{"id":13683,"date":"2012-06-13T00:00:00","date_gmt":"2012-06-12T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/13683\/zufriedenheit-statt-zahlen-ins-zentrum-stellen\/"},"modified":"2019-05-30T12:12:21","modified_gmt":"2019-05-30T10:12:21","slug":"zufriedenheit-statt-zahlen-ins-zentrum-stellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/13683\/zufriedenheit-statt-zahlen-ins-zentrum-stellen\/","title":{"rendered":"Zufriedenheit statt Zahlen ins Zentrum stellen"},"content":{"rendered":"<p><b>Langsam aber unsicher d\u00e4mmert in Umweltkreisen die Einsicht, dass nicht Zahlen \u2013 seien es Tonnen CO2, Gramm Biphenyle oder Kilowattstunden Strom &#8211; der Weg zum Ziel sind. Einzuschlagen w\u00e4re vielmehr der Weg \u00fcber die Lebensqualit\u00e4t und das Wohlbefinden, also jener der positiven Emotionen. Nichts gegen Zahlen, nur bergen sie die Gefahr, Qualit\u00e4t auf Quantit\u00e4ten zu reduzieren. Haupthindernis f\u00fcr den Qualit\u00e4tsweg ist, dass Umweltengagierte prim\u00e4r emp\u00f6rungsgetrieben sind. Wir brauchen sozusagen die schlechten Nachrichten, um zeigen zu k\u00f6nnen, dass wir die richtige Linie vertreten. Offenbar gen\u00fcgen aber Protest, Informationsverbreitung und kleinb\u00fcrgerliche Verhaltens\u00e4nderungs-Angebote nicht. Frappant ist jedenfalls, wie wenig Wirkung der UNO-Erdgipfel in Rio de Janeiro von 1992 nach sich zog, der eigentlich die Weltgemeinschaft aufrief, den Weg der nachhaltigen Entwicklung zu beschreiten.<\/b><\/p>\n<div class=\"post-content\">\n<div>\n<p>Langsam aber unsicher d\u00e4mmert in Umweltkreisen die Einsicht, dass nicht Zahlen \u2013 seien es Tonnen CO2, Gramm Biphenyle oder Kilowattstunden Strom &#8211; der Weg zum Ziel sind. Einzuschlagen w\u00e4re vielmehr der Weg \u00fcber die Lebensqualit\u00e4t und das Wohlbefinden, also jener der positiven Emotionen. Nichts gegen Zahlen, nur bergen sie die Gefahr, Qualit\u00e4t auf Quantit\u00e4ten zu reduzieren. Haupthindernis f\u00fcr den Qualit\u00e4tsweg ist, dass Umweltengagierte prim\u00e4r emp\u00f6rungsgetrieben sind. Wir brauchen sozusagen die schlechten Nachrichten, um zeigen zu k\u00f6nnen, dass wir die richtige Linie vertreten. Offenbar gen\u00fcgen aber Protest, Informationsverbreitung und kleinb\u00fcrgerliche Verhaltens\u00e4nderungs-Angebote nicht. Frappant ist jedenfalls, wie wenig Wirkung der UNO-Erdgipfel in Rio de Janeiro von 1992 nach sich zog, der eigentlich die Weltgemeinschaft aufrief, den Weg der nachhaltigen Entwicklung zu beschreiten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Der Paradigmawechsel vom \u201estellvertretend sch\u00fctzen, motzen und lobbieren\u201c zum (auch) \u201eL\u00f6sungen gesellschaftlich zum Durchbruch zu verhelfen\u201c gelang bislang nicht. Zwar schrieben wir uns die \u201enachhaltige Entwicklung\u201c nach dem Erdgipfel auf die Fahnen, doch gl\u00fcckte den Gegnern der Missbrauch besser (Stichwort \u201enachhaltige Gewinne\u201c) als den Umweltorganisationen (UO) der Gebrauch. Symptomatisch daf\u00fcr stehen z.B. die Resultate des Forschungsschwerpunkts \u201eSPP Umwelt\u201c<sup><a title=\"zur Fussnote\" href=\"#1\">[1]<\/a><\/sup>: In den Jahren 1992 \u2013 2001 flossen 100 Millionen Forschungsfranken in 247 Projekte, woraus 3000 Publikationen, darunter 100 B\u00fccher, entstanden. Auf den 10-Jahres-Erdgipfel in Johannesburg hin wurde die Umweltsituation der Schweiz in sechs dringende Handlungsfelder und 13 Empfehlungen zur Besserung zusammengefasst und ver\u00f6ffentlicht (siehe Kasten). Das war 2002. 2012 gelten sie noch immer.\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<\/p>\n<div id=\"greyleft\">\n<p style=\"padding-left: 10px;\"><b>Grundwahrheiten akzeptieren<\/b><br \/>\nLaut Erkenntnissen der Psychologie gelingt ein gutes Leben nur, wenn man folgende Wahrheiten akzeptieren kann (und schafft man das nicht, sind Entt\u00e4uschungen wahrscheinlicher): 1. Alles ver\u00e4ndert sich und endet irgendwann. 