{"id":14624,"date":"2011-09-11T00:00:00","date_gmt":"2011-09-10T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/14624\/hochfliegende-plaene-absturz-der-nachhaltigkeit\/"},"modified":"2019-05-30T12:39:19","modified_gmt":"2019-05-30T10:39:19","slug":"hochfliegende-plaene-absturz-der-nachhaltigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/14624\/hochfliegende-plaene-absturz-der-nachhaltigkeit\/","title":{"rendered":"Hochfliegende Pl\u00e4ne, Absturz der Nachhaltigkeit"},"content":{"rendered":"<p><b>Knapp werdendes \u00d6l, steigende Kerosinpreise und drohende Emissionsabgaben setzen die Flugindustrie unter Druck.<br \/>\nDie einzige m\u00f6gliche Alternative zu luftverpestenden Treibstoffen k\u00f6nnten pflanzliche sein. Das versch\u00e4rft den Kampf um Ackerland im armen S\u00fcden der Welt. Trotzdem wollen Lufthansa und ihre Tochter Swiss mitmischen.<\/b><\/p>\n<div>\n<p><!-- START DYNAMIC CONTENT --><\/p>\n<div class=\"events-box middle-box left\">\n<div class=\"frame\">\n        <a class=\"open-img EnlargeImage\" href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/19e38843-19e38843-illu_patric_sandri.jpg\" title=\"\"><br \/>\n            <img decoding=\"async\" id=\"ctl00_cphContentArea_Property3_ctl00_ctl02_Image1\" class=\"Thumbnail\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/19e38843-19e38843-illu_patric_sandri.jpg\" alt=\"\" style=\"border-width:0px;\"><\/p>\n<p>        <\/a>\n    <\/div>\n<div class=\"events-content no-title\">\n        <span class=\"date\"><\/span><br \/>\n        <strong><\/strong><\/p>\n<p>\n            \u00a9 Patric Sandri\n        <\/p>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p> <!-- END DYNAMIC CONTENT --><\/p>\n<p><strong>Von Claudio de Boni<\/strong><\/p>\n<p>Es war ein grosser Tag f\u00fcr die PR-Leute der Flugindustrie: Am 20. Juni 2011 \u00fcberquerte erstmals ein Passagierflugzeug mit pflanzlichem Treibstoff den Atlantik. Der Zeitpunkt war nicht zuf\u00e4llig: Die Boeing 747-8 flog p\u00fcnktlich zum Beginn der Paris Air Show, des gr\u00f6ssten Treffens der Branche, vom Boeing-Gr\u00fcndungsort Seattle nach Frankreich. Auf die vier Triebwerke hatte man gr\u00fcne, gut sichtbare Logos mit dem Aufdruck \u00abNachhaltiges Biokerosin\u00bb gepappt. Boeing dokumentierte das Grossereignis auf Film. Darin schw\u00e4rmt der Sprecher: \u00abDas ist ein sehr grosser Meilenstein f\u00fcr den Umweltschutz.\u00bb In den Tagen darauf k\u00fcndigten sieben Airlines an, k\u00fcnftig den Agrosprit in ihren Maschinen einsetzen zu wollen \u2013 eine davon ist Lufthansa, Mutterkonzern von Swiss.<\/p>\n<p>Lufthansa spricht schon lange \u00fcber Nachhaltigkeit in der Fliegerei, insbesondere im Zusammenhang mit Kerosin aus Pflanzen. Urspr\u00fcnglich wollte die deutsche Airline schon ab Ende 2010 erste kommerzielle Testfl\u00fcge starten, musste jedoch den Start des Projekts, das vom deutschen Staat mit 2,5 Millionen Euro subventioniert wird, aus diversen Gr\u00fcnden verschieben. Auch die in der \u00d6ffentlichkeit zunehmende Skepsis gegen\u00fcber Agrokerosin bringt die Fluglinie in Verlegenheit: Lufthansa bezieht ihren Treibstoff vom finnischen Konzern Neste Oil. Dessen Palm\u00f6l-Zulieferer IOI hat mit Landenteignungen in Malaysia, der Bestechung lokaler Beh\u00f6rden, illegalem Holzeinschlag, Brandrodungen und der Vernichtung von Orang-Utan-Gebieten Negativ-Schlagzeilen gemacht.