{"id":14252,"date":"2012-01-10T00:00:00","date_gmt":"2012-01-09T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/14252\/ein-super-gau-ohne-ende\/"},"modified":"2019-05-30T12:28:51","modified_gmt":"2019-05-30T10:28:51","slug":"ein-super-gau-ohne-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/14252\/ein-super-gau-ohne-ende\/","title":{"rendered":"Ein Super-GAU ohne Ende"},"content":{"rendered":"<p><b>Die neusten Nachrichten aus Fukushima sind alte \u2014 seit Wochen. Man k\u00f6nnte meinen, in den Unglu\u0308cksreaktoren von Fukushima Daiichi sei alles wieder unter Kontrolle. Doch das Einzige, was stabil ist, ist ein riesiges, schwarzes Loch des Nichtwissens.<\/p>\n<p>Von Susan Boos<\/b><\/p>\n<div>\n<p>Ein Super-GAU ohne Ende, den einem die Website der deutschen Gesellschaft fu\u0308r Anlagenund Reaktorsicherheit (<a title=\"www.grs.de\" href=\"http:\/\/www.grs.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.grs.de<\/a>) verdeutlicht: In einer bunten Tabelle ist dort zu lesen, was man weiss \u2013 und vor allem was man nicht weiss. Bei den Reaktoren 1, 2, und 3 steht rot eingef\u00e4rbt \u00abKern geschmolzen\u00bb, \u00abReaktorku\u0308hlsystem: nicht funktionsf\u00e4hig\u00bb. Zum \u00abZustand der Elemente im Abklingbecken\u00bb liest man \u00abunbekannt \u00bb respektive \u00abSchaden vermutet\u00bb. An mehreren Stellen steht \u00abunbekannt\u00bb oder \u00abvermutet\u00bb, und alles ist rot oder gelb eingef\u00e4rbt: Rot steht fu\u0308r dramatisch, Gelb fu\u0308r mittelgef\u00e4hrlich, Gru\u0308n fu\u0308r nicht so heikel. Aber gru\u0308n ist bei diesen drei Reaktoren nichts.<\/p>\n<\/p>\n<div class=\"events-box big-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/40ebbd00-40ebbd00-fuku_mag_story2012.jpg\" title=\"Aufw\u00e4ndige Tests: Eine Konsumentin in Fukushima l\u00e4sst ihr Gemu\u0308se auf Strahlung pru\u0308fen.\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" title=\"Aufw\u00e4ndige Tests: Eine Konsumentin in Fukushima l\u00e4sst ihr Gemu\u0308se auf Strahlung pru\u0308fen.\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/40ebbd00-40ebbd00-fuku_mag_story2012.jpg\" alt=\"Aufw\u00e4ndige Tests: Eine Konsumentin in Fukushima l\u00e4sst ihr Gemu\u0308se auf Strahlung pru\u0308fen.\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong>Aufw\u00e4ndige Tests: Eine Konsumentin in Fukushima l\u00e4sst ihr Gemu\u0308se auf Strahlung pru\u0308fen.<\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Greenpeace\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die GRS hat die Grafik Mitte M\u00e4rz aufgeschaltet und versucht sie aktuell zu halten. Das Bild hat sich aber in all den Monaten kaum ge\u00e4ndert. Die GRS weiss einfach nicht mehr. Und wie es aussieht, auch sonst niemand im Westen. Vielleicht weiss man in Fukushima mehr. Aber nach aussen dringt kaum etwas. Man weiss nicht, wie viele Leute gegenw\u00e4rtig dort arbeiten und was sie tun. Angeblich kamen in den ersten sechs Monaten u\u0308ber 10 000 Leute zum Einsatz.<\/p>\n<p>Wer sind sie? Was tun sie? Tepco, die Anlagenbetreiberin, publiziert zwar, wie viele Arbeiter welche Strahlendosen abbekommen haben. Allerdings wurde auch bekannt, dass Tepco Arbeiter ohne Dosimeter in die kaputten Meiler geschickt hat \u2013 die k\u00f6nnen also gar nicht wissen, wie hoch ihre Strahlenbelastung war. Auch erf\u00e4hrt man nichts u\u0308ber den Gesundheitszustand der Menschen. Was ist mit denen, die in den ersten Tagen aus Versehen in hochradioaktivem Wasser standen? Sind einige krank? Schon welche gestorben?<\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden weigern sich bis heute, ausl\u00e4ndische Teams in die Anlage zu lassen. Uno- Organisationen wie die Internationale Atomenergieagentur oder das UN-Umweltprogramm Unep h\u00e4tten gerne ihre Expertenteams geschickt, konnten sich bislang aber nicht durchsetzen.