2. Nicht immer geht alles nach Plan. 3. Das Leben ist manchmal nicht gerecht. 4. Leiden geh\u00f6rt zum Leben. 5. Die Menschen sind nicht immer liebevoll und loyal. Siehe z.B. David Richo \u201eF\u00fcnf Dinge die wir nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen und das Gl\u00fcck das daraus entsteht\u201c (Windpferd Verlag, 2008)<span class=\"lastword\">.<\/span> <\/p>\n<\/div>\n<p>\u00a0Heute, zwanzig Jahre nach dem Rio-Gipfel b\u00f6te sich die Gelegenheit, den f\u00fcr den Wechsel n\u00f6tigen Boden der <em>Lebensqualit\u00e4t<\/em> zu geben. Statt vom Gegner gelenkt \u2013 was Protest immer ist \u2013 hiesse das, die UOs m\u00fcssten das so genannte <em>Empowerment<\/em>, also die Erlangung von Lebenstauglichkeit, zus\u00e4tzlich ins Zentrum ihres Tuns r\u00fccken. Ein Weg dazu ist der Weg \u00fcbers Gl\u00fcck, oder treffender gesagt \u00fcber die Zufriedenheit, wie das die Gl\u00fccksforschung nahelegt. Ihm zu Grunde liegt die These, dass eine zufriedene Gesellschaft automatisch sozial- und umweltvertr\u00e4glicher ist &#8211; das Fundament einer nachhaltigen Entwicklung.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Geld allein macht bekanntlich nicht gl\u00fccklich. Das zeigen u.a. l\u00e4nder\u00fcbergreifende Vergleichstudien. Ihr Fazit: Trotz Verdoppelung des Wohlstandes in Westeuropa in den letzten 30 Jahren ist das Gl\u00fccksgef\u00fchl konstant geblieben. Sind also die Grundbed\u00fcrfnisse eines Menschen gestillt, bringt mehr Geld kein Mehr an Lebenszufriedenheit. Grund ist die Gew\u00f6hnung an den h\u00f6heren Lebensstandard, der zum Normalzustand wird.<\/p>\n<p>Dabei ist dass Streben nach Gl\u00fcck bzw. Lebenszufriedenheit ein konstanter Kern des Menschseins. Es setzt ein, sobald die existenziellen Bed\u00fcrfnisse befriedigt sind (siehe dazu Kasten \u201eGrundwahrheiten akzeptieren\u201c). Weil aber eigenes Geld in (scheinbar) unsicheren Zeiten ein Sicherheitsgef\u00fchl gibt, sind in kapitalistischen Gesellschaften Geld und Konsum als Scheingl\u00fccksbringer wichtiger geworden als zufrieden machende Arbeit und Wohlbefinden. Gl\u00fcck kann indes nicht geplant erzielt werden &#8211; es entzieht sich der Verf\u00fcgbarkeit. Beeinflussbar sind hingegen die Voraussetzungen f\u00fcr mehr Lebenszufriedenheit wie die Gl\u00fccksforschung nachweist. Ihr gem\u00e4ss wird Zufriedenheit gef\u00f6rdert wenn<\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Selbstwirksamkeit und das \u201eSozialkapital\u201c zum Tragen kommen<\/span> (also z.B. konzentriertes Tun, k\u00f6rperliche Bet\u00e4tigung, in der Natur sein, befriedigende Hobbies, gute Sozialkontakte, intakte Familie, erf\u00fcllende Partnerschaft, gelingender Sex, interessante Arbeit).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">das \u201eMenschsein\u201c gest\u00e4rkt wird<\/span> (also z.B. die St\u00e4rkung von Gesundheit, Bildung, F\u00fcr-sich-sein-k\u00f6nnen, Geborgenheit, Gruppengef\u00fchl, Spiritualit\u00e4t, Selbstverwirklichungs- und Autonomie-M\u00f6glichkeiten).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">menschliche Ressourcen gefestigt werden<\/span> (wie z.B. Menschlichkeit, Fairness, Solidarit\u00e4t, M\u00e4ssigung, Begeisterung, Beharrlichkeit, kommunikative F\u00e4higkeiten, k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit, Mitgef\u00fchl, Neugierde, Widerstandskraft, Hoffnung, Humor). <\/li>\n<\/ol>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Nur wenn es gelingt, auf diesen drei Ebenen anzusetzen, kann das Streben nach dem Schein-Gl\u00fcck durch Konsum einged\u00e4mmt werden. Keine einfache Aufgabe, weil Konsum wie eine Droge wirkt, die ein instantes Befriedigungsgef\u00fchl liefert und