00fcber \u00f6kologische Aspekte sozialer Systeme und nicht (nur) Stoffvermittlung (z.B. \u00fcber Kreisl\u00e4ufe oder Energiephysik). <\/strong>Wie kann eine Gruppe \u00c4nderungen in Systemen wie z.B. Schule oder Gemeinde herbeif\u00fchren bzw. auf diese Einfluss nehmen? Was dabei gelernt wird, heisst Gestaltungskompetenz \u2013 die F\u00e4higkeit, Prozesse mitzugestalten. Umweltbildung bedeutet in diesem Sinn auch St\u00fctze bieten zum Selberk\u00f6nnen; also <strong>Empowerment<\/strong>. Sie weckt Praxis- und Erlebnisfreude, und braucht daf\u00fcr Futter aus Natur- und Sozialwissenschaft.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Umweltbildung ist vor allem Projektarbeit, bei der Lernm\u00f6glichkeiten und Partizipation geboten werden. <\/strong>Diese erm\u00f6glichen Identifikation und f\u00f6rdern Interesse: Etwas zu lernen, das auch sonst im Leben n\u00fctzlich ist, ist eine wichtige Triebfeder.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Echte Handlungsm\u00f6glichkeiten erkennt man daran, dass am Ende eines Engagements ein handfestes Produkt entsteht, das gesellschaftlich \u00fcbers Produkt hinaus weist<\/strong>. Beispielsweise ist ein Sonnenkollektor-Projekt einer Schulklasse mehr als die blosse Installation einer Solaranlage: Junge Menschen tun etwas Handfestes und sind stolz aufs Geleistete. Statt nur zu h\u00f6ren, was man tun sollte, tun sie etwas Konkretes. Das bereitet Freude, ist interessant und st\u00e4rkt die Verbreitung realen Umweltschutzes.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Umweltbildung ist interdisziplin\u00e4re politische Bildung.<\/strong> Ein Ziel von Umweltbildung ist, anhand von Umweltthemen politisch zu bilden, also eine \u00ab\u00e9ducation pour la citoyennet\u00e9\u00bb. \u201ePolitisch\u201c ist dabei allgemein und nicht parteipolitisch gemeint, also im Sinne der \u201ePolis\u201c (Gemeinschaft).<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Die Hauptaufgabe \u2013 und grosse Herausforderung \u2013 von Bildungsanbietern ist die Entwicklung relevanter Handlungsans\u00e4tze f\u00fcr Gruppen<\/strong>. Soll Handlung ausgel\u00f6st werden, sind Angebote zu erarbeiten, mit welchen Handelnde etwas Sichtbares erreichen. Gibt es keine relevante Handlung, ist es kl\u00fcger, das Vorhaben aufzugeben. Die Angebote sind auf zwei und mehr Jahre auszulegen. Jedes Angebot braucht eine Testphase, in der gelernt und festgestellt werden kann, ob es funktioniert. Langfristigkeit bringt tendenziell h\u00f6here Beteiligung, und der Beitrag einer teilnehmenden Klasse ist nicht isoliert. Kurzzeitige Aktionen dagegen sind eher St\u00f6rung denn Beitrag.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Umweltschutz ist immer ethisch begr\u00fcndet und hat daher mit Wertehaltungen zu tun<\/strong>. Werte werden nicht vermittelt, indem Gebote doziert werden (&#171;Du sollst deinen Abfall trennen&#187;), sondern eher mit Auseinandersetzung, wie z.B. mit &#171;Dilemma-Geschichten&#187;. (Eine Dilemma-Situation ist z.B. die Notl\u00fcge, mit der man andere oder sich sch\u00fctzen will. Die Diskussion, unter welchen Bedingungen Notl\u00fcgen &#171;erlaubt&#187; sind, wirkt nachhaltiger als ein doziertes &#171;Du sollst nicht l\u00fcgen&#187;).<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>UB Grunds\u00e4tze des Schweizer Forums Umweltbildung siehe hier:<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.umweltbildung.ch\/fileadmin\/user_upload\/resources\/positionspapier_1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.umweltbildung.ch\/fileadmin\/user_upload\/resources\/positionspapier_1.pdf<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6 Thesen gegen Umwelterziehung durch Information und 1 Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine projektorientierte Umweltbildung. 6 Thesen gegen Umwelterziehung durch Information und 1 Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine projektorientierte Umweltbildung. \u00a0 1. 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