<\/p>\n<p>Ob japanischer Stolz oder japanische Scham der Grund dafu\u0308r ist \u2013 fu\u0308r die Menschen in den betroffenen Gebieten ist es fatal. Denn es bedeutet, dass es bis heute keine zuverl\u00e4ssigen Messwerte gibt. Zwar existieren Karten u\u0308ber die Kontaminierung durch C\u00e4sium. Dieser sogenannte Gammastrahler l\u00e4sst sich relativ einfach lokalisieren, weil Gammastrahlung fast alles durchdringt und eine grosse Reichweite hat. Deshalb l\u00e4sst sich C\u00e4sium einfach mit einem Helikopter aus der Luft messen. C\u00e4sium ist aber nur eines von vielen Radionukliden, die freigesetzt wurden. Es ist auch nicht das schlimmste, weil es eine biologische Halbwertszeit von etwa drei Monaten hat, das heisst, die H\u00e4lfte des C\u00e4siums wird nach drei Monaten u\u0308ber den Urin ausgeschieden.<\/p>\n<p><strong>Hotspots strahlen u\u0308berdurchschnittlich <\/strong><\/p>\n<p>Durch die Kernschmelzen in Fukushima gelangten aber auch Strontium und Plutonium in die Umgebung. Strontium ist ein Betastrahler, wirkt also verheerender als C\u00e4sium, und weil es sich in Knochen oder Z\u00e4hnen einlagert, verweilt es fast ein Leben lang im K\u00f6rper. Plutonium ist eines der gef\u00e4hrlichsten Nuklide u\u0308berhaupt. Atmet man ein Milligramm davon ein, kann das Lungenkrebs ausl\u00f6sen. Strontium wie Plutonium kann man jedoch nur in Proben nachweisen, ein Geigerz\u00e4hler hilft da nicht. Erde, Gras, Milch oder Fische mu\u0308ssten also in grossem Stil getestet werden. Das ist aufw\u00e4ndig, weil bei einem Unfall wie in Tschernobyl oder in Fukushima die radioaktiven Partikel ungleichm\u00e4ssig u\u0308bers Land verteilt werden. Je nach Witterung und Gel\u00e4nde gibt es an manchen Orten Hotspots \u2013<br \/>heisse Flecken, die u\u0308berdurchschnittlich strahlen. Man sieht sie nicht, und rundherum kann es fast sauber sein.<\/p>\n<p>Ein klares Bild, welche Gegenden wie belastet sind, fehlt in Japan \u2013 immer wieder tauchen neue Hotspots auf. Manche von ihnen finden sich selbst in der Millionen-Metropole Tokyo, 200 Kilometer von den Unglu\u0308cksreaktoren entfernt. Vor u\u0308ber 20 Jahren, nach dem Reaktorunglu\u0308ck von Tschernobyl, war es noch aufw\u00e4ndig, gute Verstrahlungskarten herzustellen. Es dauerte fast zwei Wochen, bis man in einer Probe Plutonium nachweisen konnte. Heute sind spezialisierte Labors in der Lage, in zwei Tagen die Analysen zu machen und selbst geringste Mengen von Plutonium zu finden.<\/p>\n<p><strong>Die Regierung redet Gefahren klein<\/strong><\/p>\n<p>Fu\u0308r die betroffene Bev\u00f6lkerung w\u00e4re es existenziell, diese Informationen zu haben. Denn schu\u0308tzen kann man sich nur, wenn man genau weiss, wo die h\u00f6her kontaminierten Orte sind, die man zu meiden hat. Man mu\u0308sste aber auch die Menschen kontinuierlich u\u0308berwachen, um herauszufinden, ob sie keine kontaminierten Lebensmittel zu sich nehmen. In Tschernobyl kannte man dieses Ph\u00e4nomen auch: Bei Ganzk\u00f6rpermessungen, die unter anderem das Schweizer Katastrophenhilfskorps mit dem AC Labor Spiez durchgefu\u0308hrt hatte, stellte man fest, dass Frauen markant weniger Radionuklide aufgenommen hatten als M\u00e4nner. Sie hatten sich offensichtlich strikter an die Empfehlungen der Beh\u00f6rden gehalten.<\/p>\n<p>Solche Ganzk\u00f6rpermessungen waren in den 90er-Jahren noch aufw\u00e4ndig, heute lassen sie sich ohne grossen Zeitaufwand durchfu\u0308hren. Das AC Labor Spiez h\u00e4tte gerne sein mobiles Ganzk\u00f6rpermessger\u00e4t zur Verfu\u0308gung gestellt, Japan wollte es jedoch nicht.