<\/p>\n<p>Neste Oil bezeichnet sein Biokerosin ohne Beweise trotzdem weiterhin als \u00abnachhaltig\u00bb und baut sein Agrobenzin-Imperium aggressiv weiter aus: Der Konzern betreibt in Singapur und in Rotterdam mittlerweile die zwei weltgr\u00f6ssten Agrotreibstoff-Raffinerien, wo j\u00e4hrlich eine Million Tonnen Palm\u00f6l raffiniert werden k\u00f6nnen. Damit hievt sich Neste Oil auf dieselbe Stufe wie Unilever und Nestl\u00e9, mit dem Unterschied, dass Neste Oil Palm\u00f6l f\u00fcr die Verbrennung und nicht f\u00fcr Nahrungsmittel produziert. Daf\u00fcr wurde der finnische Konzern Anfang 2011 von Greenpeace und der Erkl\u00e4rung von Bern mit dem Public Eye People\u2019s Award f\u00fcr besonders verantwortungsloses Wirtschaften ausgezeichnet. Neste Oil erhielt in der Online-Abstimmung 17\u2009385 Stimmen, 4000 mehr als der f\u00fcr das \u00d6l-Desaster im Golf von Mexiko verantwortliche Energieriese BP. Zuvor hatte Greenpeace Nordic Finnair dazu bewogen, sich aus einem gemeinsam geplanten Pilotprojekt mit Neste Oil zur\u00fcckzuziehen; Finnair startete aber dennoch Mitte Juli Bio-Kerosin-Fl\u00fcge auf der Strecke Helsinki\u2013Amsterdam. Statt Palm\u00f6l sollen nun unter anderem aus Speise\u00f6l recyclierte Pflanzenfette eingesetzt werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Neste Oil vom Public-Eye-Schm\u00e4hpreis wenig beeindruckt gab, versuchte Lufthansa, das Palm\u00f6l im Agrosprit durch Jatropha-\u00d6l zu ersetzen. Joachim Buse, Projektleiter des Agrokerosin-Projekts \u00abBurn Fair\u00bb, liess sich im Lufthansa-Nachhaltigkeitsbericht vom April 2011 folgendermassen zitieren: \u00abF\u00fcr den von Lufthansa verwendeten Biokraftstoff wird kein Regenwald gerodet. Und es entsteht auch keine Konkurrenz zur Futter- und Nahrungsmittelproduktion.\u00bb Wie kann das garantiert werden? Lufthansa-Mediensprecherin Stefanie Stotz erkl\u00e4rt: \u00abWir haben 800 Tonnen Biokraftstoff von Neste Oil in Hamburg gelagert, da sind auch gewisse Mengen an Palm\u00f6l drin, das liess sich nicht mehr vermeiden. Doch wir werden gen\u00fcgend nachhaltiges Jatropha-\u00d6l und Camelina-\u00d6l einkaufen, um das Palm\u00f6l quasi zu kompensieren. Wir haben dabei die Lieferanten pers\u00f6nlich besucht und deren Prozesse in Augenschein genommen.\u00bb Konkrete Nachhaltigkeitskriterien kann Stotz auf Anfrage nicht nennen, erst zwei Tage sp\u00e4ter liefert sie auf mehrmaliges Nachfragen doch noch die Lufthansa-Richtlinien nach. Neste Oil garantiere daf\u00fcr, dass selbst das Palm\u00f6l, das die Lufthansa wegen Nachhaltigkeitsbedenken eigentlich nicht einsetzen wolle, nachhaltig sei.