f\u00fcr kurze Zeit den Druck der Zukunft nimmt. So wie es die Werbung verspricht: \u201eKauf und du wirst gl\u00fccklich. Und zwar subito\u201c. Soll Massenkonsum reduziert werden, liegt der Hund hier begraben \u2013 und nicht im \u201e\u00f6kologischen Fussabdruck\u201c, dieser quantitativen Sackgasse. \u00c4hnlich wie das Sekten auf ihre Art tun, indem sie z.B. Gef\u00fchle der Geborgenheit f\u00f6rdern. Und was k\u00f6nnten weniger Sektiererische mit diesen Einsichten tun? Folgende allgemeine Ans\u00e4tze w\u00e4ren denkbar:<\/p>\n<ul>\n<li>F\u00fcr sozial und \u00f6kologisch nachhaltige Arbeitspl\u00e4tze eintreten bzw. sie zu schaffen helfen.<\/li>\n<li>Solidarit\u00e4t und Fairness f\u00f6rdern. Gute Rahmenbedingungen f\u00fcr ein freudvolles Zusammensein zu schaffen helfen.<\/li>\n<li>Die Aufteilung in Hand- und Kopfarbeit aufl\u00f6sen helfen.<\/li>\n<li>Auf Prim\u00e4rerfahrungen, soziale Erlebnisse und konkrete Taten setzen.<\/li>\n<li>F\u00fcr Kooperationen statt Konkurrenz eintreten, d.h. f\u00fcr Leben und Handeln in Gruppenverb\u00e4nden. <\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Rolle der Umweltorganisationen w\u00e4re dabei, Gelegenheiten daf\u00fcr zu schaffen bzw. als Partnerinnen aktiv zu werden und sich so Umweltthemen vermehrt anhand von sozialen Fragen zu widmen. Sei es in Nachbarschafts-Gemeinschaften, Modellregionen <sup><a title=\"zur Fussnote\" href=\"#2\">[2]<\/a><\/sup> oder auf politischer Ebene.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Kurzum: Verst\u00e4rkt Teil des Gegenentwurfs zum entsolidarisierenden kapitalistischen System werden und der Gleichung \u201eGl\u00fcck = Geld = Konsum\u201c die Lebensqualit\u00e4t entgegen stellen. Mit-Motor daf\u00fcr sein, dass das Streben nach Gl\u00fcck durch Konsum mit einem Streben nach Zufriedenheit durch Sinngebung erg\u00e4nzt und zum Teil ersetzt wird. Auf gesellschaftlicher Ebene geht es darum, das wachstumsbasierte \u201eWohlstands\u201c-Mass Bruttoinlandprodukt (BIP) durch das Bruttonationalgl\u00fcck (BNG) zu ersetzen. Es steht in Bhutan im Praxistest <sup><a title=\"zur Fussnote\" href=\"#3\">[3]<\/a><\/sup> und ist das Mass f\u00fcr den Befriedigungsgrad der menschlichen Bed\u00fcrfnisse f\u00fcr Wohlbefinden.<\/p>\n<p>Und dem Problem, dass f\u00fcr den Protest gegen die Zerst\u00f6rung leichter Spenden zu bekommen sind als f\u00fcr solch unspektakul\u00e4res Grundlegendes, w\u00e4re durch geschickte Querfinanzierung und \u201eStory Telling\u201c gelingender Praxis zu begegnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"font-size: 10px;\"><a name=\"1\"><\/a>[1] \u201eSPP Umwelt\u201c googeln (www.snf.ch\/SiteCollectionDocuments\/medienmitteilungen\/mm_02mar18_d.pdf)<\/p>\n<p style=\"font-size: 10px;\"><a name=\"2\"><\/a>[2] Ein Beispiel w\u00e4re etwa die Transition-town-Bewegung (siehe www.transitionnetwork.org) oder eine definierte Support-Rolle beim \u201eNeustart Schweiz\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-size: 10px;\"><a name=\"3\"><\/a>[3] Siehe \u201eGeld ist ein leerer Wert\u201c, Interview mit Dasho Karma Ura, dem H\u00fcter des Bruttonationalgl\u00fccks in Bhutan (Zeitpunkt 118, S. 38ff), Zitat: \u201eWir m\u00fcssen die technischen Innovationen (&#8230;) des Westens mit einem ganzheitlichen Pfad der materiallen <span style=\"text-decoration: underline;\">und<\/span> spirituellen Entwicklung verbinden, wie er in Bhutan angelegt ist. Ich hoffe auf weise und gl\u00fcckliche Menschen statt r\u00fccksichtsloser Egoisten\u201c (zeitpunkt.ch).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam aber unsicher d\u00e4mmert in Umweltkreisen die Einsicht, dass nicht Zahlen \u2013 seien es Tonnen CO2, Gramm Biphenyle oder Kilowattstunden Strom &#8211; der Weg zum Ziel sind. 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