{"id":14069,"date":"2012-02-21T00:00:00","date_gmt":"2012-02-20T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/14069\/atomenergie-hat-keine-zukunft-gespraech-mit-zwei-betroffenen-aus-fukushima\/"},"modified":"2019-05-30T12:23:41","modified_gmt":"2019-05-30T10:23:41","slug":"atomenergie-hat-keine-zukunft-gespraech-mit-zwei-betroffenen-aus-fukushima","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/14069\/atomenergie-hat-keine-zukunft-gespraech-mit-zwei-betroffenen-aus-fukushima\/","title":{"rendered":"\u00abAtomenergie hat keine Zukunft!\u00bb &#8211; Gespr\u00e4ch mit zwei Betroffenen aus Fukushima"},"content":{"rendered":"<p><b>Sie sind gekommen, um zu berichten. Ein knappes Jahr nachdem die dreifache Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und Atomunfall ihre Heimat Fukushima ersch\u00fctterte, sitzen Yuko Nishiyama und Satoshi Nemoto am sechseckigen Tisch im Z\u00fcrcher Greenpeace-B\u00fcro, noch etwas mitgenommen vom langen Flug. In den n\u00e4chsten Tagen erwartet sie ein dichtes Programm von Informationsveranstaltungen und Gespr\u00e4chen mit ExpertInnen, Sch\u00fclerInnen und PolitikerInnen im Raum Bern.<\/b><\/p>\n<div>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/026e4e0e-026e4e0e-foj_0751.jpg\" title=\"Yuko Nishiyama und Satoshi Nemoto bei Greenpeace in Z\u00fcrich\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" title=\"Yuko Nishiyama und Satoshi Nemoto bei Greenpeace in Z\u00fcrich\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/026e4e0e-026e4e0e-foj_0751.jpg\" alt=\"Yuko Nishiyama und Satoshi Nemoto bei Greenpeace in Z\u00fcrich\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong>Yuko Nishiyama und Satoshi Nemoto bei Greenpeace in Z\u00fcrich<\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Greenpeace \/ Fojtu\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Von Thomas Niederberger<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>F\u00fcr Yuko Nishiyama, Mutter einer dreij\u00e4hrigen Tochter, hat der 11.  M\u00e4rz 2011 das Leben komplett auf den Kopf gestellt und ihre Familie  zerrissen. In den ersten Tagen nach dem Erdbeben habe sie\u00a0 versucht, zu  tun als ob nichts geschehen sei und ging mit der Tochter im Park  spazieren. \u00abMariko war traumatisiert von den Ersch\u00fctterungen, darum habe  ich den Fernseher ausgeschaltet, damit die schlechten Nachrichten sie  nicht noch mehr \u00e4ngstigen\u00bb. \u00dcber die Gefahr durch den Unfall im  Atomkraftwerk erfuhr sie zwei Tage sp\u00e4ter von einer Freundin per Email,  worauf sie beschloss, die Gegend zu verlassen. Der erste radioaktiv  verseuchte Regen war zu dem Zeitpunkt bereits nieder gegangen. Ihr  Ehemann und ihre Eltern folgten hingegen den offiziellen  Beschwichtigungen und liessen sich erst sp\u00e4ter dazu \u00fcberreden, die  Gegend zu verlassen. Der Ehemann arbeitet jetzt in Tokio, die Eltern  leben mit Yuko in Kyoto in einer Wohnung, die den Fl\u00fcchtlingen gratis  zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Wie es weiter gehen soll, weiss Nishiyama  nicht \u2013 nur eines ist klar: \u00abIch will meine Tochter auf keinen Fall  gef\u00e4hrden\u00bb. Deshalb hat sie sich in Kyoto mit anderen Betroffenen  zusammengeschlossen und eine Selbsthilfeorganisation gegr\u00fcndet.<\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box small-box right\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/19936e43-19936e43-foj_0810.jpg\" title=\" Yuko Nishiyama\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl04_Image1\" title=\" Yuko Nishiyama\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/19936e43-19936e43-foj_0810.jpg\" alt=\" Yuko Nishiyama\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong> Yuko Nishiyama<\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Greenpeace \/ Fojtu\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Auch Satoshi Nemoto hat seine Portion Radioaktivit\u00e4t abbekommen: \u00abIch  bin ein Verstrahlter\u00bb, bemerkt er mit bitterem L\u00e4cheln. Er sei sich  zwar \u00fcber die Gefahr der Radioaktivit\u00e4t im Klaren gewesen, trotzdem habe  er zusammen mit anderen Bauern Lebensmittel ins betroffene Gebiet  gebracht und sich um Alte und Kranke gek\u00fcmmert, die noch nicht evakuiert  worden waren. Nemoto ist Pr\u00e4sident des Bauernverbandes \u00abNomiren\u00bb f\u00fcr  den Distrikt Fukushima \u2013 und inzwischen auch Experte f\u00fcr  Strahlungsmessung. Mit Hilfe einer Universit\u00e4t hat er sich ein gutes  Messger\u00e4t besorgt. Er nennt Mikroisievert-Werte und zeigt mit der Hand  verschiedene Messh\u00f6hen \u00fcber dem Boden. Die Bauern seiner Region haben  eine eigene Strahlungskarte mit einem 100-Meter Raster angefertigt, die  viel detaillierter ist als die offiziellen Messungen. Gelernt hat Nemoto  seit dem 11. M\u00e4rz vor allem eines: \u00abEs gibt kein zur\u00fcck zur Normalit\u00e4t  vor dem Unfall. Wir k\u00f6nnen uns nicht passiv auf die Anordnungen der  Beh\u00f6rden verlassen, sondern m\u00fcssen unser Leben aktiv in die eigenen  H\u00e4nde nehmen\u00bb. Dies sei mit ein Grund gewesen, die Einladung von  Greenpeace anzunehmen und in der Schweiz von seinen Erfahrungen zu  berichten.<\/p>\n<p><strong>Leben nach der Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p>Wie geht man um mit einer Gefahr, die man nicht sehen, h\u00f6ren oder  riechen kann? \u00abEs gibt zwar die Strahlungswerte des Dosimeters, eine  physische Gr\u00f6sse, aber sie wird von den Menschen sehr unterschiedlich  interpretiert\u00bb, fasst Nemoto zusammen. \u00abF\u00fcr mich als Betroffener ist es  schmerzhaft zu sehen, wie das Pendel zur\u00fcck schl\u00e4gt \u2013 viele Leute  verharmlosen und verdr\u00e4ngen das Problem\u00bb.<\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box small-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/a6bdc638-a6bdc638-foj_0731.jpg\" title=\"Satoshi Nemoto\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl06_Image1\" title=\"Satoshi Nemoto\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/a6bdc638-a6bdc638-foj_0731.jpg\" alt=\"Satoshi Nemoto\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong>Satoshi Nemoto<\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Greenpeace \/ Fojtu\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Das Vermessen der unsichtbaren Gefahr ist f\u00fcr ihn ein Mittel gegen  das Vergessen. \u00abEs muss fl\u00e4chendeckend und engmaschig gemessen werden\u00bb,  erkl\u00e4rt Nemoto. Denn die Strahlungsbelastung h\u00e4lt sich nicht an den  20-Kilometer-Radius der evakuierten Sperrzone. Auch auf Nemotos drei  Hektar grossem Reisfeld in Nihonmatsu City, 60 Kilometer vom  Unfallreaktor, w\u00fcrden die kritischen Werte \u00fcberschritten. Das Gem\u00fcse  hingegen sei wieder im gr\u00fcnen Bereich. \u00abDie Beh\u00f6rden m\u00f6chten es sich  einfach machen und den Anbau ganz verbieten\u00bb, erz\u00e4hlt er, \u00abdoch damit  sind wir nicht einverstanden\u00bb. Besser sei es, weiter zu produzieren und  genaue Messungen durchzuf\u00fchren, um zu verstehen, wie sich die  Kontamination entwickelt.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Gewinnausf\u00e4lle k\u00f6nnen die Bauern bei der AKW-Betreiberin  TEPCO Entsch\u00e4digungen einfordern. Der daf\u00fcr n\u00f6tige b\u00fcrokratische Aufwand  schrecke aber viele Kleinbetriebe und \u00e4ltere Bauern ab. Nur ein Zehntel  der gegen 100&#8217;000 Betriebe in der f\u00fcr ihre Landwirtschaft ber\u00fchmten  Region Fukushima habe bisher eine Entsch\u00e4digung beantragt. Aber immerhin  sind die Bauern bereits als Verband organisiert und k\u00f6nnen so ihre  Anliegen vertreten.<\/p>\n<p>Auch die aus Fukushima geflohenen Menschen haben begonnen, sich zu  organisieren. Die Pr\u00e4fektur Kyoto stellt rund 400 betroffenen Familien,  darunter auch jener von Yuko Nishiyama, provisorisch eine kostenlose  Unterkunft zur Verf\u00fcgung. Meist sind es M\u00fctter mit Kindern, viele M\u00e4nner  blieben wegen ihrer Arbeit in der Region Fukushima zur\u00fcck. \u00abDie  Familien sind zerrissen, wie unsere: Meine Eltern und mein Mann m\u00f6chten  zur\u00fcck, aber ich f\u00fcrchte um die Gesundheit meiner Tochter\u00bb, sagt  Nishiyama Auch in Osaka, Kobe und anderen Orten Westjapans wurden  zahlreiche Familien untergebracht, die als sogenannt \u00abfreiwillig  Evakuierte\u00bb gelten, weil sie nicht direkt in der 20-Kilometer Zone  wohnten, die von den Beh\u00f6rden zwangsweise evakuiert wurde. Die Situation  sei eine grosse finanzielle Belastung, weil viele neben den allgemeinen  Lebenskosten weiterhin Hypotheken f\u00fcr ihr Haus in Fukushima bezahlen  m\u00fcssten, f\u00fchrt Nishiyama aus. Die kostenlose Unterkunft m\u00fcssten sie in  einem Jahr verlassen. \u00abDie Beh\u00f6rden beschwichtigen und dr\u00e4ngen zur  R\u00fcckkehr dabei gibt es noch immer viele Hotspots mit erh\u00f6hter Strahlung.  Viele betroffene Kinder zeigen diffuse Krankheitssymptome wie  pl\u00f6tzliches Nasenbluten und Hautausschl\u00e4ge\u00bb, erz\u00e4hlt Nishiyama besorgt.  Um die Situation besser einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, will sie sich in der  Schweiz bei Fachleuten informieren. Um sich mit anderen Betroffenen  auszutauschen und ihre Anliegen gegen\u00fcber den Beh\u00f6rden besser vertreten  zu k\u00f6nnen, engagiert sich Nishiyama als Freiwillige beim Kyoto-Netzwerk  \u201eHelping Hands\u201c. Nebenbei unterrichtet sie den Fl\u00fcchtlingskindern  Englisch, wie sie es fr\u00fcher beruflich gemacht hatte.<\/p>\n<p><strong>Eine Zukunft ohne Atom statt eine Region ohne Zukunft<\/strong><\/p>\n<p>\u00abIn Fukushima gibt es kein Morgen und kein \u00dcbermorgen, nur ein  In-30-Jahren!\u00bb, Nemotos bitteres L\u00e4cheln huscht wieder \u00fcber sein  Gesicht, als er dieses neue japanische Sprichwort zitiert. 30 Jahre  betr\u00e4gt die Halbwertszeit des radioaktiven C\u00e4siums. Doch statt zu hadern  schaut Nemoto lieber vorw\u00e4rts: \u00abIch mag nicht mehr um Entsch\u00e4digungen  betteln und Lebensmittel produzieren, die niemand essen will\u00bb. Er wisse,  dass die Bauern in manchen Regionen Deutschlands einen grossen Teil  ihres Einkommens mit der Produktion von erneuerbarer Energie erzielten.  Dies sei auch in Japan m\u00f6glich und n\u00f6tig. \u00abIch weiss nicht, welche  Folgen die Strahlung f\u00fcr mich pers\u00f6nlich in Zukunft haben wird, aber ich  habe gelernt, dass es keine Zukunft mit Atomkraft geben kann\u00bb.<\/p>\n<p>Dass die Schweiz den Ausstieg beschlossen hat, best\u00e4rke ihn in dieser  \u00dcberzeugung. Nishiyama stimmt ihm zu. Das Thema sei politisch und  ideologisch zwar stark aufgeladen und es sei ihr daher auch nicht nur  leicht gefallen, in die Schweiz zu kommen, aber: \u00abAls betroffene Mutter  f\u00fchle ich mich verpflichtet, meine Stimme f\u00fcr den Atomausstieg zu  erheben &#8211; weltweit!\u00bb<\/p>\n<p><em><br \/><\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie sind gekommen, um zu berichten. 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