<\/p>\n<p>Mit dem Start des \u00abBurn Fair\u00bb-Projekts Mitte Juli verkehrt nun also zwischen Hamburg und Frankfurt ein Lufthansa-Jet mit Agrosprit im Tank. Sechs Monate lang, 460 Kilometer, bis zu vier Mal am Tag hin und her. Anfang 2012 will man eine erste Bilanz ziehen und das weitere Vorgehen planen. \u00abWir arbeiten dabei mit dem Roundtable on Sustainable Biofuels zusammen, da sind diverse Umweltorganisationen wie zum Beispiel der WWF involviert\u00bb, betont Mediensprecherin Stotz abschliessend.<\/p>\n<h4>Die Richtlinien umfassen 1000 A4-Seiten<\/h4>\n<p>Alwin Kopse, Exekutivsekret\u00e4r beim Roundtable on Responsable Biofuels (RSB), ist ein jovialer Mann. Er reagiert auf die Frage, was denn nachhaltiges Agrokerosin sei, mit einem beherzten Lachen und sagt: \u00abEs gibt momentan wahnsinnig viele Bekenntnisse zu Nachhaltigkeit in diesem Bereich, aber praktisch keine operative Zertifizierungsmethode, die eine zuverl\u00e4ssige R\u00fcckverfolgbarkeit zum Anbauer erlauben w\u00fcrde.\u00bb Eines der wenigen bestehenden Systeme sei allerdings, salopp gesagt, nicht viel mehr als eine Selbstkontrolle der Produzenten. \u00abLetztens habe ich von einem Fall geh\u00f6rt, bei dem die Zertifizierung einer Anbaufl\u00e4che in nur 30 Minuten abgehandelt wurde \u2013 Kaffee trinken inklusive\u00bb, so Kopse. Der RSB habe nun ausgekl\u00fcgelte Richtlinien f\u00fcr die Agrosprit-Produktion erarbeitet, die eine unabh\u00e4ngige R\u00fcckverfolgung bis zum Anbau erlauben w\u00fcrden. Erst dadurch w\u00fcrden Nachhaltigkeitsbekenntnisse wirklich glaubw\u00fcrdig. Die Richtlinien umfassen 1000 A4-Seiten, entstanden sind sie in dreieinhalb Jahren z\u00e4her Verhandlungen zwischen Konzernen wie Shell, BP und Neste Oil sowie NGOs wie WWF, IUCN und Conservation International. Kopse dazu: \u00abDas waren schwierige Kompromissfindungen. Ich bin aber \u00fcberzeugt, dass unsere Richtlinien eine fairere Produktion von Agrotreibstoffen verlangen, als dies bisherige Regelwerke tun.\u00bb RSB-Agrotreibstoff gibt es bis jetzt nirgends zu kaufen. Kopse hofft, im laufenden Jahr erste Zertifizierungen durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen: \u00abGepr\u00fcfte Produzenten k\u00f6nnen dann ihren Treibstoff mit der RSB-Marke versehen.\u00bb Das Label \u00abNachhaltiger Treibstoff\u00bb will man bewusst nicht verleihen, denn Nachhaltigkeit sei keine fixe Endgr\u00f6sse, sondern ein stetiger Prozess der Verbesserung.<\/p>\n<h4>Weltbank will Subventionen stoppen<\/h4>\n<p>Genau da setzt die Kritik diverser NGOs ein. Sie sehen das Problem vor allem in der wachsenden Konkurrenz um Land. Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass Investoren in den letzten f\u00fcnf Jahren 80 Millionen Hektar Ackerland in Afrika, Asien und Lateinamerika zusammengekauft haben. Das ist mehr als die Ackerfl\u00e4che der Schweiz und aller Nachbarl\u00e4nder zusammen. Schwenkt die Flugindustrie auch noch auf pflanzliche Treibstoffe um, versch\u00e4rft dies die Verdr\u00e4ngungseffekte in der Lebensmittelproduktion massiv und f\u00f6rdert somit indirekt die Waldrodung. Tina Goethe, Fachfrau bei Swissaid und Koordinatorin der Plattform Agrotreibstoffe, zeichnet ein d\u00fcsteres Szenario: \u00abBisher gibt es keine M\u00f6glichkeit, indirekte Auswirkungen der Agrotreibstoff-Produktion zu ber\u00fccksichtigen. Das gilt zum Beispiel f\u00fcr die steigenden Lebensmittelpreise, aber auch f\u00fcr die Rodung tropischer W\u00e4lder und Savannen.\u00bb Von Jatropha als neuer Wunderpflanze h\u00e4lt Goethe ebenfalls nicht viel: \u00abDass die Nuss auf marginalen B\u00f6den w\u00e4chst, ist ein Mythos.\u00bb Tats\u00e4chlich kommen mehrere Studien zum Schluss, dass grosse Ertr\u00e4ge in kargem Gel\u00e4nde nur durch massive D\u00fcngung und Bew\u00e4sserung erzielt werden k\u00f6nnen. Eine aktuelle Studie der britischen NGO Actionaid stellt fest, dass Jatropha-Agrosprit unter typischen Bedingungen produziert einen zweieinhalb- bis sechsmal so hohen CO2-Ausstoss verursacht wie herk\u00f6mmliches Flugbenzin.<\/p>\n<p>Lange waren NGOs einsame Rufer in der W\u00fcste, wenn es um die negativen Auswirkungen der Agrosprit-Produktion ging. Seit Neuem verlangen aber auch die Weltbank, der Internationale W\u00e4hrungsfonds, die Ern\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Welthandelsorganisation (WTO) einen Stopp der politischen F\u00f6rdermassnahmen und Subventionen f\u00fcr Agro-treibstoffe, wie sie beispielsweise die Europ\u00e4ische Union betreibt. In der Schweiz ist derzeit im Parlament eine von 60\u2009000 Personen unterzeichnete Petition h\u00e4ngig, die unter anderem st\u00e4rkere \u00f6kologische und soziale Kriterien f\u00fcr die Zulassung von Agrotreibstoffen verlangt. Denn auch in der Schweiz sind Agrotreibstoffe durch Steuerbefreiungen subventioniert. Allerdings sind dabei die \u00f6kologischen Kriterien schon jetzt st\u00e4rker als in der EU, weshalb auch fast kein Agrotreibstoff importiert wird. Swiss, immer noch in der Schweiz domiziliert, gibt sich denn auch weniger vorlaut als ihr deutscher Mutterkonzern. Gieri Hinnen, Manager Environmental Affairs bei Swiss, dr\u00fcckt sich so aus: \u00abWir sind bez\u00fcglich Biotreibstoffen noch in der Evaluationsphase, sehen darin aber grosses Potenzial. Es ist aber eine Tatsache, dass die Nutzung von Biotreibstoff alleine kein Allheilmittel ist. In der Industrie werden zus\u00e4tzliche Ver\u00e4nderungen \u2013 wie zum Beispiel Flugzeuge mit tieferem Kerosinverbrauch \u2013 notwendig sein.\u00bb Das einzige langfristige Heilmittel aber, so sieht es momentan aus, ist die Besteuerung und Verteuerung des Flugverkehrs. Denn erst wenn die Flugindustrie nach Jahren der Zunahme einen R\u00fcckgang beim totalen CO2-Ausstoss ausweisen kann, w\u00e4re das ein grosser Tag, ja vielleicht ein grosser Meilenstein, f\u00fcr den Umweltschutz. Wirklich nachhaltig fliegen wird man vermutlich auch dann noch nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Erst wenn die Flugindustrie einen R\u00fcckgang beim totalen CO2-Ausstoss nachweisen kann, w\u00e4re das ein grosser Tag f\u00fcr den Umweltschutz.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Aus: Greenpeace Member 03\/2011<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knapp werdendes \u00d6l, steigende Kerosinpreise und drohende Emissionsabgaben setzen die Flugindustrie unter Druck. Die einzige m\u00f6gliche Alternative zu luftverpestenden Treibstoffen k\u00f6nnten pflanzliche sein. 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