<\/p>\n<p>Die Regierung tut, was auch die Sowjets versucht hatten: Sie redet Gefahren klein. Ende September hob sie die Evakuierungsempfehlung fu\u0308r fu\u0308nf Gemeinden auf. Unter anderem fu\u0308r Minamisoma und Naraha, zwei St\u00e4dte, u\u0308ber die die nukleare Wolke hinweggezogen ist. Beim Eingang des Spitals von Minamisoma werden immer noch 0,51 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Bei einer Grundschule von Naraha sind es gar 0,77 Mikrosievert. Das macht hochgerechnet 4,5 respektive 6,75 Millisievert pro Jahr. Die Regierung hat den Grenzwert jedoch kurz nach dem Unfall auf 20 Millisievert pro Jahr angehoben. Dieser Grenzwert gilt weltweit fu\u0308r AKW-Arbeiter. In Japan werden aber auch Kindern solche Dosen zugemutet.<\/p>\n<p>In manchen verseuchten Gemeinden tr\u00e4gt man Erde ab, um die Strahlung zu reduzieren. Das wird kaum funktionieren. In diversen D\u00f6rfern rund um Tschernobyl hatten das die Sowjets Ende der 80er-Jahre auch probiert, waren aber meist erfolglos, weil das ges\u00e4uberte<br \/>Gel\u00e4nde kurze Zeit sp\u00e4ter strahlte wie zuvor. Das h\u00e4ngt vor allem damit zusammen, dass die Radionuklide durch Regen und Schnee in den Boden geschwemmt werden \u2013 da bekommt man sie kaum mehr raus. Die Dekontaminierung von so grossen Gebieten ist eine fast unm\u00f6gliche Aufgabe. Auch weiss niemand, wohin mit den Unmengen verseuchter Erde. Man behilft sich zurzeit damit, auf den verseuchten Schulh\u00f6fen eine grosse Grube auszuheben, die man mit Plastikplanen abdichtet. Danach schu\u0308ttet man die kontaminierte Erde in die Grube, deckt sie wieder mit Plastik zu und wirft Erde darauf. Sp\u00e4ter wird der Schulhof neu mit Sand bestreut. Fortan bergen also all die betroffenen Schulh\u00f6fe kleine Atommu\u0308lllager. Das soll nur eine befristete L\u00f6sung sein, aber niemand weiss, wie lange sie dauert.<\/p>\n<p>Immer lauter wird die Kritik an den hilflos wirkenden Dekontaminierungsmassnahmen. Oft werden verseuchte H\u00e4user mit Hochdruckreinigern abgespru\u0308ht, womit die Radionuklide in die Kanalisation gespu\u0308lt werden. Die Dekontamination verkommt zur sinnlosen Verlagerung und Verteilung strahlender Partikel. Wirksame Dekontaminierungsmittel, die im grossen Stil angewendet werden k\u00f6nnten, gibt es keine \u2013 es bliebe nur die Evakuation, und die m\u00f6chten die Beh\u00f6rden vermeiden: weil das unendlich viel kostet und auch Grossst\u00e4dte wie Fukushima betr\u00e4fe.<\/p>\n<p><em>Susan Boos, Redaktorin WOZ, Die Wochenzeitung.<\/em><br \/><em>Autorin von \u00abBeherrschtes Entsetzen \u2014<\/em><br \/><em>Die Ukraine zehn Jahre nach Tschernobyl\u00bb<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neusten Nachrichten aus Fukushima sind alte \u2014 seit Wochen. Man k\u00f6nnte meinen, in den Unglu\u0308cksreaktoren von Fukushima Daiichi sei alles wieder unter Kontrolle. Doch das Einzige, was stabil ist,&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":23,"featured_media":14254,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"","p4_local_project":"","p4_basket_name":"","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"p4-page-type":[75],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-14252","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","p4-page-type-story"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/23"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14252"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14252\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14252"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=14252"